Ein Strolch zum Verlieben

Fanfiction von Slytherene

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Liebe Lesende!

Hier die letzte Osterausgabe den „Strolch-Universums", wie es Textehexe so liebevoll nennt. Die übrigens „Flashblack" upgedated hat, was man lesen muss, wenn man Sirius-Remus-Geschichten liebt.

Nachdem es jemanden gab, der sich beschwert hat, dass das letzte Kapitel zu kurz war, gibt es heute, sozusagen als Abschluss der Osterferien, ein längeres Kapitel. Dafür werde ich danach vermutlich etwas weniger oft updaten, weil mich auch der Alltag ab morgen wieder hat.

Vielen Dank für die Reviews an Lina, Missy, Rudi, Nutellamädchen und Cara.

Mein besonderer Dank gilt TheVirginian, die so lieb war dieses Kapitel beta zu lesen.

Aber jetzt: Gute Unterhaltung!


6. Thalia und Theater

Remus erwachte, als warme volle Lippen über sein Gesicht strichen, und er vergrub die Finger in Sirius' Haaren, presste sich an den warmen Körper und atmete tief den Geruch nach Patchouli und Hund ein, der seinen Gefährten stets begleitete. Sirius' Hand glitt an Remus' Seite hinunter, über den Magen und den Nabel, bis sie ihr Ziel zwischen seinen Lenden erreicht hatte, und Remus spürte, wie ihn Erregung durchströmte und seine Erektion sich hart gegen Sirius' Hand drückte.

„Mmmhm", entfuhr es ihm. Warme, kosende Finger und ein treibender, sich beschleunigender Rhythmus. Er ließ sich fallen.
„Nicht in den Hund", murmelte er, als Padfoot ihm das Gesicht abzulecken begann. Im nächsten Augenblick wurde ihm eiskalt. Hand und Hundezunge gingen nicht zusammen, niemals!
Er riss die Augen weit auf, und blickte statt in Pads blaue Augen in Strolchs braune, während ihm dieser liebevoll über die Wange leckte. „Oh Merlin!" flüsterte Remus und zog die Hand aus seiner Hose. Er fühlte sich auf einmal leer, zerschlagen und sehr einsam.

Im Nebenraum klapperte Geschirr. Er betete, dass wer auch immer dort mit Tassen und Tellern hantierte, ihn nicht gehört haben mochte. Am liebsten hätte er sich auf ewig die Decke über die Ohren gezogen. Aber er musste vernünftig sein: Es half nicht, er konnte nicht liegen bleiben. Das hier war nicht Grimmauldplatz, wo sie tagelang niemand störte, und der Hund war nicht Pads und würde sich nicht in Sirius verwandeln, so sehr er sich das auch wünschte.

Leichte Schritte näherten sich, und der Vorhang wurde ein Stück zur Seite geschoben.
„Darf ich stören?" fragte Thalia und streckte den Kopf ins Zimmer. Das Sonnenlicht wurde von ihrem jetzt bei Tage tizianroten Haar reflektiert, das sie zu einem dicken Zopf zusammen gebunden hatte. Auch ohne die Schminke und die Vampirmaskerade wirkte sie wie aus einer anderen Welt. Ihre Haut war kaum weniger hell als am Vorabend, wenn auch von einem natürlicheren Ton. Sie trug über einem engen Oberteil einen orangefarbenen Sari, der ihr bis an die Knöchel reichte und dazu Sandalen – Anfang Dezember.

„Ich muss an den Herd, Tee aufsetzen", entschuldigte sie sich. „Es ist gleich neun."

„Ja, natürlich. Entschuldigung, ich habe verschlafen und, nein, der Hund ist auch im Bett!" Wie musste das für sie aussehen?

„Das macht wirklich nichts. Sie haben vermutlich keine Termine verschlafen, und ich war schon draußen mit dem kleinen Streuner."

„Ich habe nichts gehört", entschuldigte er sich. „Tut mir wirklich leid." Er angelte nach dem grünen Hemd und begann sich anzuziehen.

„Sie haben so fest geschlafen, ich wollte Sie nicht wecken", sagte sie mit einem Lächeln. „Möchten Sie auch eine Tasse Tee?"

„Sehr gerne", erwiderte Remus und knöpfte die Hose zu.

„Sie sind ein Herbst", sagte sie dann.

„Ich weiß", antwortete er. „Gianni meinte, grün wäre vorteilhaft für mich."

Sie lachte.

„Was sind Sie?" fragte er, während er die olivgrünen Socken anzog.

„Ich bin ein Frühling", sagte sie. „Und ich verweigere das Mint, das Gianni mir aufnötigen will ebenso wie zarten Lavendel und andere Pastellungeheuer." Sie stellte den Herd an, nachdem sie einen Kessel mit Wasser gefüllt hatte.

„Wie war Ihre Kostümparty? Haben Sie gewonnen?" erkundigte sich Remus, während er mit leichtem Bedauern die Decken zusammen faltete.

„Wir sind nur Zweite geworden", erwiderte sie. „Gianni war untröstlich, aber die Aliens waren einfach noch eine Spur freakiger und kreativer, das muss man sagen. Aber Gianni hat dann doch noch den Sonderpreis für das beste Make-up gewonnen. Ein Wochenende für zwei auf dem Land, auf einem Reiterhof. Genau, was er braucht." Ein Hauch Sarkasmus schwang in Ihrer Stimme mit.

„Wieso? Ist doch nett."

„Nicht mit einer Pferdehaarallergie", sagte sie bedauernd. „Hier, ich habe Ihnen etwas vom Bäcker mitgebracht." Sie stellte zwei Teller auf den Tisch und legte zwei dunkle kleine Brotlaibe darauf. „Ich hoffe, Sie mögen Vollkorn", fügte sie hinzu.

„Sie waren bei der German Bakery?" fragte Remus, nur um sofort andächtig „Oh, Brötchen" hinzuzufügen.

