3. Komplikationen
„Anamaria." wiederholte Sparrow. „Wunderschön. Solltet Ihr nicht für Euch behalten, Liebes."
„Das werde ich mir merken, für das nächste Mal, wenn ein Pirat vorbeischaut." sagte Ana.
Ihr Name klang wunderschön, wenn er ihn sagte. Seine Stimme war leicht, wenn er nicht damit drohte, sie zu töten. Doch wie er sprach ging sie nichts an. Oder zumindest sollte es das nicht. Er war ein Pirat. Dies war ein Überfall. Sie sollte ihm Geld geben, und damit war die Sache abgeschlossen. Eine Episode. Ein abgeschlossenes Geschäft.
Kopfschüttelnd drehte sich Anamaria um, und erklomm die Treppe, die zur Hintertür führte. „Nun, Captain, wie viel Geld braucht es, um eine Crew davon zu überzeugen, einem Piraten zu folgen, der erst kürzlich aus dem Gefängnis entkommen ist?" Eine weitere riskante Bemerkung. Sie konnte sich nicht erklären, warum sie diesen Mann weiterhin provozierte, aber sie konnte sich auch nicht davon abhalten. Sparrow antwortete nicht. Ana drehte sich um, um herauszufinden warum nicht, und sah ihn am oberen Treppenabsatz stehen, eine Hand an seiner Stirn.
„Captain? Seid Ihr in Ordnung?"
Sparrow ließ seine Hand fallen. „Ja." antwortete er leise.
Langsam ging er auf sie zu. Offensichtlich hatte er Schmerzen. Das Blut an seiner Schulter hatte frisch ausgesehen, und nun fiel ihr auf, dass er leicht humpelte. Cornados Gesicht tauchte vor ihren Augen auf. Die Grausamkeit dieses Mannes schien keine Grenzen zu kennen. Sparrow stoppte und schwanke leicht.
Ana eilte zu ihm. „Nein. Ihr seid nicht in Ordnung." Zögernd zog sie seinen Mantel zur Seite und konnte kaum ein Ächzen unterdrücken. Es war mehr Blut, als sie zu sehen erwartet hatte. Viel mehr.
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Als der Arzt mit dem Säubern der Wunden auf Sparrows Rücken fertig war, war das Wasser in der Schale rot wie Blut. Der Arzt setzte seine Brille ab, und rieb sich die Augen.
„Doktor, Ihr müsst müde sein." bemerkte Anamaria. „Wenn Ihr es wünscht, werde ich mich um den Rest kümmern."
Er betrachtete Anamaria ernst. „Was habt Ihr für ein Interesse an diesem Mann?" fragte er schließlich.
Sie schürzte sie Lippen und setzte den kältesten Blick auf, den sie aufbringen konnte. „Was wollt Ihr andeuten, Doktor?"
Die Augen des Mannes weiteten sich leicht. „Nichts. Überhaupt nichts. Wenn es keine zu große Unannehmlichkeit wäre, würde ich mich gerne zurückziehen.
„Sicherlich." antwortete sie.
Der Arzt half ihr, Sparrow auf den Rücken zu drehen, damit sie sich um die Wunden auf seiner Brust kümmern konnte, bevor er ihr eine gute Nacht entbot und sie mit dem Piraten allein ließ. So sanft und schnell sie konnte, bandagierte sie die Wunden des Mannes. Er hatte sich überhaupt nicht bewegt. Als Letztes machte sie sich daran, die Schnitte an seinen Handgelenken zu versorgen. An der Steinsäule auf dem Hof aufgehängt, war das gesamte Gewicht des Piraten von den Eisen um seine Handgelenke gehalten worden. Traurig den Kopf schüttelnd, strich Ana mit dem feuchten Tuch vorsichtig über die Verletzungen. Der Pirat stöhnte leise und entzog ihr seine Hand.
„Schh," flüsterte sie, „Ich bin fast fertig." Sie legte den Stoff wieder auf sein Handgelenk. Ohne Vorwarnung griff Sparrow nach ihrem Arm. Sie war erstaunt von der Kraft seines Griffes.
„Bitte," krächtste er. Seine Stimme war nicht mehr als ein Flüstern.
Ana fühlte einen Stich in ihrer Brust. Die Leiden dieses Mannes waren mit nichts zu vergleichen. Keine Tat verdiente solch eine Bestrafung. Sie zog ihren Arm aus Sparrows Hand und legte ihre eigene auf seine Stirn. „Ich will Euch nicht verletzen. Versucht Euch zu entspannen. Ich bin fast fertig."
Sparrow schüttelte den Kopf. „Wasser?" sagte er.
Ana führte einen kleinen Becher an seine rissigen Lippen und hielt ihre Hand an seinen Hinterkopf um ihn zu stützen. „W- Wer seid Ihr?" fragte Sparrow, seine Stimme etwas klarer as zuvor.
„Ein Freund," antwortete sie. Ana legte eine Hand auf seine Schulter. „Wie lang seid Ihr dort draußen gewesen?"
