Ein Strolch zum Verlieben
Fanfiction von Slytherene
Liebe Lesende!
Für die Reviews bedanke ich mich sehr herzlich bei