Hallo ihr!
Ich bins mal wieder... ich muss mich mal wieder entschuldigen das ich so lange gebraucht habe... allerdings kann ich diesmal ein bisschen Schuld auf meine Beta Dia abschieben (ist natürlich nicht böse gemeint), aber sie hatte viel um die Ohren und ich habe es erstmal an Willow gegeben, die mir es dann gebetat hat und ich denke, sie hat einen guten Job gemacht...
Naja, eigentlich habe ich das Kap schon seit Februar fertig oder so, aber da es erst bei Dia und dann bei Willow war, hat das alles etwas länger gedauert!
Ich hoffe es gefällt euch, denn mit diesem Kap hatte ich mal wieder meine Schwierigkeiten... (wie auch mit dem nächsten 'seufz') es war schwer zu schreiben, da es ein Ron-Kapitel war und weil es einen Blick in die Vergangenheit gibt, der gar nicht mal so einfach war... Es beantwortet einige Fragen zu seiner Familie und zu ihm selbst und ich hoffe, euch gefällt es...
Ich muss zugeben, dass es mir schon sehr gefällt...
Aber jetzt wünsche ich euch viel Spaß!
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Kapitel 12 – Flüstern in der Nacht
Ron saß in der Klasse für Verteidigung gegen die dunklen Künste. Sein Blick war ins Leere gerichtet, während der ruppige Lehrer Moody seine altbekannte „Seid wachsam" – Rede abhielt. Er kannte sie schon in- und auswendig und war froh, dass der Lehrer entweder soviel Nachsicht besaß, um ihn in Ruhe zu lassen oder einfach nicht wachsam genug war, dass er merken würde, dass Ron mit den Gedanken ganz weit weg war.
Die Welt zog heute ohne ihn weiter, er hatte sich ausgekoppelt und war sich noch nicht mal bewusst, dass Harry neben ihm mal wieder annähernd gute Laune hatte, seitdem sie sich in dieser Welt aufhielten. Alles war ihm egal, noch nie hatte er sich so schlecht gefühlt wie jetzt und dabei wusste er genau, dass es nicht seine Welt war. Er wusste, wenn sie einen Weg zurück fanden, konnte er den ganzen Schrecken hinter sich lassen. Wenn sie einen finden würden.
Hoffentlich... Ich kann nicht mehr, ich will nicht mehr. Ich will nach Hause, ich will zu meiner Familie, ich will zu meiner Mum.
Er kam sich so schwach, so verdammt jung vor. Er war sich immer seiner Familie sicher, er wusste, er konnte sich immer auf sie verlassen. Wenn er Hilfe brauchte, war sie immer zur Stelle, egal ob es seine Eltern oder seine Geschwister waren. Doch jetzt und hier war er allein, einsam und spürte die Sehnsucht nach Hause, nach seiner Mutter, seinem Vater, seinen Brüdern und seiner Schwester mehr, als jemals zuvor.
Innerlich schwor er sich, seine Familie mehr zu schätzen, wenn er jemals den Weg zurück fand. Auch wenn sie kein Geld hatten, auch wenn alle seine Brüder besser waren als er, auch wenn sie ihn aufregten oder ärgerten. Er brauchte sie und zwar alle. Seinen rebellischen Bruder Bill, der ihn früher dafür triezte, sich nie gegen die Beschlüsse seiner Mutter aufzulehnen und der Nächte lang mit den Eltern diskutierte, um ihrer aller Rechte durchzuboxen. Seinen bodenständigen Bruder Charlie, der ihn früher immer auf den Schultern getragen hatte und ihn mit seinem lauten Lachen ansteckte, egal wie er sich gerade fühlte. Sein gewissenhafter Bruder Percy, der ihn schon früher zeigen wollte, wie er sein Zimmer aufzuräumen hatte und mit dem er immer Schach spielte. Sein verrückter Bruder George, der ihn schon immer mit der Angst vor Spinnen aufgezogen hatte und ihn immer auf seinen Besen reiten ließ, als er noch kleiner war. Sein spleeniger Bruder Fred, der der etwas ruhigere der Zwillinge war, wenn man sie näher kannte und mit ihm immer die Brote tauschte, wenn ihre Mum mal wieder den falschen Belag drauf gepackt hatte. Und seine katzige Schwester Ginny, mit der er sich immer verbündet hatte, wenn alle gegen sie waren und mit ihr die selbst gemachten Kekse aus der Plätzchendose ihrer Mutter stahlen.
Er vermisste sie so sehr und war sich erst jetzt bewusst geworden, dass sie nicht unsterblich waren, so wie er sich das komischerweise immer gedacht hatte. Er hätte nie gedacht, dass auch nur einer von ihnen in diesem Krieg hätte sterben können, dabei waren mindestens zwei seiner Brüder und seine Eltern in dem Phönixorden.
Was passiert wohl gerade zu Hause? Was ist mit mir? Liege ich bewusstlos in einem schwarzen Schrank oder hat der Ron dieser Welt meinen Platz eingenommen und freut sich jetzt, dass er seine Familie wieder hat? Werde ich sie ihm wieder nehmen, wenn ich zurück kehre? Alles wird gut, alles und jedes wird gut...
Da war sie wieder, die Stimme seiner Mutter, die ihn versuchte, zu beruhigen, aber anstatt dessen, legten sich kalte Fesseln aus Stahl um seine Eingeweide und drückten leicht zu. Er musste wieder an den Traum denken, den er heute Nacht hatte. Ron erinnerte sich nie an seine Träume, doch dieses Mal war der Traum so lebensecht, dass er sich sicher war, dass der Ron dieser Welt es wirklich erlebt haben musste.
Wieder spürte er die stählernen Fesseln, die seine Erinnerungen und seine Gedanken beherrschten. Kälte breitete sich in ihm aus und auf einmal verstand er, warum viele Menschen in dieser Welt so anders waren, als er oder Harry. Sie alle spürten diese Kälte, diese Hoffnungslosigkeit oder wie sie das auch nennen wollten. Er war gealtert, fühlte sich so unnatürlich erwachsen und doch so kindlich, dass er sich nichts sehnlicher wünschte, als daheim zu sein, bei seiner Mutter.
