8. Es muss weitergehen!

Anamaria beobachtete entsetzt, wie Cornado Sparrow mit seiner Pistole niederschlug. Der Pirat fiel zu Boden und der Kommandant drehte sich zu ihr um.

Don Antonio, war das wirklich nötig?" fragte sie, während sie versuchte ihre Fassung zurück zu gewinnen, nachdem der Spanier sie derart misshandelt hatte.

Nötig!" wiederholte Cornado, „Senora, dass Ihr annehmt, Ihr wüstet irgendetwas darüber, wie man mit Piraten umzugehen hat…"

Ich weiß, wie man ein anderes menschliches Wesen behandelt!"

Cornado warf seine Pistole zu Boden und griff nach Anas Schultern, so dass sie seinen Atem auf ihrem Gesicht spüren konnte, als er sprach: „Piraten sind keine menschlichen Wesen. Die Dinge, die diese Kreaturen tun…"

Don Antonio!" Prescotts Stimme unterbrach den Redefluss des Kommandanten. „Lasst sofort meine Schwester los, oder bei Gott, Ihr könnt mich nicht mehr für meine Handlungen verantwortlich machen."

Der Spanier ließ ihre Schultern los, und sie trat zurück, so dass sie schließlich hinter ihrem Bruder und seiner Pistole stand.

Prescotts blaue Augen waren kalt wie Eis, als er Cornado anstarrte. „Die Calypso ist zum Auslaufen bereit. Ich danke Euch, Don Antonio, für Eure Gastfreundschaft. Ich bin sicher, dass sich unsere Wege eines Tages wieder kreuzen werden, und ich möchte sagen, dass, falls ihr jemals wieder Hand an meine Schwester legen solltet, Ihr ein toter Mann seid."

Prescott steckte seine Waffe wieder ein und hielt Ana einen Arm hin. Sie starrte den bewegungslosen Körper des Piraten an. Während sie den Arm ihres Bruders nahm, sandte sie ein stummes Gebet aus, dass dieser Pirat nicht in den Fängen dieses Schweins sterben sollte.

Was hast du dieses Mal zu ihm gesagt?" fragte Prescott, als sie endlich an Bord waren.

Ana zuckte mit den Schultern. „Ich habe ihm nur gesagt, was ich von ihm und seinen Methoden halte."

Er lachte. „Ach, und das ist alles?"

Danke sehr."

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Ana erwachte übergangslos aus ihrem Traum, als jemand laut gegen die Haustür schlug. Als sie ihren Hausmantel überzog, konnte sie hören, wie Sarah die Tür öffnete. Sie schlich zum Treppenabsatz.

„Es ist sehr spät, Sir," konnte sie ihre Magd sagen hören.

„Ich weiß, aber es ist wichtig, klar soweit?"

Sparrow?

Ana konnte Schritte die Treppe hinaufkommen hören, dicht gefolgt von den verzweifelten Bitten ihrer Magd, er möge doch bitte im Salon warten. Sie wich gerade noch rechtzeitig von der Tür zurück, bevor der Pirat sie aufstieß und ihr Schlafzimmer betrat. Die braunen Roben, die er zuvor getragen hatte, waren verschwunden, ersetzt durch ein einfaches weißes Hemd und eine schwarze Hose. Er war außer Atem, so als wäre er den ganzen Weg von den Docks, bis hin zu ihrem Haus gerannt.

„Anamaria…"

Ohne nachzudenken ging Ana direkt auf Sparrow zu, und verpasste ihm mit der rechten Hand eine Ohrfeige, die sich gewaschen hatte. Sein Kopf flog zur Seite, und er stolperte rückwärts. Er hielt sich seine gerötete Wange.

„Wofür war das denn?" fragte er.

Ana stemmte die Arme in die Hüften. „Wofür das war?" wiederholte sie. „Das mein lieber Mr. Sparrow war dafür, dass Ihr aus meiner Freundlichkeit eigennützig euren Vorteil gezogen habt, und nun auch noch die Frechheit besitzt zu glauben, dass Ihr in diesem Haus willkommen seid."

Der Pirat richtete sich auf. „Anamaria…"

„Es tut mir leid, Mr. Sparrow, aber ich bin nicht im Geringsten an dem interessiert, was Ihr zu sagen habt."

„Ist das so, Liebes?"

„Ihr werdet jetzt gehen, oder ich werde meinen Bruder rufen lassen. Und er wird dann dafür sorgen, das man sich um Euch kümmert." Ana bereute diese Drohung fast in dem Augenblick, in dem die Worte ihren Mund verließen. Es war eine Sache, Sparrow aus ihrem Haus haben zu wollen, aber es war unnötig, Drohungen auszustoßen, nur um ihn zu verletzen.

