6. Noch mehr Fragen
Anamaria wartete, wie Jack auf ihre Eröffnung reagieren würde, doch er sagte nichts. Vielleicht war ein toter Ehemann nicht unbedingt die beste Art eine Unterhaltung zu beginnen, aber die Stille in dem Raum war unangenehm.
Es war lange her, dass Ana zuletzt über Christopher nachgedacht hatte. Nach seinem Tod war alles, was sie hatte tun können, an ihn zu denken. Sie hatte über den letzten Worten gebrütet, die die zu ihm gesagt hatte. Sie hatte geweint, weil „Vergiss deinen Mantel nicht.", niemals das ausdrücken konnte, was sie für diesen Mann gefühlt hatte. Sie konnte sich daran erinnern, wie sie durch das Haus gesteift war, Gott dafür anschreiend, dass er ihr Christopher genommen hatte. Sie schloss die Augen gegen die Erinnerungen, und öffnete sie erst wieder, als sie Sparrows raue Hand auf ihrer eigenen fühlte.
„Wie ist er gestorben?"
„Sein Schiff wurde in dem Hurrikan aufgerieben, der letzten August hier durchgezogen ist. Er wurde über Bord geschleudert."
„Das tut mir leid."
„Es war nicht Eure Schuld," murmelte Ana, schließlich doch dem Blick des Piraten begegnend.
Sparrows Augen verengten sich leicht. „Woher kennst du Cornado?" sagte er, plötzlich das Thema wechselnd. Seine Stimme war etwas kälter als zuvor.
Die Erinnerung an Christopher wurde aus Anas Geist verdrängt, als eine andere ihren Platz einnahm.
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„Alles ist soweit fertig," bemerkte ihr Bruder, als er den felsigen Pfad von den Docks zu dem Gefängnis hinaufstieg, bei dem Ana stand. „Wir können diesem Ort endlich auf Wiedersehen sagen."
„Nicht bald genug, wenn du mich fragst," sagte Ana.
Prescott nickte, doch bevor er antworten konnte, durchbrach ein markerschütternder Schrei, die feuchte tropische Luft. Anas Augen weiteten sich, als sie sich in die Richtung drehte, aus der das Geräusch gekommen war. Es war derselbe Schrei, den sie schon einmal mitten in der Nacht gehört hatte.
„Geh," hörte sie Prescotts Stimme.
Ohne zu zögern und so schell sie ihre Füße trugen, ging sie zu dem eisernen Tor des Gefängnishofes. Mit weit aufgerissenen Augen nahm sie die Szene in sich auf. Der linke Arm des Piraten war auf einen Steinblock im Hof gebunden worden. Blut sickerte von seinem Unterarm. Eine Wache stand ein paar Fuß hinter dem Piraten, eine leere Flasche in der einen, und eine brennende Fackel in der anderen Hand.
Ana kämpfte gegen die Galle, die aus ihrem Magen aufstieg, als der Gestank von verbranntem Fleisch in ihre Richtung wehte. „Was um Himmels willen…"
„Bestrafung."
Ana drehte sich um, um Cornado ins Gesicht zu sehen. Sie hatte seine Ankunft nicht bemerkt. Er stand da, und starrte den Piraten an, Befriedigung in seinen kalten grauen Augen.
„Für was?" fragte sie.
Cornado starrte sie streng an. „Für ein Leben voll von abscheulichen Verbrechen," sagte er ungehalten.
Ana wandte sich wieder zu dem Piraten um. Er lag auf dem Boden, als der Soldat grob die Stricke durchtrennte, die seinen blutenden Arm gehalten hatten. „Was habt Ihr ihm angetan?"
„Er wurde verbrannt."
„Was?"
„Dies ist der einzige Weg, den Körper von der Art von Sünden zu reinigen, die dieser Mann begangen hat."
„Ihr habt seinen Arm angezündet!?"
Anas Herz hämmerte in ihrer Brust. Von solcher Grausamkeit hatte sie noch nie zuvor gehört, geschweige denn sie mit eigenen Augen gesehen. Sie zitterte vor Hass. Hass, den sie für dieses Tier empfand, das dort neben ihr stand.
Die Wache verließ den Hof, und ohne Nachzudenken, drängte sich Ana an ihm vorbei und lief zu dem verletzten Piraten. Sie konnte sehen, wie die Haut auf seinem Arm blasen bildete. In einer Ecke des Hofes stand ein Eimer mit Wasser und einer Kelle. Die Proteste von Cornado und seinen Wachen ignorierend, füllte sie die Kelle und kniete neben Sparrow nieder.
„Trinkt," sagte sie sanft und hielt das kühle Wasser an seine gerissenen Lippen. Sie konnte Cornados Schritte hinter sich hören. Er sprach Spanisch, doch es gab keinen Zweifel an dem Ärger in seiner Stimme. Sie hätte den Hof nicht betreten sollen, doch der Schmerz, den dieses Monster anderen zufügen konnte, war furchtbar. Sie legte ihre Hand auf die Schulter des Piraten und rief sich die Worte des Gebets in Erinnerung, das ihr Bruder immer rezitierte, bevor er zur See fuhr:
„Nur Mut, Captain, führte Euer Pfad auch durch dunkle Nacht," flüsterte sie sanft, als der gequälte Mann trank.
Bevor sie das Gebet beenden konnte, fühlte sie eine Hand auf ihrem Arm.
„Lasst sie gehen."
