Ein Strolch zum Verlieben

Fanfiction von Slytherene

Liebe Lesende!

Schon geht es weiter, und das haben wir zu vorderst meiner bezaubernden Beta zu verdanken, die sich die Mühe gemacht hat, das Kapitel Korrektur zu lesen, sofort nachdem sie von der Arbeit kam und noch vor dem Wäscheaufhängen. Wie kann man ihr danken? Indem man sich ihre edle Snape-Fiction „Tortur" ansieht, sich verzaubern lässt und ein Review schickt, jawohl. Niemand hat eine so ausgefeilte, malerische Sprache wie TheVirginian und so einen reichen, üppigen und dennoch feinen Stil. Und wer von „Tortur" nicht genug bekommen hat, kann mit „Mysterium" nachlegen…

Am Wochenende bin ich leider unterwegs, und ob es vorher noch ein Update geben wird, kann ich nicht versprechen, aber ich verspreche es für spätestens Montag, falls das ein Trost ist.

Nur, dass Ihr Euch nicht wundert über die ersten Zeilen oben ... es war leider von Donnerstag bis eben (Montag mittag) unmöglich, auf fanfiction-punkt-net zu posten. Die hatten da einen ganz gewaltigen Hänger in ihrer Web-Präsenz. Aber dafür geht es jetzt zügig weiter, Kapitel 8 ist bereits fertig und beta gelesen und kommt, so will, dann morgen abend on.

Jetzt erst einmal spannende Unterhaltung.


7. Silberjagd

Als Remus in den Spiegel sah, blickte ihm ein Fremder entgegen. Gianni hatte sich alle Mühe gegeben, etwas von der Länge seiner Haare zu erhalten; allein, es war nicht möglich gewesen.

Auf dem Heimweg sagte er entschuldigend zu Remus: „Es wäre vielleicht noch was zu retten gewesen, wenn du dich wenigstens gelegentlich kämmen würdest."

„Schlag mich noch mal", entgegnete Remus.

„Wie du willst", lachte Gianni gutmütig. „Jedenfalls hast du jetzt den zu deinen Armee-Klamotten passenden Haarschnitt."

„Das hätte ich mit meinem Elektrorasierer schneller hinbekommen", legte Jimmy nach.

Sie lachten, und Remus stimmte ein. Es war eine lange Party gewesen, irgendwann hatte ihm jemand Champagner angeboten, und weil er durstig war, hatte er nicht abgelehnt. Aber er vertrug das Zeug nicht, und die laute Musik sowie die vielen parfümierten Menschen hatten ihn fast wahnsinnig gemacht. Jetzt jedoch hockte er zufrieden neben Thalia in Jimmys Lieferwagen. Sie hatte den Kopf auf seine Schulter gelegt und schlief bereits, wie ihre regelmäßigen Atemzüge verrieten. Jimmy hatte inzwischen angeboten, dass er Strolch am nächsten Tag mit auf seine Abendtour nehmen würde, wenn Gianni im Theater war, so dass der kleine Mischling überhaupt nicht alleine zu bleiben brauchte. Remus war mehr als angetan vom Angebot des ehemaligen Matrosen.

Jimmy gähnte, als er vor dem Teeladen stoppte. „Ich komm' nicht mehr mit rein, seid nicht böse", sagte er.

„Kein Problem", entgegnete Gianni und half Thalia aus dem Wagen, nachdem er Strolch herausgehoben hatte.

„Wir bringen dich noch rüber", sagte er zu Thalia.

„Das schaffe ich schon", erwiderte sie.

„Ich weiß, meine Süße", neckte Gianni und gab ihr einen Kuss auf die Nasenspitze. „Aber ich will nicht, dass Leo wieder den Aufstand probt."

„Dann komme ich besser nicht mit", sagte Remus. „Ich weiß aus sicherer Quelle, dass er nicht besonders…entspannt reagieren würde."

