11. Hosen

„Als ich vorhin sagte, ich muss noch zum Gericht, war das ernst gemeint.", Stacy lehnt sich an die Wand neben der Kabinentür und sieht erneut auf die Uhr. „Brauchst du Hilfe?"

„Ich kann mir wohl noch selbst ein Paar Hosen anziehen!" Dem Ton nach hat sich Stacy mit ihrer letzten Frage ein Stück zu weit aus dem Fenster gelehnt, aber sie hat keine Geduld mehr. Sie weiß, dass das Anziehen von Hosen, Strümpfen und Schuhen Zeit braucht, aber die hat sie heute nicht. Greg hat den ganzen Schrank voller Hosen, doch nur zwei davon zieht er an – die verwaschenen Jeans, die unten an den Beinen langsam ausfransen und das Paar Cordhosen, das noch aus der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts zu stammen scheint. Beide kann er unmöglich zur Hochzeit ihres Bruders tragen. Weshalb er die Anzughosen, die er besitzt, nicht tragen will, versteht sie nicht. Dass neue Jeans mit festem, harten Stoff auf der empfindlichen Haut der frischen Narbe ihm wehtun, versteht sie. Aber die Anzughosen sind aus hauchdünnem, weichem Stoff – wesentlich weicher noch als der Stoff der alten Jeans und Cordhose. Er erklärt nichts, sondern weigert sich einfach, sie anzuziehen. Zwei Tage vor der Hochzeit sind sie jetzt gezwungen im Eilverfahren ein Paar Hosen für ihn zu kaufen.

Inzwischen sitzt er mit dem sechsten Paar in der Kabine. Alle vorigen Paare hat er ihr nach der Anprobe kommentarlos wieder in die Hand gedrückt, obwohl sie einwandfrei saßen und richtig gut aussahen.

„Greg, entweder du nimmst jetzt dieses Paar oder …" Ihr fällt keine Drohung ein, die passen würde. Oder wir fahren nicht zur Hochzeit wäre unmöglich. Sie kann nicht die Hochzeit ihres kleinen Bruders verpassen. Oder du trägst die ausgefranste Jeans zum Jackett ist ebenfalls undenkbar. Ihre Verwandtschaft hat sowieso schon nicht den besten Eindruck von Greg. Sie will sich nicht seinetwegen schämen müssen. Oder ich fahre allein zur Hochzeit wäre wahrscheinlich seine Lieblingslösung. Aber so geht es nicht. Sie sind ein Paar. Sie gehören zusammen. Greg kann sich nicht den Rest des Lebens verkriechen und sie mit allem allein lassen, was ihm nicht in den Kram passt. Sie merkt, wie die Wut in ihr aufsteigt. Ein Blick auf die Uhr verrät ihr, dass sie sich bei Gericht verspäten wird, selbst wenn sie Greg jetzt gleich auf direktem Weg nach Hause fährt. Verzweifelt bemerkt sie, wie ihr schon wieder die Tränen kommen. In den letzten Wochen hat er sie immer wieder zum Weinen gebracht, und ein Ende ist nicht in Sicht.

Greg hat das sechste Paar Hosen angezogen und ist am Ende seiner Kräfte. Er setzt sich gerade hin und zieht den Stoff über dem rechten Oberschenkel glatt, doch sobald er loslässt, schmiegt er sich weich und unbarmherzig an die unebene Form des Beins an.