1. Erkennen

Ihr Geist driftete zurück zu einem Tag, der nun schon beinahe ein Jahr zurück lag, der jedoch in ihrer Erinnerung präsent war, als wäre es erst gestern gewesen. Sie fürchtete, dass sie niemals den Tag vergessen würde, an dem sie und ihr Bruder Zuflucht auf einer kleinen Insel in der Karibik gefunden hatten. Diese Insel war der Sitz des Gefängnisses La Cerradura, und die Heimat des spanischen Aristokraten, der als sein Aufseher fungierte. Sie war ein Passagier auf der Resolute gewesen, einem Linienschiff der Navy seiner Majestät. Dem Schiff ihres Bruders. Über Nacht war ein Hurrikane aufgezogen und anstatt würdevoll in Kingston einzulaufen, waren sie und die Crew in die gnadenlose See geschleudert worden. Sie war an einem Strand wieder zu sich gekommen, umgeben von den Planken, die einst Teil eines der feinsten englischen Schiffe gewesen waren. Zu ihrem Entsetzen hatte sie feststellen müssen, dass sie ebenfalls von den Körpern der eisernen Männer umgeben gewesen war, die dieses Schiff geführt hatten.

Fortuna hatte ihr wohl trotzdem zugelächelt, weil sie die Stimme ihres Bruders hörte. Er war regelrecht durchweicht gewesen und hatte eine hässliche Schramme auf seiner linken Wange gehabt, aber er war am Leben gewesen und hatte ihr auf die Füße geholfen. Don Antonio Cornado hatte sich ebenfalls an diesem Strand aufgehalten. Er hatte den Überlebenden der Resolute seine Gastfreundschaft angeboten, bis Nachrichten von dem Wrack Kingston erreichen konnten. Don Cornado schien zu Anfang so freundlich zu sein. Doch während der Führung durch das Gefängnis, auf das der Spanier so stolz war, hatte sie ihre Meinung unverzüglich geändert. Als sie im Gefängnishof angekommen waren, hatte sie einen Mann mit langem dunklem Haar gesehen, der an eine Steinsäule gekettet gewesen war. Und sein Körper war bedeckt gewesen mit Blut.

Dieses Bild brachte sie unverzüglich zurück in die Gegenwart. Sie kannte diesen Mann. Dieser Gedanke beunruhigte sie, hielt er doch ein Entermesser an ihren Hals. Sie war noch nie zuvor mit einem Schwert bedroht worden. Sie hatte nicht die entfernteste Idee, wie sie sich hätte fühlen sollen, doch sie hätte sicherlich nie gedacht, dass sie ihren Angreifer erkennen würde. Seine Kleidung war anders, und seine Haare waren mit einem roten Bandana aus seinem markanten Gesicht zurück gebunden, aber seine Augen… Sie hatte gewusst, dass sie diese mit Kohle umrandeten Augen niemals würde vergessen können. Sie waren tief und dunkel, unglaublich unnahbar, und sie waren direkt vor ihr.

„Hört gut zu, Liebes", begann er mit einem rauen Wispern, „ich würde nicht empfehlen wegzurennen oder zu schreien, klar soweit?" Sie bedachte seine Warnung für einen Moment. Ihr neues Anwesen war weniger als einhundert Yards von dem Punkt entfernt an dem sie stand, aber wer würde ihr zu Hilfe kommen? Sie war erst gestern angekommen. Es gab keinen Butler, keine helfenden Hände, keine kraftstrotzenden Männer. Nur ihre persönliche Magd, Sarah. Sie stellte sich vor, wie Sarah den Schürhaken aus dem Kamin riss, um mit dem Piraten zu fechten. Dieser Gedanke brachte sie fast dazu, trotz dieser Situation laut zu lachen.

„Wer würde auf meine Schreie reagieren?" antwortete sie dem Mann unverschämt.

Seine Augen verengten sich. „Wollt Ihr mir wirklich glauben machen, dass Ihr ganz allein in diesem großen alten Haus lebt?"

