2. Ein Name

„Nun Captain, ich bewahre meine Wertsachen nicht im Garten auf. Wenn Ihr mir also bitte folgen wollt, werde ich Euer Geld holen." sagte sie schließlich, die Erinnerungen an La Cerradura zurück in den Hintergrund ihres Verstandes zwingend.

„Dann geht voraus, Miss – Ich fürchte ich kenne Euren Namen noch immer nicht, Liebes."

„Ich habe Euch meinen Namen nicht gesagt."

Der Mundwinkel des Piraten hob sich zu einem Lächeln. „Werdet Ihr es tun?"

„Ich habe mich noch nicht entschieden."

Sie wandte sich um, und ging den gepflasterten Pfad entlang, der zum Hintereingang ihres Anwesens führte. Als die letzten Überbleibsel des karibischen Sonnenuntergangs den Horizont berührten, und die im Hafen liegenden Schiffe in ein oranges Licht tauchten, hielt sie inne. Die Loyalty lag am Nächsten. Das Schiff ihres Bruders schwoite leicht in der Dünung. Am Ladungsdock, die Interceptor, Captain Norringtons Schiff und etwas weiter draußen: Die Dauntless. Das Flaggschiff war darauf vorbereitet, bei Sonnenaufgang auszulaufen. Nichts Ungewöhnliches, abgesehen von einem Schiff, das zu weit draußen lag, um es genauer ausmachen zu können. Sie sah sich um. Sparrow starrte dasselbe Schiff an. Auch wenn sie ihre Augen anstrengte, konnte sie den Namen des Schiffes nicht sehen, doch sie konnte deutlich seine Farben erkennen: Spanisch.

Ein spanisches Schiff, das in Kingston vor Anker ging, war nicht ungewöhnlich. Genau so wenig wie eine zweiköpfige Ziege. Wie auch immer, dieses Schiff zog unzweifelhaft mehr Aufmerksamkeit auf sich, als irgendein bizarres Farmtier. Höchstwahrscheinlich hatte jede Person in der Stadt, die dieses merkwürdige Schiff bemerkt hatte, ihr Tagwerk beiseite gelegt, um mehr herauszufinden. Aber der Pirat war nicht jeder. Wenn man auf die Geschichten hörte, war er in den letzten Jahren der Schrecken der Karibik gewesen. Warum sollte dieses Schiff ihn derart gefangen nehmen? Da war etwas in seinen Augen, dass sie nicht zuordnen konnte. Sparrow hatte seinen Blick nicht von der spanischen Flagge abgewandt, aber sie ahnte, dass er nicht länger den rot-gelben Stoff sah, der sich im Wind bewegte. Der Blick seiner dunklen Augen war weit weg und er schien in Gedanken verloren zu sein. Dies war die perfekte Gelegenheit ins Haus zu rennen und den Piraten aus ihrem Leben auszusperren, doch ihre Füße weigerten sich zu gehorchen.

In einem plötzlichen Ausbruch von Klarheit erkannte sie, dass dieses Schiff irgendetwas mit Sparrows Anwesenheit in Kingston zu tun haben musste. Vielleicht hatten sie versucht den Gefangenen mit diesem Schiff zu transportieren, oder womöglich war der Pirat entkommen und auf diesem Schiff geflohen.

„Seid Ihr hier draußen, Madame?" schreckte sie die Stimme ihrer Magd aus ihren Gedanken. Sparrows Aufmerksamkeit wandte sich sofort wieder ihr zu. „Antwortet." verlangte er leise. „Wir wollen doch nicht, dass hier irgendetwas ungewöhnlich aussieht, Liebes."

„Ja, Sarah", rief sie zurück, in der Hoffnung, dass ihre Stimme normal klang. „Was ist los?"

„Hier ist ein Soldat, der Euch sehen möchte." antwortete Sarah. „Soll ich ihn zur Terrasse begleiten?"

„Ihr habt einen Soldaten erwartet?" behauptete Sparrow, während er erneut sein Schwert zog. „Das ist ein wirklich herzloser Trick, denkt Ihr nicht auch?"

