- Zeitvertreib -
Eine Woche war seit Chris'
seltsamen Traum vergangen und obwohl Leo seinen Sohn in dieser Zeit
mehrmals gesehen hatte, war es immer noch nicht zu einem Gespräch
zwischen den Beiden gekommen. Er hatte ständig versucht Chris
anzusprechen, doch jedes mal war sein Sohn abweisend gewesen, ständig
kurz angebunden.
Chris hatte sich vollkommen in seine Arbeit
zurückgezogen, vernichtete täglich Dämonen, entweder
alleine oder mit den Schwestern gemeinsam.
Er war im Laufe der
Woche mehrmals überraschend aufgetaucht, hatte Leo und die
Schwestern eingesammelt und war anschließend mit ihnen in die
Unterwelt oder in irgendeine dunkle Gasse gebeamt.
Jedes mal hatte
er im Alleingang alles im Buch der Schatten über dem jeweiligen
Dämon nachgeschlagen und gegebenenfalls ein Elixier gebraut oder
einen Spruch für die Schwestern geschrieben. Und auch, wenn die
Schwestern im Grunde jetzt weniger zu tun hatten als zuvor, waren sie
keinesfalls begeistert immer wieder in wenigen Minuten auf der Matte
stehen zu müssen um irgendwelchen Dämonen hinterher zu
rennen.
Doch keine der Drei und auch Leo nicht hatten sich darüber
beschwert, denn sie alle wagten es nicht den jungen Wächter des
Lichts zu kritisieren. Sie wussten ganz genau, dass wenn sie sich
weigerten mit Chris Dämonen zu vernichten, er sich keinesfalls
von seinem Vorhaben abbringen lassen und stattdessen alles allein
machen würde.
Und das war das Letzte was sie wollten. Denn
sie stimmten alle überein, dass Chris dazu wahrscheinlich gar
nicht mehr in der Lage war.
Jedes mal wenn Chris bei ihnen
aufgetaucht war um sie zu irgendeinen Dämon zu schleppen sah er
schlimmer aus. Seine Haut war fahl geworden und seine stets gehetzten
Augen lagen in tiefen, müden Höhlen. Er wirkte schlapp und
ausgezerrt, kränklich und latent unterernährt.
Doch was
Leo am meisten besorgte, war seine an Besessenheit grenzende
Entschlossenheit. Er ließ kein Wort der Kritik zu, spornte sie
unermüdlich an schneller zu werden, konzentrierte zu sein. Er
war sehr ernst geworden, noch ernster als je zuvor, was Leo für
beinahe unmöglich gehalten hatte.
Es war offensichtlich, dass
etwas nicht stimmte.
Leo hatte immer wieder versucht mit seinem
Sohn zu reden. Zwar hatte dieser seit ihrem kurzen Gespräch im
P3 darauf verzichtet sich einfach so wegzubeamen, aber dennoch waren
alle Versuche von Leo ihn auf sein besorgniserregendes Verhalten
anzusprechen gescheitert.
Jedes Mal hatte er ihn einfach das Wort
abgeschnitten, war schweigend aus dem Zimmer gegangen oder hatte
darauf bestanden, dass er einfach keine Zeit habe sich jetzt mit
seinem Vater über so etwas zu unterhalten.
Nachdem sowohl Leo
als auch die Schwestern Chris mehrmals gerufen hatten um ihn mit
ihren Sorgen zu konfrontieren, hatte dieser schließlich
entschieden auf gar keine Rufe mehr zu reagieren.
Auf diese Weise
hatten sie ihn nur noch bei ihren ständigen, aber kurzen
Dämonenjagten zu Gesicht bekommen.
Das alles hatte
schließlich dazugeführt, dass es sowohl Piper als auch Leo
zunehmend schlechter ging. Piper machte sich große Vorwürfe,
weil ihr Sohn sich scheinbar nicht getraute sich seiner eigenen
Mutter anzuvertrauen und Leo war wiederum wütend auf sich
selbst, weil er in der Zukunft wohl ein so schlechter Vater gewesen
sein musste, dass Chris ihm nicht einmal jetzt verzeihen konnte und
das obwohl er ja eigentlich noch gar nichts getan hatte.
