Ein Strolch zum Verlieben

Fanfiction von Slytherene

Liebe Lesende!

Huhu, da ist sie, die Fortsetzung für Gründonnerstag! Und weil es Nachfragen gab: Dieses ist ein AU, das nichts mit meinen bisherigen Fanfictions zu tun hat und völlig losgelöst zwischen bunten Ostereiern im Frühlingswind an einer jungen Birke schaukelt…äh, ja.

Ich danke Euch sehr für die ersten Reviews, die ich vorhin glücklich abgeholt habe und hoffe, Euch in der Folge zu erheitern und zu erschauern – kurz: zu unterhalten.


2. Minister und Vampire

Es gab dort im Westend eine Passage an einer der weniger edlen Einkaufsstraßen, an deren Rand ein Arkadengang an einen Friedhof grenzte. Die meisten Geschäfte waren klein und schäbig, und er hatte schon ein paar Mal dort geschlafen. Es war trocken und man hatte ihn nie fortgejagt. Es war noch fast hell, als sie dort eintrafen. Remus ließ sich auf den Boden nieder und lehnte sich gegen die hinterste der Säulen, die die Rundbögen der Arkaden stützten. Er wollte weder im Weg hocken noch auffallen, so war es am Wahrscheinlichsten, keinen Ärger zu provozieren. Sein Blick glitt von dem indischen Take-Away gegenüber zu dem Textildiscounter daneben und dem kleinen Teegeschäft dahinter, dass eigentlich kein Teegeschäft war, sondern ein ‚Dritte-Welt-Laden'. Wie Remus nur zu gut wusste, konnte man dort jeden Tag frischen ‚Tee des Tages' bekommen, was ihn, als seine Kleidung es noch erlaubte ohne größeres Aufsehen zu erregen, oftmals in das kleine Geschäft hinein gezogen hatte. Die Verkäuferin kannte ihn schon bald; natürlich wusste sie, dass er nichts kaufen würde, doch stets erwiderte sie seine höfliche Begrüßung mit der gleichen Freundlichkeit, dem gleichen Lächeln. Ohne Hast, doch mit gesenkten Augen, hatte er sich stets einen Tee mit viel Zucker bereitet, so süß, wie es gerade auszuhalten war, denn der Energieschub musste eine Weile vorhalten – was er doch nie tat.

An die feinen, dunklen Schokoladen im Regal, „Fair Trade" aus Peru oder Kenia, hatte Remus nie auch nur einen Gedanken verschwendet. Sie waren weit außerhalb seiner Reichweite und es war besser, nicht darüber nachzudenken, wie auch nur ein einziges Stück seinen säuerlich-aromatischen Geschmack auf seiner Zunge verteilen würde, wie der Duft der Röstung der Kakaobohne durchschmecken würde, man ihn riechen könnte... Nein, besser nicht über etwas Unerreichbares nachdenken, besser nicht bedauern, besser nicht.
Irgendwann, als der Blick der Menschen, oder vielmehr die Verachtung, die darin lag, ihm jeden Tag ein kleines Stück mehr seiner Identität zu rauben schien, beschloss er, keinen Tee mehr in dem kleinen Laden zu trinken. Er wollte nicht Schuld sein, wenn dem kleinen Geschäft am Ende seinetwegen die Kunden ausgingen.

Das Klackern einiger Münzen in Strolchs gelben Plastiknapf ließ Remus aufblicken. Eine indische Frau hatte ein paar Pence hinein geworfen und strebte nun eilig einen kleinen Jungen hinterdrein ziehend davon.

„Heiliger Merlin, ich bin ein Bettler", konstatierte Remus bitter, langte aber dennoch nach der kupfern schimmernden Münze und drehte sie vor dem Gesicht.
„Schau mal, Strolch, zehn Prozent einer kleinen Schale Hundefutter aus der Drogeriekette da hinten, vielleicht auch einer Packung dieser kleinen roten Ringe Trockenfutter, das reicht länger. Verschachern wir weiter unsere Würde?" Strolch bellte zustimmend und rollte sich dann auf Remus Umhang zusammen.

„Ich glaube, wir müssen weiter nach vorne, wenn wir eine ganze Packung Futter zusammen bekommen wollen", flüsterte Remus, und seine Stimme zitterte. Er redete sich ein, das Zittern komme von der heraufziehenden Kälte, der Hund sprang auf und hockte sich seitlich auf das Pflaster, gut sichtbar für die vom Friedhof in die kleine Einkaufsstraße Hastenden, aber nicht aufdringlich mitten in deren Weg.
„Du scheinst da über Erfahrung zu verfügen", sagte Remus und gesellte sich, das Gesicht dunkelrot vor Scham, zu dem kleinen Hund, der sich selbstbewusst und die Vorbeigehenden anwedelnd in Positur setzte.

