- Traumzeit I -

Sie rasten einen dunklen Tunnel entlang. Leo spürte wie er ohne sich zu bewegen durch einen engen Schlauch gepresst wurde. Zehnfach verstärkt fühlte er jedes Gramm an seinem Körpers und die Schwerkraft riss an seinen Gliedern. Doch gleichzeitig spürte er auch, dass er mit den Füßen immer noch fest auf den Boden stand und nur leicht in die Knie ging. Ein Teil von ihm war immer noch in der Halle, er fühlte noch immer Pipers und Phoebes Hände fest in den seinen.
Und doch flog er, sich um seine eigene Achse drehend, durch die Dunkelheit.
Plötzlich tauchte ein Licht vor ihm auf, das mit einem Mal explosionsartig in einen Wirbel aus Farben auf ihn einschlug.
Er wollte seine geblendeten Augen vor diesem hellen Gleißen verschließen, doch da war nichts, kein Augenlid, kein Körper, dem er Anweisungen erteilen konnte.
Er spürte wie er zusammen gedrückt wurde. Piper schrie neben ihm in der Halle. Er hatte das Gefühl, dass sein gesamter Körper, der nicht da war und die gesamte Welt, die auf den Kopf stand, durch ein enges Nadelöhr gepresst wurde, dort einige Sekunden stecken blieb und sich schließlich mit einem gewaltigen Knall wieder ausdehnte.
Er hatte das Gefühl in einem riesigen Raum zu stehen, schutzlos und ohne Deckung.
Stimmen schlugen auf ihn nieder. Schreie, Hilferufe, Wimmern und Weinen. Bilder rasten vor seinen Auge dahin. Grell, nackt und bedrohlich wie Blitze in der Dunkelheit.
Ein weiterer lauter Knall und die Welt erzitterte. Schmerzensschreie aus Millionen Kehlen hallten in seinen Ohren. Eine gewaltige Hitzewelle schlug ihm ins Gesicht. Ein Bild von einer manngroßen Aschewand raste auf ihn zu. Er wollte wegrennen, sich in Sicherheit bringen. Er wandt sich ab und sah das Flimmern eines weiteren Bildes. Er selbst blutend am Boden. Das Bild leuchtete kurz auf, wurde unscharf und verwandelte sich. Die Stadt niedergebrannt und verwüstet.
Weitere kaum erkennbare Bilder rasten an ihm vorbei. Immer schneller werdend. Ein Chaos aus Farben, Folter und Tod unterlegt mit einem lauten Ticken, das jede Phaser seines Herzens mit Angst erfüllte. Du kommst zu spät... zu spät... zu spät... Stimmen wie Messerstiche auf seiner Haut.
Es sollte aufhören. Lass es bitte aufhören, dachte Leo. Und immer noch diesen Ticken, wie das Uhrwerk seines Herzens, unerbittlich und unaufhörlich. Es soll stehen bleiben. Einfach nur stehen bleiben. Er spürte, dass zwei schweißnasse Hände ihn festhielten. Doch er wollte sich losreißen. Irgendwo vor ihm, das wusste er, war sein Sohn. Er wollte auf ihn zu rennen und ihn vor diesem Schrecken befreien. Doch in dem Moment hörte er eine Stimme. Ganz anders als all die anderen Stimmen, laut, deutlich und ganz nah an seinem Ohr. Phoebe.
"Hör auf damit, Chris. HÖR AUF."
Es hörte auf. Wieder wurde alles hell. Doch es war nicht das selbe blendende Gleißen, sondern einfach nur ein heller, friedlicher Sommertag.
Die Sonne streckte ihre Strahlen aus und tauchte das Gras und die vereinzelten Bäume in ein sanftes Gelb. Doch Leo spürte keine Wärme auf seiner Haut.
Alles war ruhig und friedlich, nur ein melodisches Vögelgezwitscher umgab sie. Doch Leo war traurig. So unendlich traurig.
Sie waren auf einen Friedhof. Vor ihnen standen drei Gestalten mit dem Rücken zu ihnen gewandt vor einem Grabstein. 'Piper Halliwell', war es in den anmutigen Stein gemeißelt. 'Geliebte Mutter, Schwester und Frau'. Darunter stand ein Datum, dass etwa vierzehn Jahre in der Zukunft lag.
Leo spürte wie sich die Hand seine Frau noch fester um die seine klammerte. Er erwiderte tröstend den Druck.
Eine der Gestalten, die Größte, bewegte sich. Es war Leo. Er war deutlich älter geworden und um seinen Mund lag ein bitterer Ausdruck. Er hob seinen Arm und umschlang damit eine der kleineren Gestalten.
Ein Teenager mit blonden Locken, der traurig auf Pipers Grab sah. Wyatt.
Als Leo sich selbst dabei beobachtete wie er seinen Erstgeborenen umarmte durchfuhr ihn mit einem Mal ein Stich. Durch ein Zucken von Phoebes Hand gewahrte er, dass auch sie diesen Stich gespürt hatte. Neid. Neid und Trauer. Und Einsamkeit, unendlich viel Einsamkeit.