Piper war
immer wieder bei ihren nächtlichen Gesprächen in Tränen
ausgebrochen und auch Leo war es kaum anders ergangen.
In seiner
Hilflosigkeit hatte er sich Nachts einige Male sogar ins P3
geschlichen um nach seinem schlafenden Sohn zu sehen. Doch Chris war
jedes mal nicht da gewesen.
Und immer wenn er versuchte ihn
mittels seiner Kräfte zu orten, war er nicht aufzufinden. Allein
das war schon mehr als besorgniserregend.
Schließlich war es
Leo zu viel geworden und er hatte sich dazu entschlossen sich auf dem
Dachboden des Halliwell Hauses beim Buch der Schatten auf die Lauer
zu legen um seinen Sohn abzupassen, wenn er wieder einmal auftauchen
würde um etwas über irgendeinen neuen Dämon
herauszufinden.
Das hatte zu einem sehr hässlichen Streit
zwischen ihm und Chris geführt, in dem Chris ihm schließlich
überdeutlich klar gemacht hatte, dass es ihn nichts anging und
er, Chris, die Dinge schon regeln würde, so wie er es verdammt
noch mal immer hatte machen müssen, allein und OHNE seinen
Vater.
Das hatte Leo sehr verletzt, natürlich wollte er
seinen Sohn vertrauen und es war auch nicht so, dass er ihm nicht
zutraute alleine klar zu kommen, doch Leo hatte es niemals anders von
seiner Familie gekannt als im Team zu arbeiten, er konnte nicht
verstehen wieso Chris auf ihre Hilfe verzichtete und war schließlich
zu dem Schluss gekommen, dass es genau andersherum sein musste und
CHRIS der jenige war, der IHM zu wenig Vertrauen entgegen
brachte.
Alles im allem war die Lage mehr als schlecht und Leo
hatte immer wieder den schrecklichen Gedanken gehabt, dass wenn Chris
etwas auf seinen ständigen Streifzügen passieren würde,
sie es wahrscheinlich erst einmal überhaupt nicht mitbekommen
würden und wenn, dann erst viel zu spät.
So blieb Leo
und den Schwestern nichts anderes übrig als gehorsam bei allem
mitzumachen, was ihnen Chris auftrug um ihn so wenigstens
einigermaßen im Auge behalten zu können.
So kam es,
dass sie auch jetzt, mitten in der Nacht, vor einem hässlichen
Dämon standen, den sie in die Enge getrieben hatten.
"Komm
schon, gib auf. Du hast eh keine Chance und ich will verdammt noch
mal wieder in mein Bett.", schrie Paige dem flüchtenden Dämon
entgegen. "Also bitte tu' uns allen den Gefallen und stirb bitte
schnell, ja?"
Der Dämon antwortete indem er zwei
Energiebälle auf die Schwestern und Leo abfeuerte.
"Piper!",
rief Phoebe überflüssigerweise, denn diese hatte sofort
reagiert und sie samt Dämon erstarren lassen.
"So, na
also.", sagte Paige und warf eine kleine Phiole gegen den
eingefrorenen Dämon.
"Mann, der Kerl stinkt vielleicht.",
sagte sie während seine Gestalt von Flammen umschlossen wurden.
"Was hast du in das Elixier getan? Hättest dir gar nicht so
'ne Mühe machen müssen, Chris. Simple Seife hätt's
sicher auch getan."
Chris stand abseits der Gruppe. Er hatte
ihnen, wie fast die gesamte letzte Woche über, das Zaubern
überlassen, lehnte an einer zerschlagenen Laterne und machte ein
Gesicht als ob er hier ganz zufällig vorbei gekommen wäre
und ihn das alles gar nichts anging.
Leo wunderte es also nicht,
dass er auf Paiges, sowieso rhetorische, Frage nicht
antwortete.