„Ich habe überhaupt niemanden erwartet." schnappte sie ungehalten. „Beruhigt Euch einfach und lasst mich ihn loswerden. Versteckt Euch in den Schatten, wenn ihr wollt. Auf diese Weise könnt Ihr hören was wir sagen, und wenn Ihr es für notwendig erachtet, könnt Ihr mir dann immer noch die Kehle aufschlitzen." Als sie sich auf den Weg machte, wurde ihr wieder einmal bewusst, dass sie einen gefährlichen Mann provozierte. Vielleicht war dieser Soldat ihr Ausweg aus dieser Situation. Immerhin schuldete sie Sparrow nichts, auch wenn sie vor einem Jahr Mitleid mit ihm empfunden hatte. Er war ein Krimineller. Er hatte Don Antonios Gefängnis niemals verdient, aber ein britischer Galgen war etwas vollkommen anderes.

„Es tut mir leid, Euch so spät am Abend zu belästigen, Senora."

Ihre Augen weiteten sich, als ihr bewusst wurde, dass diese Stimme zu dem spanischen Soldaten gehörte, der nun vor ihr stand. Sarah hatte es versäumt das zu erwähnen. Diese eine Tatsache änderte alles. Einen gefährlichen Verbrecher der Justiz auszuliefern – englischer Justiz – damit konnte sie leben. Sie konnte allerdings nicht damit leben, wenn sie irgendetwas damit zu tun hätte, dass ein Mann nach La Cerradura geschickt wurde, selbst wenn jener Mann ein Pirat war. Ob es in den Augen des Gesetzes nun richtig oder falsch war, sie würde Sparrow nicht der Folter ausliefern.

„Das macht überhaupt nichts." antwortete sie, als sie ihre Stimme wieder gefunden hatte. „Was bringt die spanische Armee in mein Haus?"

„Schlechte Umstände, fürchte ich. Wir waren dabei, Gefangene von La Cerradura nach Spanien zu transportieren und einer ist entkommen." erklärte der Soldat mit einem entschuldigenden Kopfschütteln.

„Großer Gott", warf sie mit geheuchelter Überraschung ein. „Ist der Mann gefährlich? Denkt Ihr, er ist hier, in meinem Haus? Was soll ich tun?" Während sie den spanischen Soldaten mit Fragen bombardierte, versuchte sie zu verhindern, dass die Bilder von Sparrows blutüberströmtem Körper in ihr Bewusstsein drängten. Wenn er erst kürzlich entkommen war, welche Grausamkeiten hatte er noch erdulden müssen?

„Nun. Nun," beruhigte der Spanier, „kein Grund in Panik auszubrechen. Wir informieren einfach nur jeden in der Stadt, mit der Bitte, alles was verdächtig erscheint zu melden und etwas mehr als die übliche Vorsicht walten zu lassen. Habt Ihr etwas Verdächtiges bemerkt?"

„Nein." Sie hörte, wie ihre Stimme diese Frage beantwortete, aber sie konnte fast nicht glauben, was sie gesagt hatte. Sie hatte einen Soldaten angelogen, einen Piraten beschützt und war jetzt genau so kriminell wie er. Nun, vielleicht nicht genau so, aber sie hatte trotzdem das Gesetz gebrochen. Für einen Piraten.

„Lebt Ihr allein? Ich könnte eine Wache bei Eurem Haus postieren, bis wir uns wieder auf den Weg machen."

„Nein," antwortete sie kurz angebunden. Der Spanier sah aus, als würde er irgendeine Erklärung erwarten. Als er keine erhielt verbeugte er sich leicht.

„Wie Ihr wünscht, Senora. Gute Nacht." sagte er, und Sarah brachte ihn zur Tür.

Langsam stieg sie die steinerne Treppe hinab, die zurück in den Garten führte. Dorthin, wo sie Sparrow zurückgelassen hatte. Sie erwartete, ihn mit gezogenem Schwer vorzufinden, bereit für den Kampf, doch stattdessen saß er in einiger Entfernung auf dem Boden, mit dem Rücken an den Stamm eines Baumes gelehnt. In dem vorherrschenden Zwielicht konnte sie nur seine Silhouette ausmachen. Als sie näher trat, konnte sie sehen, dass seine Augen geschlossen waren, und sie bemerkte einen dünnen Schweißfilm, der sein Gesicht bedeckte. Ihr Atem stockte in ihrem Hals. Fieber.

Ihr Magen drehte sich um, und sie war machtlos gegen die Bilder seines geschundenen Körpers, der im Lazarett von La Cerradura gelegen hatte.

