- Traumzeit III -

Dunkelheit. Alles war finster. Nicht das kleinste wärmende Licht. Kälte von vorbei ziehenden Schatten. Schmerzen. Unglaubliche Schmerzen, verdrängt unter der schützende Decke des Vergessens.
Und Sorge. Wachsende Sorge mit wachsender Verantwortung.
"Chris.", rief Phoebe, doch es war nur ein gedämpftes Wispern, das von der Dunkelheit verschluckt wurde.
Leo glaubte davon zu treiben, verloren zu gehen in dieser Düsternis. Er wollte sich fallen lassen und wartete darauf, dass es ein Ende nehmen würde, er auf etwas stoßen würde... auf ein Licht am Ende dieser trüben Nacht. Er spürte noch immer Pipers und Phoebes Hände. Doch sein Körper schien von seinem Geist gewaltsam getrennt worden zu sein. Das Eine passte nicht mehr zu dem Anderen.
Doch er wagte es nicht los zulassen. Er wagte es nicht seinen Sohn in dieser Dunkelheit alleine zu lassen.
"CHRIS.", rief nun auch er. Seine Stimme wehte durch den endlosen Raum und schien auf nichts zu treffen, was sie auffangen konnte.
"CHRIS", rief er noch einmal.
"Dad.", drang die Stimme seines Sohnes nah an sein Ohr, so als ob er neben ihm stehen würde und kein Universum aus Dunkelheit sie von einander trennte.
"Chris."
"Ja, Dad."
"Du musst es sehen, Chris."
"Wieso?"
"Weil man die Augen nicht vor der Wahrheit verschließen darf."
Stille. Und Chris offenbarte eine neue Erinnerung.

Keine Luft. Es gab keine Luft. Keine Luft zum atmen. Er wusste nicht mehr wie das ging mit dem Luftholen, er hatte es einfach vergessen. Er hatte nie darüber nachdenken müssen, doch wie bei so vielen Dingen wurde ihm erst durch ihren Verlust bewusst wie sehr er sie brauchte. So auch bei der Luft, die einfach nicht mehr da war.
Gekrümmt lag er am Boden, die Knie zusammen gezogen und die Augen weit aufgerissen.
Jede Phaser seines Körpers, jeder Zentimeter brannte vor Schmerz. Ein Schmerz, der niemals aufhören würde. Aufhören. Aufhören. Aufhören. Was bedeutete dieses Wort? Warum war es so wichtig?
Vor ihm auf den Boden lag der Deckel einer Flasche. Ein roter Deckel. Wie der wohl dort hingekommen war? Auf jedenfall würde dieser rote Deckel das Letzte sein, was er sehen würde bevor er starb. Sterben. Aufhören. Irgendwie hingen diese beiden Worte zusammen.
"Gib auf, Chris." Wo kam diese Stimme her?
"Gib endlich auf." Irgend woher kannte er diese Stimme. Doch woher?
"Du hast keine Chance. Die hattest du nie." Er mochte diese Stimme nicht.
"Also gib endlich auf." Aufgeben? Aufhören? Sterben?
NEIN!
Du Luft war wieder da. Ebenso das Geschehen um ihn herum.
Leo sah Chris in einem Zimmer auf den Boden liegen. Sein Gesicht war schmerzverzerrt und sein Körper schüttelte sich unter einen Hustenanfall.
Wyatt stand über ihn gebeugt. Seine Gestalt wurde von hinten von einem fernen, grellen Licht beleuchtet und seine langen, blonden Locken umrahmten sein Gesicht zu einer widersprüchlich schönen Engelsfratze.
Er hielt die Hände über seinen Bruder gestreckt, aus denen immer wieder blau gezackte Blitze stoben, die in die zusammen gekauerte Gestalt seines jüngeren Bruders drangen und ihn unter Schmerzen aufschrien ließen.
Leo wollte zwischen die Beiden treten um die quälenden Attacken auf Chris abzufangen. Doch er war gar nicht hier, wurde immer noch von zwei festen Händen gehalten und war so gezwungen bloß als stiller Zeuge diesem schrecklichen Schauspiels beizuwohnen.
