Kapitel 4 – Der zweite Test
„Für deinen zweiten Test", fährt Professor Flamel fort, „muss ich dir erst einmal erklären, dass ein Alchemist nicht nur im Labor an seinen Tränken arbeiten sollte, sondern auch den Menschen in seiner Umgebung behilflich sein sollte. Wenn du durch Castele gehst, werden die meisten Leute Aufgaben für dich haben. Diese solltest du übernehmen – manchmal springt sogar was für dich heraus, leider selten eine Bombe." Er seufzt theatralisch. „Jedenfalls hat mich letztens jemand angesprochen, dem ich helfen sollte. Da es jedoch überhaupt nichts mit Explosionen zu tun hatte, war mir das Ganze zu langweilig. Deshalb übergebe ich dir nun diesen Fall. Also, für deinen zweiten Test gehe zu Rupert (er ist meistens auf dem Marktplatz, vor dem Allgemeinwarenladen) und hilf ihm bei seinem Problem."
Ich nicke und gehe.
„Kein besonders gutes Vorbild, nicht wahr?", meint Flutter, als wir wieder aus der Bibliothek herausgegangen sind.
Ich zucke nur mit den Schultern. „Er hat seine Ausbildung ja auch schon abgeschlossen."
„Aber trotzdem", entrüstet sie sich. „Sei bitte später eine bessere Meisterin als dieser Professor!"
„Wenn ich jemals soweit komme…"
„Aber warum denn nicht? Das schaffen wir schon."
Ich lächele über das Wir, während ich mir vorstelle, wie ein Schmetterling einen Trank braut und dabei leise lachen muss.
Als wir den Marktplatz erreichen, dauert es nicht lange, bis wir Rupert finden. Er hätte gerne eine Glückszauber-Kette und gibt mir das Rezept dafür (1x Lederband + 1x Gefährliches Objekt).
Als ich letzteres lese, frage ich frei heraus: „Warum?"
„Ich… bin verliebt", antwortet er schließlich.
„Aber das ist doch nichts Schlimmes."
„Manchmal schon. Oh, wie weh die Liebe tut. Ich möchte ihr sagen, wie ich fühle… Aber das ist gerade das Problem. Ich bin nämlich zu schüchtern… Deswegen habe ich einen Liebesbrief geschrieben und –"
„Das ist so süß!", ruft da plötzlich jemand und als wir uns verwundert umdrehen, steht Fizz bei uns.
Rupert ist sichtlich erschrocken. „Ah. Das ist ja unsere beste Kundin…"
Sie lacht. „Du bist ja wirklich schüchtern!"
„Bitte nicht ärgern", fleht Rupert.
„Oh", hört Fizz sofort auf zu lachen. „Das wollte ich nicht. Bitte fahre fort."
Rupert dreht sich wieder zu mir. „Das Problem ist einfach, dass ich nie Glück habe." Er erzählt uns, wie er auf dem Weg zu dem Haus seiner Geliebten, der er seinen Brief bringen wollte, von verschiedenen Tieren attackiert wurde oder von Kindern geärgert.
„Das klingt wirklich nach einer schlimmen Verstrickung von Unglücken", sage ich und versuche, mitfühlend zu sein.
„Ja. Deswegen hätte ich gerne eine Glückszauber-Kette. Professor Flamel wollte mir nicht helfen, weil er meinte, mein Anliegen sei zu langweilig…"
„Das tut mir leid", sagt Fizz.
„D-danke", stottert Rupert und für einen kurzen Moment frage ich mich, ob Fizz vielleicht seine große Liebe ist.
„Wir kriegen das schon hin", versichere ich daher. Ich kann ja wenigstens einmal versuchen, ein wenig Glück und Liebe in der Welt zu verteilen – wo sie doch immer einen so großen Bogen um mich machen…
„Wirklich?", fragt Rupert erstaunt.
„Ja, klar", steigt Fizz in das Vorhaben mit ein. „Für die Liebe!"
Daraufhin grinst Rupert breit und ich blicke noch einmal auf das Rezept. Wir brauchen 1x Lederband und 1x Gefährliches Objekt.
Fizz schaut mir über die Schulter. „Seltsam", murmelt sie. „Irgendwas stimmt nicht."
Ich sehe sie fragend an, doch sie reagiert nicht.
„Die Zutaten zu bekommen könnte ein wenig schwierig werden", meint sie stattdessen. „Das Lederband können wir im Handwerkerviertel bekommen, aber von einem Gefährlichen Objekt hab ich noch nicht mal was gehört…"
„Und nun?", frage ich.