„Ja, ich weiß schon", sagte Thalia, und Traurigkeit schwang in ihrer Stimme. „Jimmy hat mir vorhin erzählt, was er gesagt hat. Ich entschuldige mich für ihn. Er hat das sicher nicht so gemeint. Er macht eine ziemlich schwere Phase durch, wissen Sie. Gute Nacht, Remus."

Sie lief mit Gianni auf die andere Straßenseite und verschwand in der Dunkelheit unter den Arkaden.

Remus ging mit Strolch bis zum Friedhof und zurück, damit der kleine Hund noch einmal ein paar Bäume begießen konnte. Sie kamen fast gleichzeitig mit Gianni beim Laden an. „Wir gehen hinten rum", sagte dieser, öffnete das Tor zum Hinterhof und schloss die Tür auf zu dem Flur, der auch zum Lager und zum Bad führte.

Eine halbe Stunde später, Remus hatte geduscht und Gianni ihn mit frischen Klamotten versorgt (seine Armeebestände waren offenbar noch nicht erschöpft), saßen sie noch bei einem Glas Wein (Gianni) und Wasser (Remus) zusammen.

„Du hast eine tolle Arbeit", stellte Remus fest. „Wusstest du, dass sie dich den „König der Maske" nennen?"

Gianni lachte. „Solange ich nicht ihr Hofnarr bin. Aber ja, natürlich weiß ich das. Ich kenne meinen unschätzbaren Wert."

„Das tun nicht alle von euch", sagte Remus leise.

Giannis Gesichtausdruck wurde ernst. „Du meinst Thalia."

Remus nickte. „Warum musstest du mitgehen? Was ist das mit Leo und ihr? Schlägt er sie?"

„Leo?" fragte Gianni ungläubig. „Nein, der würde nie die Hand gegen sie erheben. Der ist Pazifist. Er hat allerdings eine scharfe Zunge."

„Und?" Remus hatte das unbestimmte Gefühl, das noch mehr dahinter steckte.

Giannis Miene wurde jedoch verschlossener. „Das kann ich dir nicht erzählen. Frag sie selbst, wenn es dich interessiert. Aber glaube mir, das ist keine Baustelle, auf der ein Mann graben sollte. Das mit Thalia und Leo ist sehr speziell. Da kommst du nicht dazwischen und wirst auch nicht draus schlau. Ich habe es versucht, und ich würde wirklich alles tun für dieses Mädchen. Sie ist meine beste Freundin, mein Anker in stürmischer See. Aber sie ist nun mal Leos Frau."

oooOOOooo

Gianni hatte das Sofa ausgezogen und streckte sich unter den Decken. „Du bist sicher, dass du mit dem Schlafsack auf dem Boden pennen willst?" fragte er nun zum dritten Mal.

„Ja", knurrte Remus und drückte Strolch an sich. „Warum hast du sie geküsst vorhin. Ich meine, so geküsst?"

Gianni zuckte die Schulter. „Weil sie's mag. Weil sie süß ist und es sie ein bisschen glücklich macht. Keine Ahnung. Es passiert einfach manchmal. Aber mehr ist da nicht. Es ist platonisches Knutschen."

„Eine Wortschöpfung der absurden Art", sagte Remus, Gianni lachte und löschte das Licht.
Obwohl Remus müde war, dauerte es noch lange, bis er in dieser Nacht einschlief. Etwas stimmte nicht mit Thalia, und er würde herausfinden, was es war.

oooOOOooo

Am Morgen erwachte er mit rasenden Kopfschmerzen, die ihn daran erinnerten, dass der Vollmond bevorstand.
„Mein Hirn brennt", schallte Giannis Stimme an sein Ohr, und Remus versuchte träge, die Augen zu öffnen. Kaffeeduft waberte durch den Raum. Gianni ließ sich neben ihm auf dem Boden nieder und streichelte Strolchs Fell, nachdem er Remus eine Tasse schwarzen Kaffees unter die Nase geschoben hatte.

Angewidert drehte sich Remus auf die andere Seite.

