Ich hatte absolut keine Ahnung, wo ich war. Ich wusste nicht einmal, ob ich überhaupt noch in Kapstadt war!

Ich schaute auf meine Uhr. Es war 2 Uhr- und ich lief durch irgendwelche Straßen in irgendeiner Stadt.

Plötzlich entdeckte ich etwas. Einen Brunnen. Einen antiken Brunnen, den schon einmal gesehen hatte. Und zwar,als wir vom Flughafen zum Hotel gefahren waren. Also konnte das Hotel nicht so weit von hier sein!

Ich ging in die Richtung, in der ich das Hotel vermutete,als ich plötzlich schnelle Schritte aus einer kleinen Gasse hinter mir hörte.

Ich wollte gerade die Beine in die Hand nehmen, als ich sah, dass es Ian war.

Seine Haare hingen wild durcheinander und er hielt sich den Bauch. Als er in das Licht einer Straßenlaterne trat, sah ich, was Michael und Shaw mit ihm angestellt hatten. Seine Lippen waren aufgeplatzt, er hatte ein blaues Auge und über seinem anderen Auge blutete er auch.

„Oh, Ian!",rief ich und lief auf ihn zu. Ich musste ihn stützen, damit er nicht hinfiel.

„Was haben die bloß mit dir gemacht?!" Ich schleppte Ian noch bis am Brunnen vorbei, dann brach er zusammen.

„Oh, Gott, Ian!" Ich war verzweifelt. „Wir müssen dich ins Hotel bringen. Komm, steh auf! Es ist nicht mehr weit!"

„Ich kann nicht mehr!",keuchte Ian.

„Du musst!", rief ich, als ich plötzlich von hinten überwältigt wurde.

Michael stellte sich vor mich, während ich nur vermuten konnte, dass Shaw mich gerade fesselte.

„Na da ist ja unsere kleine Ausreißerin!",kam von Michael.

Ich blickte zu Ian. Dieser rappelte sich auf und wankte noch ein bisschen hin und her. Ihm schien es scheinbar wieder gut zu gehen. Ich starrte ihn hasserfüllt an.

„Es tut mir Leid",sagte er und klang dabei auch so, als würde es ihm wirklich Leid tun.

Ich schüttelte den Kopf. „Das ist nicht genug,Ian", flüsterte ich.

„Oh... die erste Beziehungkrise",meinte Michael sarkastisch. Ich spuckte ihm ins Gesicht. Er schlug mich.

„MICHAEL!",schrie Ian. Ich hatte ihn noch nie so laut gehört. Die beiden funkelten sich wütend an.

Ich nutzte die Gelegenheit, um mich aus Shaws Griff zu befreien und loszurennen.

Jedoch kam ich leider nur bis zur nächsten Straßenecke, wo mich Shaw einholte, auf den Boden warf und mich dann wieder zu Ian und Michael zurückbrachte.

Ich zitterte. Mir war schwindelig und schlecht und ich hatte Angst. Darüber hinaus war mir kalt.

Michael, Shaw und Ian brachten mich zu dem alten Haus zurück, in dem sie mich schon einige Stunden zuvor festgehalten hatten.

„Warum tut ihr das?",fragte ich verzweifelt, als man mich wieder an den Stuhl fesselte.

Ian verließ schweigend den Raum.

„Weil wir den Schatz haben wollen",antwortete Michael kalt.

„Und wofür braucht ihr mich dann?"

„Als Geisel. Wir wissen nur noch nicht, wie viel wir für dich verlangen sollen. Aber der Schatz wäre durchaus ein hübsches Lösegeld."

Ich blickte traurig zu Boden. Ian hatte uns hintergangen und das, wonach wir so hart gesucht hatten, würde uns einfach weggenommen. Mir war zum heulen zumute.

„Du bleibst hier!", instruierte Michael Shaw, der bisweilen nur still in einer Ecke gestanden hatte. „Und sorg dafür, dass sie nicht wieder abhaut!" Shaw nickte und Michael verließ den Raum.

Shaw nahm sich einen Stuhl und setzte sich gegenüber von mir hin.

„Wie kommt es eigentlich, dass du noch lebst?", fragte ich nach einer Weile gegenseitigen stummen Anstarrens.

„Das wüsstest du wohl gerne",antwortete Shaw gehässig.

„Oh, ja. Sehr gerne", meinte ich und beugte mich ein Stück vor.

Shaw zögerte. „Wie du weißt, bin ich damals die Treppe runtergefallen." Ich nickte. „Ja, und da unten war dann ein unterirdischer See, es klingt merkwürdig, entspricht aber nur der Wahrheit. Auf jeden Fall bin ich dann in den See gefallen. Ansonsten wäre ich wahrscheinlich sofort zermatscht worden. Ungefähr eine Woche später kam Michael dann und hat mich halb verhungert dort gefunden und rausgeholt." Er machte eine Pause. „Und dann haben wir von dem Schatz gehört."
„Wie?"

