- Traumzeit II -
"Leo.", er hörte
Phoebes Stimme neben sich in der Dunkelheit. "Hör auf damit
und folg' mir."
Doch Leo wollte nicht. Er wollte nicht wissen,
was Phoebe und Chris ihm noch alles zeigen würden. Er wollte
nicht sehen, was für ein schlechter Vater er war. Er wollte
einfach nicht.
Er versuchte seine in Pipers verschränkten
Finger zu lösen, wollte loslassen und die Verbindung
unterbrechen.
"Leo."
"Ja, Piper."
"Du musst es
sehen. Nur so können wir Chris helfen."
Chris helfen... Er
musste Chris helfen... Nur so konnte er wieder gut machen, was er ihm
in der Zukunft angetan hatte.
Wenn er dort ein schlechter Vater
war, so wollte er es zumindest hier nicht sein. Er würde Chris
helfen und ihm zeigen, dass er ihn liebte, dass er alles für ihn
tun würde, auch wenn ein Teil von ihm glaubte über das
Gesehene verbluten zu müssen. Wenn Chris mit dieser Erinnerung
leben musste, so würde Leo es auch.
Entschlossen umgriff er
Pipers Hand und nickte und auch wenn sie es nicht sehen konnte, so
verstand sie dennoch, was er ihr sagen wollte.
"Chris.",
sprach jetzt wieder Phoebe. "Zeig uns woran du dich noch
erinnerst."
"Wo bist du gewesen?", fragte Chris. Er
stand in Wyatts Zimmer. Er war älter, aber nicht viel. Seine
Haare waren kürzer und er war ein gutes Stück gewachsen. Es
war dunkel vor dem Fenster und das Licht war eingeschaltet.
Wyatt
hatte sich gerade in das Zimmer gebeamt. Im Gegensatz zu seinen
Bruder hatte er sich deutlicher verändert. Er wirkte viel
erwachsener, sein blondes Haar war noch länger geworden und hing
ihm jetzt wild in sein ernstes Gesicht.
Eine fast spürbare
Kälte schien von ihm auszugehen und sein Atem ging schnell, als
ob er gerannt wäre oder sich sehr angestrengt hätte.
Irgendetwas
an ihm stimmte nicht, dachte Leo und Chris' nächste Frage ließ
darauf schließen, dass auch er das dachte.
"Was ist
passiert?"
"Nichts.", antwortete Wyatt. Seine Stimme war
tiefer geworden.
"Wo bist du gewesen?", fragte Chris noch
einmal.
"Das geht dich gar nichts an." Er fuchtelte mit der
Hand wie um eine lästige Fliege zu verscheuchen. Seine Hand war
blutig.
Chris blickte sie entsetzt an.
"Was ist? Bist du
verletzt? Soll ich Dad holen?" Chris wollte sich gerade zum Gehen
umwenden, doch Wyatt kam plötzlich auf ihn zu und drückte
ihn wütend gegen die Wand.
"Wag' es ja nicht!", drohte
er.
Chris sah seinen Bruder erschrocken an.
Wyatt ließ
ihn wieder los und begann in seinem Zimmer nach etwas zu suchen.
"Was
hast du getan, Wyatt?", fragte Chris schließlich.
Diese
Frage, diese eine Frage war entsetzlich wichtig. Leo spürte, wie
Chris Angst vor der Antwort hatte, denn diese eine entsetzlich
wichtige Frage bedeutete, dass er glaubte Wyatt sei fähig ALLES
zu tun.
"Was hast du getan?", wiederholte er und betonte dabei
jede Silbe.
Wyatt hatte gefunden was er suchte und verbarg es
jetzt hinter seinem Rücken. Er drehte sich lächelnd zu
seinem Bruder um und sagte:
"Nichts, was dich etwas angeht,
Bruderherz."
Chris starrte ihn an. Sein ganzer Körper
schien unter Spannung zu stehen.
"DAAAAAAAD.", schrie er
los.
Wyatt hob die Hände. Chris flog durch die Luft. Eine
weitere, gerade zu spielerische Handbewegung seines Bruders und
Chris' Schulter wurde von einem Dolch durchbohrt, der ihn an die Wand
nagelte.
"NEIN.", entfuhr es Piper.
Doch das Bild war schon
wieder verschwunden, noch ehe Leo begriff, dass das stechende Gefühl,
das ihn übermannte Schmerz war.
Chris und Leo standen im
Flur eines Mietshauses. Ihr gedrücktes Schweigen signalisierte
Leo, dass sie sich eben gerade gestritten hatten.
Sie standen vor
einer Tür. Eine messing Acht hing daran. Zu Chris' Füßen
standen zwei Koffer.
