13. Besserung
„Jack?" fragte Ana.
Der Pirat zog sich gerade so weit zurück, dass Ana seine dunklen Augen sehen konnte. Die Kohle um seine Augen war verschmiert, und seine Wangen waren feucht. Der unvergleichliche Jack Sparrow hatte geweint… um sie.
„Anamaria?"
Seine Stimme war weich wie Samt, als er ihren Namen sagte. Niemand hatte sie bisher mit ihrem vollen Namen angesprochen. Ihre Eltern und ihre Brüder hatte sie immer Annie gerufen, und ihr Ehemann hatte sie Maria genannt.
„Hör mir zu Anamaria," die Hand des Piraten lag an ihrer Wange. Trotz seiner rauen Haut war seine Berührung wie Seide. „Wer hat dir das angetan?"
Ana hob ihre Finger, um das Gesicht des Piraten zu berühren. Vorsichtig strich sie über die letzten Spuren der Tränen, die er für sie geweint hatte. „Habt Ihr geweint?" fragte sie, als hätte sie seine Worte überhaupt nicht gehört.
„Du hörst mir nicht zu, Liebes."
Ana blinzelte. „Ich bin müde," flüsterte sie. Ihre Umgebung begann ihre festen Konturen zu verlieren.
„Nein. Komm schon, Schätzchen. Bleib bei mir."
„Ich… ich kann nicht…" Schwarze Punkte formten sich vor ihren Augen. Sie konnte den Piraten nicht mehr sehen. Ihre Augenlieder waren zu schwer. „Jack?" fragte sie noch einmal, bevor die Dunkelheit endgültig von ihr Besitz ergriff.
Der Himmel war dunkel, als Ana wieder zu sich kam. Sie öffnete vorsichtig ihre Augen. Das Mondlicht schien auf sie hinab, und tauchte sie in einen Ozean aus schimmerndem weißem Licht. Sie setzte sich langsam auf. Der reißende Schmerz in ihrem Bauch war verschwunden, ersetzt durch ein konstantes unangenehmes Ziehen. Ihr ging es überraschend gut, aber irgendwie hatte sie das Gefühl, dass das Schlimmste vorüber war.
Ana sah sich in dem Raum um, und riss überrascht die Augen auf. Sie befand sich nicht in ihrem Haus. Sie war überhaupt nicht in einem Gebäude. Sie war in einer Höhle. Das Mondlicht schien durch den Höhleneingang hinter ihr. Neben ihr schwelte ein Feuer.
Eine Höhle. Es gab wahrscheinlich hunderte von solchen kleinen Höhlen auf Jamaika. Sie hatte gehört, dass sich an der Grenze ihres Besitzes ebenfalls eine solche Höhle befand, doch die Ereignisse der letzten Tage hatten sie davon abgehalten, nach ihr zu suchen. Ihr blutbesudeltes Kleid lag auf dem Boden, auf der andern Seite des Feuers. Ihr wurde erst jetzt bewusst, was sie trug. Oder besser, was sie nicht trug. Die Vorderseite ihres Korsetts war aufgeschnitten worden!
Ana waren noch nie zuvor die Kleider vom Leib geschnitten worden, jedenfalls nicht, soweit sie sich erinnern konnte. Das Problem, dem sie sich gegenüber sah, war, dass sie sich an überhaupt nichts erinnern konnte. Sie rieb sich die Schläfen. Sie erinnerte sich an Cornado, und daran, dass er versucht hatte, sie zu töten. Sie hatte Findley gesehen, und dann erinnerte sie sich, dass sie in den Armen eines Piraten aufgewacht war.
Jack Sparrow. Sein Name erschien in ihrem Kopf, als sie versuchte, ihr misshandeltes Korsett zusammen zu raffen. Er musste etwas hiermit zu tun haben. Ana schüttelte den Kopf. Sie versuchte noch immer, ihre verwirrten Gedanken zu ordnen. Ja, der Pirat war definitiv das Letzte, woran sie sich erinnerte. Was sie nicht wusste war, ob er ihr geholfen hatte, oder… ihr Blick wanderte zu ihrem zusammengeknüllten Kleid… oder ob er etwas… anderes getan hatte.
