- Spätes Erwachen -

"Dad?"
"Ja, Chris." Leos Stimme hallte durch die endlose Dunkelheit.
"Ich kann nicht.", sagte sein Sohn ganz nah an sein Ohr.
Leo hörte Phoebe neben sich laut einatmen.
"Was kannst du nicht, Chris?"
"Ich kann das nicht sehen."
"Wieso nicht, Chris?"
Stille.
"Chris?"
"Chris?", fragte jetzt auch Phoebe.
"CHRIS.", auch Piper und Paige begannen nach ihm zu rufen.
Stille.
"Chris, komm zurück.", schrie Phoebe. "Komm zurück."
Doch Chris kam nicht zurück.
Weiter trieben die Vier durch den Nebel seiner Erinnerungen, durch die Schwärze seines Vergessens.
"Phoebe, tu doch etwas. Wir verlieren ihn.", sagte Leo ungehalten, doch seine Stimme verlor sich in den endlosen Weiten.
"CHRIIISS." Er drehte sich verzweifelt suchend nach seinem Sohn um. Doch er konnte nichts erkennen, alles war schwarz.
"CHRIS... Wieso nicht? Wieso kannst du das nicht sehen?"
Stille.
"CHRIS... wieso?"
"Weil du Recht hattest, Dad.", drang eine Stimme an sein Ohr.
"Du hattest Recht."

Es war finster. Kein Mond hing strahlend am Himmel, kein Stern erleuchtete die Nacht. In den wenigen, vereinzelten Lichtkegeln der noch intakten Straßenlaternen huschten kleine Schatten aufgescheucht davon als seine Schritte klickend auf den Asphalt schlugen.
Chris hatte Angst. Nicht davor, dass sein Bruder ihn umbringen würde. Zum einen glaubte er nicht, dass Wyatt das tun würde und zum anderen hatte Chris in seinem Leben schon soviel Tod gesehen, dass er mittlerweile einen Teil seines Schreckens verloren hatte. Nein, er hatte nicht Angst zu sterben. Er hatte Angst zu scheitern. Angst, dass es ihm nicht gelingen würde Wyatt lange genug abzulenken.
Vor einer knappen Woche war es ihnen gelungen heraus zu finden, wo die Gefangenen, die im Laufe des letzten Monats vermehrt von Wyatt und seinen Gefolge gemacht wurden, hingeschleppt worden waren. Nach langem Beratschlagen, hatten sie sich in einer gemeinschaftlichen Entscheidung dazu durch gerungen sie befreien zu wollen und Chris war froh darüber. Er hätte es nicht ertragen können, seine Freunde und die Menschen, die sich auf ihn verließen zurück zu lassen. Er hätte es nicht ertragen Menschen, von denen er wusste, dass sie noch am Leben waren im Stich zu lassen.
Sie hielten es für das Beste überraschend zuzuschlagen. Und so kam es, dass nun fünfzig Männer und Frauen, wahrscheinlich gut der Großteil der noch überlebenden Hexen, Wächter des Lichts und anderer magische Wesen, im Verborgenen vor einer Lagerhalle außerhalb der Stadt lauerten.
Chris wäre lieber mit ihnen gegangen. Lieber hätte er mit ihnen gekämpft als jetzt hier in dieser verlassenen Gasse zu stehen. Doch seine Aufgabe war es Wyatt abzulenken, damit er nichts von diesem Angriff mitbekam.
Anfänglich hatte Chris sich geweigert das zu tun. Doch Bianca hatte ihn schließlich davon überzeugt, dass ihr Vorhaben ohne diese Ablenkung unmöglich erfolgreich sein konnte und er, Chris, der Einzige war, der dies übernehmen konnte. Schließlich hatte sich Chris dazu bereit erklärt, allerdings nur unter der Bedingung, dass Bianca sich gänzlich aus der Sache heraus halten sollte. Widerwillig hatte sie zugestimmt und so musste Chris sich wenigstens nicht auch noch um sie Sorgen machen.