"Bitte, Dad.", sagte Chris.
Die Tür
ging auf. Pipers Vater Victor stand verwundert in der Tür.
"Leo?",
fragte er freundlich.
"Bitte, Dad.", wiederholte Chris und
wandt sich jetzt flehend zu seinem Vater um. "Bitte, lass mich
mitkommen."
"Nein, Chris.", sagte Leo.
"Aber... aber
ich kann dir helfen." Er griff nach Leos Arm und hielt ihn fest.
Leo spürte, dass sein Sohn verzweifelt war. Er spürte, dass
er Angst hatte nach Mutter und Bruder, nun auch noch seinen Vater
verlieren zu müssen.
"Nein, Chris, das kannst du
nicht...Und ich... ich kann mich jetzt nicht auch noch um dich
kümmern. Ich muss jetzt erstmal deinen Bruder finden." Er nahm
Chris' Hand und zog sie von seinen Arm weg. "Das verstehst du doch,
oder?"
Chris blickte zu Boden.
"Hör auf deinen
Großvater.", sagte Leo, wuschelte seinem Sohn noch einmal
kurz durch die Haare und wandt sich zum Gehen.
"Aber Leo, wo
willst du hin?", fragte Victor.
Doch Leo antwortete nicht und
als er um die Ecke verschwunden war hörte Chris das sich er sich
davon gebeamt hatte.
Wieder wurde die Szenerie von einen Wirbel
aus Schwärze verschluckt.
Leo fühlte sich so schrecklich
einsam. Er hatte Angst, schreckliche Angst, die er aber immer wieder
beiseite schob aus Furcht ihr nicht entkommen zu können, wenn er
sie einmal zuließ. Doch da war noch mehr... Liebe. Unglaubliche
Liebe zu seiner Familie und Sorge um sie. Er würde alles tun um
ihr zu helfen, alles. Er wäre sofort dazu bereit gewesen, sein
eigenes Leben zu opfern um das seiner Familie zu retten.
Ein Meer
aus Hilflosigkeit und ein stiller Gedanke, der sich langsam und
allmählich zu der Gewissheit entwickelte, dass er der Jenige
sein würde, an dem es hing all das zu richten, all das in
Ordnung zu bringen und dafür sorgen zu müssen, dass es ein
Ende fand. Denn niemand anderes konnte es.
Er wusste, dass er
eines Tages alles hinter sich lassen und sein eigenes Leben endgültig
aufgeben musste um das anderer zu retten. Und er wartete. Wartete auf
den Tag an dem er dazu die Kraft finden würde.
Leo dachte
nach. Es beschämte ihn, dass sein jugendlicher Sohn sich bereits
schon so früh, mit Aufgaben auseinander setzten musste, die
eigentlich seine, Leos, waren, dass er, anstatt einfach unbeschwert
und glücklich zu sein mit der Last leben musste, dass seine Welt
auseinander brach und er als Einziger wirklich die Verantwortung
dafür übernahm, sie wieder zusammen zu fügen.
Leo
hatte seinen Sohn alleine gelassen, alleine mit dieser Angst, alleine
mit seinen Gefühlen... so wie er es schon nach Pipers Tod getan
hatte.
Leo fragte sich wie es nur soweit mit ihm kommen konnte.
Der Schmerz über den Verlust seiner Frau? Der Schmerz über
den Verlust seines Sohnes an das Böse? Doch Chris fühlte
den selben Schmerz und ihm Gegensatz zu ihm, würde Chris es
wagen sich gegen Wyatt, sein eigen Fleisch und Blut, zu stellen.
Leos
Gedanken wurden unterbrochen als sich vor ihm ein neues Bild
aufbaute.
Chris saß an einem Schreibtisch und las. Er
war älter, etwa sechzehn und sah gut aus. Die Zeit bei seinem
Großvater schien ihm gut getan zu haben, denn er wirkte
entspannter als Leo ihn je zuvor gesehen hatte. Seine Nase war ein
wenig spitzer geworden und seine Haare standen ihm in alle Richtungen
ab, was ihm einen Touch jugendlicher Aufmüpfigkeit verlieh. Er
trug ein grünes T-Shirt mit der Aufschrift "No tomorrow
today", was entweder der Name einer Band aus der Zukunft oder, in
Anbetracht von Chris' späteren Verhältnis zur Zeit, ein
mehr als makaberer Spruch war.
Er hatte seine Füße
lässig auf den Tisch abgelegt und kaute an einem Bleistift, den
er immer wieder aus dem Mund nahm um sich einige Notizen am Rande
seines Buches zu machen.
Die Tür ging auf.
