Kapitel 3 – Der erste Test

Laut meiner Karte befindet sich das Labor von Professor Flamel in der Bibliothek, nicht weit entfernt vom Schloss. Ich habe ja nichts gegen eine Bibliothek – ganz im Gegenteil, ich mag Bücher sehr gerne – aber ob das der richtige Ort für ein Alchemielabor ist, bezweifle ich…

Wir betreten das Gebäude und stehen nun in einem langen Flur. Da ein Mann an einem Tisch sitzt, der aussieht wie eine Art Rezeption, wage ich es, ihn anzusprechen. „Entschuldigen Sie", beginne ich und der Mann schaut von seinem Buch auf. „Ich bin auf der Suche nach dem Labor von Professor Flamel."

„Ah ja", macht der Mann. „Den Flur entlang und dann nach rechts."

„Danke", erwidere ich und gehe in die besagte Richtung. Ich sehe, dass das Labor nicht im selben Raum wie all die Bücher ist und bin beruhigt. Wenn man zur Bibliothek möchte, muss man anscheinend weiter geradeaus gehen. Ich jedoch biege nach rechts ab und komme in einen kleinen Raum, der für mich das Paradies ist: Überall Kolben, blubbernde Kessel, verschiedenste Flüssigkeiten und Zutaten in den Regalen. In der Mitte steht ein Mann, der einen Kolben schüttelt, bis dieser plötzlich explodiert.

„Alles in Ordnung?", frage ich durch den schwarzen Rauch, der sich schon bald wieder verzieht.

Der Mann sieht mich nur verwundert an.

„Ich bin auf der Suche nach Professor Flamel", sage ich.

„Warum?", fragt er misstrauisch und fährt sofort fort: „Mir gefällt dein Gesicht nicht."

Ich bin entsetzt. Auch wenn einem meine Narbe sofort ins Auge sticht, sagt man so etwas doch nicht einfach!

„Du bist bestimmt hier, um meine Bomben zu klauen, nicht wahr?", sagt Flamel dann aber und hat wohl das zuvor Gesagte eher metaphorisch gemeint.

Weh hat es trotzdem getan. „Ich bin kein Dieb!", rufe ich.

Plötzlich meldet sich ein Vogel zu Wort, der in der einen Ecke des Raumes umherfliegt und den ich vorher noch gar nicht bemerkt habe. „Aber Professor, das ist doch deine neue Schülerin!"

„Sei still, Beaker", fährt Flamel den Vogel an und sieht dann zu mir. „Wie ist dein Name?"

„Sylva."

„Die Elfe aus dem Unterirdischen Wald?"

Ich nicke.

„Alchemie", beginnt er, ohne sich zu entschuldigen oder weiter auf mich einzugehen, „besteht aus lauten Explosionen. Wenn es nicht ordentlich knallt, ist es keine echte Alchemie."

Ich lege verwundert meine Stirn in Falten. Ist das wirklich seine Meinung? Dass Alchemie laut sein muss? Damit bin ich nun überhaupt nicht einverstanden! Alchemie bedeutet Genauigkeit und Präzision und Ruhe und Konzentration und Heilung! Aber da dies mein erster Tag ist, beschließe ich, nicht meinem Meister zu widersprechen. Auch wenn es mir schwerfällt…

„Sieh her", sagt er nun. Anscheinend möchte er mir etwas zeigen. Er schüttelt den Kolben in seiner Hand noch einmal kräftig – und was immer es gewesen ist, dass er mir habe zeigen wollen, das Experiment geht schief. Wieder ist der Professor umgeben von schwarzem Rauch.

Beaker, der Vogel lacht, und ich verkneife mir ein Lächeln.

„Nun ja", sagt Flamel dann, als wieder alles klar ist, „wie dem auch sei. Alchemie besteht aus lautem Knall und Boom. Es ist eine sehr edle Wissenschaft. Dafür bist du doch hergekommen, nicht wahr? Um die Wissenschaft der Explosionen kennenzulernen."