Chris schrie als ein erneuter Schwall von Blitzen auf ihn nieder ging. Sein Körper zuckte leicht als sich seine Muskeln im wilden Durcheinander zusammen zogen.
Irgendwann hörte es auf.
Chris keuchte und löste mühsam den Blick von dem roten Deckel neben seinem Gesicht.
Wyatt war in die Knie gegangen und lächelte ihn an. Er war ihm jetzt ganz nahe und hätte Chris die Kraft dazu gehabt, so hätte er ihm jetzt mit einem gewaltigen Schlag sein überhebliches Grinsen aus dem Gesicht gewischt.
"Ich könnte dich jetzt töten, Bruderherz.", sprach Wyatt. "Aber das will ich nicht und das brauch ich auch nicht."
Sein Lächeln wurde breiter.
"Ich will, dass du jetzt zu deinem kleinen, erbärmlichen Haufen zurückkehrst und ihnen erklärst, dass es keinen Sinn hat sich gegen mich zu stellen."
"Niemals.", flüsterte Chris.
"Entweder das oder sie werden alle sterben." Er stand auf und drehte Chris den Rücken zu.
"Selbst Dad hat eingesehen, dass er nichts gegen mich ausrichten kann. Wie sollten du und ein paar halbstarke Aufsässige es dann können? Wenn du sie wirklich retten willst, Chris, dann sorge dafür, dass sie sich mir anschließen."
"Ach ja, und was dann?", Chris Stimme bebte vor Zorn.
"Dann.", sprach Wyatt weiter. "Dann werden sie ihre gerechte Strafe erhalten. Doch zumindest wird ihnen ihr Leben geschenkt. Und das willst du doch, oder Chris? Oder möchtest du der jenige sein, der sie in den Tod führt?"
Mit diesen Worten drehte er sich noch einmal zu seinem am Boden liegenden Bruder um und beamte sich weg.
Chris lag noch einige Minuten reglos da. Leo versuchte seine Gefühle wahrzunehmen. Doch da war nichts, nichts weiter als der Schmerz auf seinen Körper. So als ob er, ebenso wie Leo, bloß ein unbeteiligter Beobachter des eben Geschehenen gewesen wäre und er es nicht wagte das Schloss zu seinem verborgenen Kummer zu öffnen aus Angst dem Sturm seiner Gefühle zu erliegen.
Er stand auf und klopfe sich den darauf gelegenen Staub von seiner Kleidung.
Er beugte sich zum Boden und griff nach dem roten Flaschendeckel. Er schaute sich ihn kurz an und verbarg ihn dann in seiner Faust.
Dann holte er lautstark Luft und beamte sich aus dem Raum.

Keine fünf Sekunden später tauchte er in einer großen Halle wieder auf. Sie war überfüllt mit Menschen.
Leo brauchte einige Momente um die Halle als die U-Bahnstation zu erkennen, in der sich ein Teil von ihm, noch immer befand.
Doch jetzt war sie keinesfalls mehr leer und kaum wieder zu erkennen. Gut hundert Menschen hatten sich in ihr versammelt. Frauen und Männer jeden Alters, Kinder teils in herunter gekommener Kleidung, teils im Spiel herum rennend. Verletzte lagen auf einigen Decken entlang der Wände und fleißige Helfer gingen zwischen ihnen entlang und versorgten ihre Wunden.
Lebensmittel waren in einer Ecke aufgetürmt und einige gefährlich aussehende Waffen waren ordentlich gleich daneben aufgereiht.
Ein wildes Sammelsurium von Menschen ging den unterschiedlichsten Tätigkeiten nach, während andere nur teilnahmslos auf den Boden saßen oder sich unterhielten.
Das ganze Szenario machte den Eindruck von einer Mischung aus Lagerplatz und Kaserne und plötzlich wurde Leo klar, warum das Pendel ausgerechnet hier angeschlagen war und Chris sich in ihrer Zeit hierher gebeamt hatte.
Dies war ihr Versteck. Ihr Unterschlupf. Die Hochburg des Widerstandes gegen Wyatt.
