4. Tablett-Training

„Es war eine stinknormale Nickelallergie?" Wilson rückt seinen eigenen Teller auf dem Tablett ein Stück zur Seite, damit House – wie immer – seinen Teller dazustellen kann, und wartet. Es dauert gewöhnlich eine Weile bis sein Kollege mit dem Stock eingeklemmt in der Armbeuge und dem Gewicht allein auf dem linken Bein sein Portmonee aus der Hosentasche geholt, die Rechnung bezahlt (kommt nicht allzu häufig vor, und Wilson genießt jedes einzelne Mal), den Geldbeutel wieder verstaut, seinen Teller auf Wilsons Tablett platziert, den Stock wieder in Position gebracht und sein Glas mit irgendeinem Zuckerwasser durch ein paar Schlucke soweit geleert hat, dass ein Transport zu einem der Tische flüssigkeitsverlustfrei möglich ist. Die ganze Zeit über redet House wie ein Wasserfall und macht sich über Cameron lustig, die von Anfang an die Nickelallergie im Kopf hatte, der aber niemand ernsthaft geglaubt hat – er selbst eingeschlossen.

„Sie muss an ihrer Überzeugungskraft arbeiten.", konstatiert er, als sie an einem der Tische Platz nehmen.

„Oder du an deiner Fähigkeit, anderen Leuten mit anderen Ideen zuzuhören."

„Ich habe ihr zugehört. Ich fand ihre Vorschläge bloß lächerlich."

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Es war eine ganz normale Mittagspause, denkt House am gleichen Abend, als er zu Hause auf dem Sofa sitzt und die erste Werbepause bei einer Wiederholung der ersten „24"-Staffel beginnt. Sein Blick geht ins Leere, wie so oft, wenn er gerade eine Idee hat. Seine Stirn legt sich in Falten, und schließlich sieht er hinüber zur Küche. Dieses hässliche vergilbte Tablett mit dem Blumenmuster – wo hat er das zuletzt gesehen? In einem der Küchenschränke oder im Flurschrank? Nein, in dem kleinen Zwischenraum zwischen der Waschmaschine und dem Schrank mit den Töpfen!

Er greift nach seinem Stock und geht hinüber zur Küche, wo er das Tablett aus genau der Lücke zieht, wo er es vermutet hat. Er betrachtet amüsiert die Staubschicht, die sich darauf gebildet hat, und wischt mit einem feuchten Lappen darüber. Das Tablett ist ein wenig größer als die in der Kantine (und weitaus hässlicher), aber ansonsten doch recht ähnlich. Er probiert ein paar unterschiedliche einhändige Griffe aus, findet einen einigermaßen angenehmen und geht eine Runde um den Küchentisch. Recht wacklige Angelegenheit. Bei seinem unsteten Gang lässt es sich ungefähr vorstellen, was passieren würde, wenn er darauf etwas transportierte. Probehalber stellt er eine angebrochene Keksdose darauf. Sie ist recht schwer, und bereits nach wenigen Schritten rutscht sie unkontrolliert hin und her. So geht es nicht. Um seinen Keksvorrat nicht zu gefährden, tauscht er die Dose gegen zwei Kochbücher aus, die er noch nie benutzt hat. Er geht ein wenig langsamer und konzentriert sich darauf, das Tablett gerade zu halten. Schon besser. Nach der zwölften Runde um den Küchentisch ist er schon einigermaßen zufrieden mit dem Balancieren der Bücher, aber sein Bein verlangt nach einer Pause, und sein linker Daumen weist ebenfalls erste Ermüdungserscheinungen auf. Genug für heute, beschließt er und macht sich auf den Rückweg zum Sofa. Ohne Tablett.

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„Was ist mit deinem Daumen los?", fragt Wilson drei Tage später, als ihm der rote Striemen an House' Hand auffällt. House betrachtet seinen Daumen, wackelt kurz damit und setzt eine dramatische Miene auf. „Frisch erlerntes Sexspielchen. Mir fehlt noch ein wenig die Übung, wenn du verstehst."

Wilson versteht nicht, will aber auf einmal gar nicht mehr wirklich wissen, was es mit dem Daumen seines Freundes auf sich hat.

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Die Tablettübungen werden Teil von House' Abendroutine. Ein paar Runden durch die Küche mit dem Ding, und die Schwierigkeitsstufen steigern sich. Wenn es jemanden gibt, der Ausdauer darin hat, sich irgendwelche Fähigkeiten anzueignen, dann ist er es. Jonglieren, Kartentricks, Fremdsprachen und so weiter. Warum nicht auch einhändiges Tablett-Tragen bei starkem Seegang? Als er von Plastikgeschirr auf das richtige umsteigt, dezimiert sich sein Bestand erheblich, und so häufig den Fußboden gewischt, wie während des Tabletttrainings hat er selten, doch ein paar Wochen später ist es soweit. Wenn er sein Glas nur bis etwa zur Hälfte füllt, klappt der Transport eines Tabletts mit einem gefüllten Teller und besagtem Glas unfallfrei – sogar auf längeren Strecken.

Für einen Praxistest fährt er dann schließlich noch in ein Schnellrestaurant in der nächsten Stadt. Das Ergebnis bestätigt seine Tablettreife.

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„Hanson sieht nicht gut aus. Das glaubst du bloß weil es zwischen all den unansehnlichen OP-Schwestern so wirkt. Stell sie mal neben … hmm …", House geht in Gedanken alle möglichen Schwestern durch, die ihm einfallen, und rückt in der Schlange ein Stück vor.

„Neben Cameron?", schlägt Wilson vor und grinst, „Oder Cuddy?" Er schiebt seinen Teller ein Stück zur Seite, doch House stellt seinen auf ein eigenes Tablett.

„Du kannst nicht Äpfel mit Birnen vergleichen. Völlig andere Klasse." House zahlt, nimmt ein paar große Schlucke aus seinem Glas und stellt es auf seinem Tablett ab. Ungläubig starrt Wilson ihn an, als er, weiter über das Aussehen diverser OP-Schwestern herziehend, das Tablett vorsichtig anhebt, es kurz ausbalanciert und dann auf einen der nächstgelegensten Tische zusteuert. Es sieht kinderleicht aus und geht unfallfrei vonstatten.

Wenn er sein Tablett selbst tragen kann, wieso hab ich das ständig für ihn getan?, fragt er sich. Er will sich gerade darüber beschweren, als House eine absolut beleidigende Bemerkung über seinen Geschmack bei Frauen fallen lässt, die er auf gar keinen Fall auf sich sitzenlassen kann. Während Wilson sich empört, kann House sich ein verschmitztes Grinsen nicht verkneifen. Er hat es geschafft!