„Es interessiert mich sicherlich nicht im Geringsten was Ihr glaubt", sagte sie. Dieser Mann bedrohte sie damit, sie zu töten. Sie wusste, dass sie gefälliger sein sollte, ihn anbetteln sollte, sie nicht zu verletzen, doch sie konnte es nicht. Wenn er sie hätte töten wollen, hätte er es nicht schon längst getan? Sie erwartete, dass er etwas von ihr wollte, und dass er kein Interesse daran hatte sie zu verletzen. Innerlich krümmte sie sich zusammen bei dem Gedanken an das einzige, das ein Pirat wahrscheinlich von einer Frau wollen würde. Wenn er allerdings erwartete, dass die ängstliche kleine Frau in Ohnmacht fallen würde, um zu bekommen was er wollte, oder etwas anderes in der Art, dann hatte er sich das falsche Haus ausgesucht. "Nun, habt Ihr vor mich den ganzen Abend zu bedrohen, oder wollt Ihr mir verraten, was genau Ihr von mit verlangt?"

Der Mann betrachtete sie misstrauisch. Offensichtlich verhielt sie sich nicht so, wie er erwartet hatte. Sie wunderte sich, wie oft er das wohl schon getan hatte. Wie viele junge Frauen hinter diesem Entermesser gestanden hatten und sich seinem Willen mit Sicherheit gefügt hatten. Sie hatte nicht einmal kurz angenommen, dass dieser Mann sie wirklich töten würde, aber sie war weit davon entfernt anzunehmen, dass seine Absichten im Entferntesten anständig waren. Seit sie La Cerradura verlassen hatte, hatte sie versucht, alles was sie konnte über diesen Mann herauszufinden, der nun vor ihr stand. An fantastische Erzählungen über seine Raubzüge war nicht schwer heranzukommen. Er war weitläufig bekannt, als habgieriger Verrückter und als ziemlicher Frauenheld.

Der Mann starte sie intensiv an. Seine dunklen Augen schienen Löcher in ihren Schädel zu bohren. Sie fühlte sich, als könne er direkt durch sie hindurch sehen, wenn er es nur wollte. Die Perlen in seinen Haaren schlugen aneinander, als er seinen Kopf auf die Seite legte. „Geld." antwortete er schließlich.

„Geld?"

„Geld."

Er raubte sie aus. Das, so schien es, war ein gutes Zeichen. Geld hatte sie reichlich, und ihm Gold zu geben, beinhaltete keine Art von Schande. „Nun denn, wenn ich Euer Wort habe als… als Gentleman, das Ihr mich nicht töten werdet, dann sollt Ihr Geld haben, Sir."

Er zog eine Augenbraue nach oben. „Das war's? Keinen Ärger deswegen?" Er musste erwartet haben, dass sie mit den Füßen stampfen und sich entschieden weigern würde. An welche Art von Frauen war dieser Mann gewöhnt?

„Männer kämpfen. Frauen sind da pragmatischer. Ich nehme an, Ihr hättet mich getötet wenn ich mich geweigert hätte. Also gebe ich Euch was ihr wollt. Selbst wenn sich herausstellen sollte das Ihr eine Ratte seid, die ihr Wort bricht, denke ich, dass ich nicht schlechter dran sein werde."

„Ihr habt das hier wirklich durchdacht, nicht wahr Liebes?"

„Es tut mir leid Euch zu enttäuschen Mr. Sparrow, aber ich lege keinen Wert auf die Rolle der Dame in Not." Sie hatte es getan. Er mochte derjenige sein, der die Waffe hielt, doch sie hatte ihr Ass im Ärmel behalten. Sie kannte seinen Namen. Das Blatt mochte sich vielleicht nicht gewendet haben, aber die Chancen hatten sich etwas ausgeglichen.

Sein Gesicht war noch immer ausdruckslos. „Captain Sparrow", antwortete er fast aus Reflex. „Es heißt Captain." Seine dunklen Augen trafen auf ihre. „Woher kennt Ihr meinen Namen?" Seine Stimme schwankte leicht, aber der Ausdruck in seinem Gesicht verhärtete sich nur.