Als Chris in einer Wolke aus blauen Licht in der Halle auftauchte ging er zielstrebig auf etwas zu. Die Menschen, an denen er vorbei kam blickten ihn an, standen verwundert auf nachdem sie sein in Mitleidenschaft gezogenes Erscheinungsbild gesehen hatten.
Einige sprachen ihn verwirrt an, doch Chris ging immer weiter und schenkte ihnen keine Beachtung.
Immer mehr Köpfe drehten sich nach ihm um und langsam nahm das wilde Durcheinander der vielen Unterhaltungen ab.
Er kam an den Fuß einer Treppe an, die oben hin eingestürzt war. Er stieg einige Stufen nach oben und drehte sich dann zu der unter ihm liegenden Menge um.
Ausnahmslos alle Stimmen waren verstummt, wie eine Welle hatte sich das Schweigen von der Treppe her ausgebreitet.
Jeder, bis auf die Verletzten am Boden, war aufgestanden und starrte nun erwartungsvoll zu Chris hinauf. Kinder waren auf herum liegende Betontrümmer geklettert und versuchten sich jetzt Lücken zwischen den vielen Köpfen zu bahnen um so einen Blick auf Chris zu erhaschen.
Hunderte Augenpaare starrten ihn fragend an.
"Heute.", begann Chris und seine Stimme hallte laut vernehmlich durch die Halle.
"Heute habe ich etwas erfahren."
Er ließ den Blick durch die Menge schweifen. So viele bekannte Gesichter, in denen sich alle die selbe Erwartung abzeichnete.
"Heute habe ich erfahren, dass mein Bruder Angst hat."
Stille. Niemand schien auch nur zu atmen. Unglaube. Gebannt hingen sie an seinen Lippen, gierig nach jedem Wort, dass sie überzeugen konnte.
"Mein Bruder hat Angst vor uns. Angst, dass wir ihm gefährlich werden können. Angst das jene, die er unterdrückt hat, jene, denen er alles genommen hat, nun nichts mehr zu verlieren haben und sich gegen ihn richten."
Wie war das möglich, stand es fragend in ihren Augen.
Chris richtete sich zu seiner vollen Größe auf. Er strahlte eine Entschlossenheit aus, eine Gewissheit, die jeder der unter ihm Stehenden in sich aufsog und mit Wärme erfüllte.
Leo hatte ihn noch nie so erlebt. Eine fast fühlbare Energie schien von ihm auszugehen und jeder hier in diesem Raum betrachtete seinen, noch nicht einmal ganz erwachsenen, Sohn als das, was er war: als ihren Anführer.
"Heute habe ich von dieser Angst erfahren. Heute habe ich diese Angst in seinen Augen gesehen. Und auch, wenn es viele Jahre her sein mag, dass mein Bruder das letzte Mal eine solche Angst verspürt hat, so habe ich sie dennoch unverkennbar als solche in seinen Augen gesehen. Er fürchtet sich. Er fürchtet sich vor uns und will die Bedrohung, die von uns ausgeht im Keim ersticken."
Er hielt kurz inne.
"Doch ich sage euch:" Und seine Stimme wurde lauter.
"Das wird ihm nicht gelingen! Denn diese Bedrohung ist schon lange da. WIR sind schon lange da und WIR, der Widerstand, werden IMMER da sein." Er hob die zu Fäusten geballten Hände.
"Heute sagte mein Bruder zu mir: 'Gib auf, Chris.'"
Noch einmal ließ er den Blick schweifen.
"Und heute sage ich zu euch: 'Ich werde NIEMALS aufgeben!'
WIR werden niemals aufgeben, denn WIR sind der Widerstand. WIR sind hier. Gemeinsam. Die Bedrohung und werden nicht eher ruhen bis die Welt wieder zu dem Ort wurde, die sie war bevor Wyatt seinen drohenden Schatten auf sie geworfen hat.
Wir werden nicht eher ruhen bis die Menschen, die wir lieben, in ihr schützendes Zu Hause zurückkehren können und wir werden nicht eher ruhen bis auch die letzte Wunde wieder verheilt und der letzte Stein wieder auf Stein erichtet wurde. Denn WIR, der Widerstand, werden NIEMALS aufgeben, solange auch nur einer von uns steht und in seinem Herzen den Willen trägt für das Gute einzustehen.
