17. Der einfache Teil

„Jack?" Anamaria war überrascht, wie dünn ihre Stimme klang.

Der Pirat lag auf der Seite, mit dem Rücken zur steinernen Wand, und hatte die Knie bis unter sein Kinn gezogen. In dem grauen Zwielicht konnte Ana gerade so eine Risswunde an der linken Seite von Sparrows Kopf erkennen. Sie blutete anscheinend immer noch. Als ob der Mann nicht schon genug Verletzungen erlitten hatte, musste dieser verrückte Spanier ihm noch mehr Schmerzen zufügen. Seit Ana den Raum betreten hatte, hatte sich Jack noch nicht bewegt. Sie durchsuchte den Raum mit Blicken nach irgendetwas, das ihr dabei helfen konnte, die Zelle zu öffnen. Unglücklicherweise war alles was sie sah, die entzündete Fackel in der Mitte des Raumes und eine weitere, unbenutzte, die gegen einen Stuhl gelehnt war, der den Zellen gegenüber stand.

Ana ließ die Luft aus ihren Lungen entweichen. Was hatte sie sich auch gedacht? Dass sie einfach in der Zellentrakt marschieren könnte, um alle Schlösser geöffnet vorzufinden und Sparrow abmarschbereit, mit gepackten Sachen? Sie schüttelte entmutigt den Kopf. Sie kniete sich vor Jacks Zelle, und wollte gerade versuchen ihn zu wecken, als sie hörte, wie an der Eingangstür der Schlüssel herumgedreht wurde. Es kam jemand.

„Verdammt," flüsterte sie, als sich die Tür langsam öffnete. Sie floh in die entgegengesetzte Ecke des Raumes und hoffte, dass sie die Schatten vor demjenigen verbargen, der ausgerechnet jetzt den Piraten besuchen wollte.

Der erste, der den Raum betrat, war ein Marine. Dicht gefolgt von Don Antonio. Was machte er hier? Prescott würde das mit Sicherheit nie zulassen. Ana schloss die Augen. Prescott war nicht länger hier. Er war losgegangen, um James auf seinem Schiff zu treffen. Höchstwahrscheinlich hatte Don Antonio gesehen, dass ihr Bruder die Festung verlassen hatte, und nutzte nun die Gelegenheit, um den Piraten in seiner Abwesenheit zu quälen. Der Marine öffnete die Tür zu Jacks Zelle und trat einen Schritt zur Seite, um dem Spanier den Weg frei zu machen. Ana konnte sehen, wie sich Jacks dunkle Augen öffneten. Er setzte sich auf und lehnte sich mit dem Rücken gegen die Wand, einen Arm locker über ein Knie gelegt. Wenn nicht immer noch Blut über seine Wange laufen würde, hätte Ana niemals vermutet, dass mit ihm etwas nicht in Ordnung war. Aber sie hatte ihn nur Augenblicke zuvor gesehen. Er war nicht in Ordnung. Sie konnte sich denken, dass er Schmerzen hatte und welchen inneren Kampf er ausfocht, um so entspannt zu erscheinen.

„Lasst und allein," befahl Don Antonio dem Marine. Der nickte und verließ den Raum, ohne ein weiteres Wort zu sagen. „Es ist schön, Euch wieder zu sehen, Señor Sparrow."

Cornado hatte Ana seinen Rücken zugewandt, doch sie konnte sich das bösartige Grinsen, das jetzt auf seinem Gesicht liegen musste, geradezu bildlich vorstellen. Aus irgendeinem Grund bereitete es diesem Mann eine diebische Freude, Jack Sparrow leiden zu sehen.

„Buenas noches, Senor. Y soy Capitán Sparrow." Jacks Stimme war leise, als er dieses Tier, das da vor ihm stand provozierte, ihn auf spanisch dazu aufforderte ihn Captain zu nennen. Seine Augen verrieten die Erschöpfung, die er fühlen musste. Aber Ana konnte das selbe Glitzern darin erkennen, das ihr schon vor ein paar Tagen aufgefallen war, als er sie damit aufgezogen hatte, dass sie keine Zeit verschwenden würde, ihn ins Bett zu bekommen.

Ana beobachtete, wie Don Antonio die Zellentür öffnete, und sich vor dem Piraten aufbaute. Er sagte etwas zu Sparrow, doch sie hatte aufgehört, auf seine Worte zu achten. Die Tür der Zelle war offen! Und sie konzentrierte sich auf die Tatsache, dass dieser Spanier, den sie hasste, alles war, das jetzt noch zwischen ihr und Jack stand. Wenn sie nur Cornado irgendwie dazu bringen konnte, ihr aus dem Weg zu gehen. Ihr Blick wanderte wieder zu der ungebrauchten Fackel. Cornado war damit beschäftigt, den Piraten zu piesacken. Wenn sie leise war, würde er niemals erfahren, was, oder wer, ihn getroffen hatte.

