- Traumfang -
"Wie durch mich?!", fragte
Phoebe verdutzt.
Paige schmunzelte als sie ihren Gesichtsausdruck
sah.
"Okay.", fuhr sie fort. "Mal angenommen wir finden eine
Möglichkeit, einen Zauber oder so was mit dem wir es schaffen,
einen Blick in Chris' Vergangenheit zu werfen, in die wirkliche
Vergangenheit, dann wüssten wir woran wir Chris erinnern
müssen."
"Und wie sollen wir ihn dann daran erinnern,
wenn wir es wissen?", fragte Piper.
"Und wie kann ich dabei
helfen?", fragte Phoebe.
"Na ja, wenn wir sozusagen eine
kleine 'Reise'", sie deutete mit ihren Fingern Anführungszeichen
an, "in Chris' Verstand machen würden, dann könntest du,
Phoebe mittels deiner Kräfte uns führen, uns das zeigen,
was für Chris wichtig ist. Und wenn wir das richtig machen, dann
kannst du nicht nur uns das alles zeigen, sondern gleichzeitig auch
Chris."
Geplättet sahen sie Paige an.
Leo war nicht
wirklich überzeugt. Es gab viel zu viel, was dabei schief gehen
konnte. Doch zu seiner Verwunderung hörte er kurz darauf Phoebe
leise sagen:
"Ja, das könnte funktionieren."
"Es
MUSS funktionieren.", sagte Piper.
"Okay, ich muss was
nachlesen." Phoebe schlug erneut das Buch der Schatten auf.
"Währenddessen solltet ihr versuchen Chris auszupendeln."
"Gut
und ich bring Wyatt in die Zauberschule.", meinte Leo und ging nach
unten.
NEIN. So durfte er nicht denken. Nicht nach all dem,
was passiert war. Er würde nicht einfach aufgeben.
Gut, er
wusste, dass er keine Chance gegen die Macht der Drei hatte, aber die
hatte er genauso wenig gegen Wyatt gehabt und das hatte ihn dennoch
nicht davon abgehalten, immer das zu tun, was er für richtig
hielt.
Er würde nicht einfach hier liegen bleiben und auf
seinen Tod warten. Er würde aufrecht sterben, im Kampf und auch
in den letzten Minuten seines Lebens nichts unversucht lassen um für
die gerechte Sache einzutreten.
So war er immer schon gewesen, so
hatte er sein Leben verbracht und so würde er sein Leben auch
beenden.
Er war ein Halliwell. Und auch wenn das heute weniger
bedeutete als es das früher einmal getan hatte, so kam er nach
wie vor aus einer Reihe von mächtigen Kämpfern und er würde
nicht zu lassen, dass sein Bruder und seine Eltern dieses wertvolle
Erbe zu Nichte machten. Selbst wenn das bedeutete, dass er dafür
sterben musste. Er würde nicht aufgeben, niemals!
Man würde
sich an ihn zurück erinnern als einen Menschen, der alles dafür
gegeben hatte um die Dinge zum Guten zu wenden, bis zu Letzt. Und
selbst, wenn das in den Augen anderer sinnlos gewesen wäre,
Verschwendung und aussichtslos, er, Chris, wusste es besser:
Es
war niemals umsonst weiter zu kämpfen.
Denn da war eine
Sache, dachte Chris und zog sich dabei stöhnend an der Wand
hoch.
Eine Sache, die ihn niemals jemand nehmen konnte.
Er
stand auf, bereit bis zum Letzten zu kämpfen.
Eine Sache, die
niemals erlöschen würde, egal was kam:
Das Gute in ihm
und die Stärke, die es ihm verlieh.
"Okay. Seid ihr
bereit?", fragte Phoebe sie. Alle drei nickten. Sie hatten sich
wieder oben auf den Dachboden versammelt. Alles war vorbereitet und
doch war Leo nach wie vor nicht von der Idee überzeugt.