Sparrow runzelte die Stirn, ohne jedoch die Augen zu öffnen. „Ich- Ich weiß es nicht. Einen Monat… vielleicht."
„Einen Monat!" zischte Ana durch zusammengebissene Zähne. Dieser verlogene Bastard. Zwei Wochen waren schon für sich selbst genommen schrecklich, aber Sparrow war ohne Wasser zweimal so lange in der glühenden Sonne angekettet gewesen. Dieses Monster. Wie konnte jemand ein anderes menschliches Wesen nur auf diese Weise verletzen?
Ana brachte ihre Aufmerksamkeit zurück zu dem verwundeten Piraten. Sein Gesicht hatte sich entspannt und er schien zu schlafen. Sie behandelte noch seine Handgelenke, bevor sie aus seiner Zelle stürmte.
Ihre Hände waren zu Fäusten geballt und ihre Wut sprühte regelrecht aus ihren braunen Augen. Cornado würde niemandem diese Art von Schmerz zufügen, und dann damit davonkommen. Sie würde ihm etwas zu hören geben, und dann einen kräftigen Tritt in den…"
„Annie?" Prescott trat ihr in den Weg, als sie Cornados Herrenhaus betrat. „Wo bist du gewesen?" Die blauen Augen ihres Bruders weiteten sich verstehend, und er wusste die Antwort auf seine Frage, noch bevor sie ein Wort gesagt hatte. „Sag mir, dass du das nicht getan hast."
„Dass ich was nicht getan habe?"
„Du weißt was." schnappte er, als er nach ihrem Arm griff und sie in ihre Räumlichkeiten zog. „Sag mir, wo du gewesen bist! Sag mir, dass du nicht bei diesem Piraten gewesen bist!"
„Willst du, dass ich dir sage wo ich war, oder dass ich nicht bei dem Piraten gewesen bin?" sagte sie, und legte ihre Hände mit einem finsteren Gesichtsausdruck auf ihre Hüften.
Prescott rollte mit den Augen. „Annie, Piraten sind…"
„Ich weiß. Gefährlich und bösartig und nicht vertrauenswürdig." beendete sie seinen Satz.
„Nur… versprich mir einfach… Versprich mir, dass du dich benehmen wirst, bis wir von diesem gottverdammten Ort gerettet werden. Versprich mir, dass du Cornado nicht irritieren wirst."
„Und warum nicht? Dieser Mann ist ein Tier!"
„Dämpfe deine Stimme."
„Das werde ich nicht!"
„Das wirst du. Willst du, dass Don Antonio uns seine Gastfreundschaft entzieht? Er hat uns sein Heim geöffnet. Ob es dir gefällt oder nicht, du musst dir auf die Zunge beißen." sagte Prescott.
„Du hast gesehen, was er getan hat." sagte Ana. Ihre Hände fielen von ihren Hüften. „Er war bedeckt mit Blut. Vollkommen bedeckt…"
„Mir gefällt das genau so wenig wie dir, aber es gibt nichts, was wir tun können."
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„Warum habt Ihr mir nicht gesagt, dass Ihr verletzt seid?"
„Jetzt auch noch Ärztin, was Liebes?" sagte er schwach.
„Mein Vater war Arzt, und meine… nun, ich weiß genug."
Sparrow hob misstrauisch eine Augenbraue. Er wich von ihr zurück und zog seinen Mantel behutsam über seine blutige Schulter. „Mir geht es gut." wiederholte er.
Ana nickte. Er log. Sie konnte es sehen, aber er würde ihr nicht so weit vertrauen, um sich von ihr helfen zu lassen.
Sie schob die Hintertür auf und führte den Piraten in das Arbeitszimmer.
„So, ich frage Euch noch einmal, welche Summe Ihr verlangt, um eine Crew davon zu überzeugen, unter einem Piraten zu segeln, der gerade erst aus dem Gefängnis entkommen ist?"
Wieder antwortete Sparrow nicht. Stattdessen hatte er sich gegen den Türrahmen gelehnt und hielt seine verletzte Schulter mit seiner Hand.
„Captain?" fragte Ana, als sie den Raum durchquerte. „Erlaubt mir zumindest, mich um Eure Wunde zu kümmern."
Versuchsweise entfernte sie seine Hand von seiner Schulter. Er zuckte bei der Berührung beinahe unmerklich zusammen. Der Blick aus seinen schokoladenfarbenen Augen glitt über ihr Gesicht. Sie wusste nicht wonach er suchte, also hielt sie seinem Blick einfach nur Stand. Schließlich nickte er, und legte seinen gesunden Arm um ihre Schultern. Sie half ihm zu einem der Lederstühle, die in dem Raum standen, und war mehr als beunruhigt davon, wie schwer er sich auf sie lehnte.
Sparrows Augen waren geschlossen, als Ana mit Wasser, Bandagen und Alkohol zurückkehrte und sein Atem klang angestrengt. Bilder seines Körpers, zitternd in dem dunklen Lazarett, drohten die Kontrolle über ihren Verstand zu erlangen. Wer war dieser Pirat, dass sie sich überhaupt um sein Wohlergehen sorgte?