„Und im Supermarkt." Sie packte zwei Schälchen Hundefutter aus ihrer Stofftasche. „Eigentlich kaufe ich nie Produkte mit Fleisch drin oder von versklavten Tieren. Aber Strolch kann ja nicht vegan leben. Möchten Sie Hefepaste oder Marmelade zu Ihrem Brötchen?"

„Beides", sagte Remus sofort. Hungrig – trotz des gestrigen Abendessens – stürzte er sich auf sein Frühstück.

Sie stellte ihm eines der Schälchen vor die Nase. „Ich kann das nicht riechen. Machen Sie es bitte für Strolch auf."

Er sah zu ihr auf. Daher also hatte sie die blasse Hautfarbe. Genetik plus vegane Ernährung hatten ihr den Teint eines Vampirs gegeben und ihm vermutlich das Leben gerettet – wie hunderten Tieren vor ihm. Er musste unwillkürlich schmunzeln. Es war skurril, dass ausgerechnet ein Mensch, der kein Tier töten oder auch nur in Gefangenschaft halten lassen wollte, perfekt in die Rolle des blutrünstigsten aller magischen Geschöpfe hatte schlüpfen können. Was sie wohl sagen würde, wenn sie je erführe, was sie da gerettet hatte? Einen Werwolf, der einmal im Monat zum erbarmungslosen Bambi- und Klopferkiller wurde. Vermutlich würde sie ihn stante pede hinaus werfen. Doch der Gedanke war müßig, denn sie würde es nie erfahren.

Er leerte die Schale in Strolchs Napf vom Vorabend und wusch sich die Hände, bevor er sich wieder an den Tisch setzte. Thalia schenkte ihm dafür das wärmste Lächeln, das im ganzen letzten Jahr ein Mensch für ihn übrig gehabt hatte. Sie hatte etwas an sich, das ihm das Gefühl gab, in Sonnenlicht gebadet zu werden.

„Was haben Sie vorhin geträumt?" fragte sie plötzlich in die Stille hinein. „Das hörte sich wirklich sehr wild an."

Remus spürte, wie ihm das Blut in die Wangen schoss. „Von.. einem Freund", brachte er schließlich heraus.

Sie lächelte. „Schenken Sie mir mal so einen Traum?"

„Sie würden ihn nicht wirklich wollen, glauben Sie mir", erwiderte er. „Wo ist eigentlich Gianni?" wechselte er hastig das Thema.

„Schläft drüben bei uns auf dem Sofa. Er hat uns die halbe Nacht bequatscht und ist dann mitten im Satz eingeschlafen. Aber ich dachte, ich lasse ihn lieber ausschlafen, er muss ja heute Abend arbeiten." Sie musterte Remus, der sein Brötchen bereits aufgegessen hatte. „Haben Sie noch Hunger?" Ohne seine Antwort abzuwarten, verschwand sie im Laden und kehrte mit einer prall gefüllten Obstschüssel zurück.

Remus nahm sich einen Apfel, und vorne im Laden bimmelte die Glocke. Thalia stand auf und ging ins Geschäft. Remus folgte mit den Augen dem sanften Schwung ihrer Hüften.

Mit geschlossenen Augen, die Hände um die Teetasse gelegt, saß er am Tisch und lauschte ihrer sanften Stimme. Sie beriet eine Kundin, die einen Tee gegen ihre Verdauungsprobleme wollte. Thalia verkaufte ihr eine Kräutermischung, verwies sie jedoch auch an eine Apotheke, die sich auf natürliche Medizin spezialisiert hatte und nach der Beschreibung, die sie der Frau gab, nur fünf Minuten zu Fuß entfernt war.

Als der Vorhang klapperte, blickte er auf. „Ich denke, es wird Zeit für uns zu gehen", sagte er.

„Lassen Sie sich Zeit", entgegnete sie. „Sind Ihre Stiefel überhaupt schon trocken?" Sie wandte sich um und zog ein Knäuel Zeitungspapier aus seinen Schuhen, die vor dem kleinen Ofen standen. Aus einer Schublade nahm sie einen Lappen und eine flache Dose mit Lederfett, und begann, die Stiefel damit einzureiben.

Hastig kniete sich Remus neben sie und nahm ihr den Stiefel und den Lappen aus den Händen. „Bitte. Das können Sie doch nicht für mich machen."

„Weil…?" fragte sie.

„Weil…" Die Ladenglocke ersparte es ihm die Erklärung, wie schwer es für ihn zu ertragen war, in jemandes Schuld zu stehen. Die Geste, sich um seine Schuhe zu kümmern, machte es für ihn nicht einfacher.

Als sie ins Hinterzimmer zurückkam, hatte Remus die Stiefel bereits angezogen. Sie waren tatsächlich trocken und jetzt sogar mit dem Bienenwachs versiegelt. Sie würden für eine Weile etwas besser gegen eindringenden Regen widerstehen. Doch heute war es draußen nur grau und vermutlich kalt, aber trocken, wie ihm ein Blick aus dem Badezimmerfenster verraten hatte. Etwas ratlos blickte er in den Gang zum Lager und zum Hinterhof.

„Wissen Sie, wo Gianni meinen Mantel…" Merlin, jetzt erinnerte sich Remus an die Plastiktüte. Gianni hatte sie in den Müll werfen wollen, und Remus hatte seinen Umhang daneben gelegt. Gianni würde doch nicht den Umhang mit entsorgt haben? Remus Papiere waren darin, zusammen mit drei alten Bildern und dem Muggelgeld aus Strolchs gelber Schüssel, das er gestern Abend in die Tasche gesteckt hatte.

„Wo steht die Mülltonne?" fragte er Thalia.

„Hinten im Hof, aber…". Er ließ sie gar nicht ausreden, sondern hastete nach draußen. Der Hof war ein betongepflastertes Karree, das an drei Seiten von Häusern und an einer vom Durchgang zu einem Tor zur Straße begrenzt war. Ein Mann im blauen Overall schob gerade ein paar Mülltonnen in eine Art Nische und winkte Remus freundlich zu.