„Da müssen wir wohl jemanden fragen, der sich auskennt", erwidert sie und zuckt mit den Schultern.
Wir verabschieden uns von Rupert und machen uns dann auf den Weg ins Handwerkerviertel, welches sich östlich des Marktplatzes befindet. Dort steuert Fizz direkt auf einen bestimmten Laden zu.
Ich bin recht froh, Fizz dabei zu haben, weil sich mit ihrer Hilfe alles vereinfacht und verschnellert. Daher lasse ich sie auch machen und halte mich eher im Hintergrund.
„Hi", grüßt Fizz den Ladenbesitzer. „Wir hätten gerne 1x Lederband."
„Hallo, Fizz", erwidert der junge Mann. „Kommt sofort." Er wirft mir einen Blick zu. „Ist das etwa eine neue Alchemieschülerin?"
Ich finde die Frage ein wenig überflüssig, da man mir meinen Beruf eigentlich schon an meiner Kleidung ansehen kann… Dennoch lächele ich freundlich.
„Ähm ja", antwortet Fizz. „Das ist Sylva."
„Erfreut, dich kennenzulernen", sagt der Ladenbesitzer und gibt mir die Hand.
„Ja", erwidere ich nur, weil mir nichts Besseres einfällt.
Fizz räuspert sich einmal kurz und der junge Mann hört auf, mich anzustarren.
„Hier", sagt er stattdessen und gibt Fizz das Lederband.
„Wie viel?", fragt sie und kramt in ihren Taschen nach Münzen.
„Heute nichts", verkündet der Ladenbesitzer und zwinkert mir zu.
„Danke", sagt Fizz verwundert und ich lächele nur noch einmal gequält, bevor wir schnell wieder gehen.
„Ich glaube", sagt Fizz, als wir außer Hörweite sind, „ich nehm dich jetzt immer mit zum Einkaufen. Wir haben die Glückszauber-Kette noch nicht einmal gemacht und haben schon jetzt Glück!" Sie lacht fröhlich und marschiert in Richtung eines anderen Ladens.
Mir ist das Ganze eher unangenehm gewesen…
„Der Laden dort drüben", sagt Fizz eine kurze Weile später und zeigt auf besagten Laden, „ist ein wenig seltsam. Er heißt Materialwunder und dem Besitzer darf man nicht zu viel vertrauen, aber mit Zutaten, die schwer zu bekommen sind, kennt er sich bestens aus."
Wir gehen zu diesem Geschäft und sein Besitzer ist vollkommen in einen blauen Mantel versteckt, sodass man nur noch seine Augen sehen kann… „Willkommen, willkommen", meint er mit einer rauchigen Stimme. „Was bringt dich denn schon wieder hierher?", fragt er dann verwundert und blickt zu Fizz.
„Ach was", winkt sie ab, „ich bin doch erst zum dritten Mal hier."
„Ebendarum."
„Jedenfalls sind wir nun wegen etwas ganz Bestimmtem hier. Hast du zufällig ein Gefährliches Objekt auf Lager?"
„Ein Gefährliches Objekt?!", ruft der Ladenbesitzer schockiert. „Nein, so was haben wir nicht. Kann ich bitte einmal das Rezept sehen?"
„Ja, hier", erwidert Fizz und gibt es ihm.
„Hmm", meint er und sieht es sich ganz genau an. „Habt ihr das Loch hier unten bemerkt?", fragt er schließlich und deutet darauf. „Da muss etwas Wichtiges gestanden haben. Vermutlich, dass man ein Gefährliches Objekt ganz einfach aus einem Auffälligen Objekt machen kann. Und die kann man hier kaufen." Er blickt uns triumphierend an und gibt Fizz das Rezept zurück.
„Und wie machen wir es dann gefährlich?", will sie nun wissen, während sie dem Besitzer ein paar Münzen gibt und dieser ihr das Auffällige Objekt reicht.
„Am besten", schlägt er nun vor, „ihr fragt jemand Gefährlichen."
Ich runzle die Stirn – ist er selbst etwa nicht gefährlich? Er wirkt zumindest so, als müsse man sich vor ihm in Acht nehmen…
„Ah, ich hab jemanden gesehen!", ruft Fizz da, nimmt mein Handgelenk und schleift mich mit sich.