„Aufwachen, Prinzessin", sagte Gianni, „dein Zug geht in einer Stunde."

„Mein… - woher weißt du davon?" fragte Remus und war mit einem Mal glockenwach.
„Du hast die Fahrkarte hier auf den Tisch gelegt, Idiot", erklärte Gianni. „Du schnarchst, weißt du das? Strolch, wie hältst du es nur mit dem Kerl aus?" bedauerte er den Hund. „Ich hab' kein Auge zugetan. Nächstes Mal trete ich dich, ehrlich." Das galt wieder Remus.

Eine halbe Stunde später fuhren sie mit der Untergrundbahn zum Bahnhof Charing Cross. Gianni musste ins East-End und hatte beschlossen, Remus bis zum Bahnhof zu begleiten und dann erst umzusteigen. Remus war dankbar, denn er vermochte kaum die Schilder lesen. Ihm war schlecht, und er konnte sich nicht erinnern, wann ihm zuletzt so früh an einem Mondtag bereits so elend gewesen war.
Dennoch versicherte er Gianni, dass er keine Hilfe brauche und ja, auch ganz bestimmt seinen Termin nicht verschieben könne, und saß endlich irgendwann in der Bahn, die ihn aus der Stadt hinaus brachte. Graue Häusermeere schoben sich am Fenster vorbei, verwandelten sich in gepflegte Vororte, deren Gärten kontinuierlich größer wurden, bis schließlich irgendwann mehr Grün als bebaute Fläche zu sehen war und endlich sich Felder mit Weiden und Farmhäusern abwechselten.
Remus bemerkte es kaum. Als er an der Endstation aus dem Zug wankte, die Bemerkungen einer ältlichen Dame über „das Gesindel in den Straßen, betrunken, schon mittags" geflissentlich überhörend, wusste er, dass es kein normaler Mond war. Er verließ den gepflasterten Weg hinter dem Bahnhof und schlug sich in die Böschung. Schwer atmend blieb er dort liegen. Plötzlich landete ein anderer Körper neben ihm.

„Schwer auszuhalten, was?" fragte eine heisere Frauenstimme. Er sah sich um. Neben ihm kauerte eine abgerissen wirkende, zierliche Frau. Sie hatte ungepflegtes blondes Haar, sah bleich und krank aus, und ihre graublauen Augen über den hohlen Wangen brannten in dem schmalen Gesicht.
„Mandy Weaver", stellte sie sich vor. „Machen Sie sich keine Mühe, sich vorzustellen. Ich kenn' Sie aus den Zeitungen von damals. Sie sind der Werwolf, der für Severus Snape gebürgt hat beim Prozess."

Remus reichte der jungen Werwölfin die Hand.
„Hat dem alten Giftmischer nicht viel geholfen", fügte sie hinzu.

„Nein", sagte Remus.

Er konnte Snapes Gesicht vor sich sehen, unbewegt und beherrscht.

Nicht mal McGonagall oder Slughorn wollen für dich aussagen?" hatte Remus ihn gefragt.

Slughorn war schon immer ein Feigling, und Minerva haben sie das Gedächtnis umgepolt", hatte Snape geantwortet.

Aber was ist mit den anderen? Mit Charlie?"

Das rumänische Ministerium lässt ihn derzeit aus formalen Gründen nicht ausreisen."

Ginny Weasley? Sie war bis zum Ende dabei."

Ihre Aussage wird nicht zugelassen. Sie ist nicht volljährig", sagte Snape kühl.

Hermine? Sie ist siebzehn."

Miss Granger erhielt ein Visum für sich und ihre Eltern nach Australien, das drei Tage vor dem Prozesstermin abläuft. Du siehst, Lupin, es wurde genau geplant."

Remus lief unruhig die wenigen Schritte von der einen zur anderen Wand der feuchten Zelle, in der man Snape untergebracht hatte.

Was ist mit denen ‚vom dunklen Licht'? Will sich da keiner reintegrieren?"