Allerdings gestand er sich ein, dass sie einfach keine bessere hatten
und er würde nichts unversucht lassen um seinen Sohn zu
helfen.
"Gut.", sagte Phoebe. "Und denkt daran: Chris hält
uns alle für Verräter, die ihren eigenen Tod vorgetäuscht
haben. Egal was er sagen wird, glaubt ihm nicht. Und wenn der Zauber
ausgesprochen ist, dann vergesst nicht, dass Chris verwirrt ist.
Haltet euch an mich und an das, was ich euch zeigen werde. Alles
klar?"
Wieder nickten sie.
"Paige, hast du die Kristalle?",
fragte Piper.
"Ja, ist alles da.", antwortete sie und deutete
auf ihre Tasche.
"Gut. Dann los.", sagte Piper, griff nach
Leos Arm und sah ihn dabei viel sagend an.
Sie kamen in einer
alten, verlassenen U-Bahnstation an. Als die Vier wieder festen Boden
unter ihren Füßen spürten, sahen sie sich im
Zwielicht der unterirdischen Halle um.
Nichts ließ darauf
schließen, dass jemand in den letzten Jahren hier gewesen war.
"Sicher, dass wir richtig sind?", fragte Phoebe und auch Leo
konnte sich nicht vorstellen, was Chris ausgerechnet hier
wollte.
"Ja.", sagte Paige. "Das Pendel ist zumindest hier
ausgeschlagen."
"CHRIS?", schrie Piper und musste gleich
darauf feststellen, dass es keine gute Idee gewesen war lautstark
nach ihren Sohn zu rufen. Denn plötzlich kam aus dem Nichts eine
umgestürzte metallene Tonne auf sie zugeflogen.
Leo zerrte
Piper reflexartig beiseite. Sie stürzten zu Boden und sahen sich
nach der Quelle dieses plötzlichen Angriffs um. Doch sehen
konnten sie Chris nicht.
Piper stand auf und hob die Hände
als erneut etwas auf sie zugerast kam. Doch was es auch war, es
verfehlte sie um mehrere Meter und krachte mit einem lauten "Plonk"
irgendwo im U-Bahnschacht hinter ihnen zu Boden.
Argwöhnisch
blickte Leo sich um. Sein Sohn musste hier irgendwo sein. Er sah sie,
doch sie sahen ihn nicht und das gefiel Leo überhaupt nicht.
Denn auch wenn Chris geschwächt war, seine Kräfte musste er
aus einer schier unerschöpflichen Quelle aus Wut ziehen und
jedes bisschen Magie, dass er einsetzte verschaffte den Alb zu mehr
Macht, solange und Leos Innereien zogen sich bei diesem Gedanken
schmerzhaft zusammen, solange bis der Alb Chris schließlich
nicht mehr brauchte. Es durfte nicht zu einen Kampf zwischen ihnen
kommen.
"Chris.", rief Leo. "Komm raus und zeig dich... Wir
wollen nicht mit dir kämpfen." Leos Stimme hallte laut von den
Wänden wider.
"Ja, sicher." Sicher, sicher, sicher echote
es durch den Raum, sodass der Ursprung der Worte nicht auszumachen
war.
"Vergesst es. Ihr werdet mich schon töten müssen,
wenn ihr mich kriegen wollt." Seine Stimme klang heißer und
zornig und Leo erkannte sie kaum als die seines jüngsten Sohnes
wieder.
"Dort drüben.", flüsterte Piper und wies
unauffällig mit den Kinn in Richtung eines Betonpfeilers.
Leo
gewahrte einen Schatten, der sich dahinter verbarg.
Paige griff
vorsichtig in ihre Tasche, doch Chris war schneller. Funken glühten
auf und tauchten den dunklen Raum für ein paar Sekunden in ein
wunderbares, friedliches Blau.
"Wo ist er hin?", fragte
Phoebe.
Plötzlich explodierten über ihnen zwei gläserne
Plakatverschläge und überschütteten die Vier mit einen
Platzregen aus spitzen Splittern. Die Köpfe zwischen den
Schultern eingezogen stoben sie in alle Richtungen auseinander.