Eilends laufen wir wieder auf den Marktplatz und zu dem Brunnen mit der schönen Frau.
Davor sitzt ein kleiner Mann mit weißem Bart. Er schläft.
Fizz geht einfach zu ihm hin und weckt ihn, noch bevor ich sie daran hindern kann. Ob es klug ist, jemand Gefährlichen zu wecken…?
Der Mann wacht urplötzlich auf und springt in die Höhe, wodurch Fizz und ich uns natürlich zu Tode erschrecken.
Doch der Mann lacht nur darüber. So gefährlich scheint er gar nicht zu sein.
„Guten Tag, verehrter Herr", spricht Fizz ihn mutig an.
„Wer sind Sie?", will der Mann von uns wissen, doch bevor wir etwas erwidern können, meint er erbost: „Sie haben meine Donutlöcher gegessen!"
Fizz blickt mich fragend an, doch ich zucke nur mit den Schultern.
„Nein, ganz sicher nicht", versichert Fizz dem Mann nun. „Wir brauchen nur Hilfe mit diesem Gegenstand und –" Sie bricht ab, denn der Mann ist wieder eingeschlafen. Sie weckt ihn erneut und redet schnell weiter: „Wir müssen aus einem Auffälligen Objekt ein Gefährliches machen, wissen aber nicht, wie. Können Sie uns vielleicht dabei helfen?"
Der Mann betrachtet sie einen Moment, bevor er meint: „Ein Freund von mir kennt sich mit solchen Rezepten aus."
Na immerhin etwas, denke ich.
„Habt ihr das Auffällige Objekt?"
Fizz nickt und gibt es ihm.
Der Mann hält es in seiner Hand und im nächsten Moment – bumm! – explodiert es laut. Doch er scheint dies geplant zu haben, denn er grinst uns völlig unversehrt an.
„Was machen Sie da?", will ich verwundert wissen.
„Alchemie muss laut knallen!", antwortet der Mann.
Fizz gibt mir einen zweifelnden Seitenblick, murmelt leise: „Der klingt ja wie der Professor…" und rollt mit den Augen.
Ich verkneife mir ein Lachen.
„Hier!", ruf der Mann da. „Euer Gefährliches Objekt." Er reicht Fizz den Gegenstand, die ihn ganz verdattert anblickt.
„Ja… aber wie haben Sie das denn gemacht?"
Doch es bringt nichts – der Mann ist schon wieder eingeschlafen…
„Komm", meine ich, als sie ihn schon wieder wecken will. „Das bringt ja doch nichts. Vielleicht kann der Professor es uns erklären."
Fizz nickt geschlagen und wir machen uns auf zur Bibliothek.
Als wir das Labor betreten, blickt unser Meister uns verwundert an. „Was macht ihr denn hier?", will er sogleich wissen.
„Sie haben Sylva doch eine Aufgabe gegeben!", erinnert Fizz ihn ein wenig genervt und seufzt einmal laut.
„Ach ja", schien es Professor Flamel wieder einzufallen. „Was wollte der Ladenbesitzer denn?"
„Eine Glückszauber-Kette, um sein Unglück mit der Liebe zu heilen", ist Fizz schneller als ich.
„Das kann man mit Kaboom heilen", meint der Professor nur.
Da wendet sich Fizz an mich und flüstert: „Wir sollten ihn rauslasen – er ist keine große Hilfe… Das schaffen wir auch alleine. Lass uns schnell die Kette für den armen Rupert machen." Anscheinend hat sie Mitgefühl mit ihm.
„Keine Explosionen?", hakt Professor Flamel enttäuscht nach.
Fizz reißt der Geduldsfaden, vermutlich, weil sie schon so lange mit ihm zusammenarbeitet und so brüllt sie abgenervt: „Nein!"
„Ruhe in der Bibliothek!", ruft sie ihr Meister gleich autoritär zur Raison.
„Aber selber…", murmelt Beaker und ich muss mir erneut ein Lachen verkneifen.
Danach machen Fizz und ich uns an die Arbeit und obwohl es ein wenig schwieriger ist, die Glückszauber-Kette zu machen, habe ich schon bald mein erstes Accessoire hergestellt.
„Nicht schlecht", meint Professor Flamel, der plötzlich hinter uns steht und mir die Kette aus der Hand nimmt, um sie zu betrachten. „Ja, das ist akzeptabel." Er sieht mich an und verkündet mit einem schmalen Lächeln: „Sylva, ich ernenne dich zur Anfänger-Alchemistin!"
