- Traumdeutung -
Im Wohnzimmer war es still
geworden. Nur Pipers vergeblich unterdrücktes Schluchzten
unterbrach die Stille. Sie hatte sich auf dem Sofa nieder gelassen
und verbarg ihr Gesicht in den Händen.
Nach ein einigen
Momenten, setzte sich Leo schließlich zu ihr und nahm sie
tröstend in den Arm.
Keiner konnte so wirklich fassen, was
eben passiert war und Leo schon gar nicht.
Sein eigener Sohn, der
selbe Sohn, den er vor wenigen Stunden aus einem gut 200 m tiefen
Fall gerettet hatte, beschuldigte ihn ihn verraten zu haben!
Er
konnte es einfach nicht glauben. Er wollte es nicht glauben.
Er
war wütend auf Chris, wütend, dass er so etwas wirklich
glauben konnte, wütend auf sich selbst, weil er ein so
schlechter Vater war, wütend auf alles.
Paiges Stimme riss
ihn aus seinen Gedanken:
"Was hast du gespürt, Phoebe, als
du Chris berührt hast?"
Piper tauchte aus Leos Umarmung auf
und blickte erwartungsvoll zu ihrer zweitjüngsten
Schwester.
"Ich weiß nicht genau...", sagte diese nach
einigen Überlegen. "In erster Linie war es Angst...
unglaubliche Angst."
"Angst wovor?", wollte Leo genau
wissen.
Phoebe blickte ihm in die Augen.
"Angst keine Zeit
mehr zu haben."
Erneute Stille.
"Aber da war noch mehr...",
meinte Phoebe nach einer Weile.
"Was?", fragte Piper nachdem
sie nicht sofort weiter sprach.
"Ich weiß nicht genau...",
gab sie zu und kratzte sich dabei verlegen an der Nase. "Da war...
irgendetwas... was diese Angst verursacht hatte... da war..." Mit
einem Mal wurde ihr Blick unklar und sie starrte nachdenklich ins
Leere.
"Phoebe?", fragte Piper.
"Wartet mal!", Phoebe
hob den Zeigefinger. "Vor etwa einer Woche kam Chris zu mir in die
Redaktion."
"Und?", fragte Leo, der nicht verstand worauf
Phoebe hinaus wollte.
"Und Chris hat mich etwas gefragt... etwas
über meine Visionen."
Piper sah auf.
"Ich hab mir
nichts dabei gedacht und hatte es auch schnell wieder vergessen, weil
an dem Tag echt mal wieder der Teufel los war."
"Was wollte er
wissen?", fragte Paige.
Phoebe schaute sie mit offenen Mund
an.
"Er wollte wissen, wie man – wenn man keine Erfahrung mit
solchen Dingen hat – einen Traum und eine Vision, die man im Schlaf
hat, auseinander halten kann."
"Äh, was?", fragte
Piper.
"Ja und nachdem ich ihm erklärt hatte, dass das
manchmal schon schwierig sein kann, aber eine Vision einfach realer
wirkt, ist er plötzlich aufgesprungen und meinte, dass er
Dämonen jagen will... Na ja, und genau das haben wir dann ja
auch die gesamte letzte Woche getan."
Wieder breitete sich
Stille aus, in der jeder über das Gesagte nachdachte. Nach etwa
einer Minute meinte Paige:
"Moment... heißt das, dass
Chris jetzt auf einmal Visionen hat?... Visionen aus der Zukunft? Aus
SEINER Zukunft?"
"Nun das würde zumindest erklären,
warum er in letzter Zeit so versessen darauf war auf Dämonenjagt
zu gehen.", meinte Piper.
"Aber das...", sagte Leo. "Das
ergibt doch gar keinen Sinn."
"Wieso nicht?", fragte seine
Frau.
"Erinnerst du dich nicht mehr, Piper, was Chris sagte
nachdem er diesen schrecklichen Traum hatte? Er muss wohl in diesem
Traum gesehen haben, wie ich sterbe, weißt du noch?"
Piper
nickte und sagte:
"Ja, dann hat er eben nicht einfach nur
geträumt, dass du stirbst, sondern eine VISION davon
gehabt!"
