Der vierte Monat

Kapitel 13: Zurück an die Arbeit

Coruscant, Jedi Tempel, Horn Apartment

Corran erlaubte sich jeden Morgen eine Viertelstunde Heimweh, ehe er die Gedanken an Familie und Freunde in seiner Zeit beiseite schob und sich auf das konzentrierte, was vor ihm lag. Heute war es das Frühstück mit Luke.

Er stellte gerade eine Kanne mit heißer Schokolade auf den Esstisch, als es an der offenen Tür klopfte und Luke herein schlenderte, mit entspannter Gestalt und zufriedenem Gesicht. Corran musterte ihn lächelnd.

„Luke, ich habe Euch seit Jahren nicht mehr so ausgeruht und befreit gesehen", sprach er aus, was er schon vor ein paar Tagen festgestellt hatte.

„Ich glaube, ich könnte meinen momentanen Gemütszustand mit ‚gepflegter Langeweile' beschreiben", erwiderte der ältere Jedi und setzte sich. „Aber danke, ich fasse das als Kompliment auf."

„Das könnt Ihr."

Nachdem Corran bereits am letzten Rest seines Cafs nippte und darauf wartete, dass Luke sein Frühstück beendete, gingen ihm die vorher gewechselten Worte nicht mehr aus dem Kopf.

„Gepflegte Langeweile trifft es gut, Luke. Meint Ihr, wir sollten den Rat bitten, uns Aufgaben zu zu teilen?", fragte er schließlich.

„Warum nicht? Solange wir den Tempel oder zumindest Coruscant nicht verlassen, dürften dadurch keine Probleme entstehen", entgegnete Luke nach einigem Überlegen. „Woran habt Ihr gedacht?"

Der Corellianer zuckte mit den Schultern und begann, das Geschirr zusammenzustellen.

„Gebt mir ein Schiff, das ich fliegen oder an dem ich herumwerkeln kann, und ich bin glücklich. Was ist mit Euch?"

„Hmm. Ich habe keine besonderen Vorstellungen. Könntet Ihr Euch darum kümmern? Fié besteht darauf, mich noch einmal zu untersuchen, und ich will nicht zu spät kommen."

„Natürlich, irgendeinem Ratsmitglied werde ich schon über den Weg laufen. Und Aent wird sehr zufrieden mit Euch sein, Meister", grinste Corran.

„Das hoffe ich." Luke kam ein weiterer Gedanke. „Wenn Ihr schon dabei seid, könntet Ihr gleich fragen, wie... geheim die Umstände unserer Ankunft hier bleiben sollen. Wenn wir nicht mehr den Tag in unseren Quartieren verbringen, werden Fragen auftauchen."

°°°

Coruscant, Jedi Tempel, Ratsgemächer

„Corran Horn hat mich vorhin angesprochen und eine Bitte von ihm und Meister Whitesun an mich herangetragen. Beide haben das Gefühl, dass sie noch eine Weile in dieser Zeit bleiben werden, und würden sich deshalb freuen, wenn sie Aufgaben zugeteilt bekämen", meinte Meister Shaak Ti an Meister Yoda gewandt, als alle anderen wichtigen Ereignisse im Rat besprochen worden waren.

„Zustimmen, ich ihnen muss", erwiderte der grüne Jedi nach einigem Nachdenken, wenn auch nicht übermäßig enthusiastisch. „Keinen Betrug, ich in ihnen fühle. Stark in der Macht sie sind, Whitesun besonders."

„Die beiden haben nicht um Missionen oder Padawane gebeten", fuhr Shaak Ti fort. „Sie möchten hier im Tempel bleiben. Meister Horn ist nach eigenen Angaben ein guter Mechaniker und Pilot. Meister Whitesun hat keinen besonderen Wunsch, aber Meister Horn meinte, dass er sich bei den Kindern in der Krippe bestimmt wohl fühlen würde."

„Ich vertraue ihnen noch nicht", stellte Mace Windu fest. „Wir wissen so gut wie gar nichts über sie, was zugegebener Weise auch besser so ist, aber wenn Horn und Whitesun tatsächlich hier im Tempel bleiben wollen..."

„Eine Wahl, sie kaum haben. Zurückkehren sie werden, wenn der Wille der Macht es ist."

„... sollten sie beobachtet werden, bis wir uns ihrer sicher sind. Wir können nichts riskieren; unsere Schiffe müssen in einwandfreiem Zustand sein und dass die Kinder keinen schädlichen Einflüssen ausgeliefert sein sollen, versteht sich von selbst."

„Außerdem würden die beiden gerne wissen, inwieweit ihre Herkunft innerhalb des Ordens geheim bleiben soll, zumal sie nicht in unseren Datenbanken sind und Fragen auftauchen werden", fügte die Meisterin hinzu.