„Mein Bruder ist Captain der Royal Navy. Er hat mir viele Geschichten über Piraten erzählt." log sie. Nun, sie log teilweise. Ihr Bruder hatte ihr über die Raubzüge von vielen Piraten in dieser Gegend erzählt. Für gewöhnlich erzählte er ihr von jenen Piraten, die er gefangen gesetzt und nach Kingston gebracht hatte. Und die dann ihre Hinrichtung erwarteten. Sie dachte Jack Sparrow würde auch ohne diese Information auskommen können. Sie hatte sich ebenfalls dafür entschieden, nicht zu erwähnen, dass sie ihn im Gefängnis gesehen hatte. Wenn er realisierte dass sie wusste, dass er ein flüchtiger Gefangener war, könnte er womöglich zu dem Schluss kommen, dass sie nur zu bereit wäre, ihn dahin zurückzuschicken wo er hergekommen war. Und was würde ihn dann davon abhalten sie zu töten?

„Ah, und was hat er Euch erzählt, frage ich mich?" Ein finsteres Lächeln spielte über sein Gesicht und enthüllte mehrere Goldzähne. Wozu brauchte er ihr Geld? Er könnte doch einfach Teile aus seinem Mund verkaufen, um sich eine Reise um die Welt zu finanzieren.

„Mein Bruder erzählte mir, dass Ihr entweder der beste, oder er schlechteste Pirat seid, der jemals in diesem Teil der Welt gesegelt ist. Er hat sich noch nicht entschieden, und ich auch nicht." sagte sie trotzig.

Sparrow streckte seinen Arm etwas weiter aus, so dass sie die Klinge des Entermessers deutlich fühlen konnte, wie sie sich gegen die Haut an ihrem Hals presste. „Es gibt viele Männer in meinem Berufszweig, die sich von solch einer Bemerkung angegriffen fühlen würden, Missi." knurrte er.

„Und es gibt viele Frauen, die sich ebenfalls angegriffen fühlen würden, wenn sie ein Schwert an ihrem Hals hätten." antwortete sie. „Ich habe mich bereits dazu bereit erklärt, Euren Forderungen zu genügen. Ich denke nicht, dass es zuviel verlangt wäre, Euer Schwert zu senken."

Dies könnte ein entscheidender Moment sein. Es könnte genau so gut ihr letzter Moment sein. Wenn sie den Piraten zu weit getrieben hatte, war sie so gut wie tot. Aber aus irgendeinem Grund konnte sie nicht glauben, dass Sparrow sie töten würde. Die Geschichten erzählten, dass er Nassau Port überfallen hatte, ohne auch nur einen Schuss abzufeuern. Warum sollte er so etwas tun? Sicherlich wäre es einfacher gewesen frech und frei durch die Straßen zu laufen, alles und jeden umbringend, der ihm in den Weg kam. Wenn nichts anderes, dann war doch diese Art zu handeln sehr viel charakteristischer für Piraten. Natürlich gab es immer noch die Möglichkeit, dass diese Geschichten nicht wahr waren. In diesem Fall würde sie einen gewalttätigen Kriminellen absolut ohne Grund provozieren.

Er schien ihre Bemerkung zu überdenken. Sekunden verstrichen, die ihr wie Stunden erschienen. Schließlich nickte er und steckte sein Schwert zurück in die Scheide. Als er das tat, reflektierte sich das Licht an etwas dunklem, feuchten, an seiner Schulter. Sein Körper versteifte sich für einen Augenblick. Es konnte nur Blut sein.

Sie presste ihre Kiefer zusammen, in dem Versuch die Emotionen zu verstecken, die in ihr aufstiegen. Das allererste Mal, dass sie den berühmten Piratencaptain gesehen hatte, war er von seinem eigenen Blut bedeckt gewesen.