Sie erwartete, dass Sparrow ärgerlich reagieren würde, und es überraschte sie, als er nur eine kurze Verbeugung andeutete und sagte: „Es tut mir leid."

Anas Herz brach fast, als sie den defensiven Unterton in seiner Stimme wahrnahm. Vernünftig betrachtet wusste sie genau, dass sie nichts außer Verachtung für diesen Piraten fühlen sollte. Doch ihr Herz sprach sehr viel lauter als ihr Kopf, als es ihr sagte, dass sie sich doch wenigstens anhören sollte, was Sparrow zu sagen hatte.

Ihre Gedanken wurden von noch mehr Unruhe im Erdgeschoss unterbrochen. Wieder konnte sie hören, wie ihre Magd sagte, dass Ana zu solch einer späten Stunde nicht gestört werden sollte, und wieder hörte sie, wie Schritte die Treppe heraufpolterten.

„Was ist hier los?" fragte sie Sparrow.

Bevor er antworten konnte, platzte ein spanischer Soldat in ihr Schlafzimmer. Sein Blick huschte zwischen dem Piraten und der Lady hin und her.

„Habt keine Angst, Mylady," rief er. „Ich werde mich um dieses widerliche Stück Dreck kümmern."

Der Spanier griff nach Sparrows verletztem Arm und zog ihn in Richtung Schlafzimmertür, aber dann, fast zu schnell, als dass sie der Bewegung folgen konnte, zog der Pirat seinen Arm aus dem Griff des Soldaten, und stahl dessen Pistole. Er trat von dem Spanier zurück und zielte mit der Waffe auf die Brust des anderen Mannes. Doch bevor er die Gelegenheit hatte abzudrücken, warf sich der Soldat nach vorne. Er bekam Sparrow an der Taille zu fassen und stieß ihn gegen die Wand. Als der Rücken des Piraten auf das Holz traf, kam ein schmerzerfüllter Schrei über seine Lippen. Die Pistole fiel ihm aus der Hand und schlitterte über den Fußboden.

Ana fiel auf die Knie, die Augen fest zusammen gekniffen. Dieser Schrei hörte sich genau so an, wie der, der sie vor all diesen Monaten auf Don Cornados Insel geweckt hatte.

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Ana stand im feuchten Sand. Das warme Wasser umspülte ihre bloßen Füße. Gestern war die HMS Calypso in Kingston eingelaufen, hatte Gefängnisse und Piraten hinter sich gelassen. Gestern hatte sie wieder die Stadt betreten, die sie ihr Zuhause genannt hatte. Und gestern hatte sie erfahren, dass der selbe Sturm, der sie und Prescott nach La Cerradura verschlagen hatte, auch das Leben ihres Ehemannes gefordert hatte.

Sie starrte blicklos hinaus auf das blaue Meer. Christopher hatte die See auf eine Art geliebt, auf die er eine Frau niemals hatte lieben können. Nicht einmal sie. Nachts streifte er sich oft einen braunen Mantel und einen Lederhut über, so dass ihn niemand erkennen konnte, und er ging stundenlang am Strand spazieren. Allein.

Er hatte gesagt, dass die See, und nicht Kingston, immer sein Zuhause sein würde.

Sein Leutnant, ein Mann namens Norrington, hatte gesagt, dass Christopher über Bord gegangen war, während er das Schiff durch den Sturm steuerte. Am Ende hatte die See ihn geholt. Vielleicht war er nun, endlich zuhause angekommen.

Er hat dich geliebt, weißt du," hörte sie die Stimme ihres Bruders.

Und ich habe ihn geliebt," antwortete Ana leise.

Prescott legte seine Hand auf ihre Schulter. „Zumindest ist er bei dem Versuch gestorben, das Leben seiner Männer zu retten. Es war ein ehrenvoller Tod."

Ich denke, das ist er," sagte sie, „Ich hätte… Ich hätte mich nur gerne verabschiedet."

Ana kämpfte verzweifelt gegen die Tränen, die ihr in die Augen traten.

Prescott drückte ihre Schulter.

Ich… ich vermisse ihn."

Annie, nimm dir die Zeit die du brauchst um zu trauern, aber vergiss nicht, dass das Leben nicht mit dem Tod eines geliebten Menschen endet."

Du hast das Selbe gesagt, als Findley getötet wurde."

Es hat damals gestimmt, und es stimmt heute auch noch."

Ana riss ihren Blick von der aufgewühlten See los, und sah in die blauen Augen ihres Bruders.

Annie, Fin und Christopher sind von uns gegangen, aber wir sind immer noch hier. So hart es auch sein mag, du musst dein Leben leben. Für sie, und für dich selbst. Du musst weiter gehen."


Ach, kommt schon, Leute. Nur lesen, und keine Reviews hinterlassen ist irgendwie unfair...

Jetzt meldet euch doch mal.

RavannaVen