Cornados Blick fixierte sich auf einen Punkt hinter ihrer Schulter. Der Befehl war nicht von Prescott gekommen, wie Ana zuerst gedacht hatte, sondern von dem Piraten. Irgendwie hatte es der Mann geschafft, seinen geschundenen Körper vom Boden zu erheben. Ana versuchte ihn anzusehen, aber Cornados gnadenloser Griff an ihrem Arm, hielt sie davon ab, sich zu bewegen. Der Spanier zog seine Pistole und schob Ana aus dem Weg. Sie drehte sich gerade noch rechtzeitig um, um zu sehen, wie Cornado den Knauf seiner Waffe über Sparrows Gesicht zog.
Der Pirat brach haltlos zusammen.
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„Die Familie meines Ehemanns war sehr wohlhabend," sagte Ana, „wir kannten alle Landbesitzer; manche besser als andere."
Wenn sie gefragt worden wäre, hätte Ana nicht erklären können, warum sie den Piraten angelogen hatte. Er hatte ihr eine einfache Frage gestellt, von der er wahrscheinlich sogar das Recht hatte, sie beantwortet zu bekommen. Vielleicht waren es die Narben, die Sparrow nicht nur auf seiner Haut trug, oder die Art, in der sich seine Augen bei der bloßen Erwähnung von Cornados Name verdunkelten. Was auch immer der Grund für ihre Lüge gewesen war, Sparrow schien ihr diese Erklärung abzukaufen.
„Dein Bruder scheint ihn zu kennen," bemerkte der Pirat.
„Prescott ist in La Cerradura gewesen."
Sparrow hob die Augenbrauen.
"Warum seid Ihr dort gewesen?" fragte Ana.
„Es ist ein Gefängnis. Was glaubst du wohl, warum ich da gewesen bin?" schnappe er.
Ana schürzte die Lippen. „Wisst Ihr, für einen Mann, der mich ausgeraubt hat und nun die Vorzüge meiner Gastfreundschaft genießt, seid Ihr recht unhöflich. Denkt Ihr nicht auch, Captain?"
Sparrow hob die Hand an seine Stirn. „Hör zu, Liebes…"
„Ich habe Euch meinen Namen gesagt. Und ich würde es vorziehen, wenn Ihr ihn benutzen würdet."
Der Pirat starrte sie aus seinen unergründlichen Augen an.
„Ich habe mir wegen Euch einigen Ärger eingehandelt…"
„Ich hab' dich nicht darum gebeten."
Ana erhob sich von ihrem Platz an der Bettkante. „Nein, das habt Ihr nicht. Ich entschuldige mich. Ich habe nur freundlich gehandelt, und das Selbe von Euch erwartet. Ich schätze, ich hätte es besser wissen sollen, als irgendetwas von einem Piraten zu erwarten," sagte sie, auf ihrem Weg zur Tür.
„Anamaria –„
„Gute Nacht, Mr. Sparrow."
Ana lief durch die Halle hinunter zu ihrem Zimmer und schloss die Tür hinter sich. Sie lehnte sich dagegen und seufzte schwer. Warum ließ sie diesen Mann so nah an sich heran? Er war nur ein Krimineller, der zufällig verletzt war, und sich in ihrem Gästezimmer ausruhte. Nun gut, er hatte sich in La Cerradura für sie eingesetzt, aber das war seine eigene Entscheidung gewesen. Sie schuldete ihm nichts. Und selbst wenn sie es täte, hätte sie diese Schuld mehr als zurückgezahlt, als sie ihm Geld gegeben, sich um seine Verletzungen gekümmert, und den spanischen Soldaten belogen hatte.
Wieder seufzte sie. Der Blick ihrer braunen Augen kam schließlich an einem, mit geschnitzten Ornamenten verzierten Kleiderschrank zur Ruhe. Sie durchquerte den Raum und öffnete die hölzernen Türen. Innen hingen drei Ausstattungen an ziviler Kleidung und vier Navy-Uniformen. Drei davon trugen die Epauletten einer Captains-Uniform. Die Uniform ihres Ehemanns. Eine war die einfache Uniform eines Oberfähnrichs. Findley war fünfzehn gewesen, als er im Kampf niedergestochen worden war. Beide Männer waren verloren, doch Ana war nie in der Lage dazu gewesen, sich von dem Wenigen zu trennen, dass sie an die beiden erinnerte.
Am Boden des Kleiderschranks lagen ein Paar Stiefel und der lederne Dreispitz, den Christopher für gewöhnlich getragen hatte, wenn sie hinunter zum Strand gegangen waren, um an der sandigen Dünung entlang zu spazierten.
Sie nahm den Hut in beide Hände. „Was tue ich hier nur, Chris?" fragte sie laut.
Ana erwachte früh am nächsten Morgen. Sie war in dem Sessel neben dem Kleiderschrank eingeschlafen, den Hut ihres Ehemanns noch immer fest in Händen haltend. Das erste Mal seit Monaten, hatte sie wieder von La Cerradura geträumt. Sie hatte lang gebraucht, um die Erinnerungen zu verbannen, doch seit Sparrows Ankunft, in der letzten Nacht, schlugen sie erneut über ihr zusammen.
Sie gähnte und machte sich auf den Weg zum Gästezimmer. Sie war nicht der Meinung, dass sie Sparrow irgendeine Art von Erklärung schuldig war, aber vielleicht war eine Entschuldigung angebracht.
„Nein," wisperte sie, als sie das Zimmer des Piraten betrat. Das Bett war leer. Sparrow war verschwunden.
Vielen Dank für die Reviews, die ich bisher von Euch bekommen habe. Es freut mich, dass euch die Geschichte gefällt und ich hoffe doch sehr, dass es euch auch weiterhin ein oder zwei Reviews wert ist, zu erfahren wie es weitergeht.
Also, bitte motiviert mich :-)
Lg RavannaVen