Er konnte diesen Traum nicht aus seinem Kopf kriegen, egal wie er es versuchte, keine Rachegedanken an Snape oder gute Erinnerungen an die Chudley Cannons hielten seine Gedanken davon ab, immer wieder an den dunklen Ort zu kriechen, wo er diesen Traum eingeschlossen hatte.
Traum:
Ein Geräusch machte ihn wach. Es war etwas, was Ron noch nie zuvor gehört hatte und somit hatte er Probleme, es richtig einzuordnen. Es war Gesang. Eindeutig Gesang, aber nicht das, was er so im Zaubererradio hörte oder das Gequietsche aus dem Bad, wenn Percy duschte. Nein, das hier war anders, es war tiefer, es war zeremonieller und unheilvoller und ließ seine Nackenhaare zu Berge stehen.
Ron hatte nur kurz Zeit sich in dem Zimmer umzuschauen und merkte schnell, dass er nicht mehr auf Hogwarts war. Es war wohl sein Zimmer zu Hause und doch nicht seins. Wie immer hingen hier überall Poster, Fähnchen und andere Andenken seiner Lieblingsquidditchmannschaft, den Chudley Cannons. Er lag eindeutig in seinem Bett und neben ihm, auf dem ihm vertrauten kleinen Tischchen, lag wie immer sein Zaubererstab, wenn er schlafen ging. Trotzdem war es nicht sein Zimmer, er kannte dieses Zimmer, es war im Fuchsbau, doch eigentlich gehörte es Ginny. Sein Zimmer lag noch etwas höher als dieses hier.
Nur zu leicht konnte er sich vorstellen, wie es aussah, wenn Ginny hier drin wohnen würde. Ihr Bett stand an der gleichen Wand nur nicht quer, sondern längs und darauf lag eine warme Steppdecke, die seine Mutter für sie gemacht hatte und viele verschiedene bunte Farben zeigte. Ihr Schreibtisch war immer der unordentlichste Platz in ihrem Zimmer und lag normalerweise genau gegenüber des Bettes, darüber hingen dutzende Poster von den Schicksalsschwestern und verschiedenen anderen Bands, die unter Zauberern sehr beliebt waren.
Er schüttelte diese Gedanken wieder ab und beschäftigte sich mit dem jetzigen Problem. Das Zimmer lag im Dunkeln und tiefste Nacht drang mit dem Gesang durch sein geöffnetes Fenster ein.
Was ist hier verdammt noch mal los!?
Ron wollte aufstehen und rausschauen, wollte nachsehen, wer seinen tiefen Schlaf gestört hatte, doch merkte er schnell, dass sein Körper ihm nicht gehorchen wollte. Wütend darüber, versuchte er sich weiter zu rühren, versuchte wenigstens zu zappeln oder irgendetwas zu bewegen, aber ohne Erfolg. Erschöpft ließen seine Versuche nach und leise schlüpften andere Gedanken in seinen Kopf, vertraute Gedanken und doch sehr fremde. Es waren seine Gedanken und doch nicht seine, die dickflüssig in seinen Geist tropften und immer stärker flossen.
Wie Ron fragte sich dieser, was denn überhaupt los sei und war sich unschlüssig darüber, ob er nachschauen sollte oder nicht. Ron wunderte sich nur kurz, was dem anderen Geist wohl soviel Angst machte, als fremde Bilder einer fremden Erinnerung in seinen Verstand drangen.
Er sah sich selbst vorm Fuchsbau mit seinen Eltern, seinen Brüdern Bill, Fred und George, die mit ihm zusammen draußen saßen und etwas aßen. Er sah sich beim Qudditchspiel mit den Zwillingen, während sein Vater und sein Bruder sich verabschiedeten, um zur Arbeit zu gehen. Er sah Anhänger des Phönixordens das Haus betreten, während er auf der Treppe saß und kurz danach von seiner Mutter auf sein Zimmer geschickt wurde.
Schritte, hastige Schritte, polterten über den Flur und stoppten vor seiner Tür. Seine Mutter stürmte rein und er setzte sich auf, um zu fragen, was denn los sei. Doch seine Mutter ließ ihn nicht fragen, sondern schnappte sich seinen Arm mit ungewohnter Stärke und zog ihn aus dem Bett und hinter sich her.
„Alles wird gut Ron, alles und jedes wird gut...", murmelte sie leicht abwesend vor sich hin, während er ihr jetzt freiwillig folgte.
Ihr Weg führte sie quer durch das Haus und endete draußen vor der Tür. Ron stockte kurz, als er die dunkel berobten Männer sah, die um eine Art Feuer standen und sangen. Seine Mutter zog ihn noch ein paar Meter heran und stellte sich dann hinter ihn.
Ron konnte seinen Augen nicht trauen, da standen mitten auf ihrem Grundstück ein Dutzend Todesser und führten ein Ritual oder ähnliches durch. Was hatte das zu bedeuten? Er schaute sich um, erblickte seine Zwillingsbrüder und runzelte die Stirn. Fred kniete auf dem Boden und George kniete auf den Waden seines Bruders und hielt seine Arme in einer Hand fest und in der anderen den Kopf.
Ohne darüber wirklich nachdenken zu können, spürte er einen dumpfen Schmerz in seinen Kniekehlen und ging zu Boden. Er spürte wie seine Mutter, wie auch George bei Fred, sich auf seine Waden kniete und seinen Oberkörper an den Haaren hoch zerrte. Mit ungeahnten Kräften schaffte sie es auch, seine Arme mit einer Hand fest zu halten und einen Arm um seinen Hals zu legen. Er konnte sich nicht mehr bewegen, einerseits war er viel zu geschockt, andererseits weil seine eigene Mutter ihn gefangen hielt.
„Alles wird gut, Ron. Alles und jedes wird gut", sprach sie leise in sein Ohr und er zuckte zusammen bei ihrer komischen Stimme, die ihm schrecklich-schöne Schauer schenkte.
Er versuchte sich frei zu kämpfen, irgendetwas war hier doch verkehrt und Ron merkte schnell, dass sich sein anderes Ich nur halbherzig wehrte und wieder geriet er in Rage.
Tu' was, verdammt! Beweg dich! Kämpf dich frei! Wieso tust du nicht endlich, was ich dir sage, mach endlich! Gib nicht einfach so auf!
