7. Die Suche

„Sarah," rief Ana, als sie zurück zu ihrem Zimmer eilte, „Sarah!"

Sie stellte sich vor den Spiegel, und betrachtete ihr Erscheinungsbild. Ihr schwarzes Haar hing ihr in unordentlichen Strähnen in das Gesicht und sie hatte dunkle Ringe unter den Augen. Blut besudelte ihr Kleid, das Blut eines Piraten, der sich höchst wahrscheinlich in Gefahr befand. Sie musste ihn finden.

„Sarah? War der…"

„Ja, Madame?" fragte ihre Magd, als sie schüchtern Anas Zimmer betrat.

„Ich muss in die Stadt. Hilf mir beim Anziehen."

„Es ist noch früh."

„Ich bin perfekt dazu in der Lage, die Uhr zu lesen, Sarah."

Anas Gedanken überschlugen sich. Warum, um alles in der Welt, sollte er gehen? Er war verletzt, und er wurde nicht nur von den Engländern gesucht, sondern auch noch von den Spaniern. Warum sollte er die relative Sicherheit ihres Hauses verlassen? Außer… nein. Das wäre töricht. Er würde doch nicht wegen dem gehen, dass sie ihm gestern Abend gesagt hatte? Sie war dem Mann gegenüber kalt gewesen, und kurz angebunden, aber warum sollte ihn das kümmern? Der Mann war ein Pirat, er war sicherlich schon zuvor beschimpft worden. Nein, ihre Worte konnten nicht der Grund gewesen sein. Oder doch?

„Der Gentleman ist vor noch nicht ganz zwanzig Minuten gegangen," bemerkte Sarah, als sie den Rücken von Anas Kleid zuknöpfte.

„Was hat das denn jetzt damit zu tun?"

„Nichts, ich dachte nur…"

„Du dachtest was?"

„Wer ist er, Madame?"

Ana kaute auf ihrer Unterlippe. Sarah war nie die verschwiegenste Bedienstete gewesen, die sie gehabt hatte. Ihr zu erzählen, dass der Mann, der die letzte Nacht in ihrem Haus verbracht hatte, ein flüchtiger Krimineller war, wäre bestimmt nicht die beste Idee. Sarah war sehr vertrauensvoll, und wer wusste, wem sie das alles weitererzählen würde?

„Er ist, ähm… ein alter Freund der Familie, und… und ich denke nicht, das es weise wäre, irgendjemandem zu erzählen, dass er hier ist." Anas Erklärung klang selbst in ihren eigenen Ohren wie eine Ausrede.

„Madame, seid Ihr und er… Ihr wisst schon?"

Anas Augen weiteten sich. Für was für eine Art von Frau hielt Sarah sie eigentlich? Einen fremden Mann in ihr Bett zu holen, nur knapp ein Jahr nach dem Tod ihres Ehemanns! Auf der anderen Seite, wäre das eine glaubhafte Entschuldigung… „Ich nehme an, es hat keinen Zweck das zu verleugnen," sagte sie schließlich, und versuchte dabei so zu klingen, als würde sie gerade ihr intimstes Geheimnis verraten. „Sarah, du darfst das niemandem erzählen."

Sarah kicherte, als sie die letzten Knöpfe des Kleides schloss. „Ooh, das dachte ich mir schon, Madame. Wenn Ihr mir verzeiht, das zu sagen."

„Natürlich."

„Er ist attraktiv, nicht wahr?" platzte Sarah heraus.

Ana hob eine Augenbraue. Attraktiv? „Ja, ich denke, das ist er."

Kurze Zeit später, war Ana auf dem Weg in die Stadt. Sie hatte ihre Haare hochgesteckt, und sich geschminkt, so wie es jede modebewusste Dame in Kingston tun würde. Doch anders als die anderen Frauen, ging sie zu Fuß. Sie hatte noch keine Gelegenheit gehabt, jemanden zu engagieren, der die Kutsche fahren konnte. Doch diese Details schienen relativ unwichtig, verglichen mit ihrem aktuellen Problem.

Wo sollte sie, in einer so betriebsamen Stadt, einen Piraten finden?

