Kapitel 2 – Der König

In meiner ersten Nacht in Castele träume ich schlecht. Ich stecke nämlich in einem Dilemma: Ich weiß, dass man hier viele verschiedene Leben leben kann, aber ich habe beschlossen, nur Alchemistin zu werden, damit ich darin perfekt werde. Ich glaube nämlich, dass mich die anderen Leben nur davon ablenken würden!

Und davon träume ich dann auch. Ich träume, dass ich die perfekte Alchemistin bin und einem gefährlichen Monster gegenüberstehe – in diesem Moment wünsche ich mir, ein Paladin zu sein. Dann bin ich fast am Verhungern – und wünsche mir, ein Angler zu sein. Oder ich erfriere – und wünsche mir, eine Näherin zu sein. Und so weiter.

Schließlich wälze ich mich hin und her – und lande zuletzt auf dem Holzfußboden. Das laute Geräusch und der Aufprall wecken mich abrupt. Im ersten Moment bin ich verwirrt, wo ich mich befinde, doch dann fällt es mir wieder ein. Ich rappele mich auf und lege die Decke aufs Bett.

Pam kommt herein, aufgeschreckt von dem lauten Geräusch.

„Entschuldige", sage ich.

„Hast du schlecht geträumt?"

„Nein", lüge ich. Wir Elfen sind eigentlich ehrlich, aber wir sind auch meistens sehr verschlossen.

„Du solltest nachsehen, ob du Post hast", schlägt Pam dann vor. „Vermutlich ist sogar ein ganz besonderer Brief dabei", ergänzt sie verschwörerisch und geht hinaus.

Ich folge ihr. Gerade, als ich mein Zimmer verlasse und mir zum ersten Mal die Sonne von Castele ins Gesicht scheint, sehe ich, wie der Postmann gerade wieder verschwindet.

Pam wartet gespannt vor dem Briefkasten, der anzeigt, dass ich tatsächlich Post habe.

Ich gehe die Treppen hinunter und entnehme dem Kasten den Brief.

Er ist von König Erik. Er möchte mich im Palast sehen, sobald ich meine Lizenz erworben habe.

Der König möchte mich sehen? Es ist das erste Mal, dass ich wirklich aufgeregt bin, hier in Castele.

Doch Pam schmälert meine Freude ein wenig, indem sie mir erklärt, dass der König das bei jedem machen würde, der sein erstes Leben beginnt. „Aber als allererstes brauchst du nun deine Lizenz. Geh zum Zunftbüro und hol sie dir ab." Sie erklärt mir den Weg und nickt mir dann aufmunternd zu.

Ich lächele nur nervös.

„Du bist ja ganz grün", ruft sie da. „Nur keine Angst. Hier, eine kleine Aufmunterung." Und sie holt aus ihrer Tasche einen Bonbon und gibt ihn mir.

„Danke", sage ich, stecke ihn in meine Hosentasche (mir ist zurzeit nicht so nach etwas Süßem) und gehe los. Ich kann verstehen, warum meine Mutter so gut mit ihr befreundet ist, obwohl sie so weit weg voneinander wohnen.

Beim Zunftbüro angekommen, spreche ich mit dem Zunftmeister, der mir meine Novizen-Lizenz überreicht.

Dies ist ein bedeutender Moment für mich, denn in diesem Moment bin ich nun offiziell eine Alchemistin! Zumindest eine in Ausbildung.

Er erklärt mir noch ein wenig etwas über das Prinzip der Leben, doch da ich mich schon auskenne, höre ich nicht wirklich hin.

Plötzlich hören wir von draußen lautes Geschrei.

„Das muss auf dem Marktplatz sein", sagt der Zunftmeister besorgt.

Ich stecke meine Lizenz ein und renne hinaus auf den Marktplatz. Dort erlebe ich das Unglaublichste, was ich jemals gesehen habe – und ich komme aus dem Unterirdischen Wald: Zwei Männer streiten sich mit einem fliegenden, weiblichen Schmetterling!

