15. Ein Plan mit Hindernissen

„Was vermittelt Euch den Eindruck, dass ich irgendein Interesse daran hätte, Jack Sparrow aus dem Gefängnis zu befreien?" Anamaria konnte immer noch nicht glauben, was Miguel gerade gesagt hatte. Er war der Sohn von Don Antonio Cornado. Sein Vater hatte Jack fast totgeschlagen, nur um ihn zusammenzuflicken und wieder von vorne zu beginnen. Sein Vater hasste Piraten. Sein Vater hasste Jack. Wie konnte Cornados Sohn, sein eigen Fleisch und Blut, sich nur so drastisch von ihm unterscheiden?

„Habe ich mich getäuscht?" fragte Miguel. Ein leichtes Lächeln spielte über seine Lippen und seine schwarzen Augen blickten beinahe herausfordernd.

Er sah seinem Vater nicht einmal ähnlich. Hätte er nicht diese Narbe, die über sein Gesicht verlief, wäre der spanische Captain wahrscheinlich ein sehr attraktiver Mann. Ana konnte sich nicht vorstellen, dass Don Antonio jemals attraktiv gewesen war.

„Ich will keinen Menschen leiden sehen," antwortete Ana. Sie drückte sich dabei absichtlich vage aus. Sie wollte Miguel vertrauen. Er hatte nichts getan, um ihr Misstrauen zu verdienen, doch Ana war noch immer argwöhnish. Für den Spanier brachte es keinen Vorteil, ihr zu helfen, Jack zu befreien. Jedenfalls keinen, den sie sehen konnte. Ganz im Gegenteil. Er würde sich einer kriminellen Handlung schuldig machen, und sich dem Zorn seines Vaters gegenübersehen. Warum sollte er diese Dinge wissentlich riskieren? Für einen Piraten?

„Ihr vertraut mir nicht, Senora."

„Sollte ich?" fragte Ana trotzig. „Miguel, ich möchte nicht unhöflich erscheinen, aber welchen Grund hätte ich, Euch zu vertrauen? Ihr seid Captain in der spanischen Navy. Euer Vater will nichts mehr, als Jack Sparrow leiden zu sehen…"

„Ich bin nicht wie er." Miguels Gesichtsausdruck verdunkelte sich sichtlich, als die Rede auf seinen Vater kam.

„Das habe ich gesehen." Ana wunderte sich, welche Beziehung ein Mann wie Cornado wohl zu seinem Sohn haben könnte. „Aber er ist Euer Vater. Wie wird er reagieren, wenn er herausfindet, dass Ihr das Gesetz gebrochen habt, um einen Piraten aus dem Gefängnis zu befreien?"

„"Wenn Don Antonio herausfinden wird, was ich getan habe, dann wird seine Reaktion wohl um einiges anders ausfallen, als Ihr erwartet." Der Spanier lächelte, als er das sagte. Es war ein Lächeln, das Ana erkannte. Es war das selbe Lächeln, das ihr Ehemann, auf dem Portrait im Arbeitszimmer, auf dem Gesicht trug. Ein Lächeln, das verriet, das er etwas wusste, von dem der Rest der Welt keine Ahnung hatte.

Ana hob eine Augenbraue. „Was verschweigt Ihr mir, Miguel?"

Ein seltsamer Ausdruck huschte über das Gesicht des Mannes, doch er war so schnell verschwunden, dass Ana nicht sicher war, was sie da gesehen hatte.

„Ich verberge nichts vor Euch," sagte Miguel. „Das verspreche ich."

„Welchen Nutzen habe ich von dem Versprechen der spanischen Navy?"

„Ich gebe Euch nicht das Versprechen meines Landes. Ich gebe Euch mein Versprechen."