Du beliebst zu scherzen, Lupin. Sie sind alle besser reintegriert, als du es jemals sein wirst. Für deine Spezies werden sie sich in den nächsten Monaten hübsche Neuerungen ausdenken. Da liegen Sachen in der Schublade, die die geplanten ‚Zaubereihygienegesetze für magische Verbindungen' weit in den Schatten stellen werden, wenn du ‚Amnesty International' oder ‚Greenpeace' dazu befragen würdest."

Wen?"

Ach, Lupin. Gewöhne dich besser schon mal an Muggelzeitungen."

Noch ist das alles aber nur geplant. Ich werde für dich aussagen, Severus." Remus wusste, das würde ihn seine relative Anonymität kosten, die ein wertvoller Schutz war, aber wenn er Snape damit aus den Krallen des Ministeriums retten konnte, das einen Sündenbock brauchte, den es öffentlich zu verurteilen und zu bestrafen galt, war es das wert.

Du?" Snapes fragend gehobene Augenbraue verschwand fast unter seinem schmutzigen schwarzen Haar, das nicht besser aussah dadurch, dass man es ihm kurz abgeschnitten hatte.

Noch bin ich ein gleichberechtigter Zauberer, Severus, ohne Vorstrafen."

Mit einem großen ‚W' quer über dein Personenstandspergament gestempelt", bemerkte Snape sarkastisch. „Nein, Lupin, dein Engagement ehrt dich, aber was immer du auch aussagen wirst, es wird nichts an dem ändern, das sie mit mir tun werden."

Der Tränkemeister hatte, wie so oft, Recht behalten.

„Waren Sie Freunde?" fragte die Werwölfin und hustete. „Scheiß Zwingerhusten. Erwischt mich jedes Mal."

„So etwas in der Art, ja", bestätigte Remus.

„Wir müssen zum Wald", sagte Mandy. „Dieser Mittagsmond macht mich ganz irre. Ist Ihnen auch so übel? Haben Sie vorhin gegenüber vom Bahnhof die Silberjäger gesehen? Gut getarnt in muggeljägergrünen Lodenkram, mit Pferden und Fuchsjagdemblemen. Wenn ich gewußt hätte, dass die hier jagen, wäre ich nach Wales runter gefahren."

Remus hatte die Jäger nicht bemerkt. Er hatte Mühe, den Rücken gerade zu halten. Mittagsmond, das also war es. Der Mond ging bereits am Nachmittag auf, wenn es noch hell war. Die Bestie in ihm würde also über Stunden versuchen, ihr Gefängnis zu sprengen, ohne dass sein menschlicher Verstand es öffnen konnte. Jetzt hörte er auch die Pferdehufe, sogar Jagdhörner klangen zu ihnen in den Graben hinüber.

„Wir werden nicht einmal bis in den Wald kommen", sagte er bitter.

„Doch, werden wir", erwiderte die junge Frau und blinzelte. Ihre Augen waren vermutlich ebenso lichtempfindlich wie seine. „Ich kenne einen Weg, hinten durchs Moor. Wir bleiben hier an der Bahntrasse und halten uns dann südlich. Hinter dem Moor ist ein Eichenhain, der von drei Seiten vom Feuchtbiotop umschlossen ist. Das ist ziemlich sicher, da gehen die Pferde nicht rein."

„Aber die Thestrale", sagte Remus.

„Die jagen hier seit Monaten nur zu Pferde", versicherte sie ihm. „Gehen wir."

Mühsam folgte er der Werwölfin, die offenbar besser bei Kräften war als er selbst und wieselflink durch Gräben kroch und über moorige Wiesen führte. Nach zwei Stunden hatten sie den Eichenwald erreicht. Remus wusste, was nun kommen würde: Ihre Wege mussten sich trennen. Wenn einer von ihnen sich zuerst verwandelte, würde er den anderen umbringen.

„Danke fürs Herbringen", sagte er. „Ich weiß nicht, ob ich alleine bis hier gekommen wäre."

