18. Zeit in einem Häuschen

„Ich hasse es wirklich, derjenige zu sein, der es anspricht, Liebes, aber dein Haus wird wohl einer der ersten Orte sein, an denen sie nach uns suchen," stellte Jack fest, während er sich behutsam aus Cornados Mantel schälte, und den Hut abnahm. Anamaria beobachtete, wie er die reich verzierte Uniform zu Boden warf, als wäre sie etwas besonders Widerliches. Vielleicht war sie das ja auch.

„Ich weiß," antwortete sie. Sie band die Pferde an einem Baum an. „Wenn wir die Pferde hier lassen, werden sie diese Gegend hier zuerst durchsuchen. Aber wir werden nicht hier sein."

„Nein?"

„Nein."

Ana wandte sich ab, und ging ein Stück die Straße hinunter. Sie machte eine kurze Pause, um sicherzustellen, dass niemand kam, und hielt dann auf das bewaldete Gebiet auf der anderen Straßenseite zu. Langsam suchte sie sich ihren Weg durch die dicht beieinander stehenden Bäume. Jack folgte ihr auf dem Fuße. Bereits nach kurzer Zeit gaben die Bäume den Blick auf einen schmalen verschlammten Pfad frei, der sich versteckt durch dieses Wäldchen schlängelte.

Jack sah müde aus, und auch die Wunde in Anas Bauch begann, sich wieder unangenehm bemerkbar zu machen. Nichts desto trotz folgten die Beiden dem Pfad, und schon kurze Zeit später standen sie vor einem kleinen Holzhäuschen.

In der Hütte war es fast vollkommen dunkel. Die Möblierung bestand nur aus einem Bett, einem Tisch und drei Stühlen, alles bedeckt von dem Staub der letzten Jahre. Sparrow humpelte durch den Raum und ließ sich auf das Bett fallen. Er sah Ana neugierig an.

„Du hast eine Höhle auf deinem Grundstück und kennst kleine versteckte Hütten mitten im Wald. Hast du schon mal jemanden aus dem Gefängnis befreit?"

„Aber natürlich, Captain Sparrow," gab Ana zur Antwort, als sie sich neben den Piraten setzte. „Das tue ich in meiner Freizeit."

Jack hob vielsagend die Augenbrauen. „Da hast du dir aber ein nettes Hobby ausgesucht."

Ana zuckte mit den Schultern. „Reiche Leute sind schwer zu unterhalten," sagte sie.

Sparrow lachte leise. Sein Lachen war so leicht und melodieus, trotz der Tatsache, dass sie auf der Flucht waren. Er hatte gerade erst ein Jahr in Don Cornados Gefängnis verbracht. Wahrscheinlich war alles andere, wie gefährlich es auch sein mochte, diesen Erinnerungen vorzuziehen.

„Woher wusstest du, dass die Hütte hier steht?"

„Bevor wir geheiratet haben, hat mein Ehemann mich oft abgeholt, und wir haben lange Spaziergänge am Strand gemacht. An einem Abend hat es angefangen zu regnen. Wir haben diese Hütte hier gefunden, und beschlossen, das Unwetter abzuwarten. Ich habe da drüben an dem Tisch gesessen, als er mir an dem Abend den Antrag gemacht hat."

Als sie ihren Blick durch den kleinen Raum wandern ließ, meine Ana fast den schwachen Schein der Kerze erkennen zu können, die Chris damals gefunden hatte. Sie konnte beinahe seine Hand auf der ihren Spüren, seine nassen Haare, als er sich zu ihren Füßen auf den Boden gekniet hatte…

Ich habe nie gewusst, dass in meinem Leben etwas fehlt, bis ich dich getroffen habe." Sie hörte seine Worte, seine raue Stimme, als wäre ihr Mann genau hier, in diesem Raum. „Maria, willst du die Lücke in meinem Herzen füllen, und mich zum Mann nehmen?"

Vor dieser regnerischen Nacht hatte Ana noch nie von Glück geweint. Sie hatte noch nie die Sicherheit und den Frieden gefühlt, die es mit sich brachte, wenn man einen Mann liebte, der diese Gefühle erwiderte. Sie hatte noch nie in die Augen eines Mannes gesehen, und dort die Hoffnung auf ein neues Leben entdeckt.

Sie drehte sich wieder zu dem Piraten um, der da neben ihr saß. Er sah, genau wie Ana vorher, gedankenverloren zu dem Tisch hinüber. Körperlich war er nah, doch seine Augen verrieten, dass er sich eigentlich an einem weit, weit entfernten Ort befand. Ana stützte ihr Kinn auf ihre Hände.

War Jack Sparrow jemals verliebt gewesen? War er jemals auf die Knie gegangen, und hatte sich selbst, sein Herz und seine Seele, einer Frau anvertraut? Welche Frau würde wohl das Herz dieses tapferen Piratencaptains halten?

„Nun," begann Ana, und hoffte dabei, dass sie so lässig klang, wie sie beabsichtigte, „gibt es auch eine Mrs. Sparrow?"

Er blinzelte die Erinnerungen weg, die ihn gerade noch gefangen gehalten hatten. Seine Mundwinkel hoben sich zu einem schiefen Grinsen und er schüttelte den Kopf. „Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich mich daran erinnern würde."

Ana lachte. „Hast du jemals eine Frau geliebt?"