Bevor ich etwas erwidern kann, ruft er aus: „Aber natürlich bist du das!"

Ich schweige lieber.

„Bevor ich dich aber bei mir aufnehme, musst du einen Test bestehen", erklärt er nun.

Mir wird ganz elend – ich habe doch nie etwas gebraut! Deswegen bin ich ja hergekommen, um es zu lernen! Aber es hilft ja nichts, also höre ich ausnahmsweise einmal wirklich aufmerksam zu.

„Als erstes möchte ich, dass du einen Gesundheitstrank braust. Ich persönlich finde ihn recht unsinnig, aber zu den Explosionen kommen wir später noch. Kennst du das Rezept?"

Ich schüttele niedergeschlagen mit dem Kopf. Mein erster Tag und ich bin jetzt schon ein hoffnungsloser Fall…

Doch zu meinem Erstaunen reagiert mein Meister ganz freundlich. „Das macht nichts. Beaker wird dir eine Kopie geben."

Erleichtert nicke ich und sehe zu dem Vogel in der Ecke. Sprechende Schmetterlinge, Assistenz-Vögel – dieser Ort war seltsamer als gedacht.

„Hier, für dich", sagt Flamel da und übergibt mir meinen ersten eigenen Kolben.

„Danke!", freue ich mich und strahle über das ganze Gesicht.

„Ja, ja", sagt Flamel. „Und nun geh, und brau deinen ersten Trank."

Ich nicke eifrig, gehe dann zu Beaker, der mir das Rezept gibt. 1x Heilkraut + 1x Quellwasser. Sieht einfach aus, aber wo soll ich nur die Zutaten herbekommen?

Als habe der Vogel meine Gedanken erraten, sagt er nun: „Geh nach Süd-Castele zu Fizz. Sie ist ebenfalls eine Schülerin von Flamel; sie wird dir die nötigen Zutaten geben."

Ich nicke und will gerade gehen, als er mich aufhält. „Sylva?", flüstert er, damit Flamel uns nicht hört. „Der Professor ist vielleicht ein wenig eigen, aber er ist ein wahres Genie."

Ich lächele und gehe dann aus der Bibliothek.

„Siehst du das auch so?", fragt Flutter mich sofort, als ich die Tür hinter uns zugemacht habe.

„Was?"

„Na, dass Alchemie nur aus lautem Knall und Schall besteht."

„Ganz sicher nicht!", mache ich mir nun Luft und beschreibe ihr, was die Alchemie für mich bedeutet.

„Gut", sagt sie daraufhin nur.

Wir gehen durch Castele, kommen an all den kleinen, schönen Häusern und Läden vorbei und dem Brunnen mit dieser wunderschönen Frau. Es ist so vollkommen anders hier als im Unterirdischen Wald. Dort gibt es nur ein paar Lichtstrahlen von oben und alles ist voller dunkler Bäume und Büsche. Mir hat es dort sehr gefallen, aber ich muss nun zugeben, dass Castele mir auch gefällt. Die Menschen, dir hier wohnen, müssen sehr glücklich sein.

Im Süden des inneren Viertels gelangen wir an die Stadtmauer, passieren das Tor und überqueren dann auf einer Brücke den Burggraben. Süd-Castele ist schon nicht mehr besonders städtisch. Es gibt Felder, auf denen Bauern arbeiten, und einen Reitstall.

„Wie sollen wir hier nur Fizz finden?", fragt Flutter hoffnungslos.

Ich schaue mich um, doch jede Frau, die hier herumläuft, könnte Fizz sein. Schließlich gehe ich zu einer freundlich aussehenden älteren Frau und frage sie nach Fizz.

„Fizz?", antwortet sie. „Die habe ich unten beim kleinen Wasserfall gesehen." Sie weist uns die Richtung und Flutter und ich gehen weiter nach Süden.