Sondern nur um gut fünfzig andere Menschenleben, dachte er bitter.
Er stand vor einer metallischen Tür. Wyatt war dort hinter. Er hatte ihn ausgependelt.
Chris blickte auf seine Uhr.
Es war Zeit.
Sich wappnend schob er die schwere Tür auf und trat hinein.
Er befand sich in einem fast gänzlich leer stehenden, großen Raum. Von der Decke hingen zwei staubige Neonröhren, die den Raum in ein klinisch, grelles Licht tauchten.
Chris machte unsicher einige Schritte. Hinter ihm viel die Metalltür mit einem lauten Krachen in ihr Schloss. Chris fuhr erschrocken herum.
Das Gefühl eingesperrt zu sein schnürte ihm die Kehle zu.
Irgendetwas stimmte nicht. Gerade wollte er sich wegbeamen um das ganze Vorhaben abzublasen, als er eine dunkle Gestalt im Schatten eines Betonpfeilers gewahrte.
Chris spannte seine Muskeln an und machte sich bereit für das, was auch immer kommen würde.
Die Gestalt kam hinter dem Pfeiler hervor und trat ins Licht.
Doch es war nicht Wyatt.
"D..Derick?", fragte Chris verwundert. "Was machst du denn hier?"
Derick lächelte und breitete die Arme aus wie um, den auf der anderen Seite des Raums stehenden Chris begrüßend zu umarmen.
"Überrascht mich zu sehen?", fragte er fröhlich.
"Ja...", stotterte Chris. "Ich dachte du wärst Wyatt."
"Oh, ja." Er lächelte Chris an. "Ja, aber er ist leider nicht hier."
Chris war erstarrt. Sein Verstand weigerte sich einfach zu funktionieren und das hier zu begreifen.
Derick durfte nicht hier sein und doch war er es. Und das KONNTE einfach nicht sein. Es konnte es einfach nicht.
"Ach, komm." Das Lächeln auf Dericks Gesicht wurde noch breiter. "Sag bloß, du hast es immer noch nicht verstanden."
Amüsiert nickte er mit dem Kopf, genoss seine Überlegenheit und die Verwirrung auf Chris' erbleichtem Gesicht.
"Wo ist Wyatt?", fragte Chris schließlich.
"Ich sagte doch bereits, er ist leider nicht hier." Seine Stimme wurde leiser und seine Augen verengten sich zu Schlitzen.
Chris sah ihn ungläubig an. Es stand Heimtücke in dem so gut bekannten Gesicht seines Freundes.
"Aber er hat mir etwas für dich da gelassen. Eine Nachricht. Ein Geschenk sozusagen."
Er deutete mit dem Kopf fröhlich in eine Ecke.
Chris konnte nur mühsam den Blick von ihm lösen und doch zwang er sich seinen Kopf zu drehen.
Dort lag sie. Die Haut bleich wie bei einer Porzellanpuppe. Ein erschrockener Ausdruck auf ewig in ihr schönes Gesicht gebrannt und die Augen weit aufgerissen. Doch nun waren diese Augen trüb und glanzlos und ein Schleier lag über den einst so strahlenden Blau. Wie Fenster eines verlassenen Hauses blickten sie stumpf in die kalte Welt vor ihnen und offenbarten die schreckliche Leere hinter Lilys toten Körper.
"Nein.", entfuhr es Chris leise.
Mit einem Satz überwand er die Distanz zwischen ihm und der kleinen leblosen Gestalt. Er beugte sich zu ihr hinunter und schloss sie in seine zitternden Arme.