Solange werden wir NICHT aufgeben!!"
Er streckte seine nackte Faust gen steinernen Himmel und hundert Fäuste taten es ihm gleich, hundert Jubelschreie aus hundert Kehlen erschallten durch die Halle und brachten sie zum erzittern.
Und dort, klein und versteckt für alle anderen, gewahrte Leo in der Faust seines Sohnes den roten Flaschendeckel. Ein Mahnmal, seine Erinnerung, dass er sich nie wieder erlauben wollte ans Aufgeben zu denken.
Er schritt die Stufen der Treppe hinunter, der jubelnden Menge entgegen und wurde zu einem Teil von ihr.

Leo spürte Veränderung in der Dunkelheit. Viel war geschehen und viel würde noch geschehen. Doch etwas war anders. Chris wurde erwachsen... und doch hatte Leo das Gefühl, dass er immer kleiner wurde. Das, was er war, spielte für ihn keine Rolle. Andere Dinge waren wichtiger, andere Menschen waren wichtiger und sein eigenes Leben verschwand lange immer wieder hinter einem Schleier von Aufgaben, von Entscheidungen und Wagnissen, die er eingehen musste. Und wahrscheinlich wäre eines Tages seine gesamte Existenz ohne, dass er es merken würde, hinter diesem Schleier zu einem kleinem Nichts zusammengeschrumpft, wenn sich nicht etwas geändert hätte.
Ein Funke glühte in der Dunkelheit auf. Ein wärmendes Leuchten, das Trost und Zuflucht in Leos einsames Herz brachte und ihm Kraft gab weiter zumachen. Eine Stimme flüsterte immer wieder leise in sein Ohr. "Die Hoffnung stirbt zuletzt, Chris. Erst wenn du aufgibst, ist alles verloren."
Ein neues Bild erschien vor Leos Augen.

"Du kannst ihr nicht trauen, Chris."
"Wieso nicht, Derick?", fragte Chris. Sie standen in einer Ecke der U-Bahnhalle. Es musste einige Zeit vergangen sein. Leo schätze seinen Sohn auf etwa neunzehn Jahre ein, denn er ähnelte dem jetzigen Chris fast gänzlich. Auch sein leicht gehetzter Gesichtsausdruck war der, den Leo von seinem Sohn schon sehr gut kannte. Man sah ihm die Verantwortung, die auf seinen Schultern lastete deutlich an.
Er rieb sich mit den Fingern zwischen den Augen.
"Sie ist ein Phönix!", meinte der Mann ihm gegenüber als ob das Erklärung genug wäre.
"Ich weiß.", antwortete Chris ungeduldig. "Stell dir vor, ich hab ihr Mal auch schon gesehen."
"Du kannst keinen Phönix trauen, Chris."
"Derick.", fuhr Chris fort und legte seinem Gegenüber die Hand auf die Schulter. "Glaubst du denn, ich würde uns alle gefährden, wenn ich mir bei ihr nicht sicher wäre?"
"Und was macht dich so sicher?", fragte Derick zurück.
Chris seufzte und schüttelte leicht den Kopf.
"Ich weiß nicht, es ist einfach ein Gefühl. Ich fühle einfach, dass ich ihr vertrauen kann."
"Ach, und das reicht aus, ja? Du gehst da einfach nach deinem Gefühl."
Chris nahm die Hand von Dericks Schulter und zog die Augenbrauen zusammen. Es hätte nicht deutlicher sein können, dass Chris es nicht gewöhnt war kritisiert zu werden. Dennoch fuhr er ganz sachlich und ruhig fort:
"Derick. Wonach wenn nicht nach meinem Gefühl soll ich denn sonst gehen? Wenn mein Gefühl mir sagt, dass ich ihr vertrauen kann, dann kann ich ihr auch vertrauen."
Chris lächelte ihn an und drehte sich zum Gehen um.
