8Rettung

Die Abstimmung steht kurz bevor, als sein Handy vibriert. Wilson hebt entschuldigend die Hand. Er war sich eigentlich sicher, dass er das Handy vor der Sitzung ausgeschaltet hatte. Immerhin hat es nicht laut geklingelt. Curtis grinst höhnisch, und Wilson schaltet das Handy ab. Nichts kann so wichtig sein, als dass es nicht noch zehn Minuten warten könnte.

„Hätten Sie damit gerechnet?", fragt er Cuddy, als sich die Sitzung auflöst. „Ich dachte immer, man würde die Umbaumaßnahmen allgemein schätzen."

„Die Lärmbelästigung in einigen Teilen des Gebäudes war einfach zu groß. Wenn Sie einmal nachsehen, welche Abteilungsleiter sich für den Baustopp über den Sommer ausgesprochen haben, ist es recht eindeutig."

„Um so eher sollte man doch meinen, dass sie es hinter sich bringen wollen."

„So weit denken die wenigsten. Ich bin nur froh, dass man sich nicht für einen vollständigen Baustopp ausgesprochen hat. Schönen Feierabend, Dr. Wilson."

„Gleichfalls. Danke." Wilson nickt Cuddy zu und macht sich auf den Weg zurück in sein Büro. Ein Blick aus dem Fenster lässt ihn das Gesicht verziehen. Was für ein Sauwetter! Er tauscht seinen Arztkittel gegen den Mantel aus und löscht das Licht in seinem Büro, bevor er hinüber zur Diagnostikabteilung geht.

„Wo ist House?", fragt er Foreman, der allein im Konferenzraum über einem dicken Medizinwälzer brütet.

„Schon vor gut zwei Stunden gegangen.", antwortet Foreman ohne aufzublicken.

„Okay, danke."

Normalerweise benutzt House ihn gern als Chauffeur, wenn er morgens mit dem Bus zur Arbeit kommt, aber heute hat ihm das Meeting wahrscheinlich zu lange gedauert, und er hat wieder den Bus genommen.

Auf den Treppen auf dem Weg in die Tiefgarage fällt Wilson der Anruf kurz vor der Abstimmung wieder ein. Er fischt sein Handy aus der Tasche und klappt es auf: Ein verpasster Anruf und eine SMS. Der Anruf war von House. Die SMS auch. Wilson drückt auf die Taste, um die Nachricht zu lesen. Sie besteht aus einem einzigen Wort: „Sportplatz". Wilsons Augenbrauen verdunkeln seinen Blick, denn es ist nicht das erste Mal, dass er eine Nachricht wie diese bekommt, und er weiß aus Erfahrung, was sie übersetzt bedeutet: „Ich bin auf dem Sportplatz und habe ein Problem." Wilson beschleunigt seine Schritte und joggt quer durch die Tiefgarage zu seinem Wagen. Verdammt! Wieso hat er nicht gleich nach der Abstimmung auf dem Handy nachgesehen? Beim letzten Anruf dieser Art, vor etwa einem Vierteljahr, hat er House im Einkaufszentrum aufgegabelt. House hatte vorgegeben einen Einkaufsberater zu benötigen, um ihn bei der Farbwahl eines T-Shirts zu helfen. Wilson hat jedoch bereits nach den ersten paar Schritten bemerkt, dass House seine Kräfte offensichtlich überschätzt hatte, der Weg zurück zur Bushaltestelle zu weit war und er deswegen gerufen wurde.

Wilson stellt den Wagen vor dem Sportplatz ab. Er sieht House sofort. Er sitzt auf einer Bank am Spielfeldrand. Außer ihm ist bei dem strömenden Regen kein Mensch so verrückt, sich hier aufzuhalten.

„Das wurde auch Zeit.", grummelt House verärgert.

„Was treibst du hier bei diesem Wetter?", fragt Wilson kopfschüttelnd und rechnet mit einer typischen Bemerkung wie Als ich ankam, war's noch schön, aber du kriegst deinen Arsch ja nicht rüber oder Du kommst zehn Minuten zu spät zum Schlammcatchen der Cheerleader, doch House sagt nichts dergleichen. Sein graues, verkniffenes Gesicht spricht Bände.

„Bleib hier, ich hol den Wagen.", sagt er, und zwei Minuten später hält er direkt vor der Bank, nachdem er zwei „Befahren der Sportanlagen verboten"-Schilder ignoriert und ein Blumenbeet ruiniert hat.