Chris legte den
Kopf weit in den Nacken und sah seinen Großvater verkehrt herum
in das Zimmer treten.
"Hey, Grandpa.", sagte Chris. "Wusste
gar nicht, dass du schon zu Hause bist."
"Chris." Victor
setzte sich auf das Bett.
"Ja, ich weiß... ich bring den
Müll gleich noch raus."
"Chris.", wiederholte sein
Großvater.
"Ja?"
"Ich muss mit dir reden."
Chris
sah auf. Er nahm die Füße vom Tisch und blickte seinen
Großvater leicht beunruhigt in die Augen.
"Was ist?",
fragte er.
Doch sein Großvater antwortete nicht.
"Grandpa,
was ist denn? Du siehst so komisch aus."
"Chris...", sagte
er nur wieder. "Dein Vater war eben hier und,-"
"Dad war
hier?", Chris sprang auf. "Wo ist er? Ist er noch da? Ich will
mit ihm reden."
Doch sein Großvater antwortete schon
wieder nicht. Er sah ihn einfach nur traurig an.
"Was ist
passiert?", fragte Chris und setzte sich neben Victor aufs
Bett.
Nach einigen Momenten fand sein Großvater endlich die
Kraft um ihn zu antworten:
"Chris... deine Tanten..."
Leo
spürte wie er ins Bodenlose fiel. Eine kalte Furcht machte sich
in ihm breit und eine grausame Ahnung nagte an seinem Inneren.
"Was
ist mit ihnen?", fragte Chris leise. "Was ist mit ihnen,
Grandpa?" Seine Stimme wurde lauter. "Was ist mit Phoebe und
Paige?"
Er packte seinen Großvater an den Armen und begann
ihn zu schütteln als er immer noch nicht antwortete. Victor ließ
ihn einige Sekunden gewähren bis er schließlich seine
Handgelenke umfasste.
"Chris...", er sah seinen Enkel in die
Augen. "Sie sind tot."
"NEIN.", schluchzte Chris. Sein
Großvater zog ihn zu sich heran und Chris weinte in seine
Schulter.
"Wie?...", fragte er nach einiger Zeit gebrochen.
Doch wieder antwortete ihm sein Großvater nicht.
"Grandpa,
ich will wissen wie." Er löste sich aus seiner Umarmung und
sah ihn fordernd an.
Nach einigen Momenten bekam er die Antwort,
die er sowieso schon erwartet hatte:
"Wyatt."
Chris schloss
die Augen.
Leo ergriff eine unglaubliche Welle des Zornes, ein
unterirdisches Brodeln, das gleich Lava eines Vulkans aus ihm heraus
brechen würde und alles, alles was da war in Flammen entzünden
würde.
Er schürte diesen Zorn, denn er wusste, er war
das Einzige zwischen ihm und der erschütternden Leere, die Wyatt
in sein Leben gebracht hatte indem er ihm Stück für Stück
alles genommen hatte, was er liebte.
Und er wusste, in dieser
Leere würde es nur noch den Wunsch geben auch endlich diese Welt
verlassen zu dürfen um all den Schmerz zu entkommen, der auf
seiner Seele brannte.
Hass durchflutete ihn. Er wollte Wyatt jedes
Bisschen seines Schmerzes entgegen schmettern, ihn fühlen
lassen, was er fühlte, ihm wehtun um sich für all das Leid
zu rächen, dass er verursacht hatte.
Das Gesicht seines
Bruders trat vor sein geistiges Auge... und der Hass
verschwand.
Chris öffnete die Augen.
Wyatt könnte ihm
niemals alles nehmen was er liebte, denn diese Liebe umfasste auch
Wyatt selbst... seinen Bruder.
Chris würde nicht zulassen,
dass er hasserfüllt war. Liebe war das Einzige, was er seinen
Bruder entgegen halten konnte. Liebe würde ihm die Kraft geben,
die Wyatt fehlte. Die Kraft niemals aufzugeben. Denn der größte
Unterschied zwischen den zwei so ungleichen Brüdern war, dass
Wyatt nichts über sein eigenes Leben stellte und es in Chris
Leben immer Dinge geben würde für die er jeder Zeit
bereitwillig sein eigenes geopfert hätte.
Und das verlieh ihm
eine Macht, der selbst Wyatt nichts entgegen bringen konnte.
Chris
stand auf und drehte sich noch einmal zu seinem Großvater
um.
"Was ist mit den Kindern?", fragte er.
"Leo kümmert
sich um sie."
"Was auch immer das heißen mag.",
murmelte Chris mehr zu sich selbst als zu seinem Grandpa.
"Chris.",
setzte Victor an.