Kein Blutfleck beschmutze ihre Kleidung, kein Kratzer zeichnete ihre Haut. Und doch war das Leben aus dem kleinen Mädchen für alle Zeit gewichen, erlöschen wie eine Kerze, niedergebrannt in einem Sturm, vor dem Chris sie hätte beschützen müssen. Sie war fort und nichts was er sagen oder tun konnte, brachte sie zurück. Sie war fort und hinterließ eine Leere, die mit nichts je wieder gefüllt werden konnte. Sie war tot und nie wieder, niemals wieder würde ihr strahlender Blick die Kälte in Chris' traurigem Herz erwärmen.
Leo glaubte ersticken zu müssen. Der Schmerz hagelte auf ihn nieder und die Wände des großen, leer stehenden Raums mauerten ihn zu und verschnürten ihm die Kehle. Er wollte schreien, aber er wusste nicht wie. Er wollte weinen, aber er wusste nicht wie. Als ob ein Teil von ihm einfach vergessen hätte, wie man fühlte oder das Gefühlte ausdrückte.
Es gab nichts, was in diesem Moment einen Sinn ergab. Nichts, nur noch ihn und das tote Kind in seinen Armen.
Ein kaltes Lachen drang an sein Ohr. Hass loderte in ihm auf, als ihm bewusst wurde, dass er nicht alleine war und das kalte, böse Lachen aus einer Kehle drang, die die Verantwortung für all das trug.
Chris legte Lily behutsam auf den Boden und richtete sich auf.
Ein Teil von ihm wollte Derick jetzt töten, ihm Schmerzen zufügen um ihm so einen Bruchteil dessen verständlich zu machen, was er angerichtet hatte. Dennoch rührte er sich nicht und blickte traurig in das so gut bekannte Gesicht.
"Wieso, Derick?... Wieso?", fragte Chris.
Das Lachen wurde noch lauter.
"Oh, er hat gewusst, dass du das fragen wirst. Verstehen wollen anstatt zu handeln." Er steckte die Hände in die Taschen und fuhr geschäftsmäßig fort. "Aber weißt du, Chris. Es gibt Dinge, die du niemals verstehen wirst, denn immer lässt du dich von deinen Gefühlen blenden und nimmst deshalb automatisch an, dass auch andere sich auf die, von dir so hochgeschätzen 'Gefühle' verlassen. Und deshalb wirst du nie verstehen wieso."
Chris sah Derick traurig an. Leo glaubte Mitleid in seinem Blick zu erkennen, war sich aber nicht sicher. Chris warf einen letzten gequälten Blick auf Lilys leblosen Körper und sagte leise:
"Nein, Derick. Du verstehst nicht."
Das Lachen auf Dericks Gesicht erstarb. Wut stieg in ihm hoch, ein hässlicher Ausdruck entstellte sein sonst so freundliches Gesicht und enthüllte seine wahre Natur.
"Das was geschehen ist ist allein deine Schuld, Chris. Wyatt hat es dir gesagt. Du wolltest nicht hören und jetzt wirst du es bereuen."
Chris sah zu ihm hoch.
Eine Welle des Erschreckens überflutete Leo. Er sackte ins Bodenlose und sein Herz blieb stehen. DIE ANDEREN! Er musste sie warnen, er musste zu ihnen. Sicher würde Wyatt von Derick bereits alles wissen!
Chris' Augen wanderten schreckensgeweitet zu seinen einstigen Freund hinüber und als er sich wegbeamte hörte er Dericks verräterische Stimme sagen:
"Du wirst zu spät kommen, Chris."

Es gibt Bilder, dachte Leo, die sich auf ewig in das Gedächtnis brennen. Bilder, die wie ein Stempel auf ewig in den Geist geprägt sind. Bilder, die man sieht, wenn man die Augen schließt. Bilder, die man sieht, wenn man schläft, wenn man wach ist und dessen Schatten auf ewig jedes glückliche Gefühl verdunkeln.
Und das Bild, das Leo sah, war eines davon.
Chris ging über ein Meer aus Rot. Seine Sohlen klebten bei jedem Schritt auf den rutschigen Boden. Seine Hände und seine Kleidung waren blutbefleckt. Warum wusste er selbst nicht. Wahrscheinlich hatte er sich zu einem Freund gebeugt oder irgendetwas anderes sinnloses getan.