„Endlich mal pünktlich, die Jungs", rief er. „Die letzten Male sind sie einen ganzen Tag später gekommen."

„Hallo, Mr. Robbins", grüßte Thalia, die Remus gefolgt war.

„Morgen, Miss Silenda. "

„Das hatte ich Ihnen sagen wollen. Heute ist, vielmehr war, Müllabfuhr", sagte sie leise zu Remus.

„Das darf nicht wahr sein", entgegnete Remus. „Er wollte die Klamotten wegwerfen, aber ich dachte nicht, dass er den Umhang auch mitnehmen würde."

„Gianni wird sich nichts dabei gedacht haben", vermutete Thalia. „Du meine Güte, waren wichtige Sachen in dem Mantel?"

„Meine Papiere", sagte Remus schwach und lehnte sich an die Mauer. „Ein paar Fotos…"

„Das tut mir so leid. Soll ich mit Ihnen zum Bürgerbüro gehen? Ist hier gleich um die Ecke", bot sie an.

„Nein, danke schön", entgegnete Remus kopfschüttelnd. Wie sollte er ihr denn auch erklären, dass es für ihn bei der Stadtverwaltung ganz sicher keine neuen Ausweispapiere geben würde, weil er in keinem Muggelcomputer erfasst war. Mit Horror dachte er daran, sich ans Ministerium wenden zu müssen, um ein neues Personenstandspergament zu beantragen. Er hatte weder das Geld dafür, noch den Mut. Wer wußte, was die sich inzwischen im Büro zur Kontrolle Magischer Geschöpfe, Abteilung Lykantrophie, alles an neuen Schäbigkeiten ausgedacht hatten.

Er schlang die Arme um seine Schultern.

„Kommen Sie rein, es ist kalt hier draußen", sagte Thalia und schob ihn wieder zur Hintertür hinein. „Eigentlich müsste ich Ihnen Giannis Jacke geben, meine Güte, wie kann er nur so gedankenlos sein?" Sie überlegte einen Augenblick. „Könnten Sie für fünf Minuten auf den Laden aufpassen? Ich bin gleich wieder da." Sie schlang sich eine wollene Stola um die Schultern und lief über die Straße zu ihrer Wohnung. Die Ladentür fiel ins Schloss und Remus' Blick auf die Kasse. Sie hatte sie offen gelassen. Er schätzte den Wert des Inhalts: Ein paar kleine Scheine und ein paar Münzen, vielleicht sieben oder acht Pfund. Es würde ihn eine Weile über Wasser halten. Im nächsten Moment schämte er sich für den bloßen Gedanken. Das unangenehme Gefühl wurde noch schlimmer, als sie nach fünf Minuten wiederkam, unter dem Arm einen Wintermantel aus derbem Leder, mit einem dicken Futter aus Webpelz.

„Probieren Sie mal an", forderte sie Remus auf.

„Nein, bitte, ich kann nicht", protestierte er.

„Sie würden mir einen Gefallen tun", erklärte sie schlicht. „Ich hasse es, wenn Leo tote Tierhäute an sich hat, deswegen trägt er ihn sowieso fast nie. Er nimmt nur Platz im Schrank weg."

Der Mantel passte Remus wie angegossen.

„Ich weiß wirklich nicht, wie ich das wieder gut machen soll", sagte er, als er sich schließlich von ihr verabschiedete.

„Passen Sie gut auf sich auf. Und kommen Sie her, wenn Sie oder Strolch Hilfe brauchen, oder einfach so, wenn Ihnen nach einem Tee ist." Sie lächelte. „Soll ich Gianni grüßen? Ich werde ihm den Kopf waschen wegen Ihrer Dokumente."

„Bitte nicht", erwiderte Remus. „Ich meine, grüßen ja, schelten nein. Ich komm' schon klar."

Er öffnete die Ladentür und die Glocke klingelte.

„Warten Sie!" Thalia fischte die Scheine aus der Kasse und drückte sie ihm in die Hand.

„Nein, das kann und will ich nicht annehmen", lehnte Remus ab.

„Gianni kann es mir wiedergeben, wenn er nachher kommt. Schließlich ist es sein Fehler, dass Ihr Mantel mit allem drin weg ist."

Remus schüttelte den Kopf.

„Keine Sorge, die paar Pfund tun ihm nicht weh", versicherte Thalia dem Widerstebenden. „Sie hätten es auch vorhin aus der Kasse nehmen können, dann wäre es auch weg, und ich müsste mir von Gianni was leihen."

Remus kämpfte mit sich, aber er konnte sich seine Moral wirklich nicht leisten. So bedankte er sich schließlich und zog die Tür den kleinen Ladens hinter sich zu. Thalia winkte kurz und wandte sich dann den Teedosen auf den Regalen zu, die aufgefüllt werden mussten. Remus betrachtete sie noch eine Weile, ihre emsigen Hände, die zart gebogene Linie, die ihr Nacken mit ihrem Rücken bildete, von dem leuchtenden Tuch des Sari eingehüllt, auf dem ihr langer roter Zopf die Wirbelsäule markierte. Für einen Moment ließ er der Vorstellung freien Lauf, wie es sich anfühlen würde, seine Finger sachte über diese Linien gleiten zu lassen, Wirbel für Wirbel an ihrem Rücken hinunter wandern zu lassen, bis sie die sanften Rundungen weiter unten erreicht hätten. ‚Schlag sie dir aus dem Kopf', wies er sich im nächsten Augenblick selbst zurecht. Sie hatte einen Mann, mit dem sie zusammen lebte und selbst wenn nicht, wäre sie für ihn unerreichbar. Langsam wandte er sich ab und ging die Straße entlang, in Richtung des Friedhofs.