"So
leicht kriegt ihr mich nicht, ihr Verräter." hallte Chris
Stimme ungehalten durch das laute Klirren des gebrochenen
Glases.
Piper schluchzte und rief wimmernd:
"Chris,
bitte!"
"NIEMALS.", donnerte es zurück.
Doch Leo war
eine Idee gekommen. Er wagte einen Blick und trat hinter einer
umgestürzten Bank hervor, die ihm als Deckung gedient
hatte.
"Komm raus, Chris und kämpfe wie ein Mann."
"Leo!",
zischte Piper. "Bist du wahnsinnig?!"
"Lass mich nur
machen.", flüsterte er ihr aus den Mundwinkeln zu.
"Komm
raus und hör auf dich zu verkriechen wie ein Feigling. Kämpfe,
so wie es dein Bruder immer getan hat!"
Ein wütendes
Knurren war zu vernehmen und noch mehr Gegenstände flogen,
allerdings ziellos, durch den Raum.
"FEIGLING?", schrie Chris.
"Wer ist hier feige? Wer hat sich ihm angeschlossen nur um sein
eigenes erbärmliches Leben zu retten anstatt das zu tun, was das
Richtige gewesen wäre?"
Ein Schatten erwachte zum Leben.
Aus einer Ecke neben einen Kartenautomat trat eine Gestalt hervor.
Chris. Bleich wie die Wand hinter ihm und mit einem wütenden
Funkeln in den sonst so friedlichen, grünen Augen.
"Wer hat
alles verraten, was er eigentlich mit seinem Leben hätte
beschützen müssen?", rief er den erstarrten Leo
entgegen.
Beide, Vater und Sohn, standen sich gegenüber,
starrten sich an.
Dann hob Chris die Hände bereit jedes
Bisschen aufgestaute Wut seinen Vater entgegen zu werfen und ihn
damit an der Wand zu zerschmettern.
Doch in diesem Moment griff
Paige in ihrer Tasche.
"KREIS." Und vier Kristalle
materialisierten sich um den jungen Wächter des Lichts. Dieser
wurde von seiner eigenen Handbewegung zurück geschleudert und
landete mit einem Stöhnen auf den Boden. Er war gefangen.
Einige
Momente war es still. Dann atmete Phoebe erleichtert aus, so als ob
sie es die gesamte Zeit nicht gewagt hätte weiter zu atmen.
Die
Vier traten unsicher zu dem am Boden liegenden Chris näher.
Er
hielt seine Kiefer fest zusammen gepresst und sah wütend zu
seinen Eltern und den Schwestern hoch.
Diese stellten sich im
Kreis um ihn auf. Jeder vor einen Kristall. Kreis um Kreis und in der
Mitte Chris.
"Na macht schon!", schrie Chris und richtete sich
mühsam auf. Auch jetzt schien er nicht bereit am Boden liegen zu
bleiben.
"Macht schon. TÖTET MICH ENDLICH!"
Leo sah
Phoebe traurig an. Sie nickte und alle verstanden.
Sie nahmen sich
wortlos an den Händen und schlossen den Kreis. Leo fühlte
die zitternde Hand seiner Frau in seiner Linken und hielt sie fest
umschlossen, so wie Phoebe seine rechte Hand fest umschlossen
hielt.
Noch einmal holte Phoebe tief Luft und wappnete sich . Nach
einem letzten Austausch von Blicken begann sie schließlich laut
und entschlossen zu sprechen:
Ich, die Dienerin der
Zeit,
Bitte nun die Mächte.
Verloren ist der, den wir
lieben.
Verbannt,
In Angst und Schrecken wurde er
getrieben.
Suchen wollen wir, was er verlor,
Nach Hause
bringen
Und ihm seinem Alb entringen.
Lasst uns sehen, was
er einst sah
Und ihm zeigen, wie es wirklich war.