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Ihr Vater war Arzt gewesen. Er hatte im Navy-Krankenhaus in Portsmouth gearbeitet und seine eigene Praxis in Kingston betrieben. Sie und ihre Mutter hatten ihm oft mit seinen Patienten geholfen. Sie hatten alle möglichen Kräuter zu Salben verarbeitet, oder selbst gekochte Mahlzeiten für die Männer und Frauen vorbereitet, die sich in der Obhut ihres Vaters befunden hatten. Während dieser Jahre hatte sie viele verwundete Offiziere der Navy und auch verletzte Handelsfahrer gesehen. Ihr Gesicht war das letzte, das viele dieser Männer gesehen hatten, bevor sie eingeschlafen waren, um nie wieder zu erwachen. Trotz dieser Tatsache hatte sich ihr Magen umgedreht und ihr Herz hatte ihr weh getan, als sie Sparrows gefolterten Körper zitternd im Schatten dieser Steinsäule hatte liegen sehen.

Nachdem sie beobachtet hatte, wie die Soldaten Sparrow vom Gefängnishof trugen, hatte sie Kopfschmerzen vorgetäuscht, um ihren Bruder dazu zu bringen, allein zu dem Dinner zu erscheinen. Sobald er ihr Zimmer verlassen hatte, hatte sie sich auf den Weg hinunter auf den Hof gemacht. Sie versuchte außer Sicht zu bleiben, während sie auf den Zivilisten gewartet hatte, von dem Prescott behauptete, er sei ein Arzt. Sie musste mit diesem Mann reden. Innerlich fühlte sie ein unkontrollierbares und unauslöschliches Verlangen dem Piraten zu helfen, wenn auch nur, um Cornado vor den Kopf zu stoßen.

Doktor." flüsterte sie, als der Arzt sich dem Punkt näherte, an dem sie wartete.

Sí? Ich meine, ja?"

Gott sei dank, sprach der Mann englisch. „Seid Ihr hier, um Euch um den Piraten zu kümmern?" fragte sie versuchsweise.

Der Arzt senkte seinen Blick hinter seinen mit Draht umrahmten Brillengläsern. „Ja." Er schien bedrückt zu sein. Vielleicht war sie nicht die Einzige, die von der Brutalität des Kommandanten angewidert war.

Mein Vater war Arzt. Benötigt Ihr vielleicht Hilfe?"

Der Arzt konnte nicht verhindern, dass sich seine Überraschung auf seinem Geicht widerspiegelte. Er lächelte leicht. „Ich könnte eine junge Lady niemals in ein Gefängniskrankenhaus bringen."

Diese junge Lady ist bereits in ein Navy-Krankenhaus gebracht worden. Ich denke, ich bin der Aufgabe gewachsen." Ihr Vater hatte Männer der Navy seiner Majestät behandelt, also war das keine vollkommene Lüge gewesen. Sie hatte niemals wirklich das Innere eines Navy-Krankenhauses gesehen. Doch sie fühlte sich tatsächlich in der Lage dazu, Gefängnislazarett oder nicht. Aus irgendeinem Grund, hatte sich ihr Herz Sparrow zugewandt. Selbst ein Schuft verdiente es besser behandelt zu werden als auf diese Art und Weise.

Ich verstehe." antwortete der Arzt. „Ich würde Hilfe willkommen heißen, wenn Ihr Euch sicher seid."

Sie nickte, als der Arzt ihr bedeutete, ihm zur Zelle des Piraten zu folgen.

Verletzungen hatte sie bereits gesehen. Krankheit hatte sie bereits gesehen. Tod hatte sie bereits gesehen. Trotzdem hätte sie nichts auf das vorbereiten können, das sie in diesem Raum sah. Auf dem Hof war der Pirat weit weg gewesen, und irgendwie weniger real. Nun, in diesem kleinen Raum, war er nah und entschieden real. Sein Schmerz war real.

Zusammengerollt auf einer schmalen Liege, hatte sich Sparrows Zittern noch verschlimmert. Der Arzt schüttelte den Kopf, bevor er sich an die Arbeit machte. Er entfernte Sparrows verdrecktes Hemd und entblößte so ein Sammelsurium aus alten und erst zum Teil verheilten Wunden. Seine Brust war übersäht mit dunkel violetten Schrammen, von seinem Rücken gar nicht erst zu reden.

