- Traumlos -

NICHT GUT. Keine gute Idee. Das war verdammt noch mal überhaupt keine gute Idee gewesen, dachte Chris.
Er war kraftlos hoch oben auf der Golden Gate Brücke zusammengesunken. Er griff sich an den Hals um verzweifelt den unsichtbaren Schraubstock, der sich immer fester um seine Kehle zog, zu lösen.
Er schnappte nach Luft, Tränen traten ihm in die Augen.
Jetzt stirbst du, schoss es ihm mit einem Mal durch den Kopf. Du wirst ersticken, hier, jetzt und ganz allein.
Er merkte wie all sein Blut in seinen Kopf schoss, er röchelte.
Du wirst sterben und alles wird umsonst gewesen sein. Er betete, dass endlich die erlösende Ohnmacht einsetzten und der Schmerz aufhören würde.
Doch dann spürte er wie sich der Druck von seinem Hals löste und er wieder frei atmen konnte.
Er schnappte hustend nach Luft, zog die Knie an und rollte sich auf die Seite.
Er fühlte wie sich seine Lungen mit Sauerstoff füllten und somit das Leben in seinen Körper zurückkehrte.
Einige Minuten lag er einfach nur da, dachte an nichts und konzentrierte sich voll und ganz auf das Luftholen.
Er fühlte sich so unendlich müde und so unendlich alt. Er hatte jegliches Zeitgefühl verloren und als er die Augen schloss kreisten seine Gedanken wie immer um die Zukunft.
Alles war in Chaos versunken, er wusste nicht mehr was er wirklich erlebt und was er nur in seinen Visionen gesehen hatte.
Beinahe jede Nacht in der vergangen Woche war er verwirrt und orientierungslos aufgewacht. Er hatte gesehen wie sein Bruder Phoebe erstochen hatte, er hatte gesehen wie Wyatt in tobender Wut eine ganze Straße in Schutt und Asche gelegt, wie er Menschen aus purer Langeweile gefoltert und getötet hatte.
Chris hatte furchtbare Angst vor diesen Träumen, aber andererseits wollte er auch sehen, was in der Zukunft passieren würde, damit er möglichst viele Informationen hatte.
Er konnte sich nach wie vor nicht erklären, was passiert war, was Chris angerichtet hatte um eine noch so viel schrecklichere Zukunft zu verursachen.
Er drehte sich auf den Rücken und starrte in den klaren Sternenhimmel über ihn. Mit einem Mal kam er sich klein und hilflos vor.
Was auch kommt, manche Dinge werden sich nie ändern, dachte Chris und blickte dabei in die Sterne.
Er seufzte.
Hier oben war es kalt und windig, doch Chris überlegte ob er nicht einfach hier oben bleiben und hier schlafen sollte.
Er hatte Angst sich runter zu beamen und einen erneuten Erstickungsanfall zu erliegen.
Er fragte sich was bloß mit ihm los war. In den letzten Tagen war jedes Beamen schmerzhaft gewesen und auch wenn er seine Telekinese einsetzte verließen ihn kurz darauf die Kräfte.
Vielleicht war es reine Kopfsache, überlegte er und dachte dabei an seine Träume. Vielleicht war das einfach alles zu viel gewesen.
Wie auch immer, es war definitiv kein guter Zeitpunkt an dem ihm die Magie im Stich ließ. Gerade jetzt brauchte er jedes Bisschen Kraft für die Dämonen jagt und konnte es sich nicht leisten schlapp zu machen.
So kam es, dass er sich mühsam aufrichtete. Das war nicht einfach. Alles drehte sich.
Er schloss die Augen und breitete die Arme aus um so sein Gleichgewicht wieder zu finden.
Als er sie wieder öffnete erstarrte er.
Die Stadt lag in Trümmern! Von einigen hohen Wolkenkratzern wehten graue und weiße Rauchfahnen in den Himmel, andere waren bereits eingestürzt und ihre Ruinen klafften wie offene Wunden im Herzen der Stadt, Cable Cars lagen umgestürzt auf den Straßen und die Transamerica Pyramide war komplett zerstört.
Chris drehte sich entsetzt um.
In der Golden Gate Bucht schwammen brennende Schiffe, die wie Fackeln das dunkle Wasser des Pazifiks erleuchteten und im Hafen stürzten sich flammende Silhouetten in wilder Panik ins rettende Meer.
Unter ihm waren zahllose Autowracks in einander verkeilt, Menschen liefen schreiend durcheinander und die Pfeiler ächzten unter ihren Füßen.
Mit aufgerissenen Augen drehte sich Chris um sich selbst.
Er musste ihnen helfen, irgendetwas tun. Das konnte doch alles nicht wahr sein.
Moment. Das konnte WIRKLICH nicht wahr sein.
Er blieb stehen und versuchte sein aufgebrachtes, wie wild schlagendes Herz zur Ruhe zu bringen.
Er verbarg sein Gesicht in seinen Händen und hielt die Luft an... diesmal freiwillig.
Nach einigen Sekunden blickte er zögernd auf und sah sich um.
Alles war wieder normal. Die Stadt lag wie eh und je vor ihm und die Lichter der Skyline schimmerten majestätisch in den dunklen Nachthimmel. Er konnte die Autos wieder unter sich dahin donnern hören. Kein Feuer, kein Rauch, kein Weltuntergangsszenario.
Erleichtert fiel Chris auf die Knie, kauerte sich zusammen und ließ seinen aufgebrachten Gefühlen freien Lauf.