„Ehrlichkeit, der beste Weg hier ist. Misstrauen, sonst entstehen könnte. Gefährlich, dies wäre", stellte Yoda sehr rasch in einem endgültig klingenden Tonfall fest, als er die zwiegespaltenen Mienen einiger anderer Meister bemerkte. „Ihnen mitteilen, Ihr dies könnt, Meister Shaak Ti. Meister Whitesun, wissen er wird, wie weit er gehen darf."

°°°

Coruscant, Jedi Tempel, Krippe

Nach der Ratssitzung hatte Shaak Ti sich sofort auf die Suche nach Luke Whitesun und Corran Horn gemacht, um ihnen den Entschluss des Rates mitzuteilen. Erst jetzt fiel ihr auf, dass sie die Machtsignaturen der beiden kaum finden konnte, besonders Luke Whitesuns Präsenz war seltsam verschleiert, so dass sie sie nicht fixieren konnte. Neugierig angesichts dieser Umstände gelang es ihr nach etwa einer halben Stunde, seinen Standort auf ein Trainingsgelände und die Krippe einzuschränken. Einer Ahnung folgend versuchte sie ihr Glück in letzterer und konnte ein feines Lächeln nicht unterdrücken, das sich bei dem vor ihr liegendem Anblick auf ihr Gesicht stahl.

Whitesun saß auf einer Bank im kleinen Garten der Krippe und um ihn herum, am Boden und auf der Bank, saßen ein gutes Dutzend Kinder aller Rassen, mit leuchtenden Augen, gespannt zuhörend und offensichtlich vollkommen hingerissen von diesem geheimnisvollen Fremden. Luke beendete schmunzelnd eine Erzählung und die Kleinen brachen in leises Kichern aus.

Just in diesem Moment hörte Shaak Ti Schritte hinter sich und drehte sich um. Meister San-Kai, das Oberhaupt der Krippe, sah sie aus seinen freundlichen dunklen Augen an und nickte ihr respektvoll zu, ehe er an ihr vorbei in den Innenhof ging. Sie folgte ihm langsam.

Luke Whitesun sah auf.

„Ich fürchte, wir müssen Schluss machen", teilte er den Kindern mit und stand auf. „Meister San-Kai", grüßte er.

„Meister Whitesun", erwiderte der ältere Jedi und verbeugte sich leicht. „Ich habe eine Bitte... könntet Ihr nach Siljia sehen? Sie hat nach Euch gefragt."

„Wenn es mir erlaubt ist", sagte Luke mit einer eleganten Kopfbewegung in Richtung Shaak Tis und verneigte sich vor ihr.

„Ich habe mit dem Rat gesprochen", erklärte sie. „Die Meister haben sich mit Eurer Anfrage einverstanden erklärt; Ihr könntet, falls Meister San-Kai", sie nickte in seine Richtung, „damit einverstanden ist, hier in der Krippe mit den Kindern arbeiten, unter der Bedingung, dass Meister San-Kai Euch zumindest am Anfang überwacht." Sie zögerte, warf San-Kai einen Blick zu.

Dieser wiederum sah Luke an, lächelnd, und nickte. „Ich würde mich freuen."

Luke neigte den Kopf. „Danke." Ein weiterer Gedanke kam ihm. „Ich nehme an, ähnliches gilt für Corran? – Ich würde ihm dies gerne selbst mitteilen. Er kann manchmal recht... impulsiv sein", drückte er sich sorgfältig aus. „Und er mag es nicht, beobachtet zu werden, wird es aber natürlich akzeptieren."

Shaak Ti nickte. „Bocca Rej, einer unserer besten Piloten, wurde mit dieser Aufgabe betraut. Er erholt sich zur Zeit von einigen leichten Verletzungen und darf im Moment nicht fliegen..."

„... und ist wahrscheinlich alles andere als begeistert davon", fügte Whitesun wissend lächelnd hinzu. „Wenn Ihr mich nun entschuldigen würdet..."

„Selbstverständlich, Meister Whitesun."

°°°

Coruscant, Jedi-Tempel, Krippe

„Siljia?", fragte Luke leise vom Türrahmen aus und wartete, bis das Kind sich geregt hatte, bevor er den Raum betrat. Der kleine Schlafsaal war leer, die anderen Jünglinge waren im Unterricht oder im Garten, aber das Mädchen hatte sich heute geweigert, sein Bett zu verlassen.

Luke schlenderte durch den Saal und ließ sich auf ihrer Bettkante nieder.

„Weißt du, wenn du nicht aufstehst, wirst du heute Nacht nicht schlafen können."

Sie zuckte leicht zusammen. „Will nicht schlafen", murmelte sie in ihr Kopfkissen.

