21. Konfrontation in einer Höhle
Anamaria stolperte in die Höhle. Ihre Bauchwunde schmerzte höllisch und sie konnte sehen, dass auch Jacks Verletzungen ihren Tribut forderten. Prescott hatte diese Höhle erwähnt, die nur drei Meilen von der Hütte im Wald entfernt war, doch sie fühlte sich, als hätte sie Jamaika zehnmal umrundet. Jack hatte ihre geistige Gesundheit ernsthaft angezweifelt, als sie vorgeschlagen hatte, diese Höhle aufzusuchen, besonders, weil ihr Bruder von ihrer Existenz wusste. Sie hatte jedoch argumentiert, dass Prescott diese Höhle bestimmt nicht ohne Grund erwähnt hatte. Er hatte gewollt, dass sie seinen Hinweis aufgriffen und hierher kamen. Auf jeden Fall waren sie jetzt hier, und sie waren zumindest im Moment sicher.
Die Sonne begann gerade über den Horizont aufzusteigen und sie konnten es nicht riskieren, bei Tageslicht auf der Straße gesehen zu werden. Jeder, dem sie über den Weg liefen, würde sie nur zu gerne verraten. Also gab es nur zwei Alternativen: Diese Höhle, oder zurück ins Gefängnis.
„Warum hast du mich mitgenommen?" fragte Ana, als sie sich setzte, den Rücken gegen die kühle Felswand lehnend.
Der Pirat sank neben ihr zu Boden. „Warum bist du mitgekommen?" konterte er mit einer Gegenfrage und die traf sie vollkommen unvorbereitet.
Warum war sie mit ihm gegangen? Als Prescott Sparrow dazu aufgefordert hatte aus der Hütte zu verschwinden, hatte ihr Bruder höchstwahrscheinlich damit gerechnet, dass sie zurückblieb. In jenem Moment war Ana einfach mitgegangen, weil die Hand des Piraten auf ihrem Arm gelegen hatte. Er fiel ihr schwer, vor sich selbst zuzugeben, dass Jacks Berührung sie dazu bringen konnte, einfach alles zu tun. Wie schwierig würde es erst sein, ihm das zu sagen?
„Nach all dem Ärger, den ich wegen dir hatte," begann sie, „wollte ich vielleicht einfach nur sicher gehen, dass du nicht einfach losziehst und dich wieder einfangen lässt."
Ana wusste, dass sie mit Jack nicht ehrlich war. Aber er war ein Pirat, und sobald er mit einem brauchbaren Plan aufwarten konnte, würde er in den endlosen Weiten der Karibik verschwinden. Die See würde ihn sich zurückholen, und sie, Ana, würde ihn nie wieder sehen. Also, warum sollte sie ihn wissen lassen, dass er ihr etwas bedeutete? Sie würde es sich nur selbst schwerer machen, ihn davonsegeln zu sehen.
„Ich wette, mein Bruder wusste nicht, worauf er sich einlässt, als er dir gesagt hat, du sollst ihn schlagen," grübelte Ana.
„Ich musste es doch realistisch aussehen lassen, Liebes. Hab nur Anordnungen befolgt," sagte Jack. Er legte beide Unterarme auf seine Knie und verschränkte die Finger ineinander.
„Oh, sicher. Ich wette, du hast in deinem ganzen Leben noch nie Befehle von irgendjemandem angenommen."
Sparrow lachte.
„Hmm," fuhr Ana fort. „Er lacht. Das heißt, ich liege falsch. Richtig? Nun, denn. Kläre mich auf."
„Was willst du wissen?" Jack hatte den Ring abgestreift, den er trug, und bewegte ihn zwischen seinen Fingern hin und her. Er war nervös. Ana wusste mittlerweile, dass er es nicht mochte, direkte Fragen zu beantworten. Er schien allgemein nicht gern über sich selbst zu reden. Ana wusste allerdings nicht, warum. Was war Jack passiert, dass es ihn glauben machte, er müsse sich selbst derart bedeckt halten?
„Na gut," sagte sie schließlich. „Was warst du, bevor du Captain Jack Sparrow wurdest?"
„Kürzer."
Ana lächelte traurig. Es war beinahe so, als könne Jack sich einfach nicht dazu bringen, ihre Fragen zu beantworten. Sie rutschte näher an ihn heran, so dass sich ihre Körper beinahe berührten. Ana wollte unbedingt wissen, was dem Piraten geschehen war, um ihn so misstrauisch zu machen. Und beinahe genau so sehr wünschte sie sich, sie könnte das Kribbeln ignorieren, das sich in ihrem Körper ausbreitete, seit sie Jack so nahe war. Ana konnte einfach nicht verstehen, was diesen Piraten von all den anderen Männern unterschied, die sie bisher kennen gelernt hatte. Wieso störte es sie so sehr, dass er nicht in der Lage zu sein schien, anderen Menschen zu vertrauen. Was machte das schon?
„Warum hast du für mich gebetet?" Jacks Stimme durchbrach ihre Gedanken.
Ana drehte sich zu dem Piraten um. Er sah sie nicht an. Er starrte stur geradeaus, wahrscheinlich in seine eigenen Gedanken versunken. Die Kohle, die seine Augen umrahmt hatte, war fast vollkommen verschwunden und seltsamerweise ließ ihn das jünger aussehen, als Ana ursprünglich gedacht hatte. Jünger, und weniger erschöpft.
„Ich habe für dich gebetet, weil du nicht für dich selbst beten konntest," antwortete sie, „und weil ich Angst hatte."
„Wovor?"
„Vor dem, was Cornado dir angetan hat."
„Warum?"
„Warum was?"