Nur schwerlich konnte er sich beruhigen, aber es half alles nichts. Dieser Körper reagierte nicht auf ihn, egal wie wütend er war. Am Rand seiner Wahrnehmung flackerte eine Bewegung auf und Ron konnte seinen Vater und seinen Bruder Bill erkennen, die geschockt neben ihnen standen und anscheinend nicht wussten, was sie tun sollten.
„Willkommen", ertönte eine laute und Furcht einflößend geschmeidige Stimme aus der Richtung des Feuers. „Willkommen bei unserer heutigen Vorstellung und wie ich sehe, sind auch unsere Ehrengäste schon angekommen."
Die unpassenden Worte wurden mit einer eleganten Verbeugung des Sprechers unterstrichen. Ron spürte die Angst, die sich in seinen Kopf fraß und ihn von innen auszuhüllen versuchte. Er versuchte dagegen anzukämpfen, um einen klaren Kopf zu bewahren, es war schwer, aber er wollte sich seinem Schicksal nicht blind ergeben.
Am Rande seiner Wahrnehmung, sah er, wie sein ältester Bruder Bill und sein Vater wohl aus dem Haus kamen und ihnen diese lächerliche Verbeugung galt. Beide traten mit gezückten Zauberstäben vor sie und im Feuerschein konnte Ron ihre verschlossenen Gesichter sehen, die sich der Gefahr voll Unnachgiebigkeit und Trotz entgegen stellten.
Tausend Gefühle, seine eigenen und die des anderen Ron, strömten durch seine Gehirnwindungen. Er wollte mit ihnen kämpfen, Hilfe holen oder einfach nur weg laufen und nicht mehr zurück blicken. Er wollte sie anfeuern, sie um Hilfe anflehen oder ihnen einfach nur sagen, dass sie weglaufen sollten und nicht den Druck nachgaben, ihm zu helfen. Er wollte so vieles und alles gleichzeitig, aber letztlich tat er nichts. Die ungeahnte Kraft seiner Mutter und seine Angst lähmten seinen Körper und seinen Geist.
„Sie sind von ihrer Reise also wieder zurück, meine Herren? Das trifft sich gut." Er räusperte sich kurz, als wenn die nächsten Worte besondere Aufmerksamkeit verdienten. „Der Lord bedauert es sehr, aber Ihre Familie ist uns ein Dorn im Auge. Wir löschen nicht gerne eine reinblütige Familie aus, aber in ihrem Fall ist es untragbar für uns, Ihnen weiter zu gestatten, zu leben." Die Stimme des Mannes, der einen Schritt aus der Gruppe von dunklen Roben heraus trat, war leise, aber Ron konnte jedes Wort hören. Aus dem Augenwinkel betrachtete er Bill, der ihm am nächsten stand und sah in dem tanzenden Feuerschein die furchtlose Entschlossenheit. Doch seine Hand verstärkte den Griff um den Zauberstab, damit sie, das wusste Ron genau, nicht zitterte.
„Es sei denn, Sie wollen ihre Ansichten bezüglich meines Meisters ändern?"
„Niemals!", rief Rons Vater aus und Bill nickte, um sich dieser Aussage anzuschließen.
„Das ist wirklich untröstlich", meinte der Todesser. „Ihr seid Narren, aber nur Narren folgen einem noch größeren Narren. Der Lord hatte recht, wir werden euch umbringen müssen und mit dir", er zeigte auf Bill, „fangen wir an."
Ron stockte der Atem. Nicht seinen Bruder, nicht Bill. Sein Herz verkrampfte sich unwillkürlich und für einen Moment hatte er arge Schwierigkeiten zu atmen. Kurze Erinnerungen von den Beerdigungen seiner anderen Brüder, Percy und Charly, flackerten durch seinen Geist und der Schraubstock um seine Lunge verstärkte seinen Griff. Das durfte nicht passieren, nicht noch einmal.
Ein „Crucio" schallte durch die Nacht und Bill lag verkrümmt auf dem Boden und wandte sich in unsäglichen Schmerzen. Ron entkam ein panischer Schrei und dieser vermischte sich mit denen seines Bruders, sein Vater kniete sich neben Bill und hielt ihn in seinen Armen. Er wusste genau, wenn sein Vater jetzt zu vorschnell handelte, konnte das seine Familie auch nicht mehr retten. Geduld war das heimliche Schlüsselwort, auch wenn es ihm nicht schmeckte. Gefangen in den Armen seiner Mutter, konnte er sowieso nicht viel machen, so konnte er nur zuschauen und hoffen. Hoffen, dass alles schnell vorbei ging und er in der Lage war, danach weiter zu leben.
Sein Vater und sein ältester Bruder würden diese Nacht sterben, dass wusste er genau. Ändern konnte er nichts daran, aber in seinem Innern hatte er den Kampf noch nicht völlig aufgegeben, denn Hoffnung durfte man doch noch haben, oder etwa nicht?
„Lasst meinen Jungen in Ruhe! Nehmt mich dafür, ich werde alles tun, was ihr wollt, aber bitte lasst meine Familie gehen, sie stellen keine Gefahr für euch und dem Lord dar", bat sein Vater mit leicht bebender Stimme.
Lautes Lachen war seine Antwort und der Schmerzzauber wurde aufgehoben.
„Sie haben Recht, Ihr stellt für uns nicht die geringste Gefahr dar, aber wir müssen den anderen reinblütigen Familien und dem Rest der Welt demonstrieren, was mit denen passiert, die sich uns widersetzen. Das ist doch einleuchtend, nicht wahr?" Der Stimme war anzuhören, dass ihr Besitzer wahrscheinlich grinste und Ron wurde noch wütender, wenn er sich doch bloß bewegen könnte. Er würde ihm glatt eine reinhauen, egal ob er dafür mit seinem Leben bezahlen müsste.
Aber sein Körper bewegte sich nicht, nicht ein Stück. Wie konnte er nur so ruhig zuschauen? Heiße Wut durchströmte seinen Körper und sein Herz zitterte vor Hass. Er wollte helfen und er wusste, er konnte auch helfen, schließlich war er mit Harry oft in Situationen, die gefährlich waren. Aber dieser Körper gehorchte ihm nicht und war vor Angst erstarrt.
„Wen sollen wir als erstes nehmen? Den Vater oder den Sohn?", fragte ein besonders eifriger Todesser.
„Wir nehmen den Vater", war die Entscheidung des Oberhaupts. „Komm her, Weasley, oder wir zwingen dich dazu", zischte er dann an seinen Vater gewandt.