„Schon in Ordnung", sagte sie. "Verschwinden Sie jetzt. Ich bin Spätwandlerin, und ich will nicht Ihr Abendessen sein."

Er nickte.

„Ich hoffe, wir sehen uns mal wieder", rief sie ihm nach.

Remus überließ ihr die Eichenforstung und wanderte ein Stück westlich, wo dichter Kiefernwald die Laubbäume ablöste. Man konnte hier kaum fliehen, doch die Tarnung war besser als in Laubgehölzen, und die ätherischen Kiefernöle würden Thestralen die Witterung erschweren. Er spürte den Mond wie eine aufsteigende Bürde auf seinen Körper drücken, ewig wiederkehrender Tiedenhub der Lykantrophie.

Er hatte eine Weile ruhig auf dem Waldboden gelegen und versucht, gegen den Schmerz in seinem Inneren anzuatmen. Der Wolf lag ruhig, aber er war nah unter der Oberfläche. Plötzlich hörte er Hundegebell, Stimmen und wieder Jagdhörner. Mit einiger Mühe gelang es ihm, auf eine schlanke Fichte zu klettern, die sich zwischen den dichten Kiefern behauptet hatte. Er wollte die Jäger sehen, von denen er bisher nur gehört hatte. Und da waren sie: Nur noch ansatzweise und nachlässig als Muggel getarnt, sechs Männer und drei Frauen, tatsächlich auf Pferden, mit bunten Jagdhunden bei Fuß. Die Hunde waren knochig, als habe sich das Fell nur widerwillig über ihre Skelette geschoben, und ihre Augen waren stumpf und tot. Nur ein Muggel oder jemand, der noch einen anderen hatte sterben sehen, würde das in ihnen sehen, was er sehen sollte: Hunde. Doch Remus erkannte die Fratze hinter der Maske: Gewandelte Thestrale, sichtbar gemacht, um problemlos und unbemerkt von Muggeln in den Wald zu kommen. Die neun Zauberer trugen Waffen, Gewehre und Jagdmesser, deren silberne Klingen in der Sonne glitzerten. Eine der Frauen trug einen länglichen Gegenstand, und am Ende ragte eine Spitze aus dem nachlässig darum herum geschlungen Stoff, die einer Pfeilspitze nicht unähnlich war: Eine Lanze aus Silber. Es lief Remus kalt den Rücken herunter. Mit diesen archaischen Waffen hatte man vor fünfhundert Jahren Werwölfe gejagt. Die Stiche töteten langsam, wenn sie nicht lebenswichtige Organe durchbohrten. Der Werwolf ‚verbrannte' langsam und qualvoll von innen.

Die Horrortruppe bewegte sich langsam an ihm vorbei. Einige der vermeintlichen ‚Hunde' hoben suchend ihre Nasen, aber es gab nichts, das sie jetzt wittern konnten. Thestrale gingen auf Blutgeruch, und solange der Werwolf nichts gerissen hatte, würde sie ihn nicht bemerken, wenn er fünf Meter neben ihnen hockte.

Remus ließ sich langsam wieder zu Boden nieder. Sobald er sich verwandelt hätte, würde er jagen, und seine Trefferquote war hoch. Er gab nichts, was er dagegen tun konnte.

Der Mond ging auf, wolkigweiß am blassblauen Himmel, und alles, was Remus noch wahrnehmen konnte, war Schmerz. Er hatte seine Kleider bereits abgelegt und sich in eine der dünnen Decken gewickelt, die Gianni ihm ohne weitere Fragen zu stellen auf seine Bitte mitgegeben hatte. Erschöpft glitt er in eine Art Halbschlaf, und verdrängte Bilder aus der Zeit nach Voldemorts Untergang brachen sich Bahn.