Miguel starrte ihr direkt in die Augen, während Ana tief in sich einen Kampf ausfocht. Wie gewöhnlich, verlangte ihr Verstand, dass sie gegenüber dem Spanier und seinen Motiven misstrauisch sein sollte. Die einzige Erfahrung, die sie bislang mit Vertretern des spanischen Militärs gemacht hatte, war während ihrer Zeit auf La Cerradura gewesen. Es war unnötig zu sagen, dass sie sich eine recht negative Meinung gebildet hatte, nach allem, was sie in diesem Gefängnis gesehen hatte. Cornados Männer waren blind seinen Befehlen gefolgt und hatten Jack gefoltert. Seine Brutalität war nicht einmal in Frage gestellt worden.

Doch auf der anderen Seite, schrie ihr Herz danach, Jack zu helfen. Er war in der Festung eingesperrt, doch bereits am nächsten Tag sollten die Schiffe ablegen, die ihn nach Spanien bringen sollten. Wenn sie nicht handelte, würde sie den Mann nie wieder sehen.

Sie schüttelte den Kopf. So sehr sie es auch versuchte, sie konnte ihre Gefühle nicht unterdrücken. Sie sorgte sich um Jack. In dem einen Sekundenbruchteil, in dem er sie unter die Maske hatte sehen lassen, die er normalerweise trug, um seine Emotionen zu verbergen, hatte sie so viel mehr gesehen, als nur einen Piraten. Sie konnte einfach nicht wegsehen, und zulassen, dass dieses Monster Jack nach Spanien brachte.

Sie war in erster Linie dafür verantwortlich, dass er geschnappt worden war. Wenn er nicht zu ihrem Haus zurückgegangen wäre, um ein Kleid für sie zu finden, wäre er jetzt in Sicherheit. Sie musste etwas unternehmen.

„Woher wollt Ihr wissen, dass wir überhaupt in der Lage sind, ihn zu befreien? Es handelt sich hier schließlich um eine bewachte Festung. Ich hoffe das ist Euch bewusst, Captain."

„Euer Freund, Capitán Norrington hat den Wachen im Zellentrakt gesagt, dass ich der Sohn von Don Cornado bin. Er hat ihnen gesagt, dass ich dafür verantwortlich bin, dass Sparrow erfolgreich nach Spanien verbracht wird. Sie werden mich hereinlassen. Und ich werde Euch hereinlassen."

„James Norrington ist in der Navy seid er ein Junge war. Er hält sich in allem was er tut an das Protokoll. Er wird nicht einfach jeden zu dem Gefangenen lassen. Nehmt mir das jetzt nicht übel."

„Das tue ich nicht. Unter normalen Umständen, würde ich Euch zustimmen. In den letzten Tagen, hat er es tunlichst vermieden, mich aus den Augen zu lassen. Doch er kümmert sich nicht großartig um mich, oder meine Ansichten was Piraten betrifft. Er versucht seine Zeit mit Diskussionen über die moralischen Hintergründe zu verbringen, die einen dazu berechtigen, einem Menschen allein wegen der von ihm ausgeübten Tätigkeit zu verurteilen. Ich denke, er wird es ablehnen, mich in den Zellentrakt zu begleiten, nur um mich loszuwerden."

Ana erinnerte sich, wie unwohl James sich an jenem Morgen im Hafen gefühlt hatte, als sie Miguel das erste Mal begegnet war. Es war offensichtlich, dass er die Meinung des Spaniers über Piraten, strickt ablehnte.

„Nun gut. James wird Euch also ungehindert hereinlassen, weil er so wenig Zeit wie möglich mit Euch verbringen möchte. Und wie komme ich hinein? Ihr habt selbst gesagt, dass jeder in der Festung denkt, ich sei tot. Wenn ich gesehen werde, dann…" Ana stellte sich das Chaos vor, das sich daraus ergeben würde. „Sicher wird jemand Prescott Bescheid sagen."

„Euer Bruder?"

„Ja."

„Dann geht selbst zu Eurem Bruder. Ihr solltet ihm sagen, was passiert ist, wenn Ihr es mir schon nicht erzählen wollt."