Ana biss sich auf die Unterlippe. Sie machte sich ernsthaft Gedanken darüber, einen Offizier niederzuschlagen. Ein weiteres Verbrechen, das sie ihrer immer länger werdenden Liste von Schandtaten hinzufügen konnte. Cornado trat einen weiteren Schritt in die Zelle hinein. Als er den Piraten an seinem Hemd packte, und ihn grob auf die Füße zerrte, sah Ana rot. Sie hörte, wie Jack schmerzerfüllt die Luft ausstieß, als Cornado ihn mit seinem verletzten Rücken gegen die Wand schlug. Sie streckte ihren Arm aus, und schloss ihre Finger um den Griff der Fackel. Don Antonio mochte eine respektable Uniform tragen, aber er war kein Offizier im Herzen. Er hatte wahrscheinlich nicht einmal ein Herz. Er hatte keine Integrität und mit Sicherheit hatte er keine Ehre. Prescott war ein Offizier. Ihr Ehemann war ein Offizier gewesen. Findley hätte ein Offizier werden können. Ana erhob sich vorsichtig. Cornado konnte kaum als Mensch bezeichnet werden und noch sehr viel weniger als Offizier. Er war ein Monster, und sie sollte verdammt sein, wenn dieser Mistkerl Jack noch einmal anfassen würde.

„Es ist mir ein Vergnügen, Euch zu informieren, dass wir morgen nach Spanien aufbrechen werden," sagte Cornado, „und dann Capitán, können wir fortsetzen, wobei wir unterbrochen wurden."

Ana trat aus den Schatten. Der Blick aus Jacks dunklen Augen traf den ihren für den Bruchteil einer Sekunde, aber in diesem kurzen Augenblick sah sie all den Schmerz, den sie schon in jener Nacht gesehen hatte, als er nach seinem Alptraum in ihrem Bett erwacht war. Er hatte schon genug unter Cornados Grausamkeit gelitten. Ana hob die Fackel. Er würde nicht noch mehr leiden müssen. In einer fließenden Bewegung holte sie mit der Fackel aus und schlug sie, mit aller Kraft die sie aufbringen konnte, auf Don Antonios Kopf. Der Spanier ließ den Piraten los und fiel auf die Knie. Sie fühlte, wie unbändige Wut in ihr aufstieg.

Sie konnte Jack sehen, im Gefängnishof an diese Steinsäule gekettet und sie konnte seine Schreie hören. Wieder schlug sie zu. Die Fackel traf Cornado am Rücken, und diesmal ging der Spanier zu Boden.

Anas Augen weiteten sich entsetzt, als ihr bewusst wurde, was sie gerade getan hatte. Zitternd atmete sie aus. Ihr war nicht einmal bewusst gewesen, dass sie die Luft angehalten hatte. Sparrow stand immer noch da, mit dem Rücken gegen die Wand gelehnt. Es war offensichtlich, dass er ihre Unterstützung brauchte, um sich aufrecht zu halten. Er betrachtete sie nachdenklich, genau so wie er es getan hatte, als sie ihm angeboten hatte seine Wunden zu versorgen und ihm in ihrem Haus Unterschlupf zu gewähren. Sie wusste immer noch nicht, wonach er eigentlich suchte.

Mit spitzen Fingern nahm er die Fackel aus Anas zitternden Händen. „Sieht so aus, als hätte ich mich getäuscht, Liebes," sagte er leise.

„Getäuscht?"

„Als ich gesagt habe, du würdest einen guten Piraten abgeben."

Ana starrte den Piraten mit offenem Mund an. Sie hatte gerade einen Mann bewusstlos geschlagen um Sparrows Leben zu retten, und er hatte nichts Besseres zu tun, als sie zu beleidigen? „Wie bitte?" fragte sie.

„Du hast einen Flüchtling beherbergt, bist in ein Navy-Gefängnis eingebrochen, und hast einen Gefangenen befreit."

„Ja?"

„Ich denke, du bist schon längst ein Pirat, Liebes."

Ana senkte den Blick, beinahe schon beschämt, dass sie gedacht hatte, Jack wolle sie beleidigen. Und sie war durch sein Kompliment irgendwie geschmeichelt. „Ich würde wirklich liebend gern noch weiter zuhören, wie du mich mit Lob überhäufst, Jack, aber ich denke wirklich, wir sollten uns das für eine andere Gelegenheit aufheben."

Der Pirat zog eine Grimasse, als er mit einem großen Schritt über den Spanier hinweg trat. Ana schlang einen Arm um seinen Rücken, und diesmal zögerte er nicht, ihre Hilfe anzunehmen. Sie lächelte leicht. Allem Anschein nach, begann er ihr zu vertrauen.