Er hatte vorgehabt, eine Crew und ein Schiff aufzutreiben.

Sie schlenderte die Straße zum Hafen hinab. Selbst zu dieser Uhrzeit waren die Docks erfüllt von Aktivität. Männer der Navy, Fischer, und natürlich die Spanier riefen Befehle und trugen alle möglichen Dinge auf die verschiedenen Schiffe.

„Annie?"

„James!" Anas Stimme klang wie ein hohes Quietschen. Sie räusperte sich. „James," sagte sie mit normaler Stimme, „wie schön dich zu sehen."

Auf James Norringtons Gesicht lag ein Lächeln. Er wurde von einem anderen Mann begleitet, der eine deutlich andere Uniform trug. Der zweite Mann hatte bronzefarbene Haut, und seine Haare und Augen waren fast schwarz. Eine dünne Narbe verlief von seinem linken Auge bis zu seinem Kiefer.

„Annie, darf ich dir Captain Miguel Cornado vorstellen?"

Ihr Körper versteifte sich fast unmerklich, als dieser Name genannt wurde. Der Spanier lächelte breit. Mit einer eleganten Verbeugung platzierte er einen Kuss auf ihrem Handrücken.

„Das ist zweifellos ein Vergnügen," sagte Ana.

„Nein, My Lady. Das Vergnügen ist ganz auf meiner Seite."

„Was führt Euch hierher nach Kingston, Captain Cornado?" fragte Ana und zog ihre Hand zurück. Der Mann war offensichtlich daran gewöhnt, dass die Damen von seinem Verhalten entzückt waren, doch die Erwähnung dieses Namens brachte die Bilder von La Cerradura zurück in ihre Erinnerung. Sie konnte die Schreie des Piraten hören, als wäre es erst gestern gewesen.

„Bitte, nennt mich Miguel. Ich bin mit meinem Vater gereist," sagte er, „wir transportieren Gefangene nach Spanien."

„Nach Spanien?"

„Sí. Hanebüchene Geschichten über Piraten haben in meinem Land für einigen Wirbel gesorgt. Wenn man diesen Geschichten Glauben schenkt, könnte man wirklich meinen, diese Piraten seien Götter. Ihre Majestät dachten, es sei das Beste, diese Gerüchte zu beschneiden, und den Menschen zu zeigen, was für schauderhafte Kreaturen diese Piraten wirklich sind."

„Verzeiht mir, Senor…"

„Miguel."

„Miguel. Verzeiht mir, aber es scheint nicht so, als würdet Ihr die Meinung ihrer Majestät über Piraten teilen."

Der spanische Captain zuckte mit den Schultern, den Ausdruck von Schock auf Norringtons Gesicht ignorierend.

„Persönlich habe ich keine, so oder so geartete Meinung über Piraten." Ana hob eine Augenbraue. Vielleicht hatte Cornados Sohn es geschafft, sich trotz der Taten seines Vaters, seine Menschlichkeit zu bewahren.

„Ja, nun. Wir alle müssen unsere Pflicht gegenüber unserem Vaterland erfüllen," sagte James. Er fühlte sich offensichtlich nicht wohl, mit der Richtung, die dieses Gespräch eingeschlagen hatte.

„Natürlich." Miguel nickte knapp.

„Es tut mir leid, Annie, aber Captain Cornado und ich müssen wirklich dringend zur Festung."

„Es war schön, Euch getroffen zu haben," sagte Miguel mit einem breiten Lächeln, und küsste erneut ihre Hand.

„Ebenso," antwortete Ana, mit dem Versuch, sein Lächeln zu imitieren.

Kopfschüttelnd konzentrierte sie sich wieder darauf, einen gewissen launischen Piraten zu finden.