Zittrig zog sich Ana auf die Beine, während sie versuchte, ihre verbliebenen Kleidungsstücke zusammen zu halten. Die Wunde in ihrem Bauch reagierte mit einem schmerzhaften Stechen, doch sie ignorierte es. Sie musste unbedingt herausfinden, was hier vor sich ging. Vorsichtig ging sie zum Höhleneingang.
Sie stoppte, noch bevor sie ins Freie gelangen konnte, als sie Schritte hörte. „Willst du schon gehen, Liebes?"
Sie versuchte verzweifelt, sich hinter den Überresten ihres Korsetts und ihrer Unterröcke zu verstecken. Sie war sich der Ungehörigkeit ihres Aufzuges sehr wohl bewusst, und auch der Art, auf die der Pirat sie ansah.
„Wo seid Ihr gewesen?" fragte sie, in der Hoffnung, die Aufmerksamkeit des Piraten in eine andere Richtung zu lenken.
„Markt," antwortete er, und hielt einen gut gefüllten Sack in die Höhe.
Sie runzelte die Stirn. „Ihr werdet immer noch gesucht, richtig?"
„Jep." Der Pirat zog die Augenbrauen in die Höhe.
„Und da spaziert Ihr einfach mitten über einen gut besuchten Marktplatz, um etwas zu essen einzukaufen?"
Der Pirat grinste, und zeigte dabei seine Goldzähne. „Diese Sachen wurden gespendet."
„Gespendet? Dem rettet-unseren-hiesigen-Piraten Fond?"
Sparrows schwarze Augen glitzerten. Er wedelte mit seiner anderen Hand, in der er eine bekannt aussehende braune Robe hielt. „Der Kirche?"
Ana seufzte. „Es geht mir einfach nicht in den Kopf, dass Euch irgendjemand für einen Geistlichen halten kann."
Der Pirat verbeugte sich elegant, so als wäre ihr Kommentar eine Art Kompliment gewesen.
„Ihr solltet vielleicht Schauspieler werden,"
Er ging an ihr vorbei und setzte sich ans Feuer. „Keine Chance, Liebes."
„Nein?"
„Widerwärtige Leute, diese Schauspieler."
Ana ließ sich ebenfalls am Feuer nieder, vorsichtig, um ihre Wunde nicht zu belasten. Sie wickelte sich in ihre Decke ein, um wenigstens einen Anschein von Anstand zu wahren. „Wo wir gerade von widerwärtig sprechen," begann sie, „ich kann mich nicht wirklich erinnern, aber ich denke, Ihr habt mir das Leben gerettet. Also werde ich einfach davon ausgehen, dass ihr über alle Zweifel erhaben seid."
„Über was, Liebes?"
„Nun, ich bin ganz offensichtlich nicht mehr auf die gleiche Weise bekleidet, wie früher an diesem Abend."
„Gestern Abend."
„Was?"
„Du hast bis heute Abend durchgeschlafen."
„Fein, aber das beantwortet mir nicht meine Frage."
„Was fragst du mich denn?"
Das knisternde Feuer reflektierte sich in den Augen des Piraten. Er wusste ganz genau, was sie ihn fragen wollte, und er schien fast schon verletzt zu sein, dass sie es überhaupt tat. „Warum ist mein Kleid da drüben, und nicht genau hier?" fragte sie, und deutete auf ihren Körper.
„Willst du etwa andeuten, dass ich…"
„Ich will überhaupt nichts andeuten. Ich erinnere mich nicht."
Ein fast schon unverschämtes Grinsen breitete sich auf Sparrows Gesicht aus. „Wenn ich wirklich getan hätte, wessen du mich hier beschuldigst, Liebes, glaub mir, daran würdest du dich erinnern."