Er stand auf einer Straße außerhalb der Stadt und von dem zerschmetterten Körpern seiner toten Freunde stieg Dampf in die nächtlich Kälte hinauf. Wie Geister gen Himmel fahrend verließ er ihre sinnlos ineinander verkeilten Leiber und schwebte anmutig davon um sich irgendwo, weit weg von Chris, im Unerreichbarem zu verlieren.
Chris konnte nicht denken. Chris konnte nicht fühlen. Chris konnte nicht verstehen.
Er war nur eine weitere leblose Hülle in diesem Durcheinander, mit dem einzigen Unterschied, dass er noch aufrecht stand, während alle anderen zu Boden gegangen waren. Dabei wünschte er sich so sehr, sich auch endlich nieder betten zu dürfen und sich auch mit diesem Meer aus Rot zu zudecken.
Er fragte sich, was er noch hier tat, wo er doch einfach nur wollte, dass sich sein Blut mit dem Blut seiner Freunde vermischte und er endlich mit ihnen gemeinsam diese Welt verlassen durfte.
Doch er war noch da. Und ganz allmählich, ganz langsam spürte er wie die dumpfe Leere in seinem Inneren wich, wie seine leblose Hülle mit Begreifen erfüllt wurde.
Und mit Schmerz.
Doch was er auch versuchte, wie er es auch drehte und wendete, es gab kein Wort für das, was er fühlte, kein Name, dem es gerecht wurde und keinen Trost mit dem er es besänftigen konnte.
Er war noch hier. Er lebte. Sein Herz schlug, während das von anderen verstummt war und es hallte laut in der Höhle seiner Einsamkeit.
Doch er begriff, dass Stille keine Ruhe bedeutete. Er begriff, das die Einsamkeit und das Nichts nicht das Selbe waren.
Und er begriff, das der Tod keinen Frieden brachte.
Doch wie, fragte Chris sich, wie konnte die Welt je wieder so werden wie sie war? Wie sollte er je wieder ins Leben zurückkehren?
Denn egal was er auch tun würde, er konnte das Geschehene niemals rückgängig machen. Nicht für ihn.
Auch wenn Regen die blutbefleckten Straßen überspühlen würde, auch wenn eines Tages nichts mehr von dieses Schrecken zeugen, die Zeit vergehen und wie durch ein Wunder alles gut werden würde, so war es dennoch passiert.
Und Chris begriff, dass es allein seine Schuld gewesen war. Er hatte den gleichen Fehler begannen, wie sein Vater und sich von seinen Gefühlen blenden lassen. Er hatte Derick vertraut und nun hatten andere für diesen Fehler bezahlen müssen.
Mit ihren Leben.
Und es war an Chris mit dem Wissen darum weiter zu leben. Und zwar für immer.
Und es gab nichts zwischen ihm und diesem Wissen, keinen Schleier, keinen Trost, der ihn davor beschützen konnte. Nichts.
Nur das Vergessen.

Die Welt wurde trübe. Sie verlor an Schärfe und das Geschehen vor Leos Augen begann zu flackern, erlosch, flackerte und erschien wieder. Wie eine Glühbirne, deren Draht kurz vor dem Durchbrennen stand. An. Aus. An. Aus.
Ein unsicheres Schwanken, hin und her gerissen zwischen Erinnern und Vergessen.
Die Erde bebte und verschwand. Leo stürzte in die Tiefe, verlor den Halt und wurde von einem Strudel wilder Farben erfasst.
Alles drehte sich, wurde immer schneller. Leos Magen krampfte sich zusammen. Töne prasselten auf ihn nieder und alles ergab sich in einen schmerzhaften Durcheinander.
"CHRIS, NEIN.", hörte er Phoebe neben sich brüllen.
Vergessen... vergessen... vergessen. Dröhnte es durchs Chaos, das war alles, was noch zählte.