Sein Dad sandte Bill noch einen verheißungsvollen Blick zu und trat dann näher an den Kreis der wartenden Todesser. Sofort flankierten ihn zwei, zogen seine Arme auf den Rücken und führten ihn in den Kreis hinein.
„Alles wird gut, alles und jedes wird gut, Ron", hauchte seine Mutter in sein linkes Ohr und ihre Stimme zitterte ein wenig, aber ihr Griff blieb knallhart. Der vertraute und jetzt doch so fremde Spruch ließ ihn erzittern.
Wehr dich, Mum! Mach schon! Bitte, du kannst das doch nicht zulassen, bitte Mum! Lass es nicht zu, dass sie ihnen was antun, dass sie uns was antun... Bitte, Mum! Mach was!
Er wusste, dass seine verzweifelten Gedanken sie nicht erreichen würden, aber er war mit seinen Nerven am Ende. Er sah in das Gesicht seines Bruders Bill, der ihm aufmunternt zuzwinkerte und dann passierte alles wahnsinnig schnell.
Sein Vater schrie und Ron sah nur noch, wie ein Todesser auf den Boden stürzte. Bill drehte sich zu ihnen um und betäubte zuerst George, der seinen Bruder von hinten umschlang und dann seine Mutter. Ihr Körper fiel nach hinten weg und Ron drehte sich kurz zu ihr um und dann zu seinen Brüdern. Fred ergriff den Arm seines Zwillings und apparierte nach einigen Sekunden. Es war schon schwierig zu apparieren und dann noch mit jemandem im Schlepptau mitzunehmen, war sehr gewagt.
Ron erhaschte noch einen schnellen Blick auf den Kreis der Todesser, die in heller Aufregung anscheinend nicht wussten, was sie machen sollten und ihre Zauberstäbe zückten. Ein oder zwei Todesser wurden von einem Fluch von Bill oder seinem Vater getroffen, bevor sich sein ältester Bruder zu ihm umdrehte und schrie: „Lauf Ron, lauf! Du weißt, was du machen musst!"
Nein, er wusste es nicht, aber sein anderes Ich stürmte los. Er rannte um sein Leben, er rannte um das Leben seiner Familie und die schwere Angst lag auf seinen Schultern, ließ ihn langsamer werden. Sein Herz pumpte so schnell, dass er fast erstickte, weil nicht genügend Luft in den Lungen war, die durch den Körper geschickt werden konnte.
In der Tür des Hauses blieb er stehen und sah sich um. Hastig suchten seine Augen den Tumult ab, in dem sein Vater und Bill sein müssten. Es war das reinste Durcheinander, doch mittendrin konnte er seinen Vater auf dem Boden liegen sehen und sein Herz blieb stehen. Kalter Schweiß brach in Sekunden aus, zog sich über seinen Körper und Kälte träufelte in seine Venen.
Dann sah er Bill, der am Rande der Menge stand und scheinbar versuchte, die Todesser davon abzuhalten, Ron zu folgen. Hinter dem hohen ungemähten Gras suchte er Deckung und blickte ihn gehetzt an. Mit beiden Händen machte er eine Bewegung, die Ron zur Eile treiben sollte und zwinkerte ihm noch mal aufmuntert zu, bevor er aufstand und aus seiner Deckung sprang.
Die Zeit blieb stehen, als der grüne Blitz auf seinen Bruder zuschoss. Bilder der Vergangenheit fluteten seine schwirrenden Gedanken und wieder einmal weigerten sich seine Beine, weiter zu gehen. Er sah Bill, wie er ihn vor anderen verteidigte und wieder, wie er ihm auf die Beine, nach einem Sturz vom Besen, half. Bill, wie er lachend vor ihm saß und ihm die Haare durchwuselte und jetzt sah er Bill, wie er von einem grünen Blitz in die Brust getroffen wurde und einige Meter nach hinten geschleudert wurde.
Obwohl seine Umgebung und seine Gedanken so laut waren, konnte er in seinem Inneren etwas zerbrechen hören. Das Geräusch schmerzte und alles, was ihn mit Bill verband, verschwand und intensivierte sich zugleich und alles, was Bill für ihn bedeutete, verhärtete und löste sich zugleich und alles, was ihn an Bill erinnerte, paarte sich mit dem Vergessenen.
Der Moment schien endlos.
Ein Fluch, der das Holz vor seinen Füßen splittern ließ, weckte ihn aus seiner panischen Starre und trieb seine Beine nach hinten. Aber er wollte nicht gehen. Er wollte seinen Bruder und seinen Vater nicht alleine lassen, wollte sehen, was mit ihnen passierte und eine leise Hoffnung, dass beide wieder aufstehen würden, ließ ihn weiterhin dort stehen. Aber ein weiterer Fluch, der nun kurz über seinen Haarschopf den Türstock demolierte, ließ den Lebenswillen in ihm wieder erwachen und schnell drehte er sich um, um endlich ins Haus zu laufen.
Er musste Hilfe holen, musste die anderen benachrichtigen. Die schwache Hoffnung flüsterte, dass sie, wer immer das auch sein mochte, seinen Vater und seinen Bruder retten konnten. Er stellte sich nur kurz vor, wie sie wieder aufstanden und sie zusammen über seine Angst lachen würden. Beide durch seine Haare wuselten und ihn einen dummen Angsthasen nannten.
Hoffentlich...
Ron hastete durch das Haus und auch wenn er nicht wusste, was genau sein anderes Ich suchte, so feuerte er ihn mit seiner ganzen Leidenschaft an. Schwer atmend stürzte er durch das Wohnzimmer zur Küche und neben dem Türbogen fand er anscheinend das, was er gesucht hatte. Auf der Wand war ein Bild eines wunderschönen Phönix, der aus den Flammen stieg und sich in die Lüfte schwang.
Fremde Erinnerungen stiegen vor seinen Augen auf und zeigten seine Eltern, die ihm erklärten, dass nur Familienmitglieder das Notsignal an den Orden schicken konnten. Er sah in seinen Gedanken, wie sein Vater die Bewegung vormachte, die das rettende Signal an die richtigen Leute schickte und machte sie nach. Seine Hand glitt automatisch durch die Illusion, die über dem Schweif des Vogels lag und zog an der längsten Schwanzfeder.