Prescott sagen, was geschehen war? Ana konnte sich diese Unterhaltung geradezu bildlich vorstellen. Ja, Prescott, ich weiß, dass du dachtest ich sei tot. Aber das ist lächerlich. Don Cornado hat mich lediglich im Arbeitszimmer niedergestochen, und mich liegenlassen, damit ich verblute. Keine große Sache. Oh, und habe ich erwähnt, dass Jack mein Kleid auseinander geschnitten hat? Nein, Prescott das zu erzählen, wäre keine gute Idee. Ihr Bruder würde ausführen, dass nichts davon jemals passiert wäre, hätte sie sich nicht dazu entschieden Jack in ihrem Haus zu verstecken. Sie würde ihm natürlich sagen, dass nicht Jack dafür verantwortlich zu machen war. Sie würde sagen, dass Jack sie gefunden, und immerhin ihr Leben gerettet hatte. Doch diese Neuigkeiten würde Prescott bestimmt nicht glücklich machen. Ganz im Gegenteil. Er wäre wahrscheinlich stinksauer. Er würde ausführen, dass ihr Leben durch Jack überhaupt erst in Gefahr geraten war.

„Don Cornado hat mich niedergestochen."

„Warum?"

„Weil ich ihm damit gedroht habe, der Admiralität zu erzählen, was er Jack in La Cerradura angetan hat."

Miguel nickte. „Er würde eine Frau töten, um sich selbst zu retten." Die Stimme des Spaniers war flach. Anas Behauptung schien ihn nicht im Entferntesten zu berühren. Fast so, als hätte er erwartet, dass Ana sagen würde, Cornado sei derjenige gewesen, der sie verletzt hatte. „Ihr solltet zu Eurem Bruder gehen. Versichert ihm, dass es Euch gut geht. Wenn er fragen sollte, was passiert ist…"

„Er wird fragen," unterbrach Ana.

„Wenn er fragt, werdet Ihr lügen." Miguel sah Ana nicht mehr an. Er starrte aus dem Fenster und seine Finger strichen über die Narbe an seiner Wange. „Ihr könnte ihm immer erzählen, dass der Pirat Euch entführt hat. Das denken sowieso schon alle," fuhr er fort. „Wenn Ihr Euch wieder auf den Rückweg macht, geht ihr zu den Zellen. Ich werde zusehen, dass Ihr hinein kommt. Auf der anderen Seite des Zellentrakts befindet sich eine Tür. Sie ist natürlich von außen verschlossen." Miguel griff in seine Tasche und zog einen Schlüssel daraus hervor. „Ich werde sicherstellen, dass diese Tür offen ist. Sparrow ist sehr clever. Er wird dazu in der Lage sein, euch in Sicherheit zu bringen."

„Warum kommt Ihr nicht mit mir?"

„Wohin?"

„Zu Prescott. Ihr könntet sagen, dass Ihr mich gerettet habt."

„Nein."

Anas Augen verengten sich zu Schlitzen. Er verbarg definitiv etwas vor ihr. „Wenn Sparrow nicht nach Spanien gebracht wird, wird Euer Vater seine Position in La Cerradura verlieren."

„Wahrscheinlich." Er sah Ana noch immer nicht in die Augen.

„Wieso wollt Ihr, dass er versagt?"

„Ihr wisst, was für ein Mann er ist."

Ana musterte das unbewegte Gesicht des Spaniers. Und plötzlich verstand sie. „Miguel," begann sie, „was ist mit Eurem Gesicht geschehen?"

Er sah Ana an und ließ seinen Blick dann wieder über den Boden schweifen. „Ihr solltet Euch ankleiden," sagte er. „Wir haben nicht mehr viel Zeit."