„Doch, du willst", erwiderte Luke leise. „Aber du willst nicht träumen."

Er schwieg einen Moment und stand dann auf.

„Komm. Wir machen einen kleinen Spaziergang."

„Ich will nicht."

„Oh, doch, du willst, Siljia. Du willst nur nicht träumen. Aber glaubst du, dass die Träume nicht kommen werden, wenn du den ganzen Tag hier im Bett liegst? Glaubst du, dass sie dadurch einfach verschwinden?", sagte der alte Meister sanft. „Komm mit mir."

Siljia reagierte nicht, aber Luke wusste, dass sie zuhörte – sonst hätte sie nicht nach ihm gefragt.

Siljia schnüffelte leise und hob ihren Kopf aus dem Kissen. Sie musterte Luke misstrauisch und hilfesuchend zugleich, aus wässrigen Augen, ehe sie sich zögerlich aufsetzte. Der Jedi-Meister reichte ihr beide Hände und wartete geduldig, bis sie diese ergriffen hatte, ehe er sie schwungvoll auf die Beine zog.

Er hatte sich bei Meister San-Kai informiert, welche Ecken des Gartens wenig besucht waren, und führte Siljia nun dorthin. Einmal angekommen zwischen den hohen Bäumen und dem graslosen Boden, überließ er ihr jedoch die Führung. Fast eine halbe Stunde lang sprach niemand ein Wort.

Das kleine Mädchen hatte das Ende des Gartens erreicht, lehnte sich mit dem Rücken an die Wand, hinter der der Meditationsraum der Jünglinge lag, und ließ sich daran hinab auf den Boden gleiten. Es nahm ein halb verwelktes Blatt auf und begann, es zu zerpflücken.

Luke beobachtete sie kurz, ehe er sich im Schneidersitz zu ihr setzte.

Vollkommen konzentriert auf ihre Aufgabe sezierte Siljia das Blatt, sorgfältig darauf bedacht, die größeren Blattadern nicht zu beschädigen, bis sie schließlich das Gerippe des Blattes gegen das Licht hielt und den verzweigten Schatten beobachtete, den es warf.

„Es sind Visionen."

„Ja."

Sie ließ das Blattgerippe fallen und blickte den alten Meister an, Furcht in den Perlaugen.

„Ihr glaubt mir?"

„Das tue ich."

Sie presste die Lippen zusammen und dachte offensichtlich angestrengt nach. Luke ahnte, welche Fragen in ihrem kleinen Kopf schwirrten – wusste, dass es zu viele für ihren kindlichen Geist waren, und wartete nur darauf, dass sie diese verdrängte.

„Ich will nicht schlafen."

„Du willst nicht träumen", berichtigte er sie sacht. „Das ist ein Unterschied."

°°°

Coruscant, Jedi Tempel, Krippe

Es war bereits spät in der Nacht, als Luke endlich das letzte Datenpad ausschaltete und sich in seinem Stuhl zurücklehnte. Mit einem Zug leerte er die Tasse heißer Schokolade, die er lange Stunden zuvor auf einer Ecke des Schreibtischs abgestellt hatte, widerstand dem Drang, das Gesicht zu verziehen, und bereitete sich im Geiste bereits auf eine weitere Konfrontation mit Corran wegen seiner Arbeit zu später Stunde vor.

Am Rande seines Bewusstseins nahm er wahr, dass sich jemand dem gemütlichen kleinen Büro näherte, welches er sich ab heute mit Meister San-Kai teilen würde, und stellte nach einigen Sekunden fest, dass es sich um den alten Jedi selbst handelte.

„Guten Abend."

„Euch auch, Meister San-Kai."

Das Oberhaupt der Krippe ließ sich hinter seinem eigenen Schreibtisch nieder.

„Ich komme gerade von den Schlafsälen und kam nicht umhin zu bemerken, dass Siljia sehr ruhig zu schlafen scheint", sagte er und sah Luke mit einer hochgezogenen Augenbraue an.

Dieser machte eine nichtssagende Kopfbewegung.

„Das hoffte ich. Als wir heute Vormittag sprachen, habe ich ihrem Geist einen kleinen... Schutz mitgegeben, der ein oder zwei Tage halten sollte", erklärte er, darauf bedacht, nicht so zu klingen, als verteidige er sich gegen die Feststellung.

„Interessant." San-Kai musterte ihn unverhohlen. „Auf diese Idee bin auch ich gekommen, doch normalerweise muss so ein Schutz aufrecht erhalten und überwacht werden."

„Nicht der, den ich ihr gab", erklärte Luke mit einem feinen Lächeln. „Deswegen wird er auch nicht lange halten."