Ich kann mein Glück kaum fassen und grinse nur breit. Der Anfänger-Rang – und das schon an meinem ersten Tag!
„Nicht schlecht?", wiederholt Fizz ungläubig und sieht den Professor böse an. „Sie hat es perfekt gemacht!"
Ich fasse Fizz leicht am Arm. Meinetwegen muss sie sich nicht so aufregen, ich bin gerade vollkommen zufrieden mit Allem.
Flamel zuckt nur mit den Schultern. „Kann schon sein. Aber jetzt geht, ich will noch ein paar Bomben machen."
„Sie kümmern sich um nichts, außer es explodiert!", regt sich Fizz weiter auf.
„Fizz!", zische ich ihr leise ins Ohr. So kann man doch nicht mit seinem Meister sprechen!
„Ach was, du hast dich doch freiwillig gemeldet und wusstest, auf was du dich einlässt", entgegnet der Professor unwirsch.
„Aber wir haben so hart für diese Kette gearbeitet!"
Wieder zuckt Flamel mit den Schultern. „Rupert hätte ja auch den Brief zur Post bringen können."
Ich kann förmlich spüren, wie Fizz immer wütender wird, doch der Professor spricht ein Machtwort:
„Dies ist ein Labor und keine Datingbörse! Ihr habt Besseres zu tun."
„Aber Professor…"
„Los, jetzt geht und bringt dem armen Kerl die Kette."
Ich zupfe an Fizz' Ärmel und diese gibt sich geschlagen. „Na gut."
Draußen setzt die Dämmerung schon ein und wir gehen auf direktem Weg zu Rupert.
„Er mag ja ein Genie sein, aber manchmal geht er mir gehörig auf die Nerven", murmelt Fizz vor sich hin.
„Danke, dass du meine Arbeit verteidigt hast", sage ich.
Sie grinst mich an. „Klar doch."
Als wir Rupert erreichen und ihm die Kette geben, bedankt er sich lauthals. „Jetzt kann ich ihr endlich meinen Liebesbrief geben." Er gibt uns 500 Dosh als Belohnung und macht sich sofort auf den Weg.
„Ich hoffe, er schafft's", meint Fizz, als wir ihm nachsehen.
Doch plötzlich gibt es einen lauten Knall und Rupert ist von einer dicken, schwarzen Wolke umgeben. „Alles okay!", ruft er.
„Was ist passiert?", erwidert Fizz besorgt.
„Explosion…"
Fizz und ich sehen uns erstaunt an, bis diese trocken meint: „Auf dem Rezept stand ja, dass es gefährlich sein kann."
„Das wusstet ihr wohl nicht, was?", sagt da plötzlich eine Stimme und als wir uns umdrehen, entdecken wir den schlafenden Mann vom Brunnen wieder. „Die Kette nimmt alles Unglück des Träger auf, aber wenn sie voll ist, explodiert sie."
Ich schüttele mit dem Kopf – wie kann jemand nur so viel Pech haben?!
„Das war doch bestimmt Flamels Plan!", meint Fizz erbost.
„Mein Name ist übrigens Mr Snoozy", stellt sich der Mann nun vor und gibt uns die Hand. „Ich bin ein Freund von Professor Flamel. Herzlichen Glückwunsch."
„Wieso?", frage ich irritiert.
Mr Snoozy deutet auf das Ende der Straße. „Euer Freund hat soeben seinen Brief abgegeben."
Ich lächele leise.
„Hoffentlich mag sie ihn", murmelt Fizz. Dann lauter sagt sie zu mir: „Flamel hat gut reden. Es ist doch viel romantischer, den Brief selbst vorbeizubringen, als ihn mit der Post zu versenden, findest du nicht auch?"
Ich nicke zustimmend.
Da strahlt sie mich plötzlich an und ruft: „Und schon bist du eine Anfängerin. Nur einen Rang unter mir."
„Ja", grinse ich zurück. Ich kann es immer noch nicht glauben.
„Hey, Sie", sagt Fizz da und wendet sich wieder an Mr Snoozy, „wie haben Sie und unser Professor sich eigentlich kennengelernt?"
Doch nicht besonders verwunderlich ist der Mann schon wieder eingeschlafen – mitten im Stehen.
„Am besten wir gehen auch ins Bett."