Harrys Beerdigung, ein Sarg in Gold und Rot, in einem rotgelben Blumenmeer. Molly, wie sie mit blutigen Fingern und irrem Blick an der Wand ihres Krankenzimmers in St. Mungos kratzte, bis ein Heiler sie wieder in den Zwangsschlaf versetzte, in dem sie wenigstens nicht mehr träumte und schrie, vor der Tür Charlie, bleich und verloren, seine Hand verschlungen mit der seiner Schwester, die keine Tränen mehr hatte, für niemanden. Hermine, die ihr Vater in Heathrow durch das Gate der australischen Fluggesellschaft QUANTAS zerren musste. Dr. Granger setzte sich durch, seine Tochter war noch keine achtzehn, und somit hatte er nach Muggelgesetz das Aufenthaltsbestimmungsrecht für den ohne Stab wehrlosen Teenager. Merlin sei dank, dass er klug genug war, sie aus England wegzubringen. Den Stab würde sie irgendwann zurückbekommen. Schließlich Snape, den kein noch so gutes Argument, kein noch so offensichtlicher Beweis seiner Unschuld hatte retten können. Sie hatten ihn in einem vergitterten Käfig auf einem Wagen durch die Winkelgasse gefahren, wie im finsteren Mittelalter oder zu Zeiten der französischen Revolution, nur dass kein Schafott auf den Tränkemeister wartete, sondern eine Strafe, die ihn weit mehr als der Tod treffen würde. Aber weil es ein bisschen Schafott dann doch sein musste, hatten sie ihm öffentlich die Stabhand abgeschlagen, ein Vorschlag von Peter Pettigrew im Übrigen, und ihm damit alle Magie entzogen. Man hatte den Verletzten natürlich nicht verbluten lassen, schließlich waren die Zauberer zivilisierte Menschen, sondern sie hatten ihn mit in die Mysteriumsabteilung genommen und dort durch eben jenen Vorhang gestoßen, aus dem schon Sirius nicht zurück gekehrt war. Diese zauberhafte Idee war von Bellatrix gewesen, die dem Gefesselten persönlich den letzten Stoß gegeben hatte. Dass Snape einen letzten Sieg errungen hatte, indem er Remus zu seinem Generalbevollmächtigten bestimmt hatte, und sie somit die Anwesenheit des verhassten Werwolfs bei allen Teilen der Urteilsvollstreckung dulden mussten, hatte den vollkommenen Sieg der unheiligen Allianz aus Todessern und Hardlinern im Ministerium nur marginal befleckt.

Der Mond zerrte Remus brutal aus seinem bleiernen Halbschlaf, oder vielmehr die Sonne, die am Horizont versank und die Bühne für ihren nächtlichen Bruder vollständig freigab, und somit auch den Weg für den Wolf.

Ein Rascheln im Unterholz, der Geruch von Angst, Springen, Rennen, Greifen, Töten: Blut, Blut überall, auf seiner Zunge, an seinen Krallen, auf dem Fell des Hasen, das den köstlich-warmen Körper umschloss. Und dann endlich Nahrung, warm und frisch und voller Leben noch.

Später: Geräusche – nah, fremd und bedrohlich, Schnüffeln, Knacken, aufgeregtes Trampeln. Herzschlag großer Tiere, Schnauben, silberheller Ton eines Jagdhorns.
Geschrei, fremd, unverständlich, feindlich, jauchzen, Triumph der Jäger. Sie waren ihm auf der Fährte, und nah, so nah.

Angst, Fliehen, Springen, Rennen, diesmal geht es um dein Leben, Wolf. Weiter, weiter, weiter, zurück auf der Spur dessen, der dich zwischen den Monden beschützt.

Doch auch der Mond flieht. Mitten im Lauf zieht sich der Körper des Wolfs zusammen, in höchster Pein ein Aufheulen, und dann ist Remus wieder da, noch benommen, mit zitternden Muskeln und brennenden Augen. Und er kann sie hören, ihr Nahen, die wilde Jagd ist noch nicht vorbei, und sie werden keinen Unterschied machen zwischen ihm und dem Wolf, denn sie wollen ein Opfer, und sie wollen es heute Nacht.