Eine Bewegung, die er nur im Augenwinkel wahrnahm, ließ ihn aufmerken. Wie aus dem Nichts war etwas zweihundert Meter vor ihm ein Mann auf der Straße erschienen. Remus zweifelte nicht eine Sekunde daran, dass es ein Zauberer war. Der andere sah sich suchend um. Zum Glück hatte Remus ihn zuerst gesehen und sich in den Schatten eines Hauseingangs gedrückt. Das ganze Gebaren des Mannes, der jetzt betont unauffällig an den Auslagen der Schaufenster entlang flanierte, verriet den Auror. Malfoy war also nicht untätig gewesen, und ließ nach ihm suchen. Oder besser, nach Spuren. Der Rat der Vampire würde sich vermutlich mit Vehemenz gegen die ungerechtfertigten Anschuldigungen wehren, die der Slytherin über das Ministerium erheben würde.

Und sollte es ihnen gelingen, Malfoy davon zu überzeugen, dass es keine Untoten waren, die ihn bedroht hatten, würden auch Lucius' die Schuppen von den Augen fallen. Es war besser, wenn Remus und Strolch sich für eine Weile aus der Gegend hier fernhielten. Er warf einen letzten sehnsüchtigen Blick auf den „Dritte-Welt-Laden" und verschwand dann unauffällig auf den Friedhof, den Auror in weitem Bogen vermeidend. Dieser hatte bereits einige Meter auf der gegenüberliegenden Straßenseite zurückgelegt und war längst an ihm vorbei gegangen, ohne ihn in seinem Muggelmantel zu erkennen.

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Etwa zwei Wochen später war es eisig geworden in Londons Straßen, und Remus hatte noch ein Pfund und sechsundsiebzig Pence in der Manteltasche. Die Garküche in der Mission war voller denn je, weil nun auch die kamen, die sonst in St. Cathryn's gegessen hatten. Die Armenküche der Nonnen war, wie Remus aus dem Gespräch einiger anderer Obdachloser erfuhr, wegen Kakerlakenbefalls vom Gesundheitsamt geschlossen worden. Mary schüttelte schon von weitem den Kopf, als sie Remus sah und er nach draußen wies, wo Strolch wartete. Einige Minuten später kam sie mit hochrotem Kopf zu ihm an den Tisch, die Hände nass vom Spülwasser.

„Tut mir leid, es wird nichts für Ihren Hund übrig bleiben", sagte sie mit entschuldigendem Lächeln.

„Wär' ja auch noch schöner", schimpfte eine filzige, dürre Frau am Nebentisch. „Unsere Eintöpfe strecken sie mit Wasser, und dann soll das Vieh was bekommen?"

Remus widersprach ihr nicht. Aus ihrer Sicht hatte sie recht, und das Essen war tatsächlich weniger und vor allem dünner geworden, seit Mary und ihre Kolleginnen die doppelte Anzahl Menschen verköstigen mussten.

Remus besorgte am Nachmittag eine Schachtel Hundetrockenfutter. Der Apfel in seiner Tasche würde ihn selbst bis morgen Mittag bringen müssen. Weitere Nahrungsmittel waren einer anderen notwendigen Ausgabe zum Opfer gefallen, die sich nicht vermeiden ließ. Die morgige Nacht war Vollmond, und er musste aus der Stadt verschwinden. Eine Fahrkarte für den Vorortzug, der ihn aufs Land bringen würde, besaß er bereits. Jetzt musste er eine vorübergehende Bleibe für Strolch finden, und er hatte hin und her überlegt, ob er ihn für die eine Nacht unter der Brücke lassen sollten, wo sie schliefen, vielleicht in der Obhut der alten Rose, die dort oft schlief und die ein feiner Mensch war, so lange sie nicht trank. Er hätte auch Mary, die wieder erweckte Christin fragen können, aber er hatte eine ungefähre Ahnung, dass Mary ihre gesamte Barmherzigkeit mittags voll auslebte und keinen dreckigen Hund an ihre weißen, gestärkten Röcke und Hosen lassen würde.

An das Naheliegendste erlaubte er sich erst zuletzt zu denken: Gianni und Thalia. Doch konnte er es wagen, dort wieder aufzutauchen?

Die letzten Nächte waren schlecht gewesen. Remus hatte wenig geschlafen, seit in der Woche zuvor mehrere Clochards nachts angegriffen und ziemlich übel zugerichtet worden waren in der Innenstadt. In der Population der Wohnungslosen grassierte die Angst. Remus selbst hatte wenig Angst, aber ihm war bewusst, dass er schlecht ernährt, verfroren und ohne Stab vor allem, sich nicht wesentlich besser würde wehren können als die meisten anderen Obdachlosen. Natürlich hatte er Strolch, doch auch der kleine Hund war unruhig gewesen. Mit der Nähe des Mondes kamen die Träume. Albträume, die ihn selbst, Sirius und manchmal auch Harry betrafen. Harry, der nachdem er Voldemort nieder gerungen hatte, im Kreuzfeuer eines Auroren viel zu jung und unendlich sinnlos gestorben war. Immer wieder spielten Narcissa und Malfoy eine Rolle in Remus' Träumen, er sah Narcissa Sirius den Kopf abschlagen und ihn in einen Burggraben werfen, wo der Kopf blutend und schreiend im trüben Wasser schwamm, während Narcissa lachte, sich in Bella verwandelte und auf schwarzen Schwingen davon flog. Remus erwachte schweißgebadet und begann dann furchtbar zu frieren. Selten genug waren es schöne Träume, zumeist erotischen Inhalts, die dann sehr viel mit Sirius zu tun hatten, und ein einziges Mal auch mit Thalia. Dieser Traum war einer der Gründe, und neben den vielleicht herumstromernden Auroren im Westend eigentlich der wichtigste, warum Remus den Teeladen gemieden hatte. Aber jetzt brauchte er einen sicheren Ort, wo er Strolch lassen konnte, und jemanden, der nicht endlos viel nach dem Warum fragen würde.

Gegen Abend hatten er und Strolch nach einem ermüdenden Fußmarsch ihr Ziel erreicht. Schon von den Arkaden aus konnte er das Licht des Buddhas flackern sehen. Als er an der Ladentür das Schild „geschlossen" las, war die Enttäuschung fast körperlich zu greifen.

