19. Entdeckt

„Miguel?" Ana blinzelte in die Dunkelheit, die das Gesicht des spanischen Captains verbarg. „Was tut Ihr hier?"

„Ich suche nach Euch, Señora," antwortete er.

Ana verschränkte skeptisch die Arme vor der Brust. Der Spanier hatte den Mantel seiner Uniform abgelegt und seine schwarzen Haare fielen ihm unordentlich auf die Schultern. Er war sichtlich außer Atem. Beide Male, die sie Miguel nun schon begegnet war, war er tadellos gekleidet gewesen. Was tat er hier, in den Wäldern, so nah bei der Hütte, in der Jack und Ana sich versteckt hatten? Und warum war er wirklich hier?

„Ihr habt nach mir gesucht?" wiederholte sie. „Nun, dann muss ich Euch gratulieren. Ihr habt mich gefunden." Ihre Stimme klang sehr viel kälter, als sie eigentlich beabsichtigt hatte, aber sie war noch immer wütend, wegen dem Streit mit einem gewissen Piraten. Und außerdem war da noch die Tatsache, dass sie nicht wusste, wer Miguel Cornado wirklich war. Wenn sie sich auf den Mann bezog, von dem er behauptete, er sei sein Vater, dann sprach sie mit einem Geist.

„Es ist besser, dass ich es war, der Euch gefunden hat."

Ana hob eine Augenbraue. „Ist es das?"

„In der Festung wurde der Alarmzustand ausgerufen. Sie suchen nach dem Piraten und… und nach Euch, Señora."

„Woher soll ich wissen, dass Ihr nicht gleich loszieht, um den Soldaten zu erzählen, wo ich bin?"

Selbst in der sie umgebenden Dunkelheit konnte die junge Frau sehen, dass sie Miguel mit ihrer Anschuldigung verletzt hatte. „Warum sollte ich das tun?"

„Ich weiß es nicht. Warum habt Ihr mir erzählt, Ihr seid Don Antonios Sohn?"

„Ich verstehe nicht…" begann Miguel. „Ich habe Euch das gesagt, weil ich der Sohn von Don Antonio bin."

„Don Antonio hat keinen Sohn." entgegnete sie hart.

Der Körper des spanischen Captain versteifte sich sichtlich und er öffnete den Mund, wie um etwas zu sagen. Anas schroffe Art und ihre anklagenden Worte hatten ihn unvorbereitet getroffen.

„Warum sagt Ihr das?"

„Weil es die Wahrheit ist. Ich habe diese Worte aus seinem eigenen Mund gehört."

„Anamaria."

Als ihr Name gerufen wurde, drehte sich Ana um. Sie konnte die Silhouette von Jack Sparrow ausmachen, der auf sie zukam.

„Anamaria," wiederholte der Pirat, als er bei ihr ankam. „Was tust du hier draußen, Liebes?"

Sie drehte sich um, zu der Stelle, an der Miguel gestanden hatte, doch der Spanier war verschwunden. Typisch. Sie seufzte, und versuchte sich ins Gedächtnis zu rufen, dass sie wütend auf Jack war. Trotzdem war sie froh. Er hätte genau so gut in der Hütte bleiben können, während sie nachts allein im Wald herumlief. Sie lächelte. Sie fand es schön, dass er ihr gefolgt war, aber das musste er ja jetzt noch nicht wissen.

Dann fühlte sie seine Hand auf ihrer Schulter. Ihre Haut schien unter seiner Berührung zu brennen.

„Was willst du?" fragte sie leise. Ana drehte sich nicht um, damit Jack seine Hand nicht von ihrer Schulter nehmen musste.

„Der elfte August und rot."

Überrascht drehte sie sich nun doch um. Sie fühlte einen leisen Stich der Enttäuschung, als sie damit den Kontakt zwischen ihnen unterbrach. „Was?"

„Mein Geburtstag und meine Lieblingsfarbe."

Ana lächelte, obwohl sie doch eigentlich wütend auf ihn sein wollte. Er hatte genau die richtigen Worte gefunden, um ihren Ärger in sich zusammenfallen zu lassen. Dieser Mann konnte sie regelrecht zur Weißglut treiben, aber nun wollte sie nichts weiter, als mit ihm in die kleine Hütte zurück zu kehren.

Wieder im Holzhaus angekommen, setzte Ana sich an den kleinen staubigen Tisch. Sparrow saß ihr gegenüber, die verschränkten Arme auf die Tischplatte gelegt.

„Vertraust du mir, Jack Sparrow?"

Die dunklen Augen des Piraten suchten Anas Blick, doch er sagte nichts. Sein Blick war intensiv, fast schon hypnotisierend. Wenn er sie nur hinter diese Maske sehen lassen würde. Jack konnte mit seinen Augen so viel ausdrücken, doch jetzt sah sie dort nichts als Schwärze und Unnachgiebigkeit.

„Was hat Cornado gegen dich?" fragte sie leise.

Sparrows Blick wanderte über die Tischplatte. Er wandte sich von ihr ab und Ana erwartete schon gar nicht mehr, eine Antwort auf ihre Frage zu bekommen, als er anfing zu sprechen.