„Mr. Sparrow?"
„Captain." entgegnete er, die Augen öffnend.
Ana lächelte. „Nun gut, Captain. Ich habe Alkohol mitgebracht, um Eure Wunde zu reinigen. Das wird etwas brennen." Sie befeuchtete das Tuch mit der Flüssigkeit und das scharfe Aroma stieg ihr in die Nase. Plötzlich griff Sparrow nach ihrer Hand, zwang sie so, das Tuch fallen zu lassen.
„Was ist das?"
„Das habe ich Euch gesagt. Alkohol."
„Ja, ja. Aber was?"
„Das weiß ich nicht." gab Ana irritiert zu. „Irgendetwas, das die Einheimischen brennen, denke ich."
„Rum!?"
„Ja, das ist es. Warum?"
Der Pirat schnappte sich die Flasche aus ihrer Hand, führte sie an seinen Mund und trank wie ein Mann, der eine Oase in der Wüste gefunden hatte. „Das hab ich vermisst," sagte er schließlich und gab Ana die Flasche zurück. Sie nahm sie, und schnüffelte vorsichtig daran.
„Ihr trinkt das?"
„So viel ich bei mir behalten kann."
Ana hob eine Augenbraue. Ohne sich erklären zu können warum, hob sie die Flasche an ihre eigenen Lippen, und trank einen Schluck der kräftig schmeckenden Flüssigkeit. Es brannte, als sie ihren Hals hinunter rann. Sie zog eine Grimasse und blinzelte ein paar Mal. Schließlich leckte sie ihre Lippen und zuckte mit den Schultern.
Sparrow beobachtete sie mit einem Ausdruck von Belustigung auf dem Gesicht. Da war ein Schimmern in seinen dunklen, mit Kohle umrandeten Augen, den Ana zuvor noch nicht bemerkt hatte. „Nun, was denkt Ihr, Liebes?"
Sie legte den Kopf auf die Seite. „Nicht schlecht, Süßer." antwortete sie, die Art in der er sprach imitierend.
Er starrte sie einige Sekunden an. Ana beobachtete ihn, wie er sie beobachtete, und etwas Erstaunliches geschah. Er lächelte. „Anamaria, aus Euch wäre ein großartiger Pirat geworden."
Ana lachte. „Ich? Ein Pirat? Mr. Sparrow, ist Euch der Rum bereits in den Kopf gestiegen?"
„Nein, Liebes. Fakt ist Fakt. Das ist alles." antwortete Sparrow einfach.
Ana schüttelte den Kopf und lachte leise, als sie versuchte sich vorzustellen, wie sie während eines Kampfes am Steuer eines Piratenschiffes stand. Was sie sah, auch wenn es nicht ganz so ablehnenswert war, wie sie gedacht hatte, war ein recht lustiges Bild. Sie seufzte leise. „Ich wette, das sagt Ihr zu allen Mädchen."
„Tu ich nicht." antwortete Sparrow schlicht.
Während Ana die Wunde an seiner Schulter säuberte, konnte sie nicht umhin zu denken, dass Sparrow ihr ein hohes Kompliment zollte. Sie war geschmeichelt, obwohl sie nicht wusste, warum sie sich darum scheren sollte, was dieser Pirat in ihr sah. Alles was sie getan hatte, war ein kleines bisschen Rum zu trinken. Wenn das alles war, was es dazu brauchte Pirat zu sein, dann kannte sie sehr viele Frauen in den Tavernen der Stadt, die sich auf einem Piratenschiff großartig schlagen würden.
„Nun, ich frage Euch jetzt zum letzten Mal, wie viel meines Geldes Ihr verlangt."
Die Beiden einigten sich auf einen Betrag, und Ana begleitete den Piraten zur Tür. Sie hoffte fast, dass er zu schwer verletzt sein würde, um bereits jetzt gehen zu wollen. Vielleicht war er es sogar, doch er ging trotzdem. Und Ana war seltsamerweise traurig über den bevorstehenden Abschied.
„Also gut, Captain Sparrow. Ich danke Euch, dass Ihr vorbei geschaut habt. Solltet Ihr jemals wieder in Kingston sein, zögert nicht, mich zu besuchen." meinte Ana übermütig, in dem Versuch zu verbergen, dass es ihr tatsächlich nichts ausmachen würde, den Piraten wieder zu sehen.
Sparrow legte seine Handflächen vor seinem Körper zusammen und verbeugte sich. „Und ich danke Euch, Liebes, dass Ihr diesen Raub zum Angenehmsten in meiner jüngsten Erinnerung gemacht habt."
Ana lächelte und öffnete die schwere Haustür, nur um plötzlich von Angesicht zu Angesicht ihrem Bruder Prescott gegenüber zu stehen.
Über ein oder zwei Reviews würde ich mich wirklich freuen.
Bis Bald
RavannaVen