Chris sah ihn traurig an. Er wusste was er nun
zu tun hatte. Er musste, anderenfalls würde er keine Ruhe
finden.
"Du wirst mir fehlen, Grandpa."
Sein Großvater
erwiderte seinen traurigen Blick. Auch er wusste es...
"Du mir
auch, Chris." Und akzeptierte seine Entscheidung, denn er hatte
nichts anderes von seinem Enkel erwartet.
Wieder flog Leo
durch die Schwärze und als sich langsam eine neue Erinnerung vor
ihm aufbaute gewahrte er als aller erstes das Heulen von Sirenen.
Er
kannte dieses Geräusch, denn es war in den letzten Wochen immer
wieder durch die Stadt gehallt. Ein Warnschrei, dass sich ein neuer
Schatten drohend über das Zenit gelegt hatte um alles in einer
schwarzen Dunkelheit zu verschlucken.
Leo sah seinen Sohn eine
Straße entlang gehen. Schutt und niedergestürtzte
Gebäudeteile versperrten ihm den Weg. Immer wieder kletterte er
über Steinhaufen und ging an leise vor sich hin flammenden
Autowracks vorbei.
Chris' Gesicht war an einigen Stellen
rußgeschwärzt und seine Kleidung in Mitleidenschaft
gezogen.
Leo wusste, dass sein Sohn nach Überlebenden suchte.
Doch es gab keine.
Nur ein Schreckensbild nach dem nächsten,
ein lebloser Körper neben dem anderen.
Nach einer Weile ließ
sich Chris erschöpft auf einem umgestürzten Laternenpfahl
nieder. Er wischte sich mit dem Ärmel den Schweiß von der
Stirn, der durch die Hitze der kokelnden Autos darauf entstanden war.
Seufzend fuhr er sich mit den Fingern durch die Haare und wirbelte
damit eine Wolke aus Asche auf, die sich schließlich grau und
träge auf seine hängenden Schultern nieder senkte.
Leo
fühlte sich so hilflos. Er wollte die Augen vor diesem Schrecken
verschließen, der sich hinter jeder Ecke, hinter jedem
Trümmerstück verbarg. Er war kurz davor aufzugeben und dem
hier für immer den Rücken zukehren.
Chris' Kopf zuckte
nach oben.
Da war etwas.
Ein Weinen, leise und kaum
vernehmlich.
Er blickte sich hektisch um. Es kam aus einem der
eingestürzten Häuser.
Chris sprang auf und lief auf das
Gebäude zu.
Erkennen konnte er zunächst wenig. Er stand
orientierungslos in der Tür. Im Licht, das von draußen
herein schien tanzten Millionen kleiner Staubkörner. Langsam
gewöhnten sich seine Augen an die Dunkelheit und er sah ein
kleines Mädchen mit angezogenen Knien auf den Boden in einer
Ecke sitzen.
Die kleine Gestalt hielt sich die Ohren zu und
wimmerte leise vor sich hin.
Chris ging auf sie zu. Verletzt
schien sie nicht zu sein.
Als sie ihn sah stieß sie einen
spitzen, langgezogenen Schrei aus.
"Ganz ruhig.", sagte Chris
und setzte sich zu ihr auf den kalten Boden. "Ich tu dir
nichts."
Sie nahm die Hände von den Ohren und sah Chris mit
großen, blauen Augen an.
Diese Augen... Sie weckten etwas
in Leo... Mitleid. Hätte Leo einen Körper gehabt, so hätte
er sie jetzt mit seinen Armen umschlungen um sie vor allem Bösen
zu beschützen, das sie umgab.
"Es ist alles okay.", sagte
Chris. "Es ist vorbei." Er lächelte ihr beruhigend zu.
"Wie
heißt du?", fragte er.
Das Mädchen schniefte und
antwortete nach einigen Zögern:
"Lily."
"Hallo,
Lily. Ich bin Chris."
Sie hob den Kopf und blickte in sein
freundliches Gesicht. Wieder diese Augen. Ein tiefes, großes
Blau, in dem sie selbst ertrunken zu sein schien.
"Chris?",
fragte sie. "Kannst du machen, dass Mama wieder aufsteht?"
Chris
starrte sie an. Sein Blick wurde glasig. Er konnte diese Trauer nicht
mehr länger bei sich behalten und nahm Lily in die Arme.
"Nein,
Lily, leider kann ich das nicht."
Er hob sie hoch und stand mit
ihr auf.
"Aber wir lassen uns jetzt erstmal einfallen wo wir
hingehen können, okay?" Sie nickte ihm zu und schlang
ihre Arme um seinen Hals.
Gemeinsam lösten sie sich in einem
Meer aus blauen Lichtern auf.