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Don Antonio Cornado war großzügig genug gewesen, seine Gastfreundschaft auf die wenigen Überlebenden der Resolute auszuweiten. Der Mann hatte sympathisch genug ausgesehen, für einen Spanier, und er hatte ihnen Schutz vor dem Sturm geboten. Er war ein Aristokrat im mittleren Alter, der Spanien vor Jahren verlassen hatte, um die West Indies zu erkunden. Wie ihr eigener Vater, hatte er sich in eine der Eingeborenen verliebt, und war nie wieder nach Europa zurückgekehrt. Stattdessen diente er seinem König und Vaterland, indem er La Cerradura betrieb. Das Gefängnis aus welchem, wie die Spanier behaupteten, niemand jemals entkommen war. Sie war regelrecht mitgenommen, von der traurigen Geschichte des Kommandanten. Seine Ehefrau war vor drei Jahren an einem Fieber gestorben. Cornado lächelte wehmütig, als er von ihr sprach und ein herzliches Funkeln hatte in seinen grauen Augen gestanden. Sie erkannte erst was für ein Mann er wirklich war, als er ihr und ihrem Bruder einen Rundgang über seine Besitztümer anbot.

Er hatte ihnen wunderschöne Gärten gezeigt und seine bescheidene Zuckerplantage. Er hatte sie zu einem Ausritt an die Küste mitgenommen und ihnen eine kleine Höhle gezeigt, von der die Eingeborenen behaupteten, in ihr würde es spuken. Alles in allem war die Führung eine unterhaltsame Pause, während sie auf jemanden aus Kingston warteten, der nach ihnen suchen würde.

Wie auch immer, auf dem Weg zurück zu Cornados Haus entschied er, einen kleinen Umweg zu machen, um den Geschwistern das Gefängnis zu zeigen. Er begann aufgeregt von seiner letzten „Errungenschaft" zu erzählen. Einem Mann, von dem er dachte, ihr Bruder würde ihn nur zu gerne hinter Gittern sehen.

Cornado brachte die Beiden zu einem großen, eisernen Tor, das in den Hof des Gefängnisses führte. Sie erinnerte sich daran, wie sich ihr Magen umdrehte, als sie den Mann sah, auf dessen Ergreifung Cornado so stolz war. Der Mann hatte dunkle Haare, die ihm bis auf die Schultern herabhingen. Es schien, als wären Perlen in die langen Strähnen eingeflochten, die im intensiven Sonnenlicht glänzten. Er trug ein Hemd, das zweifellos weiß gewesen war, doch nun war es zerrissen und durchtränkt mit Blut. Die Hände und Füße des Mannes waren an eine große Steinsäule gekettet, die im Zentrum des Hofes stand. Kleine Rinnsale von Blut liefen seine Handgelenke und Fesseln hinab. Er hatte sich eng in dem kläglichen Schatten zusammengrollt, den die Säule bot, und trotz der ungewöhnlichen Hitze schien er zu zittern. Ein paar Yards entfernt, höchstwahrscheinlich gerade außerhalb seiner Reichweite, stand ein mit Wasser gefüllter Eimer.

Ihre Augen weiteten sich sichtlich, als sie den Anblick des bemitleidenswerten Mannes in sich aufnahm und sie fürchtete ernsthaft, dass ihr davon schlecht werden würde. „Wer ist das?" hatte sie zu fragen geschafft.

Dies Senora, es un pirata. Ein Pirat." antwortete Cornado verächtlich, ein bösartiges Grinsen im Gesicht. Sie fühlte wie ein Schauer über ihren Rücken lief. Der Blick in den grauen Augen des Spaniers war nicht länger einladend, stattdessen verriet seine ganze Erscheinung den Hass, den er gegenüber dem Briganten fühlte, der auf dem Hof festgekettet war.

Ein Pirat sagt Ihr?" bemerkte ihr Bruder. Er klang durchaus interessiert. „Wer ist das?"

Sein Name ist Jack Sparrow, Capitán Tarret," erwiderte der Kommandant. „Ich nehme an, Ihr habt von diesem Mann gehört?"

