- Alb - Traum -
Er befand sich in einem großen,
leer stehenden U-Bahnhof. Die Treppen und alle anderen Zugangswege
waren schon vor Jahren eingestürzt. Auf normalen Wegen konnte
man überhaupt nicht mehr hier herkommen.
Die Luft war stickig
und roch nach Moder. Wasser tropfte an vielen Stellen von der Decke
und Unrat war über den dreckigen Boden verteilt.
Dies war
lange Zeit ihr Unterschlupf gewesen. Viele Menschen hatten sie hier
her gebracht, Familien, die verfolgt wurden, Kinder, die verwaist
waren, aber auch Kämpfer, die sich weigerten Wyatts Macht
anzuerkennen. Gemeinsam hatten sie sich hier formiert, gemeinsam
hatten sie Flüchtlinge aufgenommen und vor der Bedrohung
geschützt.
Chris hatte sich hier immer in Sicherheit gefühlt.
Niemals hätte ein Dämon oder Wyatt selbst sie hier finden
können. Mächtige Zaubersprüche hatten die wenigen
überlebenden Hexen, er und andere magische Wesen auf
diesen Ort gelegt um sie alle zu verbergen.
Darüber hinaus
wussten nur er und eine kleine handvoll Vertrauter wo genau sich
dieser Ort überhaupt befand. Alle anderen waren von ihnen hier
hergebracht worden. Auf diese Art wurde verhindert, dass Wyatt und
sein Gefolge ihren Aufenthaltsort aus einen Gefangenen heraus pressen
konnte. Nie hätte ein Überläufer oder ein Schützling
unter Folter sie alle verraten können.
Chris hatte schnell
gelernt, dass es gefährlich war sich auf andere zu verlassen und
das man sich immer absichern musste. Nur so hatten sie, wenn auch nur
wenige, überhaupt überleben können.
Es ärgerte
ihn, dass er es zugelassen hatte sich von seiner Familie so sehr
täuschen zu lassen.
Leo hatte von diesen Ort gewusst. Auch
wenn er sich immer aus ihrer "kleinen Rebellion", wie er es
verächtlich nannte, raus gehalten hatte, so hatte er dennoch vor
seinen vermeintlichen Tod nicht wenige der Schutzsuchenden selbst
hier hergebracht. Andere, so hatte Chris immer geglaubt, waren ihm
wichtiger gewesen als sein eigener Sohn. Andere waren es wert Flagge
zu zeigen und sich selbst zu gefährden. Sein Sohn war es
nicht.
Doch auch das entsprach nicht der Wahrheit, wie er jetzt
sehr wohl wusste. Sein Vater hatte all diese Menschen nicht hier
hergebracht um ihnen zu helfen, sondern einzig und allein um Chris zu
verhöhnen, einzig und allein um alle Aufmüpfigen, alle
Guerillakämpfer auf einen Haufen zu versammeln um Wyatt die
Möglichkeit zu geben in einen einzigen Gemetzel seine alles
beherrschende Macht zu demonstrieren.
Und das hatte er getan...
Denn jetzt war niemand mehr hier. Jetzt waren alle tot.
Nur
Chris lag noch hier, zusammengerollt in einer Ecke.
Er hatte sich
direkt hier her gebeamt in der Erwartung noch ein paar wenige
Menschen vorzufinden, die wirklich auf seiner Seite standen, die
nicht aufgaben, die, wenn vielleicht nicht vertrauenswürdig,
doch zumindest ehrlich und aufrichtig waren und ihr Bestes taten um
den Kampf gegen seinen Bruder voranzutreiben.
Doch niemand war
hier. Chris war ganz allein.
Sein Atem ging schwer und seine
Lungen rasselten leise bei jedem Luftholen. Das Beamen hatte ihn sein
letztes Bisschen Kraft geraubt. Erschöpft und am Rande der
Ohnmacht war er in einer Ecke zusammengebrochen.
