„Ey, Kowalski, wo willste denn hin?", hielt Bernd den nervösen Bräutigam auf, der gerade aus der Kirche gelaufen kam. „Ich muss mit Lisa sprechen." – „Aber jetzt doch nicht", winkte Bernd ab. „Dis bringt Unglück, die Braut…" – „Es ist aber wichtig", unterbrach Rokko seinen zukünftigen Schwiegervater mit Nachdruck. „Meine Eltern…" – „Da kommse doch", deutete Bernd auf ein Auto mit Hamburger Kennzeichen. „Gott sei Dank", atmete Rokko erleichtert aus. „Dass du'n Muttersöhnchen bist, hätte ich mir ja denken können", grinste Bernd, hob aber gleich entschuldigend die Hände. „Is klar, is ja deine Hochzeit. Da will man se ja dabei haben. Aber jetzt jehste zu die beeden rüber und ick saach dem Schnattchen, dass sie warten soll, biste widder inne Kirche bist."
„Mama, Andrea ist noch nicht da", bestürmte Rokko seine Mutter, kaum dass diese aus dem Auto gestiegen war. „Sie kommt bestimmt gleich. Hast du es schon auf ihrem Handy probiert?" – „Ja, da geht niemand ran." – „Hast du es auf Marcos Handy probiert?" – „Mama, bitte, ich habe alles probiert, um die beiden zu erreichen." – „Nun mach dir mal nicht so einen Kopf. Sie kommen bestimmt gleich. Es ist nicht leicht, dieses Dorf zu finden, von der Kirche ganz zu schweigen." – „Sie sollten schon heute Morgen ankommen. Wir wollten mit Bennett üben, wie er die Ringe zum Altar tragen soll", warf Rokko ein. „Vermutlich stehen sie im Stau", meldete sich nun auch Rokkos Vater zu Wort. Schwerfällig hatte er sich aus dem Auto gewälzt und blieb erst einmal kurz stehen, um sich zu strecken. „Auf der Autobahn von Wolfsburg hierher war ein Riesenstau mit Vollsperrung und allen Schikanen. Wir sind total kompliziert umgeleitet worden und auf der Strecke war der Verkehr auch nicht besser." – „Stau mit Vollsperrung?", wiederholte Rokko. „Hm, im Radio hieß es, dass ein LKW beim Überholen ein Auto in die Mittelleitplanke gedrückt hat. Zwei Tote hat's gegeben", wusste Rokkos Mutter zu berichten. „Um Gottes Willen, es wird Andrea und ihrer Familie doch nichts passiert sein?!", dachte Rokko laut nach. „Ach was, die sind doch zu viert im Auto", argumentierte Rokkos Mutter wenig schlüssig. „Die stehen bestimmt mitten im Stau. Wenn die die Leichen aus dem Fahrzeug schneiden müssen, dann dauert das sicher noch eine Weile. Ich schlage vor, du heiratest jetzt erstmal. Deine Mutter und ich machen viele Fotos oder filmen oder so. Hey, ist das die Braut?", wollte der ältere Herr auf die Wiese vor der Kirche deutend wissen. „Ja, das ist Lisa", staunte Rokko. „Wow, sie sieht toll aus." – „Du solltest sie vor der Trauung nicht sehen. Das bringt Unglück", warf Mama Kowalski ein. „Hallo", begrüßte Lisa die Runde, als sie sie erreicht hatte. „Mein Vater sagte, es gibt ein Problem?", wandte sie sich an Rokko. „Nein, nein", beruhigte Papa Kowalski die junge Frau. „Naja, so stimmt das nicht", widersprach Rokko. „Meine Schwester und ihre Familie sind noch nicht da. Dabei war verabredet, dass sie heute früh schon ankommt. Jetzt fehlt das Kind, das die Ringe tragen soll, nämlich mein Neffe und ich mache mir total viele Sorgen um Andrea." – „Mensch, ihr seid doch Zwillinge", warf Papa Kowalski ein. „Psychologen meinen doch, dass ein Zwilling etwas spürt, wenn dem anderen etwas zustößt. Und, fühlst du was?" – „Nein", gab Rokko zu. „Aber ich habe auch nichts gespürt, als ihr damals fast der Blinddarm geplatzt ist", grummelte er dann. „Wenn du willst, dann warten wir", schlug Lisa vor. „Ihr wartet natürlich nicht", entschied Mama Kowalski resolut. „Ihr heiratet hier und jetzt wie vorgesehen." – „Dis finde ick aber och. Schnattchen, kommste her. Dis bringt Unglück, wenn dich der Kowalski vor de Trauung sieht. Jehste rin", sprach Bernd Rokko an. „Ick bring dir die Lisa dann gleich."
