Ein Strolch zum Verlieben

Fanfiction von Slytherene

oooOOOooo

Liebe Lesende!

Es ist soweit – frohe Ostern!

Heute nur ein kurzes Kapitelchen, aber wir erfahren etwas mehr über den bezaubernden Gianni Nero und erleben Remus in einer entspannten Atmosphäre. Osterfrieden.


5. Chianti und Wahrheit

Remus hatte gerade das dritte Glas Wasser hinunter gestürzt, und sein Mund brannte immer noch wie Feuer, als Gianni mit vollem Mund vorschlug, auf Rotwein umzusteigen.

Zwei Mahlzeiten, ein Tete-a-tete mit Malfoy und jetzt noch Rotwein – Remus hatte Zweifel, ob sein Magen das wegstecken würde. Doch das vollfruchtige Aroma des Chianti stimmte ihn schnell um, und bereits der erste Schluck verriet ihm, dass es sich nicht um einen Wein aus dem Supermarkt handelte.

Er fragte sich, warum jemand, der wie Gianni offenbar über ausreichend Bargeld für den Tierarztbesuch eines fremden Hundes und guten italienischen Wein verfügte, im winzigen Hinterzimmer eines Teeladens wohnte.

„Willst du noch Pasta?" fragte der mysteriöse Ex-Vampir und stellte schon einmal seinen Teller in das Spülbecken.

„Nein danke", antworte Remus höflich. „Ich kann nicht mehr. Aber es war sehr gut."

„Bisschen scharf, hm? Mir ist das Sambal Oelek ausgerutscht", bekannte Gianni freimütig und räumte jetzt auch Remus' Teller weg. Er ließ Wasser ins Spülbecken und summte die Melodie des Ungarischen Tanzes von Brahms mit, den der Klassiksender spielte.

„Du magst klassische Musik", stellte Remus fest, während er sich das Geschirrhandtuch schnappte.

„Ich liebe sie. Meine Mutter war Opernsängerin. Aber ich kann auch auf Stones und Deep Purple", entgegnete der andere. „Und du? Lass mich raten – du bist ein Jazztyp mit Kenntnissen in klassischer Musik."

Remus ließ den Teller sinken, den er gerade am Wickel hatte. „Wie kommst du denn da drauf?" fragte er.

„Nur so ne Ahnung", lächelte Gianni. „Du sprichst nicht wie einer, der nie ein Klassenzimmer von innen gesehen hat. Du isst auch nicht so. Was warst du, bevor dir was auch immer passiert ist und dich aus der Bahn geworfen hat? Und keine Angst, ich werde dich nicht danach fragen. Also? Buchhändler? Fotograf?"

„Lehrer", sagte Remus, und das Wort fühlte sich ungewohnt und trotzdem richtig in seinem Mund an. „Aber das ist schon so lange her, dass es gar nicht mehr wahr ist."

Gianni nickte, legte die Spülbürste weg und ließ sich neben Strolch auf den orangefarbenen Nepalteppich sinken. Er kraulte den kleinen Hund am Kopf, der zunehmend trocknete und das Aussehen einer pludrigen Wolke annahm. Einer grauen Regenwolke, aber immerhin. Strolch hatte die Augen genüsslich geschlossen und ließ sich streicheln.

Remus stellte die abgetrockneten Teller in den einzigen Geschirrschrank und fand ohne weitere Probleme die Schublade mit dem Besteckkorb.

Er setzte sich wieder an den Tisch und betrachtete das friedliche Bild zu seinen Füßen.

„Das ist kein billiger Wein", sagte er eine Weile später zu Gianni, nachdem sie die Qualität italienischer Opern und russischer Spätromantik erörtert hatten. Gianni, der inzwischen am Bauch des Hundes angelangt war, den dieser ihm grunzend entgegen streckte, lächelte. Die Schüssel mit den Spaghetti Bolognese war so blank geleckt, als wäre sie in einer Spülmaschine gewesen.

„Billiger Wein macht einen dicken Kopf. Den trink' ich nicht. Man kann billig essen, aber billig trinken – niemals." Gianni lachte. „Ihr Engländer esst und trinkt natürlich auch dann schlecht, wenn es teuer ist."

„Wir Engländer?" fragte Remus. „Von deinem Namen abgesehen, hörst du dich aber auch recht britisch an."