"Chris.", schrie nun auch Leo.
Blut rauschte in seinen Ohren, wurde immer lauter, schwoll an zu einem Schrei, der doch niemals von einem Luftholen unterbrochen werden würde.
"Chris, erinner' dich. Du musst dich erinnern.", rief Phoebe.
"NEIN.", hallte Chris' Stimme durch den Wirbel aus Verwirrung. "NEIN. Ich will nicht."
Leo verstand. Sein Sohn wollte vergessen, weil er glaubte unmöglich mit diesen Erinnerungen weiter leben zu können.
"NEIN. ICH WILL NICHT."
"Du MUSST.", antwortete Leo ihm.
"ICH WILL NICHT.", schrie Chris erneut. "NEIN."
Farben schlugen auf Leo ein, Bilder, Erinnerungsfetzen, Stimmen, Schreie, Schmerzen.
"NEEEIIIN.", schrie nun auch Chris direkt vor Leo in der verlassenen Halle.
Ein lautes Ticken... zu spät... Das Uhrwerk seines Herzens schlug unermüdlich,... bis es plötzlich erstarb.
Ein gewaltiger Knall und alles explodierte. Gleißend helle Lichter rannten an Leos Augen vorbei. Ein Tunnel und am Ende... Schwärze.
"Chris?", fragte Leo.
Doch da war kein Chris.
Nur Dunkelheit, nur Leere.
"Chris?", fragte er noch einmal.
Doch es blieb still.
"Nein.", entfuhr es ihm. "Nein, Phoebe, tu doch etwas." Leo war verzweifelt. Das konnte nicht passiert sein. Sein Sohn war noch am Leben, er war noch da, irgendwo vor ihm in der Schwärze. Er MUSSTE.
"Chriiiss...", brachte Leo nur noch unter Tränen gebrochen hervor.
Doch Chris antwortete nicht.
Nein, das durfte nicht sein, dachte Leo und begriff doch gleichzeitig, dass er in diesem Moment genau das Gleiche tat wie sein Sohn... verdrängen.
"Chris... du darfst nicht aufgeben.", sagte Leo. Und auch Leo durfte es nicht.
"Du darfst nicht aufgeben, niemals."
Er drehte sich durch die Leere.
Doch da gab es nichts.
"Du darfst nicht... du darfst nicht." Er brach weinend zusammen. Doch loslassen würde er nicht.
Leo spürte Tränen auf seinen Gesicht. Wut stieg in ihm auf, er weigerte sich seinen Sohn gehen zu lassen.
"CHRIS.", rief er zornig. "Du DARFST nicht aufgeben."
"Dad."
Da war Chris' Stimme in der Dunkelheit.
"Dad... Es ist zu spät."
Und Leo fühlte wie sein Sohn ging. Er fühlte, dass Chris vor ihm in der Halle auf dem Boden zusammensackte und der Alb darauf wartete sich endgültig befreien zu können.
Das Dunkel wurde dunkler und die Leere wurde leerer.
Die Zeit schien stehen zu bleiben und die Welt, in der Leo sich befand verschwand langsam vor seinen Augen, denn kein Leben war mehr da, das sich an das Leben erinnern konnte und kein Chris, in dessen Körper es sich befand.
Doch dann sagte Leo:
"Es ist nie zu spät, Chris. Denn erst wenn du aufgibst, ist alles verloren."
Und Chris erinnerte sich.
Sein Herz setzte wieder ein und pumpte das Leben zurück in seinen Körper und mit jedem einzelnen Schlag traten Bilder vor sein Auge. Bianca, der er einen Ring an den Finger steckte. Der kleine Wyatt, der fröhlich mit der Hand in sein Gesicht patschte. Piper, die ihm einen Kuss auf die Stirn gab. Phoebe, die ihm die Worte 'Lach doch mal' auf die Hand malte. Paige, mit der er sich um die Fernbedienung prügelte und Leo... Leo, der ihn in den Arm nahm.