Weniger als zwanzig Minuten später in einem der vielen Korridore der Festung. Sie befand sich direkt von dem Büro, in dem ihr Bruder momentan untergebracht war. Miguel hatte sie mit der Kutsche von ihrem Haus hierher gebracht. Er hatte kein Wort gesagt, was die Narbe auf seinem Gesicht betraf. Die Stille war fürchterlich gewesen. In seinen Augen hatte ein Ausdruck gestanden, als sie ihn nach seiner Narbe gefragt hatte… Aus irgend einem Grund war sie sicher, dass Don Cornado auf der anderen Seite der klinge gestanden hatte, die Miguels Gesicht entstellte. Die Grausamkeit dieses Mannes schien wirklich grenzenlos zu sein.

Miguel war verschwunden, als sie die Festung betreten hatte. Die Meisten der Männer waren nicht in der Lage, ihren Schrecken zu verbergen, als sie gefragt hatte, wo sie Prescott finden konnte. Sie sahen aus, als hätten sie einen Geist gesehen.

Sie hatte noch niemals so viel Angst gehabt, ihrem Bruder gegenüberzutreten. Sie hatte ihn niemals angelogen, so wie sie es jetzt tun wollte. Aber sie musste Jack befreien. Sie wollte nicht dafür verantwortlich sein, dass er noch mehr Schmerzen ertragen musste. Sie klopfte.

„Herein."

Prescott saß hinter seinem Schreibtisch und war wohl gerade dabei, einen Brief zu verfassen. Er sah nicht auf, als Ana das Büro betrat. Zu ihrem Entsetzen musste sie feststellen, dass Don Cornado ihrem Bruder gegenüber saß. „Prescott?"

„Annie!" Die Augen ihres Bruders weiteten sich und er lief besorgt an ihre Seite. Cornado erhob sich. Es war offensichtlich, dass er nicht erfreut war, sie zu sehen… lebendig. Sein Ärger war beinahe greifbar. „Annie. WO bist du gewesen?" fragte Prescott.

Sie seufzte. „Du hattest Recht, mit Sparrow. Er hat mich entführt." Sie konnte ihre Stimme hören, doch die Worte klangen, wie die eines anderen. Der spanische Kommandant musste wissen, dass sie log, aber er würde ihre Geschichte nicht in Frage stellen. Das zu tun, würde heißen, sich selbst anzuklagen.

Prescott schlang seine Arme um ihre Schultern. Er sagte ihr, sie solle sich keine Sorgen machen, dass Sparrow verhaftet worden war, und dass er morgen Mittag endgültig aus ihrem Leben verschwinden würde. Ihr Bruder liebte sie so sehr, und sie wollte ihm so sehr die Wahrheit sagen. Doch sie konnte es nicht. Nicht jetzt. Sie musste warten, bis sie Jack in Sicherheit wusste. Dass würde sie ihm die wirkliche Geschichte erzählen. Er würde wütend auf sie sein, doch er würde es verstehen. Zumindest hoffte sie, dass er es verstehen würde.

„Es freut mich, zu wissen, dass Ihr in Sicherheit seid, Senora," sagte Cornado knapp. Sie lächelte den Spanier kalt an.

Prescott starrte in Cornados Richtung. „Don Antonio, ich möchte niemanden anklagen, aber könnte Ihr Euch wirklich auf die Fähigkeiten Eurer Männer verlassen? Nach all dem? Sie haben meine Schwester aufgegeben, als sie doch ganz offensichtlich ihre Hilfe brauchte."

Cornado schürzte die Lippen. „Ich werde herausfinden, wen die Schuld trifft, Capitán Tarret." Der Spanier nickte knapp, und ließ die Geschwister allein.

„Wo hat Sparrow dich hingebracht? Wie bist du entkommen?" fragte Prescott.

Ana dachte an Miguel. Der Mann verdiente zumindest etwas Anerkennung. Sie dachte an Don Antonio, und an seine Grausamkeit. Miguel half ihr, weil er wusste, dass dies das Richtige war und er erwartete nichts als Gegenleistung. „Captain Cornado hat mich gefunden."

Prescott trat von ihr zurück. „Wer?"

„Don Antonios Sohn."

„Wovon sprichst du? Don Antonio hat keinen Sohn."