Er sah sich um. Thalia wohnte gegenüber, Gianni hatte ihm damals die Treppe gezeigt. Zögernd führte er Strolch zurück auf die andere Straßenseite. Das Tor zu dem Innenhof, in dem Giannis Motorrad gestanden hatte, war nicht abgeschlossen. Remus trat in den Hof, bat Strolch am Fuß der Treppe zu warten und stieg hinauf. Er klingelte. Schwere Schritte näherten sich der Tür, und ein Hüne von Mann öffnete.

„Was wollen Sie?" fragte Frankenstein, doch dann erkannte er erst Strolch am Ende der Treppe und daraufhin auch Remus.

„Na, das ist ja eine Überraschung." Er wandte sich um: „Hey, Leo, schau mal, wer hier ist. Giannis Schützling mit dem süßen Mischling. Grüß dich", nickte er Remus zu.

„Lass bloß den verflohten Köter nicht rein!" rief es laut von drinnen, und nun kam auch Leo an die Tür. Ohne das verspielte Vampirkostüm wirkte er noch länger und dünner, und sein blasses, längliches Gesicht verzog sich zu einer Grimasse, als er Remus nun mit seinen kalten, blauen Augen musterte, die ein wenig an einen Frosch erinnerten.

„Was willst du denn hier?" fragte er feindselig.

Remus schluckte. Auf einen derart abweisenden Empfang war er nicht vorbereitet gewesen. Am liebsten wäre er wieder gegangen, aber er musste Thalia oder Gianni sprechen, um Strolchs Willen.

„Ist Thalia da? Oder Gianni?"

„Die sind beide im Theater heute", antwortete Frankenstein, der ohne das Make-up und die angeklebten Schrauben wie ein ganz normaler, freundlicher Preisboxer wirkte. Trotz der Kälte trug er nur ein T-Shirt, das den Blick auf seine muskelbepackten, mit einem Anker und einer Seeschlange tätowierten Oberarme frei gab. Ein Totenschädel auf seinem rechten Unterarm erinnerte Remus unangenehm an eine andere Tätowierung, die noch vor einem Jahr namenlosen Schrecken symbolisierte, heute jedoch keine Bedeutung mehr hatte. Anders als der geradezu bürgerlich wirkende und abweisende Leo hatte Frankenstein jedoch ein breites Grinsen im Gesicht. „Das wird bestimmt spät bei den beiden, die gehen nach der Premiere mit Sicherheit noch feiern. Willst du vielleicht hier auf sie warten?"

Noch ehe Remus antworten konnte, fuhr Leo dazwischen. „Will er nicht. Komm morgen wieder, da ist der Laden auf. Und jetzt verschwinde."

Er schlug die Tür zu.

Remus starrte betroffen auf das dunkle Holz.

„Was ist denn mit dir los?" fragte Frankenstein hinter der Tür. „Was hat der arme Kerl dir denn getan, das du ihn so anfährst?"

„Thalia mit ihrem Gut-Menschen-Tick!" wütete Leo. „Hast du gesehen, was er für einen Mantel anhatte? Genau, meinen! Den hat sie ihm geschenkt. Der blöde Laden wirft kaum genug für uns ab, und sie verschenkt Mäntel. Dafür hätten wir bei Ebay noch zehn Pfund bekommen, und ich brauche doch bald einen neuen Computer. Das Geld hat sie immer noch nicht zusammen. Und dann das Gemähre vor zwei Wochen: ‚Er ist nicht wieder gekommen, wir hatten doch gesagt, er soll vorbei kommen, hoffentlich ist ihm und dem Hund nichts passiert', in einer Tour ging das so. Thalia und Gianni, unisono. Außerdem kann ich das nicht ausstehen, wenn irgend so ein Schwanzträger um sie herumwuselt."

Frankenstein lachte. „Ach, Leo, du weißt doch genau, dass sie dich nie verlassen wird, warum machst du dir nur bei jedem Mann solche Sorgen, der in ihre Nähe kommt? Und dieser Remus ist doch nur ein harmloser Stadtstreicher, der einen Tee schnorren will, einen Teller Nudeln und vielleicht eine Dose Hundefutter. Das wird euch schon nicht an den Bettelstab bringen."

„Ich kann ihn aber nicht ausstehen!" knurrte Leo böse. „Der bedeutet Ärger, das hab ich im Urin."

Remus hatte genug gehört. Er rief Strolch und verließ mit ihm den Hof. Theater… Wenn er nur wüsste, welches Theater. Natürlich, er konnte auch einfach bis morgen warten, doch dann würde er sich sehr beeilen müssen, denn etwa dem Nachmittag würde er zu krank sein, um vom Bahnhof an der Endstation bis in den nahen Staatsforst zu kommen. Und falls Thalia beschloss, nach der Premierenparty auszuschlafen und den Laden erst am Mittag zu öffnen… Ihm lief die Zeit davon.

Sein Blick fiel auf den Zeitungsstand am Ende der Straße. Er hatte eine Idee. An dem Kiosk angekommen, zog den Daily Mirror aus dem Ständer und schlug die Kulturseite auf. „Hamlet" im Old Vic, nein, das war nicht das gesuchte. Aber hier: Das Theater in Kensington hatte eine Premiere, ebenso wie eines im East End und zwei in Soho. Wie sollte er das richtige finden?

„Hey, wenn Sie lesen wollen, kaufen Sie gefälligst die Zeitung", rief der Händler erbost aus seinem Holzverschlag.

„Sorry, ich kann nicht bezahlen", antwortete Remus wahrheitsgemäß.

„Dann fahr zur Hölle!" keifte der Mann.

„Morgen Nacht, ich versprech's", entgegnete Remus kühl und steckte die sorgfältig zusammengefaltete Zeitung wieder zurück. Es war ihr nicht anzusehen, dass sie benutzt war.

„Das Theater ist am anderen Ende der Stadt, im East End", sagte eine Stimme hinter Remus freundlich, und als er sich umdrehte, stand Frankenstein vor ihm. „Das schafft ihr nie rechtzeitig zu Fuß bis zur Premiere."