Vor ihm klebte
Blut auf dem Boden. Nicht sein Eigenes, wie er schnell festgestellt
hatte. Die ganze leere Halle war blutüberströmt und
erinnerte Chris schmerzhaft an den schrecklichen Verrat seiner
Familie an all diesen unschuldigen Menschen, an ihm.
Sie hatten
ihn nun da, wo sie ihn haben wollten, dachte er bitter. Endgültig
am Boden.
Er glaubte nicht, dass er noch einmal die Kraft finden
würde um aufzustehen, nicht einmal um sich zu rächen. Er
hatte aufgegeben.
Die Erinnerung an seine Familie, ja sogar an
Leo, hatte ihm immer Trost und Zuversicht gespendet. Sie hatte ihn
aufrecht gehalten, auch wenn es noch so aussichtslos gewesen
war.
Doch nun war diese Quelle des Trosts und der Zuversicht ein
für alle Mal versiegt, war ihm genommen worden, so wie ihm alles
Stück für Stück genommen worden war.
Er fühlte
sich so unendlich betrogen.
Sie hatten mit ihm gespielt. Chris
hätte wissen müssen, dass es Wyatt nicht gereicht hätte
ihn einfach zu töten, nein, er musste ihn erst zerstören,
seinen Willen brechen.
Die Hoffnung stirbt zuletzt. Das hatte
Bianca immer gesagt um ihn Mut zu machen. Wie gerne wäre er
jetzt bei ihr. Sie war die Einzige gewesen, die immer bedingungslos
zu ihm gehalten hatte, ohne Rücksicht auf ihr eigenes Leben. Und
Letzteres hatte sie schließlich auch verloren.
Nein, nicht
die Hoffnung ist es, die zuletzt stirbt, dachte er traurig und
wünschte sich dabei nichts sehnlicher als dass Wyatt die Sache
endlich beendete und er wieder mit Bianca vereint sein konnte.
"Ein
was?", fragte Piper.
"Ein Alb.", sagte Leo. "Ein
Schwarzalb um genau zu sein."
Er wippte mit dem Oberkörper
vor und zurück, von fiebrigen Tatendrang erfüllt. Endlich
gab das alles einen Sinn.
"Was bitte ist ein Schwarzalb?",
fragte jetzt Phoebe.
"Ein Schwarzalb ist ein Wesen, dass über
Alpträume gebietet. Es ist sehr selten und man kann es nicht
töten. Es ernährt sich von der Lebenskraft seines Wirts und
schwächt ihn damit. Genaueres weiß ich allerdings auch
nicht, denn das letzte Mal, dass ein Schwarzalb auftauchte liegt
lange vor meiner Zeit zurück."
Piper sah ihn irritiert an
und sagte schließlich:
"Dach-"
"-Boden.",
beendete Paige für sie.
Phoebe war die Erste, die vor dem
Buch der Schatten stand und ihn ihm zu blättern begann.
Paige
und Leo ließen sich auf einer Couch nieder, während Piper
es vorzog wie immer nervös auf und ab zu laufen.
Nach einiger
Zeit hatte Phoebe wohl gefunden wonach sie suchten.
"Also.",
begann sie. "Hier steht,
'Schwarzalben sind dunkle,
uralte Kreaturen, die sich ausschließlich magische Wirte suchen
um sich dann von ihren Kräften zu ernähren.'"
Sie
las noch ein Stückchen weiter. Paige starrte sie ungeduldig mit
zu einem Strich verzogenen Lippen an.
"Ja und? Weiter!", sagte
sie.
"Wenn ich das richtig verstehe.", fuhr Phoebe fort. "Dann
'erspürt' ein Alb instinktiv die größte Angst der zum
Wirt auserkorenen Person und suggeriert ihr, dass diese Angst
Wirklichkeit geworden ist. Hier steht:
'Während anfänglich diese Ängste einen Wirt nur in Form von Alpträumen heimsuchen, ihn damit schwächen und seine Aufgabe somit erfüllt ist, verlässt der Alb seinen Wirt wieder. Allerdings kann ein Alb im Laufe der Jahrhunderte auf diese Art genug magische Energie absorbieren und sich schließlich einen Wirt suchen um die Traumwelt zu verlassen. Dies geschieht dann indem der Schwarzalb dafür sorgt, dass sich Ängste und Alpträume für den Wirt scheinbar in der Realität manifestieren und Wirklichkeit werden. Ist es einem Alb einmal gelungen die Traumwelt zu verlassen und den Wirt im wachen Zustand mit seinen Ängsten zu verfolgen, so nährt er sich vollends von seiner Lebenskraft, solange bis der Wirt schließlich stirbt und der Alb genug Energie hat und sich befreien kann.'
