6. Ingrid
Sie steht vor der Tür und wartet. Als sie die Hand hebt, um ein zweites Mal zu klopfen, hält sie inne und lässt die Hand schließlich wieder sinken. Er hat sie angerufen, also erwartet er sie. Nervös tritt sie einen Schritt zurück und fingert am Schulterriemen ihrer Tasche herum. Es dauert wirklich lange heute. Ob sie vielleicht doch noch mal … Nein, jetzt hört sie ihn an der Tür. Noch einmal tief einatmen, ein Lächeln aufs Gesicht zaubern …
Ihr Lächeln erstarrt, als ihr die Tür geöffnet wird. Sein Gesicht ist kreidebleich und verschwitzt. Der Blick ist ausdruckslos. Die Hand auf dem Stock zittert vor Anstrengung, und mit der anderen Hand stützt er sich am Türrahmen ab. Wortlos schlüpft sie durch die Tür, lässt ihre Tasche zu Boden gleiten und bietet ihm ihren Arm an. Normalerweise gehen Sie bei ihren Besuchen immer ins Schlafzimmer, doch heute scheint ihr der wesentlich kürzere Weg hinüber zum Sofa passender zu sein.
Sie hilft ihm sich hinzulegen, geht kurz ins Bad, um sich die Hände zu waschen und kehrt dann zu ihm zurück. Den linken Arm hat er sich übers Gesicht gelegt, sein Atem ist zu schnell. Als sie ihm vorsichtig die Schlafanzughose herunterzieht, stöhnt er leise in seine Armbeuge.
„Schschsch…" Mit geübten Händen macht sie sich behutsam ein Bild von der Situation. Sie fühlt die Verspannungen und Verkrampfungen, die heute ausgeprägter sind als sonst und sie vorsichtiger anfangen lassen. Mit langsamen, kreisenden Bewegungen streicht sie ihm über den Oberschenkel. Nach ein paar Minuten wagt sie sich auch in Bereiche stärkerer Verspannungen vor, die sie zunächst vermieden hatte. Leise fängt sie dabei an zu summen.
Ungefähr einmal im Monat ruft er sie an. Manchmal kommt sie zu ihm ins Krankenhaus, manchmal in seine Wohnung. Obwohl sie inzwischen eine ganze Menge Kunden hat, ist er immer etwas Besonderes. Nicht nur weil er einer ihrer ersten Kunden in diesem Land war, sondern weil er sie auf eine ganz bestimmte Art berührt. Die meisten ihrer Kunden suchen bei ihr wohlige Entspannung und ein bisschen Ablenkung und sind sehr zufrieden mit ihr, weil sie wahrhaftig gut ist in dem, was sie tut. Bei ihm jedoch hat sie das Gefühl, dass sie wirklich helfen kann. Er hat ihr nie erzählt, wie er zu dieser Verletzung im Oberschenkel gekommen ist, und sie hat nie gefragt. Die Narbe ist groß und vor allem tief. Ihre Hand kann sie ganz hineinlegen und direkt den Knochen darunter spüren. Sie vermutet, dass er einen furchtbaren Unfall gehabt haben muss, dass man ihm solch große Mengen an Muskelgewebe entfernen musste. Ihn selbst kennt sie kaum. Da sie ihn immer nur trifft, wenn er große Schmerzen hat, sprechen sie meist kaum drei Sätze miteinander. Sie weiß, dass er Arzt ist. Dass er mit James Wilson befreundet ist, dem ehemaligen Chef von Lady, ihrer Cousine. Sie kennt seine Wohnung, und sie kennt sein Bein. Sehr genau sogar. Er spricht Spanisch – nicht perfekt, aber sicher noch immer besser als ihr Englisch, an dem sie noch immer arbeiten muss. Wahrscheinlich ist er musikalisch – ihr Blick wandert hinüber zu seinem Klavier und der Gitarre und der großen Platten- und CD-Sammlung.
„Das ist kein Spanisch.", sagt er auf einmal und holt sie aus ihren Gedanken. Ihr ist gar nicht aufgefallen, dass aus ihrem Summen mit der Zeit leiser Gesang geworden ist. Sie schüttelt den Kopf. „Kein Spanisch."
„Aber was ist das? Welche Sprache?", fragt er neugierig und richtet sich ein Stück auf.
Ingrid streicht zufrieden mit beiden Händen über den entstellten Oberschenkel ihres Kunden. Die verbliebenen Muskeln sind warm und weich, beginnende Verkrampfungen streicht sie mühelos weg. Dies ist der angenehmste Teil ihrer Arbeit mit ihm. Die Schmerzen werden weniger, seine Gesichtszüge entspannen sich.
„Welche Sprache?", wiederholt er leise.
„Dänisch.", sagt sie. „Meine Mutter ist Dänin."
„Das erklärt den Namen. Ingrid.", murmelt er bereits im Halbschlaf.
Lächelnd streicht sie ihm weiter übers Bein und fängt wieder an, das dänische Schlaflied zu singen.
Solen er så rød, mor, og skoven bli'r så sortNu er solen død, mor, og dagen gået bort...
Eine halbe Stunde später schlüpft sie aus der Wohnung und zieht leise die Tür hinter sich zu, um ihn nicht zu wecken.
