„Du bist also nicht meine Mama?", stellte Fenja fest. Über ihr Gesicht hauchte eine Emotion, die darauf schließen ließ, dass ihre kleine Welt gerade bebte. „Nein… also… nicht im herkömmlichen Sinn", gab Lisa zu. „Ich habe alles getan, was eine richtige Mama tut, aber in meinem Bauch warst du nie." – „Und wenn das Baby da ist, dann schickt ihr uns weg?", fragte das Mädchen traurig. „Nein, natürlich nicht. Fenja, Bennett", ergriff Rokko das Wort. „Wir lieben euch wie unsere eigenen Kinder. Ihr habt unseren Alltag in den letzten zwei Jahren bereichert und wir wollen euch ganz sicher nicht missen. Es geht gar nicht ohne euch. Ich meine, Bennett, du holst doch morgens immer die Zeitung rein und Fenja, wer hilft Mama beim Kochen, wenn du nicht da bist?" – „Niemand?", fragte die Angesprochene unsicher. „Genau, dann macht niemand das. Und nun stell dir mal vor, wie übergequollen der Briefkasten innerhalb weniger Tage wäre oder wie Mama und ich langsam verhungern, weil ihr keiner beim Kochen hilft", ermunterte Rokko seine Nichte. „Sieht meine richtige Mama manchmal vom Himmel auf mich herunter?" – „Ja, das tut sie ganz sicher. Sie sieht dann, ob du lieb bist oder nicht", erklärte Lisa Fenja. „Dann will ich immer lieb sein." – „Sie liegen in Hamburg auf dem Friedhof. Das weißt du nur nicht mehr, weil du viel zu klein warst, als sie beerdigt worden sind", giftete Bennett. „Ja, und du bist groß genug, ob dich zu erinnern", stimmte Rokko zu. „Wenn das Baby da ist, können wir sie gerne auf dem Friedhof besuchen, wenn ihr wollt", schlug Lisa vor. Fenja nickte kurz. „Ich darf doch trotzdem weiter ‚Mama' zu dir sagen, oder? Ich kann mich doch nur an dich erinnern… als hätte es nur dich als Mama gegeben." – „Natürlich darfst du weiterhin ‚Mama' zu mir sagen. Fenja, ich verrate dir jetzt ein Geheimnis, ja?" Lisa beugte sich vor und flüsterte dem Mädchen etwas ins Ohr. „Der Doktor hat gesagt, dass Baby ist ein Junge." – „Da freut sich Bennett bestimmt. Dann hat er jemanden zum Spielen." – „Was ist mit mir?", wurde dieser nun auch neugierig. „Das Baby ist ein Junge", verkündete Fenja überschwänglich. „Na bravo", kommentierte Rokko amüsiert. „So viel zur Überraschung." – „Habt ihr schon einen Namen?", vergaß Benett plötzlich seine Angst, er könne seine Familie verlieren. „Nennt ihn bloß nicht Justin. Der geht in meinen Kindergarten und der ist voll eklig. Der hat neulich einen Regenwurm gegessen." – „Ihhh", schüttelte Fenja sich. „Doch, er hat ihn gegessen", versicherte Bennett ihr. „Der war mindestens so lang", deutete er eine Länge an. „Okay, wir haben es verstanden. Das Baby wird nicht Justin heißen", lachte Rokko. „Fenja, auf meinem Nachttisch liegt das Namensbuch. Holst du das mal her?", bat Lisa ihre Ziehtochter. „Dann machen wir es uns auf dem Sofa bequem und suchen einen schönen Namen aus."