„Alles eine Frage eines guten Internats", entgegnete Gianni und legte mit theatralischer Geste eine Hand auf Herz: „Am im Innern bin ich ein Nachfahre Roms."

„Du wirst kaum jemand in diesem Land finden – es sei denn er stammte aus den Kolonien - der nicht ein Nachfahre römischer Bastarde ist", gab Remus zu bedenken.

„Si, aber ich bin ein viel direkterer Nachfahre viel italienischerer Bastarde als die meisten von euch", beharrte der Dunkelhaarige, und drehte wie zum Beweis das Radio lauter.

Remus konzentrierte sich einen Augenblick auf die Musik. Ein Sopran beklagte wort- und coloraturreich den Verlust der geliebten Tochter. „Dies hier bestätigt eher die Abstammung von äußerst habsburgischen Römern", bemerkte er trocken. „Das ist…"

„… Mozart, ich weiß. Du bist ja ein echter Klugscheißer."

Remus starrte Gianni an. So dankbar er ihm auch war, er musste sich nicht beleidigen lassen. Doch das vergnügte Glitzern in den Augen des Anderen war nicht bösartig, sondern offen und amüsiert. „Nicht für ungut, Romulus", entschuldigte er sich.

„Remus", korrigierte Remus.

„Ach Himmel ja, der Verlierer der beiden Brüder. Was haben sich deine Eltern nur dabei gedacht?" fragte Gianni.

„Weise Voraussicht", vermutete Remus und konnte den bitteren Beiklang nur mit Mühe aus seiner Stimme verbannen. Er zuckte die Schultern. „Mir ist Mercurius erspart geblieben, oder Angelus, so heißt mein Bruder."

„Und?"

„Was und?"

„Ist er ein Engel?" fragte Gianni.

„Kann man so sagen", antwortete Remus. „Er ist tot."

„Oh", sagte Gianni. „Tut mir leid."

„Ist lange her", sagte Remus vage. „Also, wie ist das mit dem Wein?"

Gianni lachte. Es klang satt und dunkel. „Du willst wissen, warum ich Wein für fünf Pfund die Flasche trinke und hier hause?"

Remus nickte. Gianni fuhr mit langen, schlanken Fingern durch Strolchs Fell, der zufriedene Schnarchlaute von sich gab. „Ich mag nun mal keinen Fusel und kann mir diese Extravaganz leisten. Das ist die erste Wahrheit. Die zweite Wahrheit ist, dass ich im Moment Thalias Nähe brauche, um zu überleben. Es gibt noch viel mehr Wahrheiten, aber diese sind, denke ich, ausreichend für heute Abend."

Er erhob sich und schenkte Remus nach. Es war das dritte Glas Wein des Werwolfs, und dieser hatte Mühe, sich auf seinem Stuhl gerade zu halten.

„Du trinkst nicht regelmäßig?" fragte Gianni, der offenbar ein scharfer Beobachter war.

„Mangel an Gelegenheit", antwortete Remus schulterzuckend.

„Ich dachte immer, die meisten … Stadtstreicher hätten ein Alkoholproblem", sagte Gianni diplomatisch.

„Der Wein ist gut, aber ich mach' mir generell nicht viel aus Alkohol", entgegnete Remus.

„Dann bist du klüger als ich", grinste Gianni. „Ich trink zu viel in letzter Zeit."

Er stand auf und streckte sich. „Wie sieht es aus, Strolch? Gehst du noch eine letzte Runde mit mir?"

Strolch blinzelte müde und presste dann seine Schnauze in den dicken Teppich.

„Ich glaube, er hatte genug Bewegung an der frischen Luft heute", sagte Remus leise. Offensichtlich war der kleine Hund ebenso müde wie er selbst; ihrer beider Tag war lang, kalt und anstrengend gewesen.

„Kipp nicht vom Stuhl", sagte Gianni und machte sich an dem roten Sofa zu schaffen. Mit einem unangenehmen Quietschen klappe es zuerst vorne hoch, dann hinten runter und schließlich auseinander. Er zog die vordere Liegefläche hoch und zerrte einen Haufen Decken und Kissen aus der Schublade unter dem Bett, die jetzt sichtbar wurde.