Ana schürzte die Lippen, und wischte das Grinsen mit einer Ohrfeige aus Sparrows Gesicht. Der Pirat hielt sich die Wange und betrachtete sie neugierig. Ana verschränkte die Arme vor der Brust, um anzuzeigen, dass sie noch immer auf eine Erklärung für den Zustand ihres Kleides wartete.
„Ich hab dich wieder zusammengeflickt, Liebes. Nicht mehr. Du hast mein Wort," sagte er und breitete seine Hände aus.
„Und was soll ich mit dem Wort eines Piraten anfangen?" fragte sie. Sie lächelte, um ihren Worten etwas von ihrer Schärfe zu nehmen.
„Was immer du willst, Schätzchen. Aber schlag mich nicht damit."
Ana lachte.
„Wo sind wir?"
„Bist du auch noch auf den Kopf gefallen? Wir sind in ner Höhle."
„Ich habe nicht das Bedürfnis Euch noch einmal zu schlagen, aber…"
„Nun, genau genommen, sind wir in deinem eigenen Garten."
Ana grinste. Ihr neues Heim schien der perfekte Ort zu sein, um Flüchtlinge aufzunehmen.
„Willst du mir irgendwann mal erzählen, was passiert ist?" unterbrach Sparrows Stimme ihre Gedanken. Seufzend wandte Ana sich dem Piraten zu. Er starrte in das Feuer. Ein finsterer Ausdruck hatte sich über sein attraktives Gesicht gelegt. „Es war Cornado." Ana wusste nicht, ob Sparrow wollte, dass sie ihre Erklärung weiter ausführte, also wartete sie, während sie versuchte, seine Reaktion einzuschätzen. Sie sah, wie seine Kiefermuskeln arbeiteten, doch abgesehen von dieser winzigen Bewegung, versteckte er seine Emotionen vollkommen. „Er drohte mich auszuliefern, weil ich Euch in meinem Haus versteckt habe. Da bin ich wütend geworden und habe gedroht, der Admiralität zu erzählen, was für ein Mann er wirklich ist. Dann wurde er wütend und, nun… Ich denke, Ihr kennt den Rest."
Ana beobachtete Sparrows Gesicht, doch er sagte noch immer nichts. „Warum seid Ihr zurückgekommen?" fragte sie schließlich.
Der Pirat wandte seinen Blick vom Feuer ab, und fixierte stattdessen Ana mit seinen dunklen Augen. Sein Gesicht zeigte nicht länger die Maske, die Ana zuvor gesehen hatte. Seine Augen waren unergründlich, und für den Bruchteil einer Sekunde konnte Ana all den Zweifel, die Scham, die Traurigkeit und den Schmerz sehen, den er fühlte. „Es tut mir Leid, dass dir das alles passiert ist," sagte er leise.
„Das ist nicht Eure Schuld," antwortete Ana in einem Tonfall, der den Piraten stumm darum bat, sich nicht selbst die Schuld zu geben.
„Doch, das ist es," entgegnete er. Sein Gesicht wieder vollkommen unleserlich.
Ihr ganzes Leben lang, hatte sie Geschichten gehört, die das Leben der Piraten romantisierten. Sie wurden so dargestellt, als seinen sie Götter unter den Menschen. Neben diesen Geschichten, gab es die Ansichten der anständigen Menschen in dieser Stadt: Piraten waren bösartige Lebewesen, die getötet werden mussten. Jack Sparrow war nichts davon, oder beides.
Sie begann zu zittern.
„Etwas nich' in Ordnung?"
„Mir ist kalt. Falls Ihr es noch nicht bemerkt haben solltet, ich habe nicht besonders viel an."
„Oh, das habe ich bemerkt, Liebes."
„Ich habe Euch bereits gewarnt, dass ich keine Probleme damit habe, Euch Manieren zu lehren."
Der Pirat grinste. „Ich könnte hoch zu deinem Haus laufen, und ein Kleid für dich holen."
„Das würde Euch nichts ausmachen?"
Er schüttelte den Kopf.
„Ich danke Euch, Mr. Sparrow."
„Jack."
„Wie bitte?"
„Nenn mich Jack."
Hallo Echo... O.o