"Und dein Gefühl sagt dir also, dass du mir nicht vertrauen kannst?"
Chris blieb stehen und drehte sich noch einmal zu ihm um.
"Oder wieso sonst, willst du mir nicht verraten wo wir überhaupt sind, hm?"
"Derick, das hat damit überhaupt nichts zu tun. Ich weiß, dass ich dir vertrauen kann." Er kam wieder zurück und platzierte seine Hand noch einmal genau auf die selbe Stelle an seiner Schulter.
"Du weißt, dass es besser ist, wenn so Wenige wie möglich wissen, wo unser Versteck ist."
"Und wieso hast du es dann ihr gesagt?", fragte Derick. "Und mir nicht?"
"Derick... das hat nichts damit zu tun, dass ich dir nicht vertraue. Bloß kann Bianca sich im Gegensatz zu dir im Notfall selbst verteidigen. Ich will dir nicht sagen, wo wir sind um dich nicht in Gefahr zu bringen, verstehst du? Ich will dich doch nur schützen."
Er klopfte ihm auf die Schulter und ließ Derick stehen.

Wieder verwandelte sich das Bild vor Leos Augen. Es ging in einem Wirbel aus Farben auf, der sich schließlich nach einer Weile zu einem neuen Bild zusammensetzte.
Es war dunkel in dem Zimmer, das vor Leo auftauchte. Und doch fühlte er sich sicher und so entspannt wie seit einer Ewigkeit nicht mehr. Alle Last, alle Sorgen waren für ein paar Stunden vergessen und der Frieden, den er fühlte hatte den Kummer aus seinem Herzen verbannt.
Er brauchte einige Momente um zu erkennen, dass er glücklich war. Ja, er fühlte Glück, er hatte dieses Gefühl nur so lange nicht gehabt, dass er es kaum mehr erkannt hatte.
Chris lag mit dem Kinn auf einem Kissen und hielt die Augen geschlossen.
"Schläfst du?", fragte eine Frauenstimme.
Chris Mundwinkel verzogen sich zu einem stillen Lächeln.
"Jetzt nicht mehr." Murmelte er in sein Kissen.
Er drehte sich auf den Rücken und hob den Arm. Biancas Kopf legte sich auf seine Brust und sie ergriff sein Handgelenk.
"Weißt du was ich mir eben überlegt habe?", fragte sie und spielte dabei mit seiner Hand.
"Was denn?", fragte Chris.
"Ich hab mir überlegt, wenn wir mal Kinder haben, dann würd' ich gern mit ihnen am Stadtrand wohnen."
"Am Stadtrand?"
"Ja, in einem kleinen, weißen Haus mit nur einem Badezimmer."
"Wieso mit nur einem Badezimmer?", fragte Chris.
"Ich weiß nicht.", antwortete Bianca und drehte dabei ihr Gesicht zu ihm hoch. "Unsere Kinder würden dann jeden Morgen das Bad blockieren und du würdest müde in deinem Morgenmantel davor stehen und mit ihnen schimpfen."
Chris lächelte.
"Ja, und ich würde dann in der Küche stehen und Pfannkuchen backen und dir ein Lunchpaket machen. Und da wäre was gesundes drin. Obst und ein Sandwich. Weil du auf der Arbeit sonst den ganzen Tag nur Kaffee trinken und Donuts essen würdest."
Chris schlang die Arme um ihren Oberkörper und musste dabei noch mehr lachen.
"Und was für eine Arbeit hätte ich?", fragte er. "Oh, nein, warte. Lass mich raten. Ich hätte bestimmt einen langweiligen Bürojob bei dem ich jeden Morgen im Anzug erscheinen muss."
"Ja.", sagte Bianca und nun musste auch sie lachen. "Und ich wäre im Elternbeirat."
"Im Elternbeirat?", prustete Chris los.
"Ja, ich würde Kekse backen und Kostüme nähen für die Theateraufführungen unserer Kinder. So wie alle anderen Mütter auch."
"Ja... so wie alle anderen Mütter."
"Das wär schön.", meinte Bianca nach ein paar Sekunden.
"Ja, das wär schön."
Beide lagen sie einige Momente still da.