„Mach es dir gemütlich", sagte er zu Remus. „Ich muss noch mal los."

Remus starrte etwas ungläubig auf das einladende Bett. „Bist du sicher?" fragte er.

„Klar, ich schlafe drüben bei Thalia und Leo, dann muss ich euch nicht wecken. Könnte auch spät werden", sagte er mit einem Grinsen, hinter dem – dessen war Remus gewiß – sich nichts Fröhliches verbarg.

„Ich will dich aber nicht vertreiben", protestierte Remus schwach.

„Keine Sorge, ich bin sehr robust", scherzte Gianni. Remus hätte schwören können, dass er log. ‚Wahrscheinlich bin ich psychisch stabiler als du', dachte er bei sich und erschrak. Es war ein vertrauter Gedanke, der sich jedoch in seinem Kopf mit einer anderen Person auf ewig verbunden hatte.

Gianni griff seine schwere Lederjacke von der Garderobe und hob den Helm von Boden auf. „Gute Nacht", hörte Remus ihn im Hinausgehen rufen, die Ladentür ging, und dann war er allein. Nicht ganz, stellte er zufrieden fest, denn Strolch, der dem spät berufenen Sohn Roms nachblickte, wandte seine treuen Augen jetzt Remus zu, der müde zur Couch taumelte. Er breitete eine Decke über das Möbelstück, packte die Kissen ans vermeintliche Kopfende und schichtete drei dünne Wolldecken über einander. Dann ließ er sich langsam auf die Matratze sinken. Die Couch quietschte und ächzte, doch im Vergleich zu der Lage Zeitungen unter der Themsebrücke, die Remus in den letzten Nächten als Nachtlager gedient hatte, war dies alte Möbelstück mit den verschlissenen Decken in dem kleinen Hinterzimmer das Paradies.

„Glaub nicht, dass du ins Bett kommst", sagte Remus zu dem erwartungsfrohen Strolch, während er aus den Kleidern schlüpfte. Der Hund hatte bis jetzt jede Nacht direkt neben Remus geschlafen, unter seinem Umhang. Nun wollte er unter die Decke, wie die vorgeschobene Schnauze und eine Pfote neben Remus überdeutlich anzeigten.

„Das geht nicht", seufzte Remus. „Wir können keine Hundehaare hier im Bett hinterlassen, und meine zählen nicht. Du musst unten schlafen. Guck mal, der Teppich ist doch toll."
Er streichelte Strolch über den Kopf. „Träum was Schönes", sagte er und löschte zumindest die Lampe hier im Hinterzimmer. Aus dem Laden drang ein schwacher flackernder Lichtschein durch den Vorhang. Offenbar hatte Gianni beim Gehen den Buddha wieder in Szene gesetzt.
Plötzlich durchfuhr ihn ein Gedanke: Hatte er Remus und Strolch im Laden eingeschlossen, oder die Tür gar offen gelassen? Remus stand auf und tappte barfuß und nur mit Unterhose und T-Shirt bekleidet in den Nebenraum. Er drückte die Türklinke. Tatsächlich öffnete sich die Tür.
„Merlin, welch ein Wahnsinniger", dachte Remus. Er streckte die Hand aus und konzentrierte sich: „Accio, Schlüssel." Nichts. Verflixt, er hatte sie doch einmal beherrscht, ein kleines bisschen stablose Magie. Doch jetzt blieb ihm nicht anderes übrig, als den Schlüssel zu suchen. Zu seiner großen Erleichterung war Thalia eine gut organisierte Frau, ein Schlüssel, der zur Tür passte, fand sich neben der Kasse. Remus verschloss die Tür und legte den Schlüssel zurück. Dabei fiel sein Blick auf das Regal mit der Schokolade. Sie würde vermutlich nicht bemerken, wenn eine Tafel fehlte. Im nächsten Moment schüttelte er den Kopf über sich selbst. Wie konnte er auch nur darüber nachdenken, sie zu bestehlen? schalt er sich. Er kehrte ins Hinterzimmer zurück und schlüpfte unter die Decken. Wohlige Wärme breitete sich über seinen Körper aus, und er fragte sich, ob er noch rückwärts von zwanzig bis eins zählen könnte, bevor er einschlafen würde. Remus Lupin kam nur bis zur dreizehn.

TBC