‚Es sind alles nur Menschen, die dich nicht kennen', sagte Remus zu sich selbst. ‚Eine anonyme Veranstaltung, damit Strolch etwas zu beißen bekommt; ich kann morgen etwas anderes tun und es vergessen' beruhigte er sich. Aber er wusste, er würde es nie vergessen.

Eine halbe Stunde später wusste er, dass er es wieder tun würde. Der gelbe Napf hatte sich erstaunlich schnell mit Pennys und Guineen gefüllt, auch ein paar 50-Pence-Stücke waren darunter, und das, was in Remus Tasche klimperte, würde ihn und Strolch zwei Tage lang ernähren. Gut ernähren, denn es würde außer für Hundefutter noch für Orangen und Brot reichen.

Gerade als Remus den Entschluss fasste, sich wieder hinter den Arkadenbogen zurück zu ziehen, um dann im Drogeriestore etwas einzukaufen, geschah es. Vor ihm tauchten glänzende schwarze Stiefel auf, und ein paar bronzene Münzen fielen in die Schüssel – keine Pennys, sondern Knuts.

„Sieh an, Professor Lupin", schnarrte eine nur zu bekannte Stimme, und als sich der silberne Knauf eines langen Gehstocks unter sein Kinn schob und ihn zwang aufzublicken, wusste Remus bereits, wessen kalte graue Augen ihn erwarten würden. Vor ihm stand Lucius Malfoy, der designierte Zaubereiminister, gekleidet in einen teuren Designeranzug – Muggelmode. Das lange weißblonde Haar hatte der Zauberer zu einem Zopf zusammengefasst und er trug einen zweifellos teuren Hut, sein Stab verbarg sich wie üblich in dem Gehstock.

Remus versuchte den Stock wegzuschlagen, denn das Silber begann, seine Haut am Kinn zu verbrennen, doch Malfoy musste bereits lautlos einen partiellen Klammerfluch auf Remus' Arm gelegt haben, der sich taub anfühlte und nicht mehr bewegen ließ.

„Ich habe ja immer gesagt, dass Ihr Lykantrophen eine Schande für die Magische Gesellschaft seid", zischte Malfoy. „Manchmal musste ich mir dann Geschichten über den ach so klugen, gebildeten Professor Lupin anhören – das ist Merlin sei Dank vorbei. Und wenn ich dich jetzt so betrachte – Abschaum, wie ich es gesagt habe. Bettelnder, dreckiger, verflohter, stinkender Abschaum." Er spuckte Remus ins Gesicht.

„Malfoy", keuchte Remus, „nehmen Sie den Stab weg." Schmerz raste jetzt heiß und brennend von seinem Kinn über sein Gesicht und stach in seinen Kopf. Greller, beißender Schmerz.

„Und warum sollte ich das tun?" fragte Malfoy. „Ich kann alles mit dir tun, weißt du nicht? Ich kann dich verletzen und verhexen und wenn ich will langsam zu Tode grillen. Ihr Werwölfe genießt weniger Schutz als Schlachtvieh mittlerweile, aber das kannst du ja nicht wissen, wenn du dir den ‚Propheten' nicht mal mehr leisten kannst."

Der blonde Zauberer lachte, doch plötzlich schrie er auf und gleichzeitig verschwand der Schmerz aus Remus Gesicht und Kopf, nur sein Kinn brannte noch immer wie Feuer.

Strolch hatte das Bein des Magiers gepackt und sich wütend knurrend darin verbissen. Malfoy trat nach dem Tier und traf es am Bauch, Strolch flog jaulend durch die Luft und blieb reglos auf dem grauen Asphalt liegen.

Malfoy richtete seinen Stab mit dem silbernen Ende auf den kleinen Tierkörper.

„Avada...!"

„Nein!" rief Remus und trat nun seinerseits nach dem Todesser. Malfoy taumelte, fing sich und trat noch einen Schritt auf Strolch zu.

„Wagen Sie es nicht!" rief in diesem Augenblick eine zornige Frauenstimme, und aus einem der Hauseingänge tauchte eine wirklich bemerkenswerte Gestalt auf. Sie war hochgewachsen, nur wenig kleiner als Remus, schlank und sehr, sehr blass. Ihr von unnatürlich magentarotem Haar umrahmtes Gesicht war beinahe weiß, bis auf die blitzenden roten Augen mit den schlitzförmigen Pupillen und die blutroten Lippen. Ihre Fangzähne schimmerten weiß.