Hier
steht weiter, dass es sehr selten ist, dass es ein Alb genug Energie
gesammelt hat und sich einen 'Todeswirt' suchen kann um sich
schließlich zu befreien... Allerdings werden zahlreiche Kriege
und Massenmorde auf entfesselte Schwarzalben zurückgeführt,
denn nachdem ein Alb seinen letzten Wirt getötet hat, ist er
fortan in der Lage sich von der gesamten Lebenskraft verängstigter
Menschen zu ernähren... und diese Ängste schürt er mit
weiteren Alpträumen und Illusionen, die er den Menschen
einpflanzt."
"Okay, okay, okay.", sagte Paige. "Chris hat
also einen Schwarzalb... oder viel mehr hat ein Schwarzalb
Chris."
"Was steht im Buch darüber, wie man den Alb
vernichtet, Phoebe?", fragte Piper erschöpft.
"Na ja, das
ist das Problem.", antwortete Phoebe. "Wie Leo ja schon meinte,
ist es nicht möglich einen Schwarzalb zu töten. Es gibt
zwar nur sehr wenige von ihnen, weil sie sich nicht vermehren können,
aber man kann sie nicht vernichten, schon gar nicht, wenn der Alb
einmal so mächtig ist, dass er sich bereits ans Befreien gemacht
hat."
Alle schwiegen.
Das konnte nicht wahr sein, dachte Leo.
"Es muss doch einen Weg geben.", sagte er wütend. "Nicht
nur, dass es, nachdem was wir eben gehört haben, katastrophal
endet, wenn ein Alb entfesselt ist, sondern auch, dass es hier um
Chris geht. Um unseren Sohn!"
"Beruhig' dich, Leo.", meinte
Phoebe. "Natürlich gibt es einen Weg um einen Alb wieder zu
bannen. Ansonsten wär die ganze Welt schon längst mit Angst
und Schrecken erfüllt."
"Also, was müssen wir tun?",
fragte Piper. Sie hatte sich zu Leo gesetzt und ihm beschwichtigend
die Hand auf sein Knie gelegt.
"Es ist schwierig.", antwortete
Phoebe schließlich. "Laut Buch der Schatten ist die einzige
Möglichkeit um einen Wirt vor der Entfesselung eines Albs zu
retten, ihn in die Wirklichkeit zurück zu holen."
Leo sah
sie fragend an.
"Versteht ihr, die Waffen eines Albs sind Angst
und Furcht. Er macht den Menschen glauben, dass das wovor sie Angst
haben Wirklichkeit geworden ist. Sie sehen die Dinge, die ihnen Angst
machen und halten sie für wahr und wenn sie einmal damit
angefangen haben ist es umso schwerer ihnen klar zu machen, dass es
doch nicht die Wirklichkeit ist. Aber genau das ist der einzige Weg.
Tja, und da wird es jetzt kompliziert."
"Wieso?", wollte
Paige wissen.
"Na ja, denk mal nach. Chris hat Angst, nicht
genügend Zeit zu haben um die Dinge zu richten."
"Und?
Dann machen wir ihn einfach klar, dass er ein Zeitreisender ist und
verdammt noch mal alle Zeit der Welt hat."