Ich nicke. Es ist mittlerweile schon dunkel geworden. Ich blicke kurz nach oben in den wunderschönen Sternenhimmel über Castele. Im Unterirdischen Wald kann man so etwas nicht sehen.
„Na, dann Gute Nacht." Fizz umarmt mich zum Abschied. „Ich freue mich, jetzt viel mit dir zusammenarbeiten zu können."
Ich lächele nur, weil ich nicht weiß, was ich auf so viel Freundlichkeit erwidern kann.
„Fizz ist echt nett", meint Flutter, als wir allein nach Hause gehen.
„Ja."
„Auch wenn sie manchmal ein wenig aufbrausend ist."
„Das stört mich nicht", sage ich glücklich, denn nun habe ich schon zwei Freunde in Castele.
„Gratulation übrigens", ruft Flutter da und ich bedanke mich. „Hier wohnst du?", fragt sie neugierig, als ich die Treppe zu meinem Zimmer bei Pam hinaufsteige und es betrete. „Gemütlich", kommentiert sie es.
„Oh, Sylva!"
Ich drehe mich um und stehe Pam gegenüber. „Ich hab mir schon Sorgen gemacht, weil du noch nicht zurückgekommen warst. Wie war denn dein erster Tag?"
Flutter fliegt von meinem Hals und schwebt in der Luft. „Es war ziemlich anstrengend, deswegen sind wir jetzt auch hundemüde."
Pam blinzelt ein paar Mal verdutzt. „Wer ist denn das?"
„Ich freue mich, Sie kennenzulernen", sagt der Schmetterling. „Ich heiße Flutter. Sylva hat mich heute gerettet."
„Oh, wie schön. Ich bin Pam, die Vermieterin."
„Darf Flutter bleiben?", frage ich.
„Ja, natürlich", ruft Pam erfreut. „Und ich sage dir was, kleiner Schmetterling, wenn du mich mal besuchen kommst, gebe ich dir ein wenig Zuckerwasser, wenn du möchtest.
Flutter bedankt sich hocherfreut.
Danach mustert Pam mich aufmerksam. „Du scheinst ja gut angekommen zu sein in deinem neuen Leben."
Ich nicke.
Sie lächelt mich liebevoll mütterlich an, bevor ihr etwas einfällt. „Ich hab noch was für dich." Sie geht kurz vor die Tür und kommt mit einem alten Stuhl passend zum Rest des Zimmers wieder. „Den habe ich im Abstellraum gefunden und dachte, er könnte dir gefallen."
„Vielen Dank", sage ich und stelle ihn auf.
„Wenn du genug Geld verdienst, kannst du dir sicher bald eigene Möbel kaufen", meint Pam. „Oder vielleicht sogar ein eigenes Haus!"
Ich lächele nur. Ist das nicht ein wenig zu hoch gestochen?
„Dann lass ich euch jetzt mal in Ruhe", verabschiedet Pam sich da und geht zur Tür. „Gute Nacht und ruht euch schön aus."
Wir erwidern die Gute-Nacht-Wünsche und sie geht.
Flutter hat recht gehabt, als sie meinte, wir seien hundemüde. Ohne mich umzuziehen, lege ich mich ins Bett, der Schmetterling macht es sich auf dem Rand meines Kissens bequem, und ich lösche das Licht.
„Wir haben heute ziemlich viel erlebt, nicht wahr?", gähnt Flutter.
„Ja", erwidere ich leise.
„Ich bin so froh, dass ich dich ausgesucht habe."
Ich runzele verwundert die Stirn, doch Flutter korrigiert sich schnell: „Ähm, vergiss, was ich gesagt habe." Dann nach einer kurzen Pause meint sie mit neuem Elan: „Ich bin echt gespannt, was Reveria noch so im Petto für uns hat. Und ich hoffe, dass wir beste Freunde werden."
Ich lache leise. „Bestimmt", sage ich. „Aber ich denke, wir sollten jetzt schlafen."
„Gute Nacht und träum was Schönes."
„Du auch." Ich versinke im Kissen, und bin schon fast eingeschlafen, als Flutter das Gespräch weiterführt.
„Sylva?"
„Ja?"
„Erzählst du mir irgendwann, woher du diese Narbe hast?"
Einen Augenblick schlägt mein Herz schneller als gewöhnlich, bevor ich betont ruhig antworte: „Vielleicht."
„Okay", flüstert der Schmetterling müde und ist schon im nächsten Moment eingeschlafen.
Zu mir kommt der Schlaf nun schwerer als geplant…