Leo lag in seinem Bett und starrte an die Decke. Es war schon sehr spät und doch hatte er noch keinen Schlaf gefunden. Er konnte Piper neben sich gleichmäßig und entspannt atmen hören.
Auch sie hatte, trotz ihrer Müdigkeit einige Zeit gebraucht um einzuschlafen. Beide hatten noch lange schweigend nebeneinander gelegen, doch weder sie noch er hatten ein Wort über das Geschehene verloren, beide hatten sie einfach nicht die Kraft dafür aufbringen können.
Fünf Mal hatte Leo inzwischen die Holzbretter über ihm an der Decke gezählt und jedes mal war er dabei auf eine andere Zahl gekommen.
Was war nur los mit Chris? Irgendetwas quälte ihn. Doch je mehr Leo sich den Kopf darüber zerbrach desto weniger verstand er das alles.
Er hatte eigentlich angenommen, dass sein Sohn etwas entspannter werden würde, nachdem sie erstmalig einen Beweis gefunden hatten, dass es möglich war die Zukunft zu verändern. Doch das Gegenteil war der Fall gewesen.
Leo seufzte und fing mit dem Zählen wieder von Vorne an.
Aber auch schon davor war Chris seltsam gewesen. Erst hatte er lange nicht auf ihre Rufe reagiert und war komisch geworden, nachdem Paige gemeint hatte, dass er zu spät gekommen sei.
Zehn! Scheinbar passte nicht mehr Bretter in eine Reihe.
Dann war da noch seine ständige Müdigkeit. Und Leo hatte auch nicht übersehen, dass Chris es tunlichst vermied zu beamen.
Jetzt musste er nur noch die Reihen zählen.
Und die Tatsache, dass Chris heute zusammengebrochen war nachdem er seine Telekinese eingesetzt hatte, bereitete Leo ebenfalls Sorgen.
Fünf. Sechs. Sieben.
War er vielleicht krank? War das der Grund für alles?
Acht. Neun. Zehn. Elf.
Aber wieso, wieso verdammt noch mal, ließ er sich dann nicht von ihm heilen? Was war der Grund dafür, dass er dachte, dass Leo das nicht konnte?
Zwölf. Dreizehn... ach, Mist... Welche war denn jetzt noch mal die Reihe dreizehn gewesen?
Seufzend kämpfte Leo sich unter seinen Decken hervor. Heute Nacht würde er keinen Schlaf mehr finden.
Er schlüpfte in seine Kleidung mit der wagen Idee nach unten in die Küche zu gehen um sich etwas zu Essen zu suchen, als ihn eine plötzliche Unruhe überfiel.
Irgendetwas war geschehen. Irgendjemand hatte Angst... Sein Sohn!
Gewohnheitsgemäß dachte er zuerst dabei an Wyatt, aber dann wurde ihm klar, dass es ja Chris war mit dem etwas nicht stimmte.
Er schloss die Augen.
Chris rief ihn nicht, das wäre deutlicher gewesen. Aber irgendwie spürte er, dass es seinem Sohn nicht gut ging, da war ein Gefühl in seinem Bauch, das er weniger seinen magischen Kräften denn seinen Vaterinstinkten zu schrieb.
Mit einem Mal wusste Leo wo er ihn finden würde... natürlich an dem selben Ort an dem auch Leo immer hin ging, wenn er nachdenken musste.

Es war kalt hier oben. Der Wind peitschte ihm durch sein Haar und wehte sogar einige verirrte Gischtspritzer in seine zu Schlitzen verengten Augen.
Leo konnte kaum etwas erkennen, denn das wenige Licht, dass bis hier oben her schien war gerade ausreichend genug um drei Meter weit sehen zu können.
"Chris?", rief Leo, aber seine Stimme wurde vom lauten Heulen des Windes verschluckt, sodass er sich kaum selber hören konnte.
Er sah sich um. Sein Sohn musste hier irgendwo sein, er war sich doch so sicher gewesen.
Plötzlich gewahrte Leo einen zusammengesunkenen Schatten unweit der Brüstung auf den Boden sitzend.
Mit wenigen Schritten war Leo bei ihm und erkannte seinen Sohn, zusammen gekauert und in die Ferne starrend. Er hatte die Arme um die Knie geschlungen und wippte wie in Trance kaum merklich vor und zurück.
"Chris?", fragte er behutsam.
Sein Sohn zuckte erschrocken zusammen, sprang auf und wich vor ihm zurück.
Er schien ihn nicht zu erkennen.
"Chris, ich bin's... dein Vater." Leo machte vorsichtig einen Schritt auf ihn zu.
"Nein!", flüsterte Chris. "Das kannst nicht du sein!" Er stolperte ungeschickt zurück. Leo streckte die Hand nach ihm aus, wollte ihn beruhigen.
"Doch natürlich bin ich's." Ganz langsam näherte Leo sich ihm.
"Nein, nein, Wyatt schickt dich..." Auch Chris hob die Hände, allerdings um Leo von sich fern zu halten.
"Was? Nein... Chris so ein Unsinn... Ich ins Leo, dein Vater. Erkennst du mich denn nicht?"
Chris blickte ihn mit schreckensgeweiteten Augen an.
"NEIN!", er schüttelte den Kopf. "DAS BIST NICH DU!"
Hastig stolperte sein Sohn noch einen weiteren Schritt zurück und noch ehe Leo reagieren konnte, trat sein Fuß ins Bodenlose... und er fiel.