„Ich muss es nicht zur Premiere schaffen, aber ich muss heute noch mit Gianni oder Thalia sprechen", sagte Remus müde.

„Ihr könnt mit mir zur Premierenparty fahren", bot Frankenstein an. „Ich muss aber vorher arbeiten, Pakete ausliefern." Er wies auf einen braunen Transporter, der vor dem indischen Schnellrestaurant stand. „Seid ihr flohfrei? Ich hab' da tolle Geschichten gehört."

„Strolch hat ein Halsband mit Pulver. Wir sind beide eingestäubt mit DDT, schätze ich", entgegnete Remus.

„Cool", lachte Frankenstein und sperrte die Wagentür auf. Remus hob Strolch hinein und fragte sich, was daran cool war, auf Insektizide angewiesen zu sein.

„Der Army-Kram steht dir", lobte der Hüne. „Du bist ein Herbst, was?"

Jetzt musste Remus wider Willen lachen. Aus Frankensteins Mund klang diese Einschätzung einfach grotesk.

„Ich bin ein Sommer!" verkündete Frankenstein. „Nordischer Typ, halt. Gianni hat mir marineblau verordnet, als ob ich das nicht schon immer getragen hätte. Früher bin ich nämlich zur See gefahren, musst du wissen."

Remus erfuhr noch eine ganze Menge mehr über Frankenstein an diesem Abend. Nämlich unter anderem, dass er eigentlich Jimmy hieß, lange Matrose in Ihrer Majestät königlicher Seestreitmacht, siebenunddreißigstes Regiment, vierte Kohorte, fünfte Legion… Es war unmöglich, sich das zu merken. Jimmy hatte die Marine geliebt, aber leider den zweiten Maat seines letzten Schiffes nicht nur platonisch. All das wäre kein großes Ding gewesen, wenn jener Maat denn Jimmys Neigungen geteilt hätte. Und so endete Frankensteins Liebeserklärung tragisch, nämlich mit einem Disziplinarverfahren, und er kehrte Ihrer Königlichen Majestät Marine enttäuscht und frustriert den Rücken, um bei einem Paketzustellungsdienst anzuheuern, auch wenn das vorgeschriebene Braun der Uniform, die er jetzt über seinem T-Shirt trug, laut Gianni wirklich nicht Jimmys Farbe war.

Gianni, das erfuhr er ebenfalls, arbeitete als Maskenbildner beim Theater. Er hatte auch schon beim Film gearbeitet, war aber trotz großen Erfolges wieder ans Theater zurückgekehrt, der Atmosphäre wegen. Auch über den Grund von Giannis Unglück wurde Remus in Kenntnis gesetzt. Giannis Freund hatte ihn wegen eines anderen verlassen, und der stolze Nachkomme besonders italienischer Bastarde war zutiefst getroffen gewesen. Was ihn nicht daran hinderte, dem Untreuen, den er immer noch liebte, weiterhin seine Altbauwohnung im East-End zu überlassen und sich jede zweite Nacht bei Thalia auszuheulen.

„Und Thalia lebt mit Leo?" fragte Remus.

„Seit über fünfzehn Jahren, ja. Sie haben sich im Krankenhaus kennen gelernt, da waren sie beide siebzehn. Fast schon eine Sandkastenliebe." Jimmy seufzte. „Na ja, manchmal wünschte ich, Leo würde sie besser behandeln. Er ist ein ziemlicher Despot. Wär' schon toll, wenn er mal wenigstens arbeiten gehen würde. Aber na ja, wenn er mal den Durchbruch schafft mit seiner Musik, wird er sie mit Gold überhäufen, sagt er. Als ob sie das wollte."

„Was musiziert er denn?" fragte Remus.

„Moderne ernste Musik, und er musiziert nicht, er komponiert", antwortete Jimmy und grinste. „Wenn du mich fragst, ist es Katzengejammer nicht unähnlich. Und dann die Texte: Nichts als sexuelle Sauereien oder sinnloses Gefasel. ‚Das Lamm schrie: Hurz!' – ich meine, ich bitte dich, was ist das denn für ein Text? Wo bleibt denn da die Poesie?"

Remus prustete, obwohl ihm nicht wirklich zum Lachen war.

Jimmy klärte ihn noch ausführlich darüber auf, was er alles für Poesie hielt, und Remus bekam einen guten Überblick über die romantische Dichtung des späten neunzehnten Jahrhunderts. Jimmy verfügte über eine literarische Bildung, die Remus dem breitschultrigen Paketboten niemals zugetraut hätte. Dann erreichten sie schließlich das Theater. Strolch, der die gesamte Fahrt im warmen Fußraum verschlafen hatte, streckte sich und bellte freudig, musste dann aber enttäuscht im Auto zurückbleiben.

„Du kannst nicht mit rein", tröstete ihn Jimmy sanft. „Dein Herrchen riecht schon mehr nach Hund, als eigentlich erlaubt."

„Danke, bau mich nur weiter auf", sagte Remus und zwinkerte Jimmy zu.

Der blonde Mann führte ihn rechts an dem Gebäude vorbei und durch einen Hintereingang in das Theater. Sie stiegen ein trostloses Treppenhaus hinauf, das sich nur durch alte Plakate an den Wänden den Charme einer Parkhaustreppe ersparte. Im zweiten Stock öffnete Jimmy eine schäbige Metalltür, und plötzlich standen sie in einem Flur mit stoffbespannten Wänden, von dem rechts und links Türen abgingen. „Das sind die Garderoben", erklärte Jimmy. „Guck mal, die hier ist die von Rickman."

„Wem?"

„Na, Alan Rickman. Dem aus „Sinn und Sinnlichkeit". Du bist ja vielleicht ein Freak. Der Mann hat die sensibelsten Lippen im Königreich. Der ist Erotik pur."

„Das dachte ich immer von …" Remus suchte nach dem Namen einer Muggelschauspielerin. Endlich fiel ihm eine ein. „Jodie Foster."