Wieder Angst, Fliehen, Springen, Rennen, diesmal geht es um dein Leben, Remus. Weiter, weiter, weiter. Zweige peitschen die Haut, zerreißen, brennender Schmerz, und sie sind fast in Sichtweite, da plötzlich verschwindet der Boden unter seinen Füßen, und kaltes, dunkles Moorwasser hüllt ihn ein.

Remus Lupin ist klug, sonst hätte er nicht so lange überlebt. Er denkt nach, analysiert seine Situation schon unter Wasser, und als er mit dem Kopf die Wasseroberfläche durchstößt um Luft zu holen, tut er es achtsam und fast geräuschlos. Er weiß, dass sie ihn nicht wittern können, solange er hier drin ist, und spült sich das Blut und die Reste der Gedärme von Gesicht und Händen.

Doch sie kommen trotzdem näher, getrieben von ihren Reitern, die wissen, dass er da ist. Sie setzen über ihn hinweg, elegante Sprünge, schwingenunterstützt. Werden Sie ihn sehen? Eine Schicht alter Blätter aus dem Herbst schwimmt auf der Wasseroberfläche.

„Wo ist das Biest?"

„Keine Ahnung. Es muss dort lang sein."

Ein Thestral hebt die Nase und bläht die Nüstern.

„Er wittert etwas. Lasst ihnen die Zügel!"

Die Tiere wechseln die Richtung, und Remus erkennt ihn wieder, den Weg zum Eichengehölz. Oh bitte, nein.

Er folgt ihnen, bleibt in Deckung, sie gewinnen an Entfernung, aber es ist nicht mehr weit.

Er hört das Heulen und dann den Schrei.

„Ich bin eine Spätverwandlerin", hatte sie gesagt.

Zwischen den Büschen, aus dem Unterholz heraus, öffnet sich die Lichtung. Da stehen sie jauchzend und sich beglückwünschend um die zarte Gestalt, deren nackter Körper sich so deutlich vom dunklen Boden abzeichnet. Blut klebt überall auf Mandys Gesicht und Händen, Blut von dem Reh, das neben ihr liegt, den zarten braunen Leib aufgerissen. Das also haben die Thestrale gewittert. Aber nur, weil er sie hergeführt hat.

In Mandys Unterleib steckt die silberne Lanze und reflektiert das kalte Licht der Sterne.

Sie windet sich unter Krämpfen, doch sie hat nicht die Kraft, die Waffe aus ihrem Körper zu ziehen. Man hat sie mit Gewalt durch ihre zierlichen Formen hindurch tief in den Boden gerammt.

„Wir könnten sie aufstellen, gepfählt", schlägt ein Mann vor, und die anderen lachen.

„Jemand sollte sie erlösen. Sie ist doch schon wieder menschenähnlich", sagt eine Frauenstimme, schüchtern.

„Nein!" Eine weitere Frau, kalt und glatt. „Soll sie sich doch selbst erlösen." Sie nimmt einen Silberdolch und steckt ihn in den Boden, so dass Mandy ihn mit den Fingerspitzen, aber eben nur damit, berühren kann.

Plötzlich ein Schuss.

„Scheint, die Muggel sind auch auf der Jagd", sagte ein Mann. „Vermute, wir bekommen morgen Wildschwein serviert."

„Lasst uns abhauen, das gibt sonst nur Ärger und unnötige Scherereien."

„Was machen wir mit der?" Die zweite Frau weist auf Mandy.

„Lassen wir liegen. Die findet sowieso keiner im Moor, und wenn, lass doch die Muggel ein bisschen über Ritualmorde grübeln. Ich hab' noch zwei andere Lanzen, die hier ist ja nur eine Replik."

Stille. Sie sind fort, und Remus wagt sich hervor. Er hat keine Worte für Mandy, die ihn jetzt erkennt.