Ihr Bruder räusperte sich. „Ähm, ja. Das habe ich." antwortete er, während er Sparrow mit einem merkwürdigen Ausdruck betrachtete. Der Blick ihres Bruders traf ihren für einen Moment. Obwohl er kein Wort gesagt hatte, verrieten seine Augen, dass er von diesem Anblick genau so angewidert war wie sie selbst. Sie hatte gesehen, dass ihr Bruder viele Piraten der Gerichtsbarkeit von Kingston ausgeliefert hatte, aber auf seinem Gesicht war niemals solch ein Furcht einflößendes Glühen zu sehen gewesen, wie nun auf dem des Kommandanten. Ihr Bruder war während Gerichtsverhandlungen und Exekutionen immer außerordentlich ruhig geblieben. Er hatte einmal gesagt, dass er sich nichts aus dem Spektakel machen würde, das aus dem Tod dieser Männer gemacht wurde. Es war seine Pflicht, die ihn dazu anhielt, bei den Hinrichtungen zu erscheinen, und seine Zufriedenheit war rein beruflicher Natur.

Was, Don Antonio, hat er getan, um auf diese Weis zur Schau gestellt zu werden?" fragte sie. Vielleicht hatte er einen Wachposten getötet, oder die Tochter des Aristokraten entehrt. Dann zumindest würde diese Bestrafung nicht ungerechtfertigt erscheinen. Grausam, aber nicht ungerechtfertigt.

Er ist ein Pirat." stellte der Spanier trocken fest.

Wie lang geht das schon so?" quetschte sie hervor.

Cornado zögerte. „Zwei Wochen."

Ohne Wasser?"

Natürlich nicht, Senora. Es hat mindestens zweimal geregnet." Der Kommandant kicherte.

Nun, Don Antonio, ich danke Euch für die Führung über Eure Ländereien. Äußerst beeindruckend, in der Tat. Aber ich fürchte, wenn meine Schwester und ich uns für das Dinner umziehen sollen, sollten wir in unsere Räume zurückkehren." unterbrach Captain Tarret. Er musste den Ausdruck in ihren Augen gesehen haben. Sie war außer sich, und allem Anschein nach zeigte sich diese Emotion deutlich auf ihrem Gesicht.

Der Spanier nickte und ließ die Beiden zu ihren Räumlichkeiten bringen. Wenn er sich ihres Abscheus bewusst gewesen war, so hatte er es nicht gezeigt. Er hatte freundlich gelächelt und über das Dinner Menü gesprochen.

Sie konnte nicht daran denken etwas zu essen. Das Bild von Jack Sparrow hatte sich in ihr Bewusstsein eingebrannt. Jedes Mal wenn sie blinzelte, sah sie all das Blut. Sie schüttelte den Kopf in dem Versuch, ihren aufgewühlten Magen zu beruhigen. Wie konnte Cornado nur so stolz auf dieses Schauspiel sein? „Dieser Mann ist ein Monster, Prescott!" erklärte sie, sobald Cornado außer Hörweite war.

Ihr Bruder seufzte hörbar. Seine Uniformjacke und den Hut ablegend, durchquerte er den Raum und stellte sich vor das Fenster, um den Gefängnishof zu überblicken. Er schüttelte den Kopf. „Sparrow ist ein Pirat."

Kein Mensch verdient es, so gefoltert zu werden. Pirat oder nicht."

Was genau willst du, dass ich sage?" fragte Prescott. Er streckte seine Arme in einer Art und Weise aus, die klar machte, dass diese Situation seiner Meinung nach außerhalb seiner Kontrolle lag. „Jack Sparrow ist ein Pirat. Zweifellos hat er spanische Schiffe und Siedlungen ebenso ausgeraubt wie englische. Er hat dieses Leben gewählt und er wurde erwischt. Wenn ich ihn gefangen genommen hätte, würde er auf dem Richtplatz am Ende eines Seiles hängen, und das weißt du."

Würdest du deinen Männern befehlen, ihn vorher bewusstlos zu prügeln?" verlangte sie zu wissen, die Hände auf die Hüften legend.