Und Leo fühlte Liebe... so unendlich viel Liebe, für die Chris immer bereit sein würde weiter zu leben und die ihm die Kraft gab niemals aufzugeben.
Leo hörte ein Windrauschen und eine formlose, dunkle Gestalt wehte durch die Dunkelheit. Der Alb, der davon schwebte und mit ihm den drohenden Schatten aus dieser Welt nahm.
Die Dunkelheit verschwand und ein warmes, mattes Licht glühte um Leo herum auf.

Phoebe löste ihre Hand aus Leos Rechter.
Das matte Licht verschwand und vor ihm tauchte wieder die dunkle, leer stehende U-Bahnhalle auf.
Vor ihm saß Chris, umringt von den vier Kristallen, auf den Knien und schaute zu Boden.
Seine Haare hingen ihm in sein junges Gesicht.
Leo ließ die Arme sinken und Chris schaute zu ihm hoch.
Eine einzelne, einsame Träne rann sein Gesicht entlang und tropfte zu Boden, auf dem in vielen Jahren, eines Tages hunderte Menschen stehen und mit erhobenen Fäusten Chris zujubeln werden.
Und ohne groß nachzudenken kickte Leo mit seinem Fuß dem vor ihm liegenden Kristall beiseite, kniete sich zu seinem Sohn und schloss ihn in die Arme. Endlich.
Nach einigen Momenten trat auch Piper zu ihnen und tat es Leo gleich.
Irgendwann lösten sich die Drei wieder voneinander. Leo nahm den Kopf seines Sohnes in die Hände und begutachtete sein Gesicht. Müdigkeit zeichnete sich darauf ab. Aber auch Erleichterung. Es schien als ob eine schwere Last von seinen Schultern genommen wurde und Leo glaubte zu wissen wieso. Das verborgene Wissen um seine Erinnerungen hatte Chris wie ein Krebsgeschwür von innen heraus aufgefressen, seinen Geist vergiftet. Doch nun war er mit diesem Wissen nicht mehr alleine, denn seine Familie wusste nun endlich wer er war, wusste was er erlebt hatte und auch wenn sie traurig waren über den vielen Schmerz, den er in seinem jungen Leben bereits erdulden musste, so waren sie stolz einen Neffen und Sohn zu haben, der sich immer für sie und das Gute auf der Welt eingesetzt hatte.
"Komm Chris.", sagte Leo nach einer Weile. "Lass uns nach Hause gehen."
Er lächelte seinen Sohn liebevoll an.
Sie standen auf und wollten sich zum Gehen wenden, doch dann sagte Chris:
"Wartet... Eins noch." Er blickte reihum in ihre Gesicht und verharrte schließlich bei seinen Eltern. "Ihr müsst mir etwas versprechen."
Die Vier sahen ihn fragend an, doch alle nickten bereitwillig.
"Ihr müsst mir versprechen, dass... egal was auch kommt,... ihr niemals Wyatt oder mit erzählen werdet, was ihr heute gesehen habt."
Leo sah ihn verwundert an. Doch dann verstand er.
"Ja, Chris. Wir versprechen es."
Er umschlang die Schulter seines Sohnes und gemeinsam verließen sie die dunkle, leere Bahnhofshalle in der Hoffnung niemals wieder hier her zurückkehren zu müssen.
Ja, Leo verstand jetzt. Endlich verstand er seines Sohn. Er verstand jetzt, warum Chris in diese Zeit gereist war.
Nicht etwa einfach nur um Wyatt zu retten oder Bianca oder die Freunde, die an seiner Seite gestorben waren.
Alles, was Chris wollte, alles, was er sich je gewünscht hatte, war das, was sich alle einsamen Kinder wünschen:
Eine glückliche Familie.
Und Leo war bereit alles zu tun, damit seinem Sohn dieser Wunsch endlich erfüllt wurde.

ENDE