Sofort ging ein leuchtend heller Gesang durch das Haus und rote Flammen sprühten aus dem Gemälde. Es wäre wunderschön gewesen, wenn Ron nicht so in Panik und Eile weiter flüchten musste. Er kauerte sich unter dem Bild an der Wand und wartete auf die Dinge, die da kommen mochten. Der Phönix war verschwunden und ohne ihn und seinen Zauberstab, der immer noch neben seinem Bett lag, fühlte er sich sehr allein.
Er hoffte, dass die Todesser nicht ins Haus gelangen konnten und lauschte gespannt in die Stille. Aber neben seinem eigenen Atem und schnellen Herzschlag, konnte er nichts weiter hören. Er wollte schon aufstehen, bis er merkte, dass es ja nicht sein eigener Körper war, den er momentan bewohnte.
Doch dann hörte er Geräusche von draußen. Es waren Gespräche von mehreren Menschen, die darüber diskutierten, wer das Haus wie zu stürmen hatte. Sie waren sich zu siegessicher, als dass sie Ron wirklich als Gefahr einschätzten und er wusste auch nicht genau, ob die Männer den Gesang des Phönix wirklich gehört hatten oder nicht.
Geschockt, dass sie wirklich das Haus betreten wollten, um womöglich auch noch ihn zu suchen, krabbelte er über den Küchenboden wieder schnell in den Flur, der zur Treppe führte. Sein Verstand spielte ihm Bilder vor, die ihm zeigten, was so viele Todesser mit ihm machen würden, wenn sie ihn schnappten. Langsam und versuchend jede Stufe, die knarrte, zu umgehen, stieg er die Treppen rauf. Sein Herz pumpte so viel Blut durch die Adern, dass er den Eindruck hatte, nur noch sein Herz zu hören. Immer wieder blieb er an der Wand gepresst stehen und horchte in die Dunkelheit.
Das Klirren von Fenstern aus dem unteren Geschoss und das Splittern von Holz waren zu hören und in Todesangst versuchte er weiter zu schleichen. Ron musste sich immer daran erinnern, nicht vor Angst schneller zu werden, denn wenn er schneller wurde, wurde er lauter. So schlich er sich immer höher, bis er in das Zimmer gelangte, dass er in seiner Welt bewohnte.
Es war so was wie ein Speicher und vollgestellt mit Krempeln, den die Familie Weasley anscheinend nicht mehr gebrauchte. Altes Spielzeug, veraltete Möbel, verschlissene Babysachen und Krimskrams. Der Raum war sehr voll und Ron musste in seiner Hast viele Sachen umgehen. Sein Atem stockte, als er ein großes Tablett mit alten Steckschlüsseln, die sein Vater sammelte, umwarf und sie sich scheppernd auf dem Holzboden verteilten.
Er guckte sich schnell um, als ob die Todesser schon so hoch gekommen wären und versuchte auszumachen, wo die Fremden in diesem Augenblick wohl waren und ob sie ihn gehört hatten.
Stille.
Er konnte sich nicht mehr bewegen. Die Gefahr, dass er sich durch einen falschen Tritt offenbarte, war ihm zu groß. Atmen konnte er auch nicht, denn auch das würden sie bestimmt hören. Überleben, weiter atmen und die Angst nicht über seinen Verstand triumphieren lassen, das war jetzt das Wichtigste.
Die Stille erdrückte ihn. Quetschte seine Innereien zu einem sich windenden Haufen und trieb ihm den Angstschweiß in jede Pore seines bebenden Körpers. Aber er versuchte, einen klaren Kopf zu behalten, er durfte jetzt nicht verzagen.
Plötzlich hörte er polternde Schritte die Treppe hinauf stürmen und sein Körper reagierte geistesgegenwärtig, indem er sich duckte. Wieder auf allen Vieren, krauchte er zu einem großen alten Schrank, der am Ende des Zimmers aufgestellt war und hockte sich darein dort hinein? Die Tür wurde aufgetreten und krachte an die Sachen, dir ihr im Weg standen.
Wieder hielt er seinem Atem an und horchte in die Dunkelheit. Leise Schritte waren zu hören, die den Boden knarren ließen. Er hoffte, dass sein Herz nicht so laut schlug, wie es für ihn den Anschein hatte.
Noch nie in seinem ganzen aufregenden Leben, hatte er so viel Angst wie in diesem Schrank, auch wenn es nicht wirklich seine eigenen Erlebnisse waren. Als die Schritte immer näher kamen, schloss er schon mit seinem Leben und der Welt ab und der Horizont seiner Hoffnung, und somit das Ende, war schon bedrohlich näher gerückt.
Er wollte nicht sterben. Er war noch zu jung zum Sterben. Er hatte doch noch soviel vor in seinem Leben. Es konnte noch nicht vorbei sein. Er wollte im Qudditchteam der Schule spielen, seine Prüfungen machen, ein nettes Mädchen finden und irgendwann Karriere machen. Vielleicht auch irgendwann mal viele Kinder oder viele Haustiere oder beides, aber er wollte nicht hier sterben, nicht so. Wenn er sterben würde, dann in einem Kampf oder nach einem ausgefüllten Leben im hohen Alter. Doch jetzt hatte er niemals die Chance, irgendetwas zu erreichen.
Doch die zweite, ältere Persönlichkeit von Ron Weasley sah das etwas anders. Mit den Gefühlen der Angst und der Aufgabe, mischten sich nun die Wut und der Hass. Doch sie blieben ungehört, ein Umstand, den Ron fast vor Zorn erblinden ließ. Er hasste es, gefangen zu sein und diesen Gedanken zu lauschen, die einem Angsthasen gehörten und nicht dem Ronald Weasley, der er war. So durfte er nicht sein, so würde er nur irgendwann sterben ohne je wirklich an seinem Leben teilgenommen zu haben. Würde aufhören zu existieren ohne wirklich gelebt oder geliebt zu haben, denn für alles musste man Risiken eingehen. Er konnte diese Gedanken nicht weiter ertragen und wünschte sich nichts sehnlicher, als endlich aus diesem Albtraum zu erwachen.
Doch dann hörte er das Geräusch von mehreren Apparationen und auf einmal schien wieder alles ganz schnell zu gehen. Die Zeit hatte wieder angefangen normal zu laufen, oder sogar schneller. Denn als nächstes hörte er viele aufgeregte Stimmen, die die Nacht durchzogen wie die Schreie von Möwen an einen einsamen Strand.