„Vor ein paar Jahren hat Cornado ein Duell ausgefochten." Jacks Stimme war flach und leise, aber Ana konnte fühlen, wie schwer es ihm viel, ihr diese Geschichte zu erzählen. Zögernd legte sie ihre Hand auf den tätowierten Unterarm des Piraten. Sie konnte fast augenblicklich den Blick seiner dunklen Augen auf sich spüren. Erst wirkte er verärgert, doch seine Gesichtszüge entspannten sich, als sie ihm ein ermunterndes Lächeln zuwarf.

„Erzähl weiter," forderte sie ihn auf.

„Er hat verloren. Der Mann, gegen den er gefochten hat, hatte die Klinge seines Schwertes an Cornados Kehle. Aber statt Cornado zu töten, hat er Gnade gezeigt." Der Pirat zögerte kurz. Er starrte aus dem Fenster, doch Ana bezweifelte, dass er tatsächlich sah, was sich dort draußen befand. Sie selbst hatte verwirrt die Stirn in Falten gelegt. Irgendwie hatte sie das Gefühl, dass sie diese Geschichte schon einmal gehört hatte.

„Als sein Gegner sich umdrehte, hat Cornado ihm in den Rücken geschossen. Er war gerade dabei nachzuladen, um dem anderen endgültig den Rest zu geben…"

„Aber du hast das nicht zugelassen."

Sparrow nickte.

Sie hatte diese Geschichte schon einmal gehört. Ana legte eine Hand an ihre Stirn. Cornado hatte erzählt, sein Sohn sei während eines Duells ums Leben gekommen. Ein Duell das er technisch gewonnen hatte. Cornado behauptete, sein Sohn sei nicht Manns genug gewesen, seinen Gegner zu töten. Ana schüttelte den Kopf, als sie versuchte, diese Fakten mit Jacks Geschichte zu vergleichen. Es war ziemlich unwahrscheinlich, dass während zwei verschiedenen Duellen exakt die gleichen Umstände aufgetreten waren. Ihr Hals drohte sich zuzuschnüren. Hatte Cornado mit seinem eigenen Sohn ein Duell ausgetragen?

„Was ist mit dem Mann passiert?" fragte sie.

Jack zuckte unbestimmt mit den Schultern. „Ich hab ihn zu nem Arzt gebracht."

„Hat er es überlebt?"

„Weiß ich nicht, Liebes."

„Hatte er einen Schnitt, oder eine Narbe im Gesicht?"

Die Augen des Piraten verengten sich misstrauisch. „Aye."

Ana schloss die Augen, als sie sich selbst dazu zwang, die Wahrheit zu begreifen. Don Cornado hatte mit seinem Sohn gekämpft. Sein Sohn hatte das Duell gewonnen, und, als er sich weigerte seinen Vater zu töten, hatte Cornado ihm in den Rücken geschossen. Feigling.

„Stimmt was nicht, Anamaria? Woher wusstest du das?"

Ana schluckte. „Der Mann, gegen den Cornado gefochten hat, war sein Sohn." Sie konnte Miguel geradezu bildlich vor sich sehen. Sie erinnerte sich an den verletzten Ausdruck auf seinem Gesicht. Er war ehrlich mit ihr gewesen. Er hatte ihr geholfen, und sie hatte das Wort diese Tyrannen über seines gestellt.

„Sein Sohn?"

„Ja." Ana fuhr sich mit der Hand über das Gesicht. Sie wusste wirklich nicht, wie sie dem Piraten all dies erklären sollte. Sie hatte Miguel ihm gegenüber nie erwähnt. Sparrow schien ihr aber ohnehin nicht zuzuhören. Er starrte wieder aus dem Fenster zu ihrer Rechten.

„Sein Name ist Miguel. Er hat mir geholfen in den Zellentrakt zu kommen, so dass ich dich befreien konnte. Vielleicht versucht er sich dafür zu revanchieren, dass du sein Leben gerettet hast. Vielleicht…"

Sparrow langte über den Tisch und presste seine Hand auf Anas Mund. Er legte einen Finger auf seine Lippen, und bedeutete ihr, still zu sein. Sie lauschte in die sie umgebende Stille hinein und konnte schließlich hören, was die Reaktion der Piraten ausgelöst hatte. Es kam jemand.

Ihr Herz schien unnatürlich laut zu pochen. Der Pirat nahm seine Hand von Anas Mund und legte sie auf ihren Arm. Die Beiden standen auf, und wichen langsam zurück, als vorsichtig die Tür geöffnet wurde.

Ana konnte die Wärme von Jacks Körper an ihrem Rücken spüren. Sie fühlte seinen Atem in ihrem Nacken und sie hoffte inständig, dass er nicht bemerkte, wie sehr ihr Herz raste. Sie waren gefangen. In dem kleinen Raum gab es keine Möglichkeit sich zu verstecken und es gab auch keinen Hintereingang, oder etwas anderes in der Art.

Die Tür wurde vollends aufgestoßen. Ana schloss die Augen und hielt den Atem an.


Melina:
Freut mich, dass du dich gemeldet hast und vielen Dank für das Lob. :-) Ich würde es echt klasse finden, wenn du mir genauer schreiben könntest, was du verbesserungswürdig findest. Für Kritik bin ich immer offen, solange sie mir helfen kann, meinen Stil zu verbessern.

Bis zum nächsten Kapitel
Lg
RavannaVen