So viel ich mitbekomme, scheinen sich die Männer über etwas zu ärgern, das der Schmetterling zu ihnen gesagt hat. Deshalb wollen sie sie nun einfangen und teuer verkaufen!

Ich bin so verwundert, dass ich erst eingreife, als der Schmetterling mich um Hilfe bittet. Mutig trete ich zwischen sie und die beiden Männer, die mir nun weißmachen wollen, wie gesetzestreu sie eigentlich seien, nur dass die äußeren Umstände sie zu solchen Sachen zwingen würden.

„Das glaubt ihr doch selber nicht!", erwidere ich und frage mich, woher dieser plötzliche Mut kommt. Aber wir Elfen sind ein hilfsbereites Volk. Und einem Schmetterling in Not muss man immer helfen!

„Hmm", überlegt der größere und anscheinend auch klügere der beiden. „Dann gib uns dein ganzes Geld!"

Ich muss mir ein Schmunzeln verkneifen. „Niemals!", rufe ich.

„Los, durchsuch sie", befiehlt der größere Mann seinem kleinen, dicken Kumpan, „und nimm ihr alles Geld ab, dass du findest."

„Geht klar, Bruder", sagt er und kommt auf mich zu.

Ich wehre mich, doch er ist stärker als ich und mein Dolch liegt oben in meinem Zimmer. Ich kann sogar von hier das Fenster zu meinem Zimmer sehen…

Schließlich greift er in meine Taschen und findet nichts außer Pams Bonbon.

„Pierre!", ruft er erschrocken. „Sie hat kein Geld! Nur so'n Bonbon."

„Was, Butch?", ruft der ältere Bruder namens Pierre. „Die Arme." Dann sieht er mich an. „Du solltest Geld verdienen. Das ist wichtig. Sonst kannst du hier nichts kaufen."

Ich sage nichts, denn meine Gedanken sind provozierend. Ich bin ja nicht dumm!

Sie nehmen mir schließlich wirklich den Bonbon weg, sagen noch einmal, ich müsse dringend Geld verdienen und verschwinden endlich.

Der Schmetterling ist außer sich vor Dankbarkeit.

„Was machst du eigentlich hier?", frage ich dann.

„Ich bin hier, um alles über die verschiedenen Leben von Reveria zu erfahren", verkündet sie fröhlich. „Deswegen fliege ich umher und frage die Leute nach ihren Leben."

„Und die beiden Kerle eben?"

„Die habe ich auch gefragt. Und sie dabei irgendwie beleidigt…"

„Was hast du denn gesagt?"

„Ich habe sie gefragt, ob sie dem Leben Diebe angehören würden, weil ich gerade gesehen habe, wie sie jemanden beklauten."

Ich lache los und der Schmetterling kichert leise.

„Nun muss ich aber leider los", sagt sie. „Ich muss hoch zum Palast. Mach's gut." Und dann fliegt sie so schnell in Richtung Norden, dass ich nicht einmal sagen kann, dass ich dort ebenfalls hinmuss.

Kopfschüttelnd mache ich mich auf den Weg, komme an netten kleinen Häusern vorbei, ein paar kleinen Läden und einem Brunnen mit der Statue einer wunderschönen Frau. Castele ist wirklich eine schöne Stadt.

Der Palast ist von außen nicht besonders beeindruckend und ähnelt eher einer Burg. Ich gehe hinein, eine breite Treppe hinauf und will gerade den Thronsaal betreten, als mich die Wachen davor aufhalten.

„Was wollen Sie denn hier?", fragen sie.

„Ich habe eine Einladung vom König erhalten", antworte ich gelassen. „Er möchte mich unverzüglich sehen."

„Sie können da aber leider nicht rein, so wie Sie gekleidet sind."

„Wie bitte?!", empöre ich mich. Ich habe vielleicht nicht die schönsten Sachen, aber ein Lump bin ich nun auch wieder nicht!