„Warum hat es dich gekümmert, was er mit mir angetan hat?"
Jacks Worte trafen Ana direkt in die Seele. Alles Draufgängerische und der kräftige Akzent waren aus seiner Stimme verschwunden, als wäre das alles nur Theater gewesen. Jetzt klang er beinahe deprimiert.
Dieses Monster hatte seinen Arm angezündet, und Jack konnte nicht verstehen, warum sie Mitleid für ihn empfunden hatte. Was hatte er von ihr erwartet? Dass sie einfach wegsehen würde?
„Ich könnte dich das Selbe fragen," sagte Ana. „Als Cornado mich angeschrieen hat, hast du eingegriffen. Du wusstest, dass er wütend sein würde. Also, warum hast du das getan?"
Es war das erste Mal, dass Jack sie ansah und die Maske, die er gewöhnlich trug, um seiner Gefühle zu verbergen, begann zu versagen. Er sah beinahe verletzt aus.
„Ich konnte doch nicht zusehen, wie er einer Frau Gewalt antut," antwortete er, als wäre diese Tatsache offensichtlich.
Ana legte ihre Hand auf seinen Arm. Sie konnte die hässliche Narbe durch den Stoff fühlen. „Und ich konnte nicht daneben stehen, und zusehen, wie er dir Gewalt antut."
Seine letzten Schutzwälle schienen in sich zusammen zu fallen. Ana konnte sehen, dass er traurig und verletzt war. Sie konnte sehen, dass er ihre Freundlichkeit nicht nachvollziehen konnte. Sie erkannte, dass dieses einfache Gebet ihm durch die Zeit im Gefängnis geholfen hatte, weil noch niemand es je für nötig befunden hatte, für ihn zu beten. Und dann, irgendwie, gelang es Jack, seine Maske wieder aufzusetzen. Er entzog ihr seinen Arm, stand auf, und ging hinüber zum Eingang der Höhle. Ana erhob sich ebenfalls und folgte ihm. Sie hatte noch niemals so viel Schmerz in einem Menschen gesehen. Jack stand, gegen die Felswand gelehnt, und starrte blicklos in den Sonnenaufgang, als Ana bei ihm ankam.
„Das hättest du nicht tun sollen," murmelte er mit flacher Stimme.
„Was hätte ich nicht tun sollen?"
„Für mich zu beten."
„Wieso nicht?"
Sein Gesichtsausdruck verhärtete sich. „Weil sich nur der Teufel um einen Piraten schert."
„Nun, bei den meisten Piraten würde ich zustimmen. Aber du bist nicht die meisten Piraten, Jack."
„Was macht dich da so sicher, Schätzchen?" knurrte er.
Es war der gefürchtete Captain Jack Sparrow, der nun mit ihr sprach. Er hatte den gleichen Tonfall aufgesetzt, wie an jenem Tag in ihrem Garten. Er hatte sie bedroht, hatte versucht, sie so sehr zu ängstigen, dass sie ihm ihr Geld überlassen würde. Doch dieses Mal, durchschaute die das Theater. Er war nicht der Mann, den die Stadtbewohner fürchteten. Er war kein kalter, gefühlloser Pirat, der sich nur fürs Plündern und Brandschatzen interessierte. Er war nicht dieser leicht verrückte, stets betrunkene Frauenheld. Er konnte es sein, wenn er es wollte, aber sie hatten den Mann gesehen, der sich hinter dieser Fassade verbarg.
„Ich bin sicher, weil ich es gesehen habe. Du versuchst vielleicht, es vor jedem zu verstecken, aber das kannst du nicht. Du hast dich gegen Cornado gestellt, als er seinen Sohn töten wollte. Du hast dich gegen ihn gestellt, als er mich bedroht hat. Warum sollte ein Pirat so etwas tun, Jack?"
„Ein Pirat würde alles tun, um zu bekommen, was er will, Liebes," spottete er, und ließ seine Augen hungrig über Anas Körper wandern.
Jack versuchte ihr Angst zu machen, und es funktionierte. Zuerst. Aber Ana begann zu verstehen, was er tat. Er war derjenige, der Angst hatte. Er hatte sie zu nah an sich heran gelassen.
„Hör' auf damit!" verlangte sie mit all der Autorität, die sie aufbringen konnte. „Wenn du so entschlossen bist, meiner Frage auszuweichen, werde ich sie für dich beantworten. Ich sage dir, warum ein Pirat all das tun würde. Du hast es getan, weil du nicht dieser böse Pirat bist, über den in den Geschichten erzählt wird."
„Bin ich nicht?"
„Nein. Jack Sparrow, so sehr du auch versuchst es zu verbergen, du bist ein guter Mann."
Das lüsterne Grinsen des Piraten begann zu verblassen.
„Ich weiß, dass du ein guter Mann bist, weil ich meine Zeit nicht mit einem typischen Piraten vergeudet hätte. Ich hätte dich ohne zu Zögern diesem ersten spanischen Soldaten ausgeliefert, der in mein Haus gekommen ist."
„Warum hast du das nicht?"
„Si, Señora," Ana wirbelte herum, und sah, wie Don Antonio mit gezogenem Schwert in den Höhleneingang trat. „warum habt Ihr das nicht?"
Vielen Dank für das Feedback. Ich freu mich immer wenn ich Kritik bekomme, aber ich möchte euch nochmal daran erinnern, dass dies hier eine Übersetzung ist. Tipp- und Satzbaufehler werde ich gern jederzeit korrigieren, aber den Inhalt der Story oder die Grundaussage der Sätze werde ich nicht ändern.
Über Reviews würde ich mich wieder sehr freuen.
Lg
RavannaVen