Über eine Stunde später, war sie wieder genau da, wo sie angefangen hatte. Sie hatte auf den Docks gesucht, und in jedem Pub und jedem Laden, in der Nähe des Hafens. Sie seufzte schwer. Vielleicht hatte er genau das getan, was er erzählt hatte: Eine Crew zu finden, und das schnellste Schiff, das er stehlen konnte. Vielleicht hatte sein überstürztes Verschwinden überhaupt nichts damit zu tun, was sie ihm letzte Nacht gesagt hatte. Sie lächelte leicht. Natürlich hatte es das nicht. Warum sollte sie auch glauben, dass ihre Handlungen den berühmtesten Piraten der Karibik auch nur in irgendeiner Weise beeinträchtigen sollten?

Bevor sie eine Antwort auf ihre eigene Frage finden konnte, stieß Ana recht unelegant mit einem Mann zusammen, der eine lange braune Robe trug. Sie konnte hören, wie er scharf die Luft ausstieß.

„Oh, es tut mir so leid," sie stolperte über ihre eigenen Worte, und als sie aufsah, konnte sie das silberne Kreuz sehen, das der Mann an einer Kette um den Hals trug. „Ich meine… Es tut mir Leid, Pater. Ich war in Eile, und ich habe nicht…"

„Vergeben, Liebes."

„Oh, ich danke Eu… Jack?" Die Kapuze der Robe hatte das Gesicht des Priesters vor den anderen Menschen auf der Straße verborgen, aber aus der Nähe war es für Ana unmöglich, seine Augen zu übersehen. „Was zum Teufel tut Ihr hier?"

„Ich glaube Fluchen ist eine Sünde, Liebes. Und was ich tue, geht dich überhaupt nichts an," antwortete er, mit schräg gelegtem Kopf.

„Ihr seid der Priester. Habt Ihr noch nie davon gehört, Euren Mitmenschen zu helfen?" fragte Ana und versuchte sich keine Sorgen über die Art zu machen, in der Sparrow seine verletzte Schulter hielt.

„Sieh mal, Liebes," sagte er, mit seiner freien Hand gestikulierend. „Lass es mich erklären, und ich versuche es ohne viele Worte zu sagen: Was ich tue, geht dich überhaupt nichts an."

Ana versteifte sich. So sehr sie es auch versuchte, sie konnte nicht verhindern, dass Sparrows ruppiges Verhalten sie verletzte. In ihrem Haus hatte er sich wie ein Gentleman verhalten. Nun war irgendetwas anders. Sie sagte nichts.

„Ich werde mich jetzt auf den Weg machen. Du wirst dich auf deinen Weg machen und keiner von und beiden muss sich jemals wieder mit dem anderen befassen. Klar soweit?"

Ana hob den Kopf. „Fein."

„Fein."

Sparrow drehte sich um, und marschierte in Richtung der Docks. Ana starrte hinter ihm her.

Ihre Unterlippe begann beinahe unmerklich zu beben. Er war ein Pirat. Das war sein Leben, und er würde dorthin zurückkehren. Warum sollte er sich auf irgendeine Weise um sie kümmern?

„War das derjenige, von dem ich denke, dass er es war?"

Ana sah in das verwirrte Gesicht ihres Bruders. Sie nickte.

„Nun, in dem Fall, denke ich, werde ich in den Laden zurückgehen, und noch mal heraus kommen. Einfach um so zu tun, als hätte ich ihn nie gesehen," sagte Prescott in leicht spöttelndem Tonfall.

„Das ist nicht nötig."

„Ist es nicht?"

„Nein."

„Ein Twist unter Liebenden?"

„Prescott!"

„Entschuldigung, aber ich dachte, du warst diejenige, die mir erzählt hat, dass sie den Schurken mit dem Herz aus Gold gefunden hat?"

Ana starrte der in eine Robe gekleideten Gestalt nach, und kämpfte darum, den stechenden Schmerz in ihrer Brust zu ignorieren. „Ich habe mich getäuscht."


Ach Leute... Ich muss sagen, ich bin fast ein bisschen enttäuscht. Es kann doch nicht so schwer sein, am Ende eines Kapitels eine Minute eurer Zeit aufzuwenden und ein kleines Review zu hinterlassen??

Bitte denkt daran, dass ich diese Geschichte nur für euch hochlade...

Bis zum nächsten Kapitel (das es aber nur gibt, wenn ich auch was von euch höre)

Lg RavannaVen