„Sie hatten Thestrale", sagt sie stockend. „Wie Sie gesagt haben. Ich wollte es nicht glauben." Ihr Atem geht schwer und keuchend. Sie hat viel Blut verloren, die Wunde ist tief und gezackt, und außer Blut quillt auch Darminhalt hervor. Sie hat keine Chance.

„Aua. Bitte…ziehen Sie dieses Ding aus mir. Es brennt so furchtbar."

Remus greift nach dem silbernen Schaft der Lanze, seine Haut wird sofort heiß. Vorsichtig dreht er Mandy auf die Seite. Die Lanze steckt mit ihren Widerhaken fest im Boden. Wenn er nur kräftiger anpacken könnte. Er presst die Hand um das schreckliche Werkzeug, ein heißer Schmerz fährt ihm bis in die Schulter, aber er zieht und endlich gleitet die Lanze zurück. Aber er kann sie nicht durch Mandys zerstochenen Körper zurückziehen. Ihm bleibt nur, sie ganz hindurch zu schieben, bis der Schaft am Rücken der zarten Frau wieder austritt. Er wirft das Folterinstrument zur Seite.

Mandy hat nicht geschrieen. Aber Remus kann ihren Schmerz fühlen, riechen, schmecken, sehen. Etwas Metallisches liegt in der Luft.

„Ich sterbe", sagt die Werwölfin, und Remus kann nur nicken. Es mag noch ein paar Stunden dauern, aber das Silber hat ihre Haut schon aufquellen lassen. Ihr Kopf liegt auf Remus' Knien, und die Sterne spiegeln sich in ihren Augen.

Plötzlich Schreie, Krämpfe. Es verbrennt sie von innen. Remus hat darüber gelesen. Als sie ruhiger wird, flüstert sie, so leise, dass er sich vorbeugen muss, um sie zu verstehen:

„Bring es zu Ende, Gefährte meines Fluchs. Ich bitte dich, bei Fenris, unserem Vater." Eine archaische Formel, die ihn nicht bindet. Er hängt der lykantrophen Naturreligion nicht an, die manche seiner „Artgenossen" vertreten.

„Das kann ich nicht", sagt er. Sein Blick geht zu dem Silberdolch, der in der Erde steckt. Selbst wenn er ihn ihr gäbe, sie hätte die Kraft nicht dazu.

„Sei menschlich", bettelt sie.

Alles in Remus sträubt sich. Sein Verstand, sein Gefühl, sein Herz, selbst seine Hand, die das böse, kleine, todbringende Silberding nicht berühren will. Und er muss alles, was an Kraft noch in ihm wohnt, seinen gesamten Willen, seine maximale Distanz zu sich selbst und all sein Menschsein aufbieten, um menschlich zu handeln.

TBC

Okay, das war grausam. Zerreißt mich.


Weil ich noch einmal gefragt wurde: Das "Strolchiversum" ist nicht die Fortsetzung meiner anderen Geschichten, aber ich entlehne natürlich das eine oder andere daraus.

Und dieses eine Mal gehen wir bitte davon aus, dass Sirius tatsächlich durch den Mördervorhang gefallen ist.

(at) Padfoot: Ich verspreche, es in Frühlingserwachen wieder gut zu machen, großes "Düsteres-Zeug-Dichterinnen-Ehrenwort".

Silber verbrennt in den meisten Fanfictions einen Werwolf sofort und tödlich. Für diese Geschichte habe ich mich jedoch entschieden, dass begrenzter Kontakt mit Silber zwar schmerzhaft ist, aber nicht unbedingt tödlich. Nur so hat Remus eine Chance, Mandy von der Lanze zu befreien, denn seine Klamotten, mit denen er seine Hand vielleicht umwickeln könnte, liegen ja noch irgendwo zwischen den Nadelbäumen, und er ist ja als Wolf in Richtung des Eichenhains gelaufen. Diese Prinzip gilt auch für alle anderen Kontakte mit Silber, die in dieser Erzählung noch folgen werden.