„Sie müssen sich ein wenig angemessener kleiden", sagt der eine Soldat.

„Zum Beispiel mit einer Fliege oder Krawatte", fügt der andere hinzu.

Ich versuche, meine Wut zu zügeln, als ich meine: „Hören Sie, ich bin erst gestern Abend in Castele angekommen und habe noch kein Geld. Wo soll ich bitte Ihrer Meinung nach eine Fliege oder Krawatte herbekommen?"

„Das ist nicht unser Problem", sagt der eine.

„Bitte gehen Sie nun", sagt der andere.

Verärgert drehe ich mich um und höre plötzlich die lautstarke Stimme des Schmetterlings.

„Was soll das heißen, ich darf hier nicht rein?", ruft sie.

Während ich die Treppen hinunter zur Eingangshalle gehe, höre ich den Minister sagen: „Es tut mir leid, aber Insekten sind am Hof nicht gestattet."

„Das ist Diskriminierung!"

Als ich bei den beiden ankomme, sagt der Minister gerade: „Das sind die Regeln." Dann geht er einfach weg.

„Na, lassen sie dich auch nicht rein?", sage ich freundlich.

„Oh, dieser fiese Mann!", wütet der Schmetterling. „Ich bin doch gar kein richtiges Insekt!"

Wir gehen gemeinsam raus.

„Und warum darfst du nicht rein?", fragt sie dann.

„Ich bin nicht schick genug", erwidere ich und verziehe genervt das Gesicht. „Sie meinen, ich bräuchte eine Fliege oder Krawatte oder so. Weißt du zufällig, wo man so was herbekommt?"

„Das nicht, aber ich habe eine bessere Idee", sagt sie, fliegt zu mir und setzt sich auf meinen Hals. „Jetzt bin ich deine Fliege."

„Ich würde sagen, das ist eine klassische Win-Win-Situation", lache ich, drehe mich wieder um und gehe mit dem Schmetterling zurück ins Schloss.

„Wir haben Ihnen doch gerade gesagt-", beginnt der Wachsoldat, bevor er meine Fliege sieht.

Die beiden Soldaten sind ganz begeistert von ihrer glitzernden Schönheit.

Sie lenkt zumindest von meinem Gesicht ab, denke ich und betrete endlich den Thronsaal.

„Ich bin so aufgeregt", flüstert der Schmetterling.

„Sch", mache ich, bin aber ebenfalls gespannt.

Es ist ein schöner, großer, offener Raum, der zwar eines Königs würdig ist, aber nicht übermäßigen Schmuck zeigt. Er passt gut zum Rest von Castele.

Ich verbeuge mich vor dem König, als ich vor dem Thron stehe. Neben ihm steht eine wunderschöne Frau in einem edlen Kleid.

„Mein Name ist König Erik", sagt er so gebieterisch wie möglich, denn er sieht aus wie ein kleiner Junge… „Ich bin der 11. König von Castele." Ich vermute, dass er mindestens zwei Köpfe kleiner ist als ich.

„Danke, dass Ihr mich empfangt", erwidere ich höflich.

„Ich möchte dir zu deinem neuen Leben gratulieren", sagt König Erik. „Du bist, wie ich höre, aus dem Unterirdischen Wald ganz hoch im Norden zu uns gekommen, nur um… ähm… Für welches Leben hast du dich nochmal entschieden?"

„Also wirklich, Schatz!", ruft die Frau. Es scheint sich bei ihr wohl um Königin Ophelia zu handeln.

„Ist ja auch nicht so wichtig. Hauptsache, du fühlst dich bei uns wohl und meisterst dein Leben gut."

„Der König ist total niedlich", flüstert der Schmetterling.

„Wie war das?", fragt der König.

„Nichts, Euer Majestät", erwidere ich schnell.

„Dich langweilt wohl mein Gerede."

