In diesem Augenblick riss mich Ian plötzlich nach rechts in eine winzige Nische. Wir quetschten uns dicht nebeneinander, um nicht 'rauszufallen' und von der gigantische Kugel überrollt zu werden, die in jenem Augenblick an uns vorbeirollte. Ich hielt den Atem an und schloss die Augen.

Ich öffnete erst ein Auge, dann das andere.

„Ich glaube, wir haben es überlebt..."

Ian drückte mich fest in seine Arme, glücklich, dass wir das hier geschafft hatten.

„Woah, Ian!"

Er ließ mich los.

In jenem Augeblick knackte das Talkie. Rylie meldete sich: „Wir sind jetzt auf dem Weg zu euch."

Ich blickte erschrocken zu Ian. „Rylie?", rief ich in das Talkie hinein.

„Huh?"

„Ihr müsst euch irgendwo in Sicherheit bringen, sonst werdet ihr von einer riesigen steinernen Kugel überrollt!"

„Was?"

„Du hast mich schon verstanden. Sorgt einfach dafür, dass ihr in eine Nische kommt oder dass ihr in Gang kommt, von dem wir gekommen sind oder so. Macht einfach nur, dass ihr nicht auf dem Gang bleibt, auf dem ihr jetzt seid!"

„O-OK..."

Ich schaltete das Talkie aus und ließ mich an der gegenüberliegenden Wand hinunter sinken. Ich stütze mich mit der Hand auf dem Boden ab, um mich in eine bequemere Position zu bringen, als ich mich plötzlich an irgendetwas schnitt. „Shit!", rief ich und blickte auf dem Boden, wo ein kleiner Dolch lag, der jetzt mit meinem Blut besudelt war . Meine Hand blutete. Und das nicht gerade wenig. Fuck!, dachte ich.

Ian kam zu mir und kniete sich vor mir nieder.

„Geht's?", wollte er wissen und holte eine Binde irgendwo aus den Untiefen seiner Jacke hervor. Er nahm vorsichtig meine Hand in die seine und beäugte sie besorgt.

Ich verzerrte das Gesicht, als er begann die Binde um die Hand zu wickeln. Es tat wirklich weh!

Wenige Minuten später kamen auch die anderen angelaufen.

„Äh... Ian?"

„Ja?"

„Ich glaube, du kannst meine Hand jetzt wieder loslassen."

„Oh." Er blickte auf meine Hand und wurde rot. Er ließ sie sofort los. Ich schüttelte nur kichernd meinen Kopf.

Ben stellte sich vor uns und schaute zu ihm hoch und hob eine Augenbraue.

„Was ist mit deiner Hand passiert?",wollte er wissen.

Als Antwort hielt ich ihm vorsichtig den Dolch hoch, an dem ich mich vor wenigen Minuten geschnitten hatte. Er nahm in mir aus der Hand und schaute ihn sich näher an. Ian stand auf und gesellte sich zu ihm.

„Wie alt denkst du ist der?",fragte Ben.

„Bei weitem nicht so alt, wie diese Miene."

„Was meinst du?", mischte ich mich ein und stand ebenfalls auf.

„Dieser Dolch ist nicht alt. Er sieht um ehrlich zu sein ziemlich neu aus."

„Wahrscheinlich hat ihn hier jemand bei den Arbeiten vergessen."

„Wahrscheinlich..."

„Leute",rief Rylie, der schon ein Stückchen weiter gegangen war. „Kommt ihr jetzt mal oder wollt ihr hier Wurzeln schlagen?!"

„Kommen schon",rief ich und holte zu ihm auf. Die beiden anderen Männer folgten mir. Wir marschierten noch eine zeit lang durch die Gänge bis wir schließlich an eine Wand gelangten. Würden jetzt wieder Speere aus dem Boden hochschießen, oder war das hier das Ende und es gab überhaupt keinen Schatz?

Ben klopfte an die Wand. Sie hörte sich hohl an, was eindeutig auf einen Raum hinter der Wand schließen ließ. Wahrscheinlich war dies der Raum, den die Wissenschaftler nicht hatte öffnen dürfen...

Ben zögerte jedenfalls nicht, nahm seine Keilhacke in die Hand und hackte in die Wand. Er zog sie wieder raus und schlug solange weiter bis die Wand anfing zu bröckeln und endlich komplett in sich zusammen fiel.

Mir blieb die Spucke weg. Der Anblick, der sich mir jetzt bot, war gewaltig. Wir waren in eine Kammer gestoßen,die bis zum Rand mir antiken Schätzen aus allen Kulturen vollgestellt war. „Whoa",kam von Rylie.

„Das ist... nicht der richtige Schatzraum",kam langsam von Ian.
„Wie?",fragte ich und wandte mich ihm zu.

„Dies ist wenn überhaupt nur ein Vorraum zur richtigen Schatzkammer."
„Wie jetzt? Du meinst, da kommt noch mehr?" Ich war platt. Der Schatz, der hier drinne war, war bestimmt schon zweimal so viel, wie der Schatz, den wir unterhalb der Trinity Church gefunden hatten und da sollte noch mehr sein? Meine Güte!

Ich schrie auf und sprang Ian freudig in die Arme, wobei mir erst gar nicht bewusst war,was ich tat. Ian, der scheinbar ebenfalls sehr überrascht und glücklich war, erwiderte die Umarmung nur zu freundlich. Irgendwann ließen wir uns los und starrten uns fassungslos an, dann brachen wir beide in Lachen aus.

„Ähem", hörten wir plötzlich aus dem Gang hinter uns.

Wir drehten uns alle blitzschnell um und erblickten zwei Männer. Es handelte sich um Ians früheren Kollegen Michael, der uns vor einigen Wochen schon den Hintern heiß gemacht hatten und um -Shaw! Shaw war doch eigentlich tot oder nicht? Er war doch bei der letzten Schatzsuche in dieses Loch gefallen! Wir hatten ihn alle fallen sehen. Er hätte das unmöglich überleben können! Aber jetzt stand er hier vor uns, quicklebendig! Ich konnte es nicht glauben! Und um dem ganzen noch die Krone aufzusetzen, war Michael bei ihm. Michael Hawthorne. Der Feind.

Bei unserer letzten Schatzsuche hatte er mit Ian zusammen gearbeitet. Am Ende hatten sie dann aber doch noch gegeneinander anstatt miteinander gearbeitet. Scheinbar konnte Ian nie lange mit irgendjemanden zusammenarbeiten, aber das war jetzt auch egal.

Jedenfalls standen die Kerle da vor uns und wir wichen entsetzt zurück.

„Ich wüsste es sehr zu schätzen, wenn ihr meinen Schatz nicht anfassen würdet",sprach Michael genauso arrogant wie wir ihn kennengelernt hatten. „Oh, und kann es sein, dass ihr meinen Dolch gefunden habt?"

Dann war es also seine Schuld, dass ich mich geschnitten hatte! Ich starrte ihn wütend an.

„Michael, was willst du eigentlich?",fragte Ben und trat einen Schritt näher auf Michael und Shaw zu.
„Bleib, wo du bist!",rief Michael und Shaw zog eine Knarre aus seinem Hosenbund heraus, die er auf Ben richtete.

„Michael, mach keinen Scheiß!", warnte ihn Ian und fing plötzlich an zu husten.

Nach und nach füllte sich der Raum mit einem komischen Nebel. Dann wurde alles schwarz.