Bald gelangen wir auf einen schmalen Sandweg, der über kleine Flüsse und an Apfelbäumen vorbeiführt. Dieser Ort kommt meiner Heimat bisher am nächsten – obwohl er viel zu hell ist.

Wir kommen zu dem besagten Wasserfall und finden dort eine hübsche, junge Frau mit langen, blauen Haaren, einem Kolben in der Hand und der gleichen Uniform wie ich.

„Fizz?", frage ich sie, als ich vor ihr stehe.

Sie sieht auf. „Ja?"

„Mein Name ist Sylva. Ich wurde von Beaker geschickt für ein paar Zutaten."

„Ah, dann bist du die neue Schülerin." Sie gibt mir freundlich die Hand. „Willkommen."

„Danke", sage ich.

„Ich bin auch eine Schülerin von Professor Flamel", erklärt sie.

„Bist du auch so verrückt nach Bomben?"

Sie lacht. „Nein, ganz sicher nicht. In der Alchemie geht es darum, alle möglichen, nützlichen Gegenstände herzustellen."

Ich nicke erfreut. „Zum Beispiel einen Heiltrank."

„Ja, genau, aber man braucht die richtigen Zutaten dafür." Dann gerät sie plötzlich ins Schwärmen. „Ach, ich liebe mein Leben. Das Beste ist, dass ich mir selber Accessoires herstellen kann. Ist es nicht wunderbar, etwas zu tragen, dass man selbst gemacht hat?"

Ich nicke nur.

„Wenn's funktioniert, ist das toll. Und wenn nicht… nun ja, dann ist das eben so. Professor Flamel ist sehr zufrieden mit meiner Arbeit", erzählt sie stolz. „Was ist dein erster Test?", fragt sie dann plötzlich.

„Der Heiltrank", sage ich.

„Keine Sorge, der ist einfach", versichert sie.

„Beaker meint, du würdest mir die Zutaten dafür geben", wiederhole ich.

„Aber natürlich", ruft sie und überreicht mir 1x Quellwasser und 1x Heilkraut. „Kleiner Tipp: Solch einfache Zutaten wie Quellwasser oder Ähnliches kann man gut hier in der Gegend finden und selber sammeln. Das Wasser findest du zum Beispiel dort drüben." Sie zeigt auf den kleinen Wasserfall.

„Danke", sage ich.

„Nun würde ich aber lieber schnell zurücklaufen und deinen Testtrank brauen", schlägt sie vor.

Ich nicke nur und verkneife mir den Kommentar: „Das hatte ich vor." Stattdessen sage ich freundlich Auf Wiedersehen.

„Bis bald und viel Glück", sagt Fizz und winkt, als ich mich umdrehe und gehe.

„Ich mag Fizz", verkündet Flutter, als wir außer Hörweite sind. „Sie ist so freundlich und aufgedreht – wie ich."

„Ja", lächle ich. So ganz anders als ich…

Wieder im Labor erläutert Beaker mir, wie ich einen Trank brauen kann. Ich muss rühren, schneiden, schütteln und den richtigen Moment abwägen. Nichts Unmögliches, aber auch alles nicht ganz so einfach.

Nachdem ich alles verstanden habe, nehme ich meinen Kolben in die Hand, lege das Heilkraut und das Quellwasser auf die Arbeitsfläche, das Rezept daneben und fange an. Wenn man erst mal drin ist, ist das Ganze viel weniger kompliziert als befürchtet und schon nach kurzer Zeit bin ich fertig. Vor mir steht mein erster Trank – ein Heiltrank.

„Sehr gut", lobt Professor Flamel, der mir wohl über die Schulter geschaut hat und sich nun den Trank von Nahem ansieht. „Nicht schlecht für den Anfang." Dann sieht er mich an und verkündet feierlich: „Du hast deinen ersten Test bestanden."

Ich strahle freudig.