„In der Zeitung. Da war dieser Artikel über die Miene, wo angeblich vor Jahren ein Hohlraum entdeckt wurde, aber die Regierung hatte weitere Untersuchungen verbieten lassen und dann war es hier in Kapstadt vor kurzem zu erneuten Versuchen gekommen die Arbeiten fortzusetzen. Ich glaube, ihr seid durch den gleichen Artikel aufmerksam geworden."

Ich nickte. „Kann sein. Ich hab keine Ahnung. Ben hat mit dieser ganzen Schatzsache angefangen."

Shaw nickte.

„Ich verstehe nur nicht, warum du das alles hier machst. Ich meine, diese ganze Scheiße mit Michael und ich jetzt hier an einen Stuhl gefesselt...Was erhoffst du dir davon?"

Shaw zögerte einen Moment.

„Weißt du, Diana, Michael bezahlt mich gut. Außerdem bekomme ich einen nicht gerade kleinen Teil vom Schatz ab." Er grinste hämisch.

„Und wie hängt Ian hier mit drin?"

„Tja, nachdem Michael rausgefunden hatte, dass Ben Lösegeld bezahlen würde, hat er Ian einen kleinen Besuch im Knast abgestattet. Natürlich wusste er schon von dem Schatz und hatte auch schon eine Plan ausgearbeitet, wie wir euch überlisten können. Dann musste nur noch Ian zustimmen, was allerdings kein großes Problem darstellte..." Schweigen folgte.

„Moment mal..." Mir war gerade etwas aufgefallen. „Aber woher wusstet ihr denn überhaupt, dass Ben das Lösegeld für Ian bezahlen würde? Er hatte niemanden außer uns davon erzählt...!"

„Nun ja...", meinte Shaw. „Wir haben da so unsere Leute."

„Wer?"
„Das kann ich dir nicht sagen."

„Warum nicht?"

„Ich darf es dir nicht sagen."
„WER?"

„Ich darf es dir nicht sagen",wiederholte Shaw ruhig.

Ich schlug die Augen nieder und schüttelte den Kopf. Solche dummen Arschlöcher!

„Und was habt ihr nun mit mir vor?", fragte ich nach einer Weile und gähnte.

„Du bist unsere Geisel. Deine Freunde werden uns den Schatz geben und wir werden deinen Freunden dich geben"

„Und dann passiert das gleiche, wie beim letzte Mal, oder wie? Ich wette, auch wenn ihr habt, was ihr haben wollt, werdet ihr mich trotzdem mit euch rumschleppen."

Shaw antwortete nicht.

„Allerdings verstehe ich immer noch nicht so ganz, warum du das hier machst. Du sagst, du machst es wegen des Geldes, aber wir kennen uns schon länger, Shaw, und du bist keiner von diesen geldgierigen Dummköpfen, die nur Geld im Kopf haben. Warum machst du das hier, Shaw?"

Shaw blickte zu Boden und spielte an der Kanone, die er schon die ganze Zeit über in seiner Hand hielt.

„Warum?",fragte ich erneut.

„Ach, halt den Mund!", rief Shaw. Ich hatte scheinbar seinen wunden Punkt getroffen. Er sprang auf und lief aus dem Zimmer. Er knallte die Tür hinter sich zu.

Einige Minuten war ich alleine. Ich lauschte den Stimmen der Männer, die sich im Nebenraum stritten und fing an zu dösen.

Ich war gerade dabei richtig einzuschlafen, als die Tür aufgerissen wurde und Ian reinkam. Er schloss die Tür wieder. Ich stöhnte auf.

„Ich war fast eingeschlafen, Ian!", sagte ich müde und vorwurfsvoll zugleich.

„Sorry!", meinte Ian nur und trat zu mir.

Er befreite mich aus meinen Fesseln, hockte sich vor mir auf den Boden und blickte mir fest in die Augen.

„Diana, es tut mir Leid. Das musst du mir glauben. Es tut mir wirklich Leid, was ich dir angetan habe!" Ian strich mir über meine Wangen. „Ich liebe dich, Diana, und ich hätte es niemals soweit kommen lassen dürfen!" Er küsste mich.

„Was wird nun passieren, Ian?"

„Ich weiß es nicht, Diana, ich weiß es ehrlich nicht!" Er küsste mich erneut.

Ich fuhr mit meiner Hand über Ians Hals. „Ich habe Angst", flüsterte ich.

„Du musst keine Angst haben",flüsterte Ian zurück und strich mir über meine Haare. „Warte bis die anderen schlafen." Ian stand wieder auf. „Ich werde schon einen Weg finden dich hier herauszuholen."

Ian verließ das Zimmer.