"Können wir dann jetzt mal bitte gehen?",
fragte Piper. "Ich muss morgen früh aufstehen und will mich
nicht schon wieder total übermüdet an die Buchhaltung für
den Club setzten."
Vier Köpfe wandten sich zu Chris um.
Dieser nickte kaum merklich, was wohl soviel hieß, dass sie für
heute Nacht entlassen waren.
"Gut.", meinte Phoebe
erleichtert, ergriff Paiges Arm und die beiden verschwanden wortlos
in einer Wolke aus Licht.
Auch Leo ging auf seine Frau zu.
"Kommst
du noch mit?", fragte er an seinen Sohn gewandt.
"Nein, ich
denke ich werd jetzt,- VORSICHT".
Leo duckte sich und zog Piper
zu Boden. Er sah gerade noch wie dicht hinter seinem Rücken ein
Dämon durch eine Handbewegung von Chris gegen eine Wand
geschleudert wurde.
Doch noch ehe dieser auf den Boden
aufgeschlagen war hatte Piper eine weitere Phiole nach ihm
geworfen.
Leo beobachtete wie sich der Dämon, der seinem
Vorgänger aufs Haar genau glich, sich mit einem Zucken und
Schreien im Nichts auflöste.
"Puh das war knapp. Gut gema
-", Leo drehte sich zu seinem Sohn um, doch dort wo er sein Gesicht
erwartet hatte, war nichts. Er senkte den Blick und fand Chris auf
den Boden zusammengesunken auf den Knien sitzend.
"Chris!"
Piper ließ sich sofort zu ihm nieder.
"Was hast du denn?
Was ist denn los?", fragte Leo. Er sah sich seinen Sohn an. Er
schien jedoch vollkommen unverletzt, kein Blut oder eine sonstige
Verwundung durch den Dämon waren zu erkennen.
"Mir geht's
gut.", sagte Chris leise. Er hatte die Augen geschlossen, saß
aber aufrecht.
Leo kniete sich ihm gegenüber.
Sicherheitshalber hob er die Hände, die sofort in einem
gleißenden Licht erstrahlten.
"Ich bin nicht verletzt."
Chris hatte die Augen wieder geöffnet und schob wütend die
Hände seinen Vaters beiseite.
Für einen Moment war Leo
sprachlos, dann fragte er:
"Was ist es dann?"
"Nichts!",
antwortete er lakonisch.
"Aber,-" Chris unterbrach ihn.
"Ich
hab gesagt: MIR GEHT ES GUT!", schrie er seinen Vater an.
Piper
starrte ihren Sohn fassungslos mit offenen Mund an.
"Verdammt
noch mal, Chris.", schimpfte sie. "Was ist bloß los mit
dir? Warum lässt du dir denn nicht von Leo helfen, wenn es dir
nicht gut geht?"
Chris funkelte sie an. Leo hatte ihn noch nie
so wütend erlebt.
"NA WEIL ER ES NICHT KANN!", seine
Stimme überschlug sich. "WEIL NIEMAND MIR HELFEN KANN." Er
stand auf, vorsichtig aber entschlossen.
"Versteht ihr nicht?",
fuhr er jetzt etwas leiser, aber nicht minder wütend fort. "Ich
will eure Hilfe nicht. Ich will sie nicht und ich brauch' sie nicht.
Das ist MEINE Aufgabe, meine allein!"
Entsetzt sah Leo ihn an.
Das konnte doch einfach nicht sein Ernst sein.
"Chris..."
setzte er zögernd an, streckte die Hand nach seinem Sohn aus,
der ihm jedoch auswich.
Traurig sah er Chris in die Augen und war
überrascht in ihnen die selbe Trauer vor zufinden.
"Ich...
ich hab einfach keine Zeit für so was.", sagte er
bestimmt.
Und auch wenn Leo gewusst hätte was er in diesem
Moment hätte sagen sollen, so hätte er dafür keine
Gelegenheit mehr gehabt, denn sofort wurde Chris von blau weißen
Licht umschlossen und war verschwunden.
Schon wieder.