Der Eindringling blieb zuerst ganz still bis er schnellen und lauten Schrittes den Dachboden wieder verließ. Ron spitzte die Ohren und versuchte angestrengt nach den Geschehnissen zu lauschen, aber sein Herz trieb das Blut so schnell durch die Adern, dass er nur ein Rauschen in seinen Ohren wahrnahm, wie ein kaputtes Radio. Ron versuchte mit seiner letzten mentalen Kraft, seinem Körper zu befehlen, sich endlich aufzuraffen und wenigstens nach draußen zu gehen, damit er erfuhr, was vor sich ging. Und nach unendlich langer Zeit, so fühlte es sich zumindest an, stand der Körper wirklich und wahrhaftig auf, um aus dem runden, kleinen Fenster nach draußen zu spähen.
Doch zu seiner großen Enttäuschung, konnte er nicht viel erkennen. Der Himmel wurde von großen, schweren Wolken verdeckt und nur selten drang kaltes Mondlicht auf die wuselnde Menschenmenge auf den Erdboden. Alle Leute hatten dunkle Roben an und das Feuer des großen Pentagramms erlosch langsam. Die Dunkelheit legte sich gnadenlos über die Kämpfer und verbarg den Schrecken in einem dunkelblauen Umhang. Und wieder einmal schien der Körper jegliche Bewegungen einzustellen und nach innen zu lauschen, bis der Verstand beratschlagt hatte, was als nächstes passieren musste.
Derweil schaute er gebannt auf die vielfarbigen Lichtstrahle, die in der Nacht etwas sehr Schönes an sich hatten, wenn er nicht ihre Bedeutung gekannt hätte. Der Entwaffnungszauber hatte ein ätherisches, leuchtend helles Blau, der Schockzauber ein sattes Rot und der Todeszauber die schlichte Farbe von Grün. Gewisse Schmerzzauber waren purpurn oder von dunklem Violett. Die Sachen, die jeder schon von den kleinen Duellen auf der Schule her kannte, wie der Wabbelbeinfuch „Tarangatella" oder der Kitzelfluch „Rictumsempra", hatten so etwas wie ein fröhliches Gelb oder ein verspieltes Orange. Doch diese Farben kamen definitiv in diesem Duell zu kurz.
Mit jeder Minute, die er gebannt an diesem Fenster stand, verebbten die vielen Lichtstrahlen, bis nur noch sehr wenige die Dunkelheit durchbrachen. Der Lärm, hervorgerufen durch Schreie und kleine Explosionen, erlosch wie ein Teelicht, langsam aber stetig. Seine Lungen füllten sich ein letztes Mal mit viel Luft, das Dröhnen seines Herzschlages füllte ein letztes Mal seinen Gehörsinn, bis er es abschaltete und seine Füße sich zur Tür bewegten. Schneller als er gedacht hatte, war er unten angelangt. Das Haus sah aus wie nach einer wilden Party. Bewusstlose und zerbrochene Gegenstände lagen auf dem Boden und hier und da konnte er leises Schmerzstöhnen hören. Er beachtete es nicht weiter, er musste sehen, wo der Rest seiner Familie abgeblieben war.
Kälte begrüßte ihn wie eine alte Bekannte und badete sein Gesicht und seinen Körper. Der Boden sah verwüstet aus. Leichte Rauchschwaden zogen mit dem Wind, die hohen Gräser waren platt getrampelt worden und die Erde wies kleine und große Einschlaglöcher auf. So viele Leute waren auf seinem Grundstück. Manche waren sehr beschäftigt, andere wiederum starrten ihn unverhohlen an. Aber Ron kümmerte sich nicht um sie, sondern sah nur auf die Leiche seines Bruders. Seine Beine trieben ihn dort hin, wo er lag, wie ein Lemming über die verheißungsvolle Klippe.
Kniend saß er vor Bill, neben ihm lag der starre Körper ihres Vaters, und stierte auf ihn herab. Alle Leichen lagen in einer Reihe und schauten mit geschlossenen Augen dem Himmel entgegen. Er konnte es nicht glauben und nur langsam sickerte die Nachricht von dem Tod der beiden durch sein Gehirn. Nur langsam wurde er sich gewahr, dass er nur noch drei lebende Angehörige hatte. Alle anderen waren tot.
Mit einem Mal bemerkte er seinen pulsierenden Herzschlag, seinen schnellen Atem, der im kühlen Morgengrauen Wölkchenweise aus seinem Mund entwich und die eigene körperliche Wärme, die ihn so voller Leben umhüllte. Sein Geist, sein Verstand, seine Vernunft, das alles wollte seine übermannten Gefühle erinnern, dass er noch lebte. Er atmete, er weinte, er fühlte. All das schien ihm nicht mehr so verständlich wie noch vor ein paar Stunden und jedes Luftholen, jedes Auffüllen seiner Lunge mit frischem Morgenduft, schien noch nie so wichtig und nötig zu sein, wie an diesem Tagesanbruch.
Der Schock traf Ron tief im Kern seines Herzens und das erste Mal konnte er sich mit seinem Abbild identifizieren. Das erste Mal konnte er die Angstgefühle und die Hoffnungslosigkeit verstehen, dachte die gleichen Gedanken wie der für ihn so fremde Ron und war doch verdammt froh darüber, dass er genau wusste, wenn er jemals wieder nach Hause fand, dort seine Familie wieder sehen würde und zwar vollständig.
Er hob den Oberkörper seines Bruders auf seinen Schoß und schlang die Arme um seine Schultern, schmiegte sich an den schon etwas kühlen Körper.
Sind Tote immer so schwer?
Die bizarrsten Gedanken und Erinnerungen schwemmten sein Gehirn wie einen Schwamm auf. Begebenheiten, wovon er dachte, er hätte sie schon längst vergessen, tauchten plötzlich in seinen Gedanken auf und bohrten noch tiefere Wunden in seine Seele, weil es meist fröhliche Bilder seiner glücklichen Familie waren.
Mit diesen Gedanken war er heute Morgen Schweiß gebadet aufgewacht. Der Horizont begrüßte gerade die ersten Sonnenstrahlen und war noch mehr schwarz als blau, da saß Ron in seinem durchwühlten Bett und versuchte die schrillen Gedanken aus seinem Gehirn zu vertreiben.
