„Danke, Papa. Den Rest hole ich dann einfach in den nächsten Tagen", verabschiedete Lisa Bernd an der Tür zu Rokkos Wohnung. „Keene Eile, Schnattchen, keene Eile. Läuft ja nüscht wech. Schreibste uff, waste brauchst und ich bring's denn her." – „Das ist lieb, aber nicht jetzt. Ich melde mich einfach in den nächsten Tagen." – „Wie geht's dem Jungen denn jetzt?" – „So wie ich das verstanden habe, hat Bennett ein paar Kratzer und die Ärzte wollen nur beobachten, ob…" – „Ja ja, dass es den Kindern jut jeht, haste schon jesaacht. Ick meene den Kowalski, deinen Mann, meene ick." – „Rokko? Er hat noch nicht viel gesagt, seit wir hier sind. Er hat halbherzig versucht, seine Eltern davon abzuhalten, ins Hotel zu gehen." – „Die sind im Hotel? Die könnten doch zu Mama und mir." – „Naja, so war es vorgesehen. Also, dass sie zur Hochzeit kommen, eine Nacht im Hotel verbringen und morgen wieder abreisen." – „Jetze is aber alles anders." – „Ja, jetzt ist alles anders. Ach Papa", schluchzte Lisa plötzlich. „Ich würde so gerne etwas für Rokko tun." – „Dis musst du auch, Schnattchen. Du bist doch jetzt die Ehefrau. Wenn de n Tipp wist…" – „Unbedingt", versicherte Lisa. „Einfach da sin, zuhören, ihn in'n Arm nehmen und janz dolle festhalten. Dis hilft schon. Mama und ick machen dis seit 24 Jahrn so."

„Rokko?" Lisa steckte den Kopf in das Badezimmer. „Ich habe dich schon überall gesucht", informierte sie ihn leise. Er saß auf dem Badewannenrand, das Gesicht in seinen Händen vergraben. Fest entschlossen, ihrem Ehemann zu helfen setzte Lisa sich zu ihm. Zögerlich legte sie ihre Hand auf seinen Oberschenkel. „Ich… ich sollte jetzt fragen, wie es dir geht, aber ich schätze, ich weiß die Antwort. Mein Vater hat angeboten, dass… deine Eltern und wir zwei können jederzeit nach Göberitz kommen." – „Das ist nett", zwang Rokko sich zu antworten. „Ich mag deine Eltern, das weißt du und ich mag meine Eltern auch, aber im Moment… mir ist einfach nicht nach… naja… danach eben." – „Verstehe", seufzte Lisa. „Es tut mir leid", entschuldigte Rokko sich plötzlich bei ihr. „Ja, aber was denn?" – „Das alles. Du hast von einer Hochzeit mit all deinen Freunden mit einem schönen Kleid geträumt. Du wolltest allen zeigen, wie glücklich du bist." – „Das hatte ich doch alles", entgegnete Lisa. „Ich hätte alles, was danach kommen soll, präzisieren sollen, oder?", scherzte sie gezwungen. „Du hast meinen Vater auch gehört, oder? Zwillinge spüren, wenn dem anderen etwas passiert. Ich habe nichts gespürt." – „Rokko, das war ein ganz, ganz schlimmer Unfall. Du hättest ihn auch nicht verhindern können, wenn du etwas gespürt hättest. Deine Nichte und dein Neffe leben aber noch und sie brauchen ihren Onkel jetzt. Wenn sie morgen entlassen werden, dann muss jemand für sie da sein." – „Wann bist du denn so erwachsen geworden?", lachte Rokko auf. „Das ist eine Facette meiner Persönlichkeit, den ich gerne noch eine Weile versteckt hätte", grinste Lisa verlegen. „Lässt du mich jetzt ein bisschen alleine?" – „Damit du in Ruhe grübeln kannst? Ja, das mache ich. Ich gehe schlafen, okay? Weck mich, wenn du reden willst oder so."

„Lisa?", hielt Rokko seine Ehefrau zurück. Sie hatte die Badezimmertür bereits erreicht, drehte sich aber sofort zu ihm um. „Ja?" – „Fenja und Bennett sind jetzt ganz allein. Ich muss mich um sie kümmern." – „Ja. Gleich morgen früh gehen wir ins Krankenhaus und holen sie ab. Wenn sie nicht geschlafen hätten, hättest du ihnen das vorhin erklären können." – „Du verstehst es nicht. Ich MUSS mich um sie kümmern. Andrea und Marco hatten ein Testament. Ich bin da als Vormund für Bennett und Fenja eingesetzt. Ich habe unterschrieben. Ich wollte einfach, dass Andrea sich keine Sorgen macht. Ich konnte ja nicht ahnen, dass dieses Szenario wirklich mal eintritt." – „Gut, dann holen wir sie gleich morgen früh ab. Soll ich oben mal nachsehen, welches der Zimmer sich als Kinderzimmer eignet?" – „Musst du nicht. Es war mit meiner Schwester verabredet, dass sie mit ihrer Familie ihren Urlaub hier verbringt, während wir zwei in den Flitterwochen sind. Es ist das nötigste da und ich schätze, wenn Andreas Wohnung ausgeräumt ist, haben wir alles, was wir für die Kinder brauchen." – „Das ist gut, wirklich gut. Dann haben die beiden ihre vertrauten Sachen hier." – „Hat sich die Hochzeitsreise eigentlich problemlos stornieren lassen?", fragte Rokko plötzlich zusammenhanglos. „Mach dir darüber keine Gedanken. Andere Dinge sind jetzt wirklich wichtiger. Kannst du mir etwas über deinen Neffen und deine Nichte erzählen?", bat Lisa. „Ja", seufzte Rokko. „Fenja ist eindreiviertel. Sie plappert viel, aber hauptsächlich fenjanisch. Es dauert aber bestimmt nicht mehr lange, bis sie richtige Wörter sagt, die auch jeder versteht." Langsam ging Lisa wieder zu Rokko herüber. „Andrea hat erwartet, dass sie jetzt jeden Tag das erste Mal ‚Mama' sagt." Rokkos Stimme brach. Ein verzweifeltes Schluchzen durchzog den Raum „Bennett ist drei und unglaublich cool… also, aus seiner Sicht", zwang Rokko sich weiter zu sprechen. „Er ist kein Kind mehr – sagt er jedenfalls. Er ist ein toller großer Bruder. Er streitet nie mit Fenja. Wenn er die Nase voll von ihr hat, dann lässt er sie einfach stehen, aber er schubst sie nie oder kneift sie oder ist irgendwie anderweitig gemein zu ihr." Eine einsame Träne bahnte sich ihren Weg über Rokkos Wange. „Beide sehen Andrea und damit mir sehr ähnlich. Weißt du, diese dunklen Locken und die braunen Augen schlagen einfach immer durch." – „Pscht", versuchte Lisa Rokko zu beruhigen, als dieser seinen Kopf an ihrer Schulter vergrub, um zu weinen.