"Nein... denn ich hatte ihn doch gefragt, wie das
sein könnte, weil er doch immer meinte, dass ich in seiner Zeit
noch am Leben bin, erinnerst du dich nicht mehr was er geantwortet
hat? Er sagte: 'Jetzt nicht mehr.' Und er meinte, dass er mich nicht
heilen konnte, er meinte, dass er damals jünger gewesen wäre
und es nicht einmal jetzt kann!"
"Das versteh ich nicht.",
gab Paige ehrlich zu.
Leo stand auf.
"Chris hatte KEINE
Vision von der Zukunft, sondern eine Vision oder eben doch nur einen
Traum von seiner Vergangenheit!"
"Aber Leo.", meinte Piper.
"Chris Vergangenheit IST die Zukunft."
"Moment... ich komm
da nicht mehr ganz mit.", meldete sich Paige. "Chris hat also
Zukunftsvisionen von seiner eigenen Vergangenheit?"
"Ja!",
sagte Piper überzeugt.
"Aber, aber was hätte das für
einen Sinn?", fragte Leo. "Wenn es doch in seiner Vergangenheit
passiert ist oder passieren wird, dann braucht er doch keine
Visionen... er würde sich doch daran erinnern, oder etwa
nicht?"
"Nein, würde er nicht.", antwortete Phoebe.
"Sieh mal, nachdem wir diesen Dämon vernichtet haben, der aus
Wyatts Zimmer, ist doch die Narbe auf Chris Arm verschwunden."
"Ja
und?"
"Sie ist verschwunden, weil der Kampf nie stattfinden
wird.", fuhr Phoebe fort als wäre sie gar nicht unterbrochen
worden. "Aber obwohl dieser Kampf niemals in der Zukunft
stattfinden wird, eben weil es den Dämon dann nicht mehr gibt,
konnte sich Chris doch daran erinnern, dass es in SEINER
Vergangenheit – obwohl sie für uns die Zukunft ist – zu
diesen Kampf gekommen ist."
"Ich versteh immer noch nicht.",
sagte Paige.
Phoebe fuchtelte wild mit den Händen. Für
sie mag das ja als Expertin alles einen Sinn ergeben, dachte Leo, für
ihn aber noch lange nicht.
"Ich auch nicht.", sagte er
schließlich.
Phoebe seufzte und fuhr dann fort:
"Seht
mal.. die Zukunft ist immer im Wandel... alles was wir tun hat
Einfluss auf das was geschehen wird, soweit klar?"
Alle drei
nickten.
"Das Einzige, was wirklich konstant ist, das Einzige,
was immer so bleibt, ist die Vergangenheit."
"Äh,
Moment.", unterbrach Piper. "Wenn das wahr wäre, was zum
Geier tut dann Chris bitte hier? Er ist doch hier her gereist um die
Vergangenheit zu ÄNDERN. Wie sollte das möglich sein, wenn
die Vergangenheit immer konstant wäre? Wir haben doch sogar mit
der verschwundenen Narbe den Beweis, dass es möglich ist die
Vergangenheit zu ändern."
"Nein, eben nicht.", sagte
Phoebe. "Das was wir geändert haben ist nicht die
Vergangenheit, sondern die Zukunft!"
"Ja, aber für Chris
ist es doch Vergangenheit!", sagte Paige.
"Nein, für
Chris ist das genauso wie für uns die Zukunft... schließlich
ist er doch hier. Jetzt!"
Paige schüttelte verwirrt den
Kopf und sagte:
"Ja, aber wir haben doch den Beweis, dass wir
SEINE Vergangenheit geändert haben."
"Nein.", sagte
Phoebe. "Wir haben lediglich den Beweis dafür, dass wir die
Zukunft geändert haben... das Chris Narbe verschwunden ist,
liegt daran, dass dieses Ereignis, an das er sich erinnert, niemals
stattgefunden hat... Allerdings,", fuhr sie fort als Piper sie
unterbrechen wollte. "Allerdings ERINNERT er sich daran! Und das
liegt daran, dass die Vergangenheit, seine Vergangenheit, konstant
ist."
Leo fuhr sich durch die Haare. So ganz verstand er das
immer noch nicht.
"Also... also.", versuchte er zu resümieren.
"Also kann sein komischer Traum auf jeden Fall keine Erinnerung an
ein wahres Ereignis gewesen sein, willst du das damit sagen,
Phoebe?"