Ich schüttele heftig mit dem Kopf. Oh, dieser aufgeregte Schmetterling!

„Ich bin ja schon fertig", meint der König freundlich. „Liebling, möchtest du noch etwas sagen?", wendet er sich dann an seine Frau.

Diese nickt und sieht mir fest in die Augen. „Ich wünsche dir viel Glück und dass du dein Bestes gibst."

„Danke", sage ich und knickse.

„Und du, Prinzessin Laura", wendet sich der König nun zu seiner anderen Seite – wo jedoch niemand steht. „Wo ist dieses Mädchen nur schon wieder hin? Immer streunert sie draußen herum!"

„Die Prinzessin schein recht wild zu sein", flüstert der Schmetterling und wird dieses Mal zum Glück nicht gehört.

Abschließend gibt der König mir Tipps, die mir alle entweder schon bekannt oder nicht so wichtig sind. Verdiene Geld, lebe alle Leben, etc. „Sylva, die Alchemistin!", verkündet er schließlich und ich merke, wie sich ein strahlendes Grinsen auf meinem Gesicht ausbreitet, denn das klingt wirklich gut in meinen Ohren. Dann schenkt er mir noch 300 Dosh, eine Weltkarte, in die unser Unterirdischer Wald aber leider nicht mehr eingezeichnet ist, und mein neues Outfit.

Ich binde mir das grüne Tuch um den Kopf, ziehe den langen grünen Mantel über und schließlich noch die blauen Schuhe an und sehe nun wie eine richtige Alchemistin aus.

„Jedes Leben hat einen eigenen Meister, der dir gleichzeitig als Mentor dient", erklärt der König weiter. „Du kannst, wenn du dich anstrengst, verschiedene Stufen erreichen. Du beginnst als Novize, wirst dann Anfänger, Lehrling und schließlich Meister. Wenn dir das nicht reicht, stehen dir noch die Ränge Held und Legende offen."

Ich nicke ernst. Ich bin hier, um die perfekte Alchemistin zu werden – und ich bin zu allem bereit!

„Und nun geh zu deinem neuen Meister", schickt der König mich freundlich fort. „Ich wünsche dir ewiges Glück und solltest du jemals in Schwierigkeiten sein, komm hierher und dir wird geholfen werden."

„Ich danke Euch vielmals", sage ich, verbeuge mich tief und gehe.

Der Schmetterling löst sich erst wieder von mir, als wir aus dem Palast herausgetreten sind. „Danke, dass ich den König sehen durfte", ruft sie aufgeregt. „Das hat großen Spaß gemacht!"

Ich lächele.

„Ich wünsche dir noch viel Glück in deinem neuen Leben", sagt sie dann und es klingt nach Abschied. Sie scheint mich zu betrachten, denn sie fügt hinzu: „Du siehst gut aus in deinen neuen Sachen. Aber doch ein wenig kahl am Hals, nicht wahr?"

Ich ziehe eine Augenbraue hoch. „Worauf willst du hinaus?"

Sie stammelt ein wenig vor sich hin, bis sie schließlich mit ihrer Frage rausrückt: „Kann ich bitte bei dir bleiben?"

Ich überlege kurz, bevor ich nicke. „Ja, kannst du."

„Au ja!", ruft sie vergnügt.

Sie ist schließlich die erste Freundin, die ich mir hier in Castele gemacht habe, abgesehen von Pam natürlich. Dass ausgerechnet ein sprechender Schmetterling nun mein Begleiter sein soll… Aber das passt doch ganz gut zu einer Elfe, nicht wahr?

„Mein Name ist Flutter", sagt sie dann.

„Freut mich, Flutter. Ich bin Sylva."

„Ich weiß", lacht sie und fliegt wieder zu meinem Hals, um meine Fliege zu sein. „Die schon bald sehr berühmte Alchemistin Sylva!"

Ich lächele nur und mache mich auf den Weg zu meinem neuen Meister.