"Und wir würden ein ganz normales Leben führen, so wie alle anderen auch."
Das Lächeln von Biancas Gesicht verschwand. Chris drückte sie fest an sich.
"Eines Tages, Schatz.", sagte Chris und gab ihr einen Kuss auf die Stirn. "Eines Tages werden wir unser Haus mit nur einem Badezimmer haben."
Es wurde noch dunkler in dem Zimmer, bis es schließlich im Nebel der Erinnerungen verschwand.
Leos Herz wurde schwer, als ihm einfiel, dass die junge Frau aus diesem Zimmer nur wenige Monate zuvor von seinem ältesten Sohn getötet worden war.

"Chris, du kannst nicht noch mehr Leute hier herbringen." Wieder waren sie in der großen U-Bahnstation.
"Wieso nicht, Dad? Du tust es doch auch."
Chris und Leo gingen durch eine Reihe von Neuankömmlingen hindurch. Chris erklärte jedem in knappen Worten seine Aufgaben. Einigen drückte er anschließend einen Dolch oder eine ähnliche Waffe in die Hand.
"Ja, aber ich bring hier Frauen und Kinder her... Du hingegen...", antwortete Leo und hing seinen Sohn an den Fersen.
"Ich bring auch Frauen und Kinder her. Bloß auch ihre Väter und Ehemänner, die für sie kämpfen wollen."
Chris schien beschäftigt, er sah seinen Vater nicht einmal in die Augen und ging schnellen Schrittes zwischen den Menschen hindurch und gab vereinzelnd Anweisungen an sie.
"Ja, und genau das ist das Problem, Chris."
Leo hielt seinen Sohn am Arm fest und zwang ihn so ihm seine Aufmerksamkeit zu zuwenden.
Chris seufzte und sah seinen Vater nun endlich ungeduldig in die Augen.
"Und wieso ist genau das das Problem, Dad?", fragte er genervt.
Leo blickte sich um und zog seinen Sohn etwas abseits der Anderen.
"Das weißt du genauso gut wie ich, Chris. Du weißt genauso gut wie ich, dass sie keine Chance haben."
Chris wollte sich abwenden, doch Leo verstärkte den Druck auf seinen Arm.
"Du schickst sie in den Tod, Chris!"
Chris sah seinen Vater an. Ein Muskel zuckte an seinem Kiefer. Ihm schien gleich der Kragen zu platzen.
"Dad. Nur weil du dich entschieden hast, die Hände in den Schoß zu legen, kannst du nicht erwarten, dass sich andere ebenso entscheiden. Stell dir vor, es gibt tatsächlich immer noch Menschen, die bereit sind ihr eigenes Leben zu riskieren um das Leben der Menschen, die sie lieben zu schützen."
Leo legte die Stirn in Falten. Auch er schien wütend zu werden.
"Glaubst du wirklich, dass würde ich nicht auch? Glaubst du wirklich ich hab mich so entschieden, weil ich Angst um mein eigenes Leben habe? Kannst du mich denn gar nicht verstehen?"
"Nein, Dad, ich glaub nicht, dass du Angst um dein eigenes Leben hast. Ich glaube, du hast dein eigenes Leben schon lange aufgegeben. Verdammt, du kannst dich nicht einfach ewig versuchen daraus zu halten. Deine Beiden Söhne stehen am Abgrund, beide freiwillig, nur du kannst dich nicht entscheiden. Gegen Wyatt willst du nicht kämpfen, weil er dein Sohn ist, aber FÜR deinen anderen Sohn willst du nicht kämpfen obwohl du genau weißt, dass ich einfach nur versuche so vielen Menschen wie möglich zu helfen. Du stellst deine Gefühle zu Wyatt vor deine Verantwortung, die du den Menschen gegenüber hast, die du MIR gegenüber hast und genau das hast du schon immer getan. Und DAS, Dad, kann ich nicht verstehen."
Er riss seinen Arm aus Leos Umklammerung und wandt sich zum Gehen.
"Du schickst sie in den Tod, Chris. Und das weißt du.", zischte ihm sein Vater hinter her.