"Ja.", sie nickte lebhaft. "Allerdings hab ich
Chris ja erklärt, dass eine Vision immer realer wirkt als ein
Traum. Und erst nachdem ich ihm das gesagt hatte, schien da was bei
ihm einzurasten..."
"Also, ist er wohl davon ausgegangen, dass
dieser Traum, den er hatte, eine Vision war... eine Vision von der
Zukunft, auch wenn sie in einer Zeit spielte, die für ihn zur
Vergangenheit zählt.", meinte Paige. "Und er schien, ebenso
wie du Phoebe, zu dem Schluss gekommen zu sein, dass das, was für
ihn zeitlich gesehen in der Vergangenheit spielt, dennoch die Zukunft
ist. Auch wenn es nicht mit dem übereinstimmt an was er sich
erinnern kann."
"Okay,", sagte Piper nach einigen Sekunden.
"Chris hatte also eine schreckliche Vision von der Zukunft, die
zeitlich zu seiner Vergangenheit gehört. Und weil er sich nicht
daran erinnern konnte, muss er wohl zu dem Schluss gekommen sein,
dass irgendetwas die Zukunft so beeinflusst hat, dass alles nur noch
schlimmer wird." Sie deutete auf Leo. "Er stirbt also in der
Zukunft, was heißt, dass etwas verändert worden sein
muss."
"Okay, das macht es verständlich warum er so
besessen von Dämonenjagten war.", sagte Paige.
"Und es
macht es verständlich, warum er Angst davor hat, dass ihm die
Zeit davon läuft.", fügte Phoebe hinzu.
Die vier
dachten schweigend nach, schließlich meinte Piper:
"Aber
das erklärt immer noch nicht, was eigentlich mit ihm los ist.
Wieso erkennt er uns nicht mehr? Er scheint sich ständig
irgendwie in der Zeit zu irren."
"Hee.", schnaubte Paige.
"Wer kann ihm das verübeln... mich bringt das ja schon alles
durcheinander und ich hab keine Erinnerungen an eine Vergangenheit
aus der Zukunft, die niemals stattfinden wird."
Leo hob die
Augenbrauen.
"Sekunde.", sagte er. "Wir gehen die ganze Zeit
davon aus, dass Chris wirklich auf einmal das zweite Gesicht hat. Was
wenn es doch nur Träume sind?"
"Leo.", antwortete
Phoebe. "Was war das eben als er aus dem Fenster gesehen hat, wenn
nicht eine Vision? Hast du jemals schon mal von Träumen gehört,
die man hat, wenn man wach ist? Visionen bekommt man egal ob man
schläft oder nicht."
"Phoebe.", setzte Leo an. "Hattest
du jemals, in deiner gesamten Zeit als hellseherische Hexe, schon
einmal das Gefühl zwischen Realität und Vision nicht
unterscheiden zu können?"
Sie biss sich auf die Lippe.
"Nein.", gab sie schließlich zu. "Aber ich bin ja
auch kein Zeitreisender."
Leo überging den letzten
Teil.
"Ich glaube nicht, dass Chris wirklich Visionen hat.",
sagte er überzeugt. "Überlegt doch mal, er war so
überzeugt davon, dass wir alle bereits tot sind... weil er uns
hat sterben sehen, wenn er schlief und wahrscheinlich auch wenn er
wach war. Er vertraute diesen... diesen 'Visionen' mehr als dem was
er in diesem Moment mit eigenen Augen sah. Er war so sehr davon
überzeugt, dass das was er in seinen Visionen gesehen hatte die
Wirklichkeit war, dass er nicht glauben konnte, dass er in Wahrheit
in die Vergangenheit gereist ist." Überzeugt stemmte er die
Hände in die Hüften und sagte:
"Das kann unmöglich
von seherischen Visionen herrühren."
Phoebe sah ihn
zweifelnd an.
"Aber Leo, woher dann? Was kann einen Traum so
real werden lassen, dass man ihn für die Wirklichkeit hält,
dass man vergisst was wahr ist und was nicht?"
Leo sah sie
entgeistert an, fassungslos, dass er nicht früher darauf
gekommen war und sagte schlicht:
"Ein Alb."