Leo sah sich um, woher kamen diese Gefühle?
Die dritte und kleinste der Gestalten stand ein wenig abseits der anderen Beiden und hatte die Hände in den Taschen vergraben.
Leo konzentrierte sich, körperlos wie er war, mehr auf die dritte Gestalt um sich ihr somit zu nähern.
Es war Chris.
Er war jung, vielleicht dreizehn oder vierzehn Jahre alt, doch auch jetzt schon zeichnete sich unverkennbar eine traurige Härte in seinem Gesicht ab, die sein späteres Selbst so oft wie einen Schild schützend vor sich hertragen würde.
Seine traurigen Augen waren gerötet und doch entwich ihnen keine einzige Träne. Wie zwei ausgeschöpfte Brunnen blickten sie einsam zu Bruder und Vater hinüber, die sich immer noch umarmend von ihm abgewandt hatten.
"Sie hin, Chris. Sie hin.", hörte Leo Phoebe neben sich sagen.
Und als ob sie es nicht zu ihrem zwanzigjährigen, erwachsenen Wächter des Lichts gesagt hätte, sondern zu dem kleinen, traurigen Chris auf den Friedhof, drehte sich die dritte Gestalt wieder zu dem Grabmal seiner Mutter um.
Plötzlich wie ein Schlag verschwand das Bild mit dem Friedhof vor Leos Augen. Und er raste eine Tür entgegen, die kurz bevor er hindurch treten konnte zugeschlagen wurde.
Er hörte seine eigene Stimme, schreiend und verzweifelt von der anderen Seite der Tür her.
"NEIN... KOMMT NICHT HIER REIN."
Verzweiflung, Wut, Trauer und Hilflosigkeit durchströmten sein Herz.
Er sah wie der junge Chris vor der Tür zusammen sackte und weinend auf dem Boden zusammenbrach. Neben ihm hämmerte Wyatt gegen die Tür.
Beide Brüder weinten und schrien nach ihrem Vater.
Leo wollte etwas tun, sie beruhigen, als gerade die Tür aufging und sein schreckensbleiches, älteres Selbst heraus trat. Er blickte zitternd seine Söhne an und schüttelte gequält den Kopf.
Wyatt und Chris blickten zu ihren Vater hoch.
"NEIN.", weinte der Ältere und stürzte an seinem Vater vorbei durch die Tür.
Chris stand auf, auch er zitterte. Er trat auf seinen Vater zu und wollte ihn trösten. Doch dieser wandt sich ab, ließ seinen Sohn stehen und beamte sich weg.
Nach einer Weile drehte sich Chris' bebender Körper um und folgte seinen Bruder durch die Tür.
Wyatt war nicht mehr da... auch er musste sich weggebeamt haben, weg, ... weit weg.
Und so war Chris ganz alleine mit dem toten Körper seiner eben verstorbenen Mutter.

Wieder verschwand das Bild. Leos körperloses Selbst schwebte durch den dunklen Strahl der Erinnerungen.
"Was ist dann passiert, Chris? Wie ging es weiter.", hallte Phoebes Stimme durch das Nichts.
Das Esszimmer des Halliwell Hauses erschien vor ihnen. Wyatt, Chris und Leo saßen am Tisch. Keiner sprach ein Wort und Leo spürte wie die Trauer um Piper noch immer drohend wie ein Damoklesschwert über ihnen hing und die Stimmung trübte. Es konnte nicht viel Zeit vergangen sein.
Chris stocherte lustlos in seinem Essen herum. Er sah müde aus, unendlich müde.
Plötzlich hatte Leo das Gefühl, dass sein Sohn ihn direkt ansah, doch er war gar nicht hier und Chris blickte nur traurig durch den körperlosen Leo hindurch auf Pipers leeren Stuhl.
Leo sah, dass der vierzehnjährige Chris die Zähne zusammenpresste. Er sah aus als ob er gleich zu weinen anfangen würde, es sich jedoch nicht erlaubte.
Verängstigt blickte er sich verstohlen zu seinem Vater am Tisch um und begann hastig wieder in seinen Essen herum zu stochern.
Dann verstand Leo auf einmal dieses seltsame Schauspiel. Er, sein späteres Selbst, hatte seinen Söhnen verboten noch mehr zu weinen. Er konnte es nicht glauben. Da saßen seine Söhne, die ihre Mutter verloren hatten und er brachte nicht die Kraft auf sich um sie zu kümmern.
Leo wurde traurig und diesmal war es nicht die Trauer, die er von Chris wahrnahm, sondern seine eigene

Wieder veränderte sich das Bild.
Es dauerte eine Weile bis alles klar wurde, so als ob Chris diese Erinnerung in den Tiefen seines Bewusstseins vergraben hätte und er es nicht wagte diese Bilder aus ihrer Verbannung zu befreien.
Chris saß auf den Bett seiner Eltern. Er war immer noch genauso jung. In seiner Hand hielt er einen kleinen Spiegel. Leo erkannte ihn sofort. Piper hatte ihn von ihrer Großmutter geschenkt bekommen als sie selbst etwa 14 Jahre alt geworden war.