"So einfach ist das
nicht.", sagte Leo. Er glaubte zu wissen, was Phoebe meinte. "Das
Problem an der Sache ist, dass Chris anfänglich dachte, dass er
Visionen von einer noch viel schlimmeren Zukunft hatte... du weißt
schon, Visionen von seiner zukünftigen Vergangenheit. Er hat
gesehen, wie ich in seiner Vergangenheit sterbe... oder das die Stadt
in Trümmern liegt. Seine Angst bestand darin, dass ihm die Zeit
davon rennt um die Zukunft in die richtigen Bahnen zu lenken. Der Alb
hat diese Angst ausgenutzt und ihn glauben gemacht, dass er die
Zukunft nicht zum Besseren, sondern zum Schlechteren verändert
hat und ihn damit unter Druck gesetzt. Er hat ihm Alpträume von
einer veränderten Vergangenheit eingeflößt.
Dummerweise hat Chris, der aus einer Familie stammt in der Seherblut
fließt, angenommen, dass diese Träume nicht einfach nur
Erinnerungen sind, sondern Visionen. Und genau das hat dem Alb Tür
und Tor geöffnet, denn so hatte Chris eine Erklärung dafür
warum diese Alpträume, die er für Visionen hielt auch am
Tage kamen."
"Oh.", sagte Paige nur.
"Das Ganze hat
schließlich dazu geführt, dass Chris mittlerweile nicht
mehr denkt, dass er Visionen hat, sondern, dass es real ist,
verstehst du? Der Alb wurde so mächtig, dass er Chris' Ängste
soweit schüren konnte, dass diese Bilder von einer veränderten
Zukunft, von seinen gescheiterten Versuchen diese zu ändern,
Wirklichkeit sind. Er denkt wahrscheinlich selber nicht mehr, dass es
Visionen sind, sondern hält die wenigen klaren Momente, die er
hat jetzt für Träume oder für Visionen."
"Das
heißt, er ist sozusagen in seinen Alpträumen gefangen.",
schlussfolgerte Piper.
"Ja.", sagte Leo matt und vergrub sein
Gesicht erschöpft in seinen Händen.
"Ja, aber.",
setzte Piper an. "Wir müssen ihn doch irgendwie klarmachen
können, dass das was er sieht nicht wirklich ist. Wir müssen
ihn doch einfach nur zeigen, was Wirklichkeit ist."
"Wie
denn?", fragte Leo schnippisch. "Wie sollen wir das anstellen?
Wir wissen doch praktisch NICHTS von seiner wirklichen Vergangenheit.
Wie sollen wir ihn etwas zeigen, was wir selber noch nie gesehen
haben?"
Piper traten Tränen in die Augen. Leo tat es leid
sie so angefahren zu haben und streichelte ihr entschuldigend über
die Wange.
Paige fummelte an ihren Reißverschluss herum, so
als ob sie das Bedürfnis hätte irgendwie ihre Hände zu
beschäftigen.
"Moment!", stieß sie plötzlich
hervor. Alle sahen sie an.
"Phoebe hat doch gesagt, dass egal
was auch passiert, die Vergangenheit immer konstant ist, oder?" Sie
wandt sich zu ihrer Schwester um, die immer noch vor dem Buch der
Schatten stand.
"Ja."
"Wenn Chris sich, obwohl die Narbe
auf seinem Arm verschwunden ist, immer noch daran erinnern konnte,
dass er mit diesen Dämon gekämpft hatte, die Erinnerung
immer noch da ist, dann..."
"Dann?", hackte Leo nach.
"Dann
heißt das doch auch, dass obwohl Chris denkt, dass er irgendwie
seine Vergangenheit verändert hat, die Erinnerung an seine
wirkliche Vergangenheit immer noch da ist."
"Ja und?",
fragte Piper. "Was bringt uns das. Er ist doch schon längst
davon überzeugt, dass Leo wirklich tot und die Stadt zerstört
ist und wer weiß was noch alles."
"Ja, aber die
Erinnerung ist trotzdem immer noch in seinen Kopf. Selbst wenn er sie
für einen Traum oder so etwas hält."
"Und wie sollen
wir ihn dazu bringen zu glauben, dass diese Erinnerung real ist?",
fragte Phoebe. "Wir sollen wir das anstellen, wenn wir diese
Erinnerung selbst nicht kennen."
Paige schmunzelte.
"Na
durch dich, Phoebe."