Der alte Meister wirkte interessiert, nickte aber nur und meinte: „Ich habe mit den Lehrern für Höhere Geisteskontrolle gesprochen. Sie sind bereit, Siljia in ihren Klassen mit den Älteren zu unterrichten, um ihre mentalen Schilde möglichst schnell auf ein Maß zu bringen, dass Visionen im Zaum halten kann."

Luke nickte, blickte sein Gegenüber aber scharf an.

„Sagt, Meister San-Kai – ich arbeite noch keinen ganzen Tag hier und schon bezieht Ihr mich voll in die wichtigsten Aspekte der Krippe mit ein." Er gestikulierte zu den Datenpads, die nicht, wie er erwartet hatte, kleine Arbeiten beinhalteten, die normalerweise Padawanen und Aushilfskräften zugewiesen wurden, sondern die essentiellen Aufgaben, die die Krippe am Laufen hielten, wichtige Entscheidungen für die Arbeit mit den Kindern, Dinge, die Luke keinem Fremden anvertraut hätte.

Der ältere Jedi zuckte leicht mit den Schultern.

„Ich habe schon schwierigere Entscheidungen zu treffen gehabt. Ich habe mit den Jahren gelernt, dem zu glauben, was mein Gefühl mir rät. Und es sagte mir, dass Ihr vertrauenswürdig seid, Meister Whitesun. Außerdem war es nicht zu übersehen, wie sehr Ihr Kinder liebt." Er pausierte. „Ich habe von Meister Windu die Umstände Eurer Anwesenheit erfahren. Darf man fragen, welchen Aufgaben Ihr in Eurer Zeit nachgeht?"

Luke zögerte einen Moment, ehe er antwortete, wartete auf eine Regung der Macht. Aber Stille war alles, was er vernahm.

„Ich bin ein festes Mitglied das Rates", erwiderte er wahrheitsgemäß. „Ansonsten nehme ich viele verschiedene Aufgaben wahr, von der Repräsentation des Ordens im Senat über wichtige Missionen bis hin zum Unterricht unserer Jüngsten und schwierigen Stunden für die Älteren."

San-Kai lächelte. „Ich bin erleichtert, das zu hören."

Luke hob eine Augenbraue. „Nicht nur, weil es die Arbeit mit mir erleichtern wird."

„Nicht nur, sondern auch, weil es meine Intuition bestätigt."

Die beiden Meister glucksten leise und verfielen danach in angenehmes Schweigen.

Ein Schweigen, das nicht lange anhielt, denn schon nach wenigen Augenblicken klopfte es an der Tür.

„Herein", rief San-Kai, offensichtlich verwirrt von Besuch zu dieser späten Stunde und von Lukes wissendem Lächeln.

Corran streckte seinen Kopf zur Tür hinein. „Guten Abend", grüßte er und fuhr sich mit einer Hand durch die wirren Haare in einem vergeblichen Versuch, diese zu ordnen, ehe er eintrat.

„Meister San-Kai?", fragte der Corellianer und deutete auf das Nicken hin eine Verbeugung an. „Ich bin Corran Horn." Er gestikulierte mit einer Grimasse zu Luke. „Seine Nanny." Ein rascher Blick versicherte ihm, dass Luke grinste und ihm den persönlichen Witz nicht übel nahm. „Und so leid es mir tut, ich muss dafür sorgen, dass Meister Whitesun sich ausruht, sonst wird Heiler Aent mir was erzählen."

„Wir sind ohnehin fertig, Corran", beruhigte Luke sacht, schaltete die Lampe seines Schreibtisches aus und stand auf. „Gute Nacht, Meister San-Kai."

„Euch auch."

°°°

In komfortabler Stille schritten die beiden Jedi durch die dunklen Gänge des Tempels, bis sie die Schlafsäle der Krippe hinter sich gelassen hatten.

„Ihr wirkt, als wärt Ihr mit Eurem Job sehr zufrieden", kommentierte Luke dann mit gesenkter Stimme und musterte Corran aus den Augenwinkeln.

Der Corellianer runzelte leicht die Stirn. „Ja, durchaus. Rej ist ein vernünftiger Pilot, wenn auch ein bisschen missmutig."

„Das wärt Ihr auch, hätte man Euch das Fliegen verboten."

„Wahrscheinlich. Ist es so offensichtlich, dass ich froh bin, wieder etwas zu tun zu haben?"

„Wie man es nimmt. Ihr habt Ölspuren im Gesicht."

Wird fortgesetzt...


Kapitel 14: Philosophie

Windu und Horn. Zwei Orden, zwei Kodexe, und eigentlich hätte Luke es wissen müssen.


Falls es interessiert – ich habe ein Titelbild für die Geschichte gebastelt, zu finden auf meiner Homepage in der Galerie unter Titelbilder/Sand der Zeit.

Vielen Dank für's Mitlesen und vergesst nicht zu reviewen! ;-)