Malfoy wich zurück. Ein Vampir, mitten in London, so kurz nach Sonnenuntergang, war ungewöhnlich, aber deshalb nicht weniger gefährlich.

Normalerweise war es für einen Zauberer kein Problem, sich einen Vampir vom Hals zu halten. Die Schutzsprüche beherrschte jeder Hogwartsabsolvent. Vampire waren zwar magische Wesen mit enormen Fähigkeiten, doch diese beschränkten sich auf Legilimentik, Hypnosen und Verwandlungen. Diese Tochter der Nacht war jedoch ungewöhnlich. Zum ersten zeigte sie sich unverhüllt als das, was sie war, auf einer belebten Straße, und das vor Einbruch der Nachtschwärze. Die Muggel um sie herum liefen bereits zusammen, um der seltsamen Begegnung zwischen der auffälligen Frau, dem edel gekleideten Geschäftsmann und dem Bettler zuzusehen. Dass die Blutsaugerin sich so wenig um die Gesetze zur Geheimhaltung der Magie scherte, und damit enormen Ärger mit dem Ministerium riskierte, ließ auf große Macht schließen. Was sie jedoch zu einer echten Bedrohung für Malfoy machte, war der Zauberstab, den sie in der Hand hielt, und der jetzt auf Lucius' Herz gerichtet war. Vampire, die gleichzeitig Hexen waren, entsprachen in ihrer Seltenheit einem dreiköpfigen Hund.

Malfoy reagierte, wie Remus es auch getan hätte, wenn er nur einen Zauberstab gehabt hätte. Er sprach einen Vampirschutzzauber, und zwar gleich den mächtigsten, den es gab.

Districto nosferatu!" Dieser Fluch schützte einen kleinen Bannkreis um den Zaubernden herum, diesen jedoch unbedingt und vollständig. Eine blaue Flamme zischte aus Malfoys Stab, überschüttete die Vampirin mit blauem Licht und bildete einen glimmenden Ring um Lucius. Und in diesem Ring stand die bleiche Gestalt, unbeeindruckt, unbeeinträchtigt und sichtlich wütend.

„Weg von dem Hund!" kommandierte sie. Dem herrischen Tonfall ihrer Stimme nach war sie es gewohnt zu befehlen, und ihr osteuropäischer Akzent machte die Sache in Lucius' Augen nicht besser. Altes Blut, sie mußte mächtig sein. Sie ging unbeirrt auf Lucius zu, dessen Augen sich in Panik weiteten.
Hilfesuchend wandte er sich Remus zu.

„Tu doch was, Lupin!"

Remus lachte bitter auf. „Ohne Stab? Was erwarten Sie von einem ... wie war das noch? Ach ja, ‚bettelnder, dreckiger, verflohter, stinkender Abschaum' ?"

Im nächsten Moment durchlief es ihn eiskalt. Welch ein Wahnsinn, sich als Zauberer zu offenbaren, und noch dazu als unbewaffneter! Im nächsten Moment sank seine Hoffnung, heil aus der Sache heraus zu kommen, weit in den Bereich unter Null. Sehr weit unter Null. Denn auch Lucius hatte Remus' Fehler erkannt, denn er rief der Untoten zu: „Nimm den da. Das ist ein Werwolf!"

Remus schluckte. Jeden Moment musste sie Malfoy gehen lassen und sich ihm zuwenden. Kein Vampir ließ einen Werwolf am Leben, wenn er eine Chance hatte, ihn zu töten.

Die Frau streifte Remus mit einem Seitenblick ihrer roten Augen, hielt jedoch den Stab weiterhin auf Malfoy gerichtet. Glaubte sie, beide kriegen zu können? War sie ihrer Sache so sicher?

In diesem Moment weiteten sich Malfoys erschrockene Augen noch mehr, diesmal in purem Entsetzen: Aus dem Hauseingang traten zwei weitere blasse, hochgewachsene Gestalten. Sie trugen lange Gehröcke im Stil des achtzehnten Jahrhundert, Schnallenschuhe und Zylinder. Ihre vermutlich ebenfalls roten Augen hatten sie hinter dunklen Sonnenbrillen verborgen, doch ihre blutroten Münder verrieten auch diese beiden Vampire.

„Werwolf! Der da!" kreischte Lucius in höchster Panik und gestikulierte wild in Remus' Richtung. „Und er ist uuuunbewaffnet!"