Als der Arzt den Captain auf den Bauch drehte, stöhnte Sparrow leise auf und sie musste sich auf die Lippen beißen, um gegen die Welle aus Übelkeit anzukommen, die über ihr zusammenschlug.

Ausgepeitscht." bemerkte der Arzt schlicht, als Erklärung für die tiefen Schnitte die den Rücken des Piraten kreuz und quer überzogen.

Was kann ich tun?" fragte sie.

Der Arzt deutete auf eine Schüssel Wasser und einen Stapel Stofffetzen. „Diese Schnitte müssen gesäubert werden, damit sie sich nicht infizieren." Der Arzt setzte sich auf einen Stuhl, der neben der Liege stand und tauchte einen der Fetzen in das kühle Wasser. Langsam und vorsichtig legte er den Stoff auf einen der Schnitte.

Warnungslos entfloh dem Piraten ein schmerzerfüllter Schrei und er wich vor der Berührung zurück. Er fiel von der Liege und stieß zischend die Luft aus, als sein Rücken mit dem schmutzigen Boden in Berührung kam. Da sie nicht wusste, was sie sonst hätte tun sollen, eilte sie an die Seite des Captains und umfing seine Hand mit ihrer eigenen. Vorsichtig über seinen Handrücken streichelnd, flüsterte sie ihm beruhigende Worte ins Ohr: „Schh, Mr. Sparrow. Ich bin ein Freund. Ich versuche nicht Euch zu verletzen. Der Arzt muss sich nur um die Wunden auf Eurem Rücken kümmern." Seine Augen waren glasig vom Fieber und sein Blick irrte durch den Raum, als könnte er weder sie noch den Arzt wirklich wahrnehmen. Dann, ohne Vorwarnung, brach er auf dem Boden zusammen.

Es ist wahrscheinlich besser, wenn er dafür bewusstlos ist." seufzte der Arzt.

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„Gefällt Euch der Anblick?"

Sie blinzelte, um die Erinnerungen zu verscheuchen, bevor sie Sparrows Blick begegnete. Seine Augen waren noch immer kalt und unlesbar, doch sie begannen ihn im Stich zu lassen. Dieser Mann war erschöpft. „Seid Ihr zufrieden, dass ich nicht die gesamte Armee in mein Haus geholt habe, um Euch auszuliefern?" antwortete sie, seinem Kommentar ausweichend. „Ich bin ihn losgeworden…"

„Warum?" unterbrach er sie.

„Weil, Captain, ich mein Wort nicht leichtfertig gebe. Aber wenn es Euch lieber ist, bin ich sicher, dass ich diesen braven Soldaten davon überzeugen kann umzukehren, und Euch ins Gefängnis zu schleifen." keifte sie.

Sparrow senkte den Blick für den Bruchteil einer Sekunde. Etwas zuckte über sein Gesicht und war verschwunden, fast bevor sie es erkennen konnte. Sie hatte ihn verletzt. Mehr als das, sie bereute, was sie gerade gesagt hatte. Von allen Menschen auf dieser Welt wusste gerade sie, was dieser Mann in La Cerradura ertragen hatte. Damit zu drohen, ihn in dieses Höllenloch zurück zu schicken, war unleugbar grausam.

„Geht voran, Miss…" murmelte der Pirat. „Ich fürchte, ich kenne Euren Namen immer noch nicht." Die Andeutung eines Lächelns spielte über seine Lippen.

„Anamaria."


Brigitte:
Erstmal vielen Dank für Dein Review. Natürlich habe ich nicht vor, die Geschichte mittendrin abzubrechen, besonders, weil sie ja im Grunde schon fix und fertig ist. Allerdings ist das mit den neuen Kapiteln immer so eine Sache: Sie sind sehr viel schneller gelesen als geschrieben, und es ist irgendwie frustrierend, wenn man die Anzahl der Klicks auf ein neues Kapitel mit der Anzahl der Reviews vergleicht...

So, meine lieben Leser.Ich hoffe das neue Kapitel hat euch gefallen.
Wie's weiter geht, erfahrt ihr demnächst.

Und denkt dran, es sind eure Reviews, die mich dazu anspornen weiterzumachen...

Lg

RavannaVen