„So, wie sieht dein Plan aus?" wisperte Jack, während Ana die schwere Tür hinter sich ins Schloss zog.

Sie seufzte erleichtert, als sie ihren Blick suchend über den Hof der Festung gleiten ließ. Es sah so aus, als hätte niemand bemerkt, dass der Hintereingang zum Zellentrakt unverschlossen gewesen war. Das zumindest, war eine gute Nachricht. Nicht so gut war die Tatsache, dass sie überhaupt keinen Plan hatte. Sie selbst und ein verletzter Pirat befanden sich mitten in einer militärischen Festung, umgeben von Männern, die Sparrow lieber heute als morgen hängen sehen wollten, und sie hatte nicht die entfernteste Idee, wie sie hier herauskommen sollten.

Und das Schlimmste war, dass Prescotts Pferd nur ein paar Yards von ihnen entfernt an einem Pfosten angebunden worden war: Er war von der Interceptor zurückgekehrt. Jetzt hatte sie nicht nur keinen Plan, sondern auch keine Zeit mehr, sich einen auszudenken.

Anas Blick wanderte wieder zu Prescotts Pferd. Neben dem schönen Tier war ein kleineres, schwarzes Pferd angebunden worden, das mit einem reichlich verzierten Sattel aufgezäumt war. Sie konnte beinahe fühlen, wie ein ziemlich verwegener Plan in ihrem Kopf Gestalt annahm. Schnell, und so leise sie konnte, ging Ana zurück in den Zellentrakt, und stahl Don Cornados Uniformjacke und seinen Hut. Sobald sie wieder draußen war, drückte sie Jack beides in die Hand.

„Wie gut bist du auf einem Pferd?" fragte sie.

„Na ja, ich würde ein Bett vorziehen, aber wenn du willst…"

Die junge Frau warf dem Piraten einen derart bösen Blick zu, dass er sich augenblicklich unterbrach.

„Ich meine, kannst du reiten?"

„Aye."

„Gut," sagte sie, und Jack das Bandana vom Kopf. Stattdessen setzte sie ihm Don Antonios Hut auf. „Also, zieh dir den Mantel an, zieh dir den Hut tief ins Gesicht und sag' kein einziges Wort." Ana wandte sich um, und ging zu den Pferden.

Mit einem schmerzerfüllten Keuchen zog sich Jack in den Sattel des schwarzen Tieres. „Weißt du, Liebes, ich hab' von besseren Plänen gehört…"

„Ich bin für Vorschläge offen," zischte Ana.

Sparrow öffnete den Mund, um etwas zu erwidern, doch plötzlich drang Prescotts Stimme durch die sie umgebende Stille. Er war wohl wieder in seinem Büro. „Collins," schrie er, „wo ist meine Schwester?"

„Der hier wird's schon tun," flüsterte Jack. Ana war mittlerweile auf Prescotts Pferd aufgesessen, und lenkte das Tier in Richtung des Tores. Sie konnte Jack an ihrer Seite fühlen, und hoffte inständig, dass sie nicht weiter auffielen.

„Guten Abend, Miss Annie," grüßte der Wachposten. Die Wache war besser ausgeleuchtet, als der Rest der Festung, aber das Gesicht des Mannes war dennoch nur schwer zu erkennen. Wenn sie nur etwas Glück hatten, würde dieser Umstand ihnen zu Hilfe kommen, und Jacks Gesicht war ähnlich schwer zu erkennen.

Ana tat ihr Bestes, um sich und ihr Pferd zwischen den Wachposten und Jack zu schieben. Ihr Plan war nicht besonders gut durchdacht, aber…

„Guten Abend, Sir."

„Es ist ein bisschen spät für einen Ausritt, Miss."

„Ja, in der Tat. Aber Don Antonio ist so freundlich, mich nach hause zu begleiten."

Der Marine nickte. Er warf dem vermeintlichen Spanier, der da neben ihr ritt, keinen einzigen Blick zu. Wenn sie nicht genau auf diese Reaktion gehofft hätte, hätte sie seine Inkompetenz wahrscheinlich gestört. „Guten Abend."

„So schwer war das gar nicht," sagte sie schließlich, als die Beiden endlich außer Sichtweite der Festung waren.

Sie konnte hören, wie Jack neben ihr aufholte. Es klang, als hätte er Mühe beim Atmen, und es fiel ihr schwer, die deswegen aufkeimende Sorge zu unterdrücken.

„Ja, Liebes. Das war der einfache Teil. Aber ich frage mich wirklich, wie lang dein Bruder wohl braucht, um herauszufinden, was passiert is'."

„Nicht sehr lange, fürchte ich," bestätigte Ana.

„Aye. Und was dann?"


Also, Leute! Wie wärs mit nem Review?? O.O