Chris umklammerte den Spiegel fest wie einen Rettungsring, der ihn vor den tobenden Maßen der Wellen seines Schmerzes beschützen sollte.
"Was tust du da?", erklang plötzlich eine Stimme von der Tür her.
Chris sah auf und erkannte seinen Bruder.
"Bist du bescheuert? Dad hat uns dreimal gesagt, dass wir nicht an ihre Sachen gehen sollen." Er riss Chris den Spiegel aus der Hand.
"Aber.. aber ich wollte doch nur...", stotterte Chris.
"Was wolltest du? Ich hab keinen Bock mir wegen dir Ärger einfangen zu müssen. Du hast hier nichts zu suchen, verdammt."
Chris war aufgestanden und funkelte seinen älteren Bruder zornig an.
"Du hast mir gar nichts zu sagen. Das geht dich alles überhaupt nichts an!"
"Aber Dad. Er hat es dir gesagt und mir auch, also mach jetzt, dass du hier raus kommst."
Doch Chris dachte nicht daran. Er baute sich vor seinen Bruder auf.
"Gib ihn wieder her.", befahl der Jüngere.
"Vergiss es."
"Gib ihn her!"
Chris stürzte sich auf seinen Bruder und versuchte ihm den Spiegel zu entreißen. Die Rangelei nahm erst ein Ende als plötzlich Leo in der Tür stand.
"Was macht ihr hier? Ich hab' euch doch gesagt, dass ihr hier nichts zu suchen habt.", donnerte er los.
Die Köpfe der Beiden hatten sich erschrocken zur Tür umgewandt. Erstarrt standen sie da, jeder an Pipers alten Spiegel festhaltend.
"Was macht ihr hier?", fragte Leo noch einmal. Seine Stimme war eiskalt. "Ihr habt hier nichts zu suchen!"
"Das hab ich ihm auch gesagt.", plapperte Wyatt sofort los. "Aber er wollte nicht auf mich hören."
Leo wandt sich wütend von seinen älteren Sohn zu seinen jüngeren um.
"Ist das wahr?"
"Ja.", gab Chris zu. Seine Stimme war fest. "Wyatt kann nichts dafür."
"Und warum, Chris.", fragte Leo erbost. "Hörst du nicht auf das, was dein Vater und dein älterer Bruder dir sagen?"
"Weil...", er schluckte.
"Weil was?!", zischte Leo ihn an.
Chris atmete lautstark ein, seine Augen verengten sich und er schien vor Wut zu kochen.
"Weil," schrie er seinen Vater an. "Weil ich im Gegensatz zu dir nicht einfach so tun kann als ob ich sie vergessen habe!!" Wyatt und Leo schienen gleichzeitig nach Luft zu schnappen.
"Und gib den endlich wieder her!", brüllte er seinen Bruder entgegen.
Chris schnappte nach dem Spiegel und riss ihn seinen Bruder aus der Hand. In Erwartung auf Widerstand zu stoßen hatte Chris mit einer solchen Wucht nach dem Spiegel gepackt, dass er sowohl Wyatt als auch Chris aus den Händen rutschte und mit einem lauten Splittern gegen die Wand schlug und zerbrach.
Chris war erstarrt.
"Das... das, das wollt' ich nicht.", sprach er entschuldigend zu seinem Vater.
Doch als er sich gerade bücken wollte um die Scherben aufzusammeln, trat sein Vater auf ihn zu und gab ihn eine Ohrfeige.
"NEIN", rief Leo und wollte sich gerade wütend auf sein zukünftiges Selbst stürzten, doch instinktiv hatten Phoebe und Piper den Druck auf seine Hände verstärkt und hielten ihn fest.
Er konnte es nicht fassen. Er, Leo, ein Wächter des Lichts, hatte seinen Sohn geschlagen, ihn wirklich geschlagen und das nur, weil er in seiner Trauer um seine Mutter aus versehen ein Erinnerungsstück zertrümmert hatte. Wie war es nur soweit mit ihm gekommen? Wie konnte das bloß möglich sein?
Doch auch der Leo aus der Zukunft konnte nicht fassen, was er eben getan hatte. Erschrocken hielt er sich die Hände vor den Mund und kniete sich zu seinen Sohn der, mehr vor Schreck als von der Wucht des Schlages, zu Boden gegangen war.
"Es... Es tut mir leid.", stotterte er entschuldigend los.
Doch Chris sah seinen Vater nur ungläubig in die Augen und hielt sich das Gesicht.
Leo zog seinen Sohn zu einer Umarmung zu sich heran, doch in diesem Moment beamte Chris sich davon.
Schwärze. Überall Schwärze im Wirbel der Erinnerungen.
"Chris...", schrie Leo. "Chris, es tut mir leid." Er sackte leicht in die Knie. Nur Piper und Phoebe hielten ihn noch aufrecht. Er spürte das sein Gesicht nass war und doch konnte er seine Hände nicht ausstrecken um die Tränen wegzuwischen.
"Es tut mir leid... es tut mir so leid."