Und jetzt saß er hier, in dem Unterricht der in dieser Wirklichkeit wohl der wichtigste überhaupt war und wurde die furchtbaren Gedanken und Bilder einfach nicht mehr los. Jedes Mal, wenn er seine Augen schloss, sah er in die Augen seiner Mutter. Sah seine Zwillingsbrüder apparieren. Sah seinen Vater tapfer zu den Todessern schreiten und sah seinen Bruder fallen. Er wusste, er würde diese Bilder sein Leben lang in seinem Kopf behalten und in schlechten Nächten von ihnen träumen.
Er schüttelte sich kurz und heftig. Er konnte, wollte jetzt nicht daran denken.
Ich muss die Hoffnung behalten. Hoffnung… das ist jetzt das Wichtigste. Wir werden hier wieder raus kommen. Ich werde wieder mein altes Leben leben und das hier so gut es geht wieder vergessen. Ich werde das schaffen… Alles wird gut, Ron, alles und jedes wird gut…
Bei den altbekannten Worten seiner Mutter zuckte Ron kurz zusammen. Sie geisterten ihm immer wieder im Kopf herum, aber noch nie waren diese Worte so schmerzlich, so mit schlechten Erinnerungen verknüpft. Sie spendeten ihm eigentlich immer Trost und Hoffnung, aber seit dem Traum, musste er immer an diese belegte Stimme seiner Mutter denken. Sie klang da so anders und Ron fragte sich, ob seine Mutter wegen des Imperius so fremd klang oder ob sie in dieser Dimension so anders klang. Er würde es wahrscheinlich nie herausfinden, aber er wusste nicht, ob er dies gut oder schlecht finden würde.
Das Tor kann ja wohl nicht so weit sein… Irgendwo hier im Schloss… und so ein Tor muss doch leicht zu finden sein… so groß ist das Schloss doch auch wieder nicht…
Die Worte schenkten ihm zwar nicht den Mut, den er haben wollte, aber es war besser als nichts.
Der Unterricht ging an ihm vorbei, ohne dass er nur ein Wort wirklich gehört hatte und Harry stupste ihn an, als bereits alle anderen ihre Sachen packten. Mit einer leichten Apathie räumte er seine Sachen gedankenlos in seine Tasche und folgte Harry einfach der Flut entlang ohne zu wissen, wohin sie denn gingen.
Heute würden sie anfangen zu suchen. Heute würden sie es tun und noch bevor der Nibbler Gold finden konnte, würden sie es finden.
Hoffentlich…
Sie hatten sich verabredet. Der Unterricht bei Moody war im vierten Stock und sie wollten sich mit Malfoy auf dem Weg zur Bibliothek im zweiten Stock treffen, die wiederum im Nord-Ost-Flügel lag.
Still ging er neben Harry her und überließ ihm die Führung. Ron war zu sehr damit beschäftigt, seine Fußspitzen zu begutachten und seine Gedanken zu sortieren, was angesichts dieses Chaos fast unmöglich schien.
Unbemerkt hatte sich Malfoy dann neben sie gesellt. Er und… Hermine, er konnte es kaum fassen, dass er das jemals so sagen würde… schienen auch nicht bester Dinge zu sein.
Das Gesicht des Slytherins war mit schwarzen Rändern unter den Augen geschmückt und er kaute sich andauernd auf den Lippen herum. Genau das machte Hermine auch immer, wenn sie tief in ernsten Gedanken steckte und versuchte, eine Lösung zu finden. Es war wohl doch etwas Ernsteres passiert. Aber Ron wollte davon jetzt nichts wissen. Er wollte einfach nur nach diesem dämlichen Tor suchen und schnell wieder von hier verschwinden. Aus dieser Hölle einfach nur verschwinden, diese Erinnerungen verstecken und nie wieder darüber nachdenken.
Außerdem hatte er Besseres zu tun, als sich ausgerechnet mit dem Slytherin herum zu schlagen, der einfach nur der größte Abschaum der Welt war. Auch wenn Hermine ihm etwas Menschliches verlieh, hatte Ron seine Meinung nicht über diesen reichen Schnösel geändert. Er wusste, wenn Malfoy nur eine Chance bekommen würde, ihnen in den Rücken zu fallen, ohne sich selbst zu schaden, dann würde er es mit aller Sicherheit auch tun. Keinen Pfifferling war ihm ihre gemeinsame Notsituation wert und er wartete doch nur bis er ihnen hinterrücks große Probleme bereiten konnte. In dieser Hinsicht war Ron froh darüber, dass Hermine in diesem Körper steckte, da Malfoy sich ja sonst selbst in die Pfanne hauen würde.
Ron spürte, wie sehr er sich in diese Gedanken hinein steigerte. Sein Blick rutschte immer wieder zu der blonden Gestalt neben Harry.
Er versuchte, seine Wut wieder unter Kontrolle zu bringen, denn das war das Letzte, was sie jetzt gebrauchen können. Er hörte Hermines Stimme, die ihn sonst immer daran erinnerte, nicht so ein Hitzkopf zu sein, besser erst nachzudenken und nicht gleich zu reagieren. Aber diese Stimme verblasste immer mehr.
Nein, du darfst jetzt nicht ausrasten!... Nicht hier und nicht jetzt!... Du musst jetzt einen kühlen Kopf bewahren… Nur dann kannst du am besten denken!!!... KühlerKopfKühlerKopfKühlerKopfKühlerKopf…
Er stellte sich eine Wiese mit Blumen und einem ruhigen Fluss vor. Die Sonne schien und der Wind war warm und angenehm. Er atmete tief durch und konnte die frische Brise riechen, die in seine Nase kletterte. Die leichte Musik der Natur, Wasser rauschen, Wind brausen, Insekten schwirren, umspielte seine bösen Gedanken und…
„Hey Harry!", hallte eine hohe Frauenstimme durch die Halle und durch Rons kleine Meditation. Nur kurz ärgerte er sich. Jetzt kurz vor seiner Lieblingsstelle, in der Snape als Blumenmädchen gekleidet, durch das Gras hüpfte und ein Liedchen summte. Das heiterte ihn am meisten auf, weil es einfach zum Totlachen war. Natürlich verriet er das keinem, er wollte ja nicht im St. Mungos landen.
