- Falltraum -
Die Welt hatte den Atem
angehalten. Nur für ihn. Da war nichts weiter als das tiefe,
stumme Rauschen des Windes... wie das Meer in seinen Kindertagen, wie
die Muscheln, die er aus dem Sand geklaubt und mit geschlossenen
Augen an sein Ohr gelegt hatte.
Sein Körper war so leicht.
Schwerelos trieb er dahin... über Zeit und Raum. Es gab kein
Unten und kein Oben mehr.
Es war gut so wie es war. Wie eine
warme, sanfte Decke umschloss ihn die Müdigkeit. Er fiel und
fiel, wurde dahin getragen. Und endlich, jetzt im Moment seines Todes
akzeptierte er zum ersten Mal, dass er die Dinge nicht leiten konnte.
Er gab sich dieser alles entscheidenden Kraft hin, ließ sich
treiben, ließ sich fallen.
Und er spürte, dass er los
ließ und endlich etwas aufgab, das er sowieso nie hätte
ändern können.
Der Moment zog sich Jahrhunderte lang
hin... eine Sekunde so lang wie sein ganzes Leben.
Er sah eine
lachende Frau, seine Mutter, die mit weit aufgerissenen Armen auf ihn
zu rannte und ihn umschlang... er sah einen kleinen Jungen, seinen
Bruder, der ihm sein Eis schenkte, weil er seines fallen gelassen
hatte... er sah eine junge Frau, seine Tante, die aus einem Buch
vorlas... er sah einen Mann, seinen Vater, der ihn an der Hand hielt
und mit leuchtenden Augen über das ganze Gesicht strahlte.
Und
mit einem Mal wollte er sie alle festhalten, wollte er nicht mehr
gehen, wollte er bei ihnen bleiben um sie für immer fest in
seinen Herzen zu verschließen... nur um zu wissen, dass es
einmal ein Leben gegeben hatte, das so schön gewesen war.
Nein,
er durfte noch nicht gehen, er war noch nicht soweit... denn jetzt
und ebenso für alle Zeiten würde es immer Dinge geben, für
die es wert war weiter zu leben, für die es wert war gegen diese
beherrschende Kraft anzukämpfen.
Er bäumte sich auf,
versuchte sich aus diesem alles verschlingenden Strudel zu befreien.
Doch er fiel weiter in die Tiefe... weiter und
weiter...
Plötzlich wurde er von blauen Funken umringt und er
spürte wie sich zwei Arme fest um ihn schlossen.
Mit einem
Mal lief die Zeit weiter, erstarb das Rauschen in seinen Ohren und
zurück blieb nur eine leere Dunkelheit, die ihm die Sinne
nahm.
Leo hielt seinen Sohn fest umklammert. Auch jetzt, hier,
in Sicherheit auf den Fußboden des Halliwell Hauses, wagte er
es nicht ihn los zulassen.
Er hatte gewusst, dass Chris entweder
nicht die Kraft aufbringen konnte um sich wegzubeamen oder es nicht
wollte.
Leo hatte für einen Moment gedacht ihn nicht
rechtzeitig erreichen zu können. Vor seinem inneren Auge hatte
er seinen Sohn schon daliegen sehen, tot und mit gebrochenen
Gliedern.
Der Moment als Chris über die Brüstung
gefallen war und für einige Sekunden in der Schwebe zu hängen
schien, war ihm so unendlich lang vorgekommen.
Fassungslos hatte
er einfach nur dagestanden, unfähig irgendetwas zu tun. Auf
einmal hatte er alles vergessen, vergessen wer er war, vergessen,
dass er magische Fähigkeiten besaß... nur Chris hatte
gezählt, Chris der fiel, Chris der starb und immer wieder
waren ihm die letzten Worte seines Sohnes in den Ohren gehallt...
"Das bist nicht du"... "Das bist nicht du."... Ein Teil von
Leo hatte sich bereits mit der niederschmetternden Schuld befasst,
dass ER es gewesen war, der seinen Sohn vor sich hergetrieben und
schließlich hatte sterben lassen. Dass ER für den Tod
seines Sohnes verantwortlich war.
Jetzt meinte er zu verstehen wie
sich Chris nach seinen Traum gefühlt haben musste.
Doch Leo
hatte das nicht akzeptiert. Er hatte einfach entschieden, dass sein
Sohn nicht sterben würde, dass er ihn noch rechtzeitig erreichen
und retten würde.
Und so war es dann auch gekommen.
Langsam,
ganz langsam, löste er sich von Chris.
Mit geschlossenen
Augen und bewusstlos lag er vor ihm. Für einen Moment überlegte
Leo Piper zu wecken, doch vorher wollte er noch etwas anderes tun.
Er
legte seinen Sohn vorsichtig die Hände auf die Brust, er holte
Luft und ließ sich von seiner Liebe zu ihm durchfluten. Seine
Hände erstrahlten in goldenen Licht.
Nichts geschah.
Weder
wachte er auf, noch sah er wie durch ein Wunder gesünder
aus.
Leo blickte immer noch in das selbe blaße und
übermüdete Gesicht.
Nach einer Weile richtete er sich
mühsam auf und beamte seinen Sohn auf eine Couch. Er deckte ihn
zu, setzte sich vor ihm auf den Fußboden und wartete darauf,
dass er aufwachte.
Wartete und wartete.