Natürlich nicht." Er drehte sich um, um sie anzusehen. Seine blauen Augen waren voll von Sympathie. Er war nicht so unerschütterlich, wie er vorgab zu sein. Er verstand sie und stimmte ihr grundsätzlich zu, selbst wenn sie- im schlimmsten Fall – kräftig austeilte. In der Vergangenheit hatte er zugegeben, dass er von ihrer Tapferkeit beeindruckt war. Er würde es sich selbst nie gestatten, sich auf dieselbe Weise auszudrücken, wie sie es tat. Er war zu sehr der überaus korrekte Engländer.

Da sie nur halb englisch war, besaß sie nicht de selben Sinn für Schicklichkeit. Prescotts Mutter war während seiner Geburt gestorben. Überwältigt von seiner Trauer, hatte ihr Vater London auf dem ersten Schiff verlassen, das die Stadt verließ und entschieden, seinen Sohn in den West Indies aufzuziehen. Etwa drei Jahre später hatte er ihre Mutter getroffen, eine geborene Jamaikanerin, und er hatte sie geheiratet. Sie hatte das Temperament ihrer Mutter, welches Schicklichkeit nicht besonders hoch achtete. Trotz Prescotts Instinkt dafür, in Anwesenheit des Kommandanten den Mund zu halten, wusste er tief in seinem Herzen, dass was Cornado tat falsch war.

Er war vier Jahre älter als sie, aber ohne seine Uniform wirkte er so viel jünger, weniger erfahren. Prescott war bereits seit sechs Jahren Captain. Er hatte seit er dreizehn war für die Krone gekämpft. Er hatte Männer für die Krone sterben sehen, ihren jüngeren Bruder Findley eingeschlossen, der in seinen Armen gestorben war. Doch trotz allem was er gesehen hatte, schien Prescott von der Grausamkeit des Spaniers erschüttert zu sein.

Gibt es irgendetwas, das wir tun können?" fragte sie, als sie zu ihrem Bruder an das Fenster trat.

Er antwortete nicht. Sein Blick war auf einen Mann in Zivilkleidung gerichtet, der den Gefängnishof zusammen mit Cornado betreten hatte. Der Mann kniete neben Sparrow auf den Boden und schien dem Kommandanten irgendetwas erklären zu wollen.

Sie fühlte einen Stich in ihrer Brust, als ihr bewusst wurde, dass der Pirat womöglich tot war. Cornado warf frustriert seine Arme in die Höhe und rief zwei Wachen zu der Steinsäule herüber. Die Wachen entfernten die Ketten, hoben Sparrow vom Boden und trugen ihn unzeremoniell in ein Gebäude im Süden des Hofes.

Ist er tot?" fragte sie.

Ich bezweifle es." antwortete Prescott kurz angebunden.

Sie betrachtete ihren Bruder neugierig. Er würde fortfahren, sobald er seine Gedanken geordnet hatte. Seine blauen Augen verengten sich. Er starrte Cornado an, der im Hof des Gefängnisses geblieben war. Cornados Blick ruhte auf der blutüberströmten Säule, die in Mitten des Hofes stand. „Ich denke nicht, dass er will, dass Sparrow stirbt." schloss er.

Sie stellte sich Sparrows misshandelten Körper vor, wie er zusammengekrümmt im Schatten des Steines lag. „Was meinst du damit?" Wenn Cornado Sparrow nicht töten wollte, was um aller Welt hatte er dann mit dem Piraten vor?

Hast du seine Augen gesehen, als er uns seine Errungenschaft präsentiert hat?"

Sie schauderte. „Ja."

Er hat Sparrow nicht im Namen der Gerechtigkeit gefangen. Er hasst den Mann. Das muss etwas persönliches sein. Ich denke der Mann dort unten ist ein Arzt, kein Totengräber. Ich glaube nicht, dass Cornado will dass Sparrow stirbt. Noch nicht."

Meinst du, dass er ihn zusammenflicken wird, um all das zu wiederholen?" Sie war entsetzt. Nichts konnte solch eine Behandlung rechtfertigen. Was hatte Sparrow getan?

Prescott antwortete nicht gleich. Er rieb sich die Augen, bevor er ihrem Blick begegnete. „Es scheint wohl so."