Ron sah irritiert von seinen Schuhen auf und schaute sich in der Eingangshalle um. Sie waren also schon hier und er hatte nichts davon mitbekommen.
Da war sie wieder. Das geheimnisvolle Mädchen namens Phina und ein Schlepptau ihrer Freunde. Ihre strahlenden Augen wandten sich zu ihm und mit einem Nicken grüßte sie ihn mit dem knappen aber freundlichen Wort: „Ron."
Er merkte, wie Harry sich ein wenig neben ihn anspannte. Merkte, wie Malfoy sich langsam hinter sie schob, damit das Augenmerk auf ihnen lag. Merkte, wie seine eigenen Gedanken schon jetzt versuchten, sich Antworten zurecht zu legen.
Ron ließ seinen Blick kurz über ihre Freunde schweifen. Natürlich waren sie alle Angehörige des weiblichen Geschlechts und sahen nicht viel älter als er aus. Aber da er sie eigentlich nicht kannte, vermutete er, dass sie alle aus der Stufe unter ihm kamen. Die Gesichter waren alle unterschiedlich, dennoch lag der gleiche Blick in ihren Augen. Ein Ausdruck der Bewunderung.
So, als wenn es etwas Besonderes war, ausgerechnet mit Ron Weasley und Harry Potter zu sprechen oder in ihrem Fall zu zuhören, denn Phina war schließlich diejenige, die sprach. Ron kannte diesen Ausdruck, aber er hatte ihn nie so sehr gespürt wie jetzt. Er hatte das Gefühl, mehr im Mittelpunkt zu stehen als zuvor. Aber irgendwie bedrückte es ihn auch.
Warum wurde er denn so angesehen? War er ein Held oder was? Lag es an seiner toten Familie oder weil er den Todessern begegnet war und immer noch lebte?
Vielleicht bin ich hier auch ein total guter Quidditch-Spieler? Oder ein guter Schüler? Oder die Mädchen haben hier einfach einen guten Geschmack, was Jungs wie mich angeht?
Er ließ seinen Blick erneut schweifen, aber keiner seiner Gedanken schien zu passen. Schon so oft hatte er von solchen Blicken geträumt, hatte sie sich gewünscht, hatte sogar schon einen ziemlich peinlichen Streit mit seinem besten Freund darüber geführt, aber er hatte sich das immer anders vorgestellt. Irgendwie fühlte er sich in seinen Träumereien immer bedeutsam und wichtig, nicht so… er konnte es kaum beschreiben…
Nicht so heuchlerisch, stimmt's Ron? Für's Nichts tun?, wirst du jetzt beachtet… du hast nichts getan, gar nichts. Und doch… Guck sie dir doch an, diese Mädchen, diese Gören… Du wolltest schon immer besser als ich sein, besser als Charlie oder Percy sein… Und jetzt, wo du die Möglichkeit hast, weil keiner von uns überlebt hat, kneifst du den Schwanz ein… Jetzt, wo der Weg frei ist. Du hast dir doch schon immer gewünscht, Einzelkind zu sein, wieso kannst du es denn nicht genießen?
Ron fühlte, wie jedes Blut aus seinen Gesichtsadern floss und in seine Magengegend rutschte. Der riesige Blutklumpen drohte zu platzen, so sehr versuchten seine Eingeweide sich aus seinem harten Griff zu winden.
Warum hast du mir nicht geholfen? Warum hast du Dad nicht geholfen? Wegen dir sind wir gestorben. Um dich zu beschützen. Und womit dankst du es uns? Du wolltest Einzelkind sein und uns alle verschwinden lassen, damit du auch mal im Mittelpunkt stehst… Erstick dran, Brüderchen, denn das ist es, was du verdient hast… Wie sagt man so schön? Wenn die Götter dich bestrafen wollen, machen sie alle deine Wünsche war. Hoffentlich kannst du damit leben…
Die Stimme seines ältesten Bruders Bill ebbte langsam aus seinem Geist und ließ ihn zitternd und bebend zurück. War er wirklich schuld an dem Tod seiner Brüder?
Nein! Ich bin nicht daran schuld. Es ist der Krieg. Es sind die Todesser. Es ist Voldemort! Aber nicht ich! Das hier ist noch nicht mal meine Welt… Ich konnte doch nichts tun…
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Und wenn doch? Du hättest sie vielleicht aufhalten können… Du hättest eher Hilfe holen können… Du hättest für sie sterben sollen!
Die Welt um ihn herum geriet ins Schwanken. Schwarze und weiße Muster tanzten vor seinen Augen, doch er blieb stehen. Dagegen ankämpfend schüttelte er immer wieder leicht den Kopf, um die ungebetenen Gäste aus seinen Gedanken zu verscheuchen.
Nein! Nein, ich habe keine Schuld. Ich wollte das nie… Ich würde mein Leben sofort für nur einen von euch eintauschen. Ich würde alles dafür geben, um nur einen von euch zu retten. Ich bin nicht schuld, ich war nie schuld.
Seine Zähne fest zusammen beißend und die Augen schließend, schaffte er es, die Ruhe zu bewahren und die Welt wieder ins richtige Lot zu rücken. So schnell würde er nicht aufgeben. So schnell würde er sich von seinen dunklen Gedanken nicht unterkriegen lassen. Nicht er. Nicht Ron Weasley. Es wurde langsam Zeit, diese Welt hinter sich zu lassen. Und noch mehr denn je war er entschlossen, dieses Tor zu suchen.
Schließlich war er ein Weasley.
Und Weasleys waren dickköpfig und stur!
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So, ich hoffe das Warten hat sich gelohnt!?
Hier noch mal ein fettes Dankeschön an diejenigen, die mir so nette Kommentare geschrieben haben und ich hoffe mehr von euch zu lesen...Tanya C. Silver (ich weiß, ich brauche immer echt lange, aber ich schreibe weiter, wie du siehst! Aber ich dankedankedanke dir für diese vielenvielenvielen tollen Kommentare, ich habe mich sehr darüber gefreut und sie haben mir auch echt geholfen weiter zu schreiben, so konnte ich sehen, wie weit sie verstanden wurde und ob ich zu verwirrend schreibe, aber es geht anscheinend ganz gut, was? Danke dir!), Kotomi (danke dir!), Gwendolyne (ich frage mich, ob ich trotzdem ein kleines Rev kriege, obwohl du so im Streß bist? Wann haste mal wieder Zeit?)