Jetzt war es an Jimmy, zu prusten. „Freak", japse der Hüne und schlug Remus auf die Schulter, das es krachte. Dann warf er einen Blick auf seine Armbanduhr. „Die Vorstellung läuft noch zehn Minuten. Komm, wir nehmen den Schlussapplaus mit."

Sie liefen über Treppen und Flure, und schließlich öffnete Jimmy eine Tür, die hinter die Bühne führte. Ein unaufgeräumtes Knäuel aus prächtig gewandeten Schauspielern, deren Rollen schon fertig waren, Bühnenarbeitern und anderen dienstbaren Geistern wartete gespannt auf das Ende der Vorstellung. Ein Mittfünfziger mit grauem, welligem Haar lehnte sichtlich nervös an einer Wand.
„Das ist der Regisseur", erklärte Jimmy, der hier alles und jeden zu kennen schien, denn nun begrüße, umarmte und küsste er sich durch die Schar der Wartenden, Remus im Schlepptau.

Und endlich sahen sie Gianni: in engen schwarzen Kniebundhosen, einem prächtigen weißen Rüschenhemd und mit schwarzem Pferdeschwanz stand er bei einer Gruppe adliger Frauen mit Reifröcken und gepuderten Gesichtern. Remus stockte der Atem. Es hätte auch Sirius sein können, der dort stand.

„Zieh mir den Lidstrich nach, bitte, aber nur fein", bat eine der Rokkokokokotten, und Gianni hantierte mit Pinsel und Farbe.

„Hallo, du Aushilfskomparse", begrüßte Jimmy seinen Freund mit einem seiner Hammerschläge auf die Schulter.

„Jimmy! Wie schön, dass du kommen konntest!" freute sich Gianni und verteilte Wangenküsse.

„Ich hab' dir jemanden mitgebracht", tönte Jimmy und schob Remus nach vorne.

„Meine Güte, Romulus!" rief Gianni aus. „Was für eine freudige Überraschung." Er zog Remus an seine Brust und beküsste auch seine Wangen. „Herrjemine, das Eau de Toilette musst du aber wechseln. Was ist das?"

„Eau d'insecticide" entgegnete Remus.

Besser als ‚Eau de Floh'" grinste Gianni. „Bin ich froh, dass du in Ordnung bist. Wir haben uns schon gefragt, wo du steckst."

In diesem Moment ertönte donnernder Applaus, und Gianni sagte: „Ich muss gleich raus für die Vorhänge."

„Die was?" fragte Remus und spürte, wie ihm das Blut aus den Wangen wich.

„So nennen die das, wenn sie sich einen Applaus nach dem anderen abholen", erläuterte Jimmy. „Hm, wenn die sich noch verbeugen, testen wir doch eben schnell das Büffet."

Er zerrte Remus wieder in die Katakomben hinter der Bühne, bis sie an den Eingang eines prächtigen Festsaals gelangten. Vorne war ein Büffet mit allem aufgebaut, was man sich nur wünschen konnte: Lachsschnittchen, kalter Braten, Salate, Gratins, exotische Früchte, die Liste war lang.

Ein livrierter dicker Kellner steckte den Kopf durch die Tür. Remus, der Ärger befürchtete, hatte schon eine Entschuldigung auf den Lippen, aber das Donnerwetter blieb aus. „Ach, du bist's, Jimmy. Teller sind dahinten. Aber in zehn Minuten seid ihr verschwunden."

„Geht klar, danke, Alberto."

Jimmy holte die größten Teller, die er finden konnte (es waren Servierplatten) und packte sie so voll, daß Remus Angst hatte, man würde es dem Büffet doch ansehen, dass es vor der Zeit ausgeräubert worden war. „Los, beeil' dich", kommandierte der Büffet-Pirat. „Wir bringen das hoch in die Maske. Die kriegen sonst immer nur belegte Brötchen."

‚Sonst', so erfuhr Remus, bedeutete, wenn Jimmy einmal keine Zeit hatte, die Schönen und VIPs zu beklauen.

Sie schafften ihre kulinarische Beute hoch in den zweiten Stock. ‚Die Maske' war eine großer Raum, der sehr an ein provisorisches Frisörstudio erinnerte und in dem es brummte wie in einem Bienenstock. Schauspieler wurden abgeschminkt, Perücken auf nackte Puppenköpfe gesteckt und falsche Nasen und Holzbeine entfernt. Gianni war nicht da. Dafür entdeckte Remus Thalia. Sie saß auf einem der Schminktische und trug ein buntes afrikanisches Kleid mit einem grünen Kopfputz, aus dem mehrere Duzend kleiner geflochtener Zöpfchen hervor standen. Remus ließ Jimmy stehen und bahnte sich seinen Weg durch den Bienenstock zu ihr.

„Horsd'oeuvres?" fragte er und hielt ihr die Servierplatte hin.

Einen Augenblick starrte sie ihn verständnislos an, doch dann breitete sich ein Strahlen auf ihrem Gesicht aus.

„Mr. Lupin. Was für eine schöne Überraschung!" Sie pflückte einen Stängel Weintrauben von der Platte. „Geht es Ihnen gut? Wir haben uns Sorgen gemacht."

„Das tut mir leid. Ich hatte … meine Gründe, mich nicht blicken zu lassen." Er stellte das Tablett zur Seite. Ob er hier mit ihr sprach, wo in dem geschäftigen Treiben niemand darauf achtete, was er sagte oder später, spielte eigentlich keine Rolle.

„Aber ich komme zurecht, danke der Nachfrage." Er betrachtete sie. Ihr Kleid hatte einen nicht gerade freizügigen, aber doch etwas tieferen Ausschnitt und gab den Blick auf ihren Hals und ihr Dekolleté frei. Ihre Haut schimmerte samtig weiß und bildete so einen eigenartigen Kontrast zu den dunkelroten Zöpfchen. Sein Mund fühlte sich auf einmal seltsam trocken an.
„Sie sehen sehr schön aus heute Abend. Ich meine, das ist ein wirklich bemerkenswertes Kleid und eine noch ungewöhnlichere Frisur."