Die dunklen Augen des Piraten glitzerten schelmisch. „Sehr oft sogar."

Anas Mund stand undamenhaft offen und mit einem Mal war sie froh um die Dunkelheit, die in der Hütte vorherrschte. Sie hoffte wirklich, dass die Nacht den geschockten Ausdruck verbarg, der sich unzweifelhaft auf ihr Gesicht gelegt hatte. Vielleicht war das nicht unbedingt das beste Thema, über das sie sich mit einem Piraten unterhalten konnte.

„Was hat Cornado gegen dich?" fragte sie schließlich, das Thema wechselnd.

Sparrow zuckte mit den Schultern und zog beide Augenbrauen in die Höhe. „Pirat."

Ana schnaubte. „Ich bin nicht erst gestern geboren worden, weißt du? Ich habe gesehen, was dieser Mistkerl dir angetan hat. Dahinter steckt mehr, als eine allgemeine Abneigung gegen Gesetzesbrecher."

„Vielleicht."

„Vielleicht? Na vielen Dank, dass du mir alles dargelegt hast, Jack."

„Was für einen Unterschied macht das?"

Ana erkannte diesen Unterton in der Stimme des Piraten. Er hatte nicht vor, ihr zu sagen, was sie wissen wollte. Sie schürzte ihre Lippen. In den vergangenen paar Tagen, hatte sie einen entflohenen Sträfling in ihr Haus gelassen. Sie hatte einen Soldaten erschossen, um diesen Sträfling zu beschützen und, nur ein paar Stunden zuvor, hatte sie noch mehr Gesetze gebrochen, um diesen Kriminellen aus dem Gefängnis zu befreien. Und trotzdem konnte er ihr nicht einmal eine einfache Frage beantworten.

Wieso kam dieser Pirat nur so nah an sie heran? Warum ließ sie das zu? Ana hielt dich die Wunde an ihrem Bauch. Sie war verletzt. Sie war müde. Sie war frustriert. Abrupt kam Ana auf die Füße und drehte sich zu dem Piraten um. „Es tut mir schrecklich leid. Mir war nicht klar, dass wir uns hier an deine Regeln halten müssen. Warum stellst du nicht einfach eine Liste mit Themen auf, über die wir reden können, und ich werde versuchen, meine Fragen innerhalb dieser Grenzen zu halten."

Sparrow sah sie an. Seine dunklen Augen verrieten nichts über seine Gedanken, aber er hatte verwirrt die Stirn gerunzelt. Er schien nicht zu verstehen, warum Ana derart ärgerlich reagierte. Nun, sie würde es ihm verraten.

„Ist es mir gestattet, nach deiner Lieblingsfarbe zu fragen, oder was ist mit deinem Geburtstag? Sind das akzeptable Fragen? Kann ich überhaupt jemals eine klare Antwort von dir erwarten?"

Jack öffnete den Mund um zu antworten, doch Ana ließ ihm keine Chance etwas zu sagen. Ein verrückter Spanier hatte versucht sie zu töten, weil sie der Meinung war, dass Jack Sparrows Leben etwas wert war. Sie war nicht dazu bereit gewesen, ihn der Folter und dem Tod zu überlassen. Sie hatte ihr Leben riskiert, ihren Ruf, und den Ruf ihrer Familie, um einem Mann zu helfen, den der Rest der Stadt nur zu gerne hängen sehen würde. Und er konnte ihr nicht eine verdammte Frage beantworten.

„Was ist mit dieser Frage, Jack? Warum ich? Warum hast du mein Haus ausgesucht? Warum bist du nicht einfach ein Stück weiter die Straße runter, und hast Mr. Cander von nebenan terrorisiert? Nein, vergiss es. Ich weiß schon warum. Du hast mein Haus ausgesucht, weil du wusstest, dass du bekommen würdest, was du wolltest. Alles was du tun musstest, war, dich hinter deinen großen brauen Augen zu verstecken, und den missverstandenen Schurken zu spielen. Oh, und nicht zu vergessen, der Frau zu sagen, dass sie einen großartigen Piraten abgeben würde. Ja, das ist das Ass in deinem Ärmel, nicht wahr? Rede der Frau ein, dass sie mehr sein könnte, als ein hübsches Gesicht in seinem hübschen Kleid. Voilà, und du hast sie am Haken. Nun, nicht mit mir, Jack Sparrow. Nicht mehr."

Ana drehte sich auf dem Absatz um, und marschierte aus der kleinen Hütte. Sollte er doch da versauern. Sollte er doch geschnappt werden. Was ging es sie an? Sie wünschte sich fast, dass es regnen würde, so wie in der Nacht, in der Chris sie zum ersten Mal zu dieser Hütte geführt hatte. Wenn es regnen würde, dass hätte sie nicht zugeben müssen, dass der Pirat sie zum Weinen gebracht hatte. Wenn es regnen würde, dann könnte sie sich jetzt vollkommen ihrem Ärger und ihrem Selbstmitleid ergeben.

Während sie sich darauf konzentrierte, so weit von Jack wegzukommen wie möglich, hörte Ana nicht, wie jemand vor ihr aus dem Unterholz auf den schlammigen Weg trat. Sie rannte direkt in dieses unerwartete Hindernis.

„Oh, Verzeihung. Ich habe nicht aufge…"

„Señora?"

„Miguel?"


Lässt sich denn keiner von euch zu nem Review erweichen?