‚Sie werden mich bei lebendigem Leib zerreißen', dachte Remus. Seine Gedanken rasten, nach einer Lösung suchend. Zu fliehen hatte keinen Sinn. Mit ihren schwarzen Schwingen waren sie ohnehin schneller. Ohne den Mond hatte er nicht den Hauch einer Chance, und selbst dann wäre es drei gegen einen schwierig, zu entkommen. Außerdem würde Lucius ihn persönlich in Silber baden lassen, wenn er sich außerhalb des Vollmonds hier verwandelte. Doch es war Neumond, und Remus verwarf den Gedanken an die Bestie tief in ihm drin. Er konnte den Wolf nicht rufen, ganz egal wie dringend er ihn jetzt brauchte.

Hier also würde er sterben, auf diesem Pflaster, gegenüber von dem Teeladen und dem indischen Schnellrestaurant, neben dem kleinen Hund, den er erst ein paar Tage adoptiert und ins Unglück gerissen hatte. Wenigstens würde es schnell gehen, die Untoten fackelten nicht lange. Er war dankbar, dass weder Harry noch Sirius das miterleben mussten oder davon hören. Wer würde ihn betrauern, oder seinen Tod auch nur zur Kenntnis nehmen? Hermine vielleicht, die vor den Umtrieben des „Orden des Dunklen Lichts" geflohen war, weit fort nach Australien, und für das dortige Ministerium arbeitete, oder Ginny und Charlie, die einzigen der Weasleys, die noch lebendig und bei Verstand waren.

Der größere der beiden Vampire trat zu der Rothaarigen.

„Was ist hier los, Dragostea?" fragte er.

„Er hat den Hund getötet", entgegnete sie und ihre Unterlippe bebte vor Zorn.

„Verehrte Madame Dragostea", jammerte Malfoy und verbeugte sich tief. „Hätte ich gewusst, dass Ihr das Tier für Euch wolltet, ich hätte es niemals angerührt."

„Sie sind so ein Idiot, Malfoy", wandte Remus ein. „‚Dragostea' ist rumänisch, und bedeutet ‚Geliebte', und wenn Sie ihr bisher noch nicht genug Grund gegeben haben, Sie zu schlachten, dann haben Sie es jetzt getan. Sie zu beleidigen ist eine Dummheit, die ich Ihnen nicht zugetraut hätte. Aber vielleicht wäre etwas Bildung hilfreich gewesen. Dann hätten Sie gewusst, wie empfindlich die Angehörigen der rumänischen Adelskasten vom Alten Blut sind, wenn man sie unpassend anredet."

„Du bist ohnehin tot, Werwolf!" kreischte Malfoy und funkelte Remus böse an.

„Ja, aber ich nehme Sie mit", sagte Remus kalt. Er erhob sich langsam und trat in den Bannkreis, der die Vampire ganz offensichtlich nicht aufhalten konnte. „Was kriege ich, wenn ich Sie hier raushole?" fragte er den designierten Minister leise.

Lucius Malfoy rollte die Augen. „Einen Wunsch, jeden!"

„Schwören Sie, den unverbrüchlichen Eid, schnell!"

Lucius starrte den Werwolf böse an. Die Vampire näherten sich weiter. Jetzt stand der große, der die Frau „Dragostea" genannt hatte, ebenfalls im Kreis.

Hastig leierte Malfoy die Formel herunter. Remus grinste, weil er die Angst des blonden Mannes riechen konnte. Als der Schwur gesprochen war, legte Remus eine Hand auf Malfoys Stab, der dies widerstandslos geschehen ließ.

Expecto patronum!" schrie Remus aus Leibeskräften. Vor seinem inneren Augen beschwor er Sirius' Bild: blaue Sternhimmelaugen, seidenweiches schwarzes Haar, dass durch Remus' Finger floss, warme Lippen auf den seinen, Wärme, Glück, Sirius. Aus dem Gehstock brach ein riesiger leuchtender Wolf hervor und strich suchend um die beiden Zauberer.

„Disapparieren Sie, jetzt!" befahl Remus.

„Das geht nicht, die Vampire blockieren die arkanen Felder!" brüllte Malfoy ihm das Schulwissen ins Gesicht.

„Doch, es geht, aber nur, solange der Patronus hält. Tun Sie es jetzt!" kommandierte Remus.

Mit einem Plopp war der blonde Zauberer verschwunden, und Remus sackte zusammen. Den Patronus zu beschwören hatte ihn alle Kraft gekostet. Es war knapp gewesen, so knapp. Aus dem Dunkel der Arkaden löste sich eine vierte dunkle Gestalt.

TBC