Sie lachte. „Danke schön. Es war auch eine wirkliche Tortur, bis Gianni all diese kleinen Zöpfchen geflochten hatte. Aber er wollte diese Frisur unbedingt ausprobieren. Das nächste Mal muss er seine eigenen Haare flechten, ich bin zu ungeduldig, wenn ich so lange sitzen muss."

„Wo steckt er denn?" fragte Remus.

„Er schminkt die Stars ab, und das passiert immer in deren eigener Garderobe. Die müssen ja hinterher zum Büffet, das Sie und, wie ich vermute Jimmy, schon geplündert haben, und dafür müssen die Hauptdarsteller auch wieder hergerichtet werden, wegen der Fotografen", erklärte sie.

„Verstehe. Klingt, als wären Sie oft hier im Theater." Er nahm sich ein Lachsschnittchen von der Platte, ließ es jedoch sofort wieder sinken. „Entschuldigung, ich weiß, es stört Sie, totes Tier zu sehen. Ich bin nur so furchtbar hungrig."

Sie sah ihn einen Moment ernst an. Dann sagte sie: „Ich denke, in Ihrem Fall ist das in Ordnung. Aber essen Sie ein paar Weintrauben dazu." Sie zerbiss den Stängel und reichte ihm die Hälfte. Er nahm ihr die Trauben ab und setzte sich neben sie auf den Tisch.

„Können Sie mir einen großen Gefallen tun?" fragte er.

„Das kommt drauf an", meinte sie. „Was brauchen Sie?"

„Jemanden, der bis übermorgen Abend auf Strolch aufpasst. Ich muss…an einen Ort, an den ich ihn nicht mitnehmen kann."

„Sind sie krank? Müssen Sie ins Krankenhaus?" fragte sie besorgt.

„Nein, ich meine… nicht direkt." Er hob hilflos die Schultern. Was hatte er auch geglaubt? Dass sie nicht fragen würde?
„Bitte", sagte er.

„Sagen wir also, das bleibt Ihr Geheimnis", sagte sie schließlich. „Meinen Sie, Strolch bleibt im Laden alleine? Ich befürchte nämlich, dass ich ihn nicht mit hinüber in die Wohnung nehmen kann. Wo ist er eigentlich?"

„In Jimmys Wagen. Und er wird's schon verstehen." Remus hoffte inständig, dass der kleine Hund nicht die ganze morgige Nacht heulen würde. Nicht so wie er selbst.
„Dann nehmen Sie ihn?" fragte er, nur um sicher zu gehen.

„Natürlich. Das wussten Sie doch vorher. Ich könnte Strolch doch nicht seinem Schicksal überlassen." Sie lächelte wieder.

„Nein, das kannst du wirklich nicht, Thalia. Und ich werde nach dem Theater nachhause eilen wie der Erlkönig, damit er nicht zu lange alleine bleiben muss." Gianni tauchte hinter ihnen auf und gesellte sich zu ihnen.
„Zeig' mal, was Ihr ergaunert habt. Mmmhm, Lachshäppchen. Darf ich?" Er sah Thalia flehend an. Sie runzelte die Stirn.

„Wieso darf er?" fragte Gianni und zeigte auf Remus.

„Sonderegelung für ausgehungerte Stadtstreicher", erklärte Remus.

„Tu was du nicht lassen kannst, aber glaub' nicht, dass ich dich noch küsse, wenn du nach Leiche riechst", sagte Thalia zu Gianni.

„Siehst du", sagte Gianni triumphierend zu Remus. „Ich bekomme immer alles, was ich will."

Er schlang seine langen Arme um Thalia und küsste sie mit Hingabe. Seine schlanken Finger glitten durch ihre Zöpfchenfrisur, und er entlockte ihr ein kleines Stöhnen. Remus erstarrte. So küssten sich nur zwei Menschen, die mehr als Freunde waren. Rotes Haar mischte sich mit schwarzem, und Remus hatte das Gefühl, zwanzig Jahre durch die Zeit geschleudert zu werden. Es sah aus, als würde Sirius Lilly küssen. Als Gianni sich von Thalia löste, waren ihre Wangen leicht gerötet und ihre Lippen dunkelrot.

„Ich bekomme es zwar nicht in der von mir favorisierten Reihenfolge, aber ich bin schon ziemlich erfolgreich", nahm Gianni seinen Gedanken von vor dem Kuss ungerührt wieder auf, als habe es die öffentliche Liebkosung Thalias nie gegeben und angelte nach einem Lachsschnittchen.

„Ich hätte das, was du wirklich willst, und ich störe mich nicht an dem Fischgeruch", sagte Jimmy, der dazu getreten war und umarmte Gianni von hinten. Dieser stieß ihn freundschaftlich in die Rippen.
„Was soll denn Remus von uns denken?" flötete er mit gespielter Empörung. „Nein, Jimmy, diese deine Sehnsucht wird ewig unerfüllt bleiben. Mein Körper und meine Seele gehören einem anderen, und mein Herz gehört auf ewig der schönen Thalia." Er grinste sie alle an. „Und wisst ihr was? Meine Hände, die gehören heute Abend Remus, denn diese Matte ist ein Skandal, die du da auf deinem Haupt trägst, mysteriöser Vollmondentschwinder. Was bist du, ein Werwolf, dass du dich im Wald verstecken musst?"

Remus erschrak so sehr, dass er nicht einmal protestierte, als Gianni ihn auf einen Drehstuhl drückte und plötzlich eine Schere in der Hand hatte.

Als die ersten Strähnen fielen, sagte Jimmy: „Das wäre jetzt der richtige Zeitpunkt für Rossini."

Und Gianni gab zur allgemeinen Begeisterung der Umstehenden den Figaro in schrägem Ton. Es wurde gelacht, einige hatten Tränen in den Augen, die allesamt auf Gianni fixiert waren. Alle, bis auf ein Paar blauer Augen, die in Remus Gesicht nach dem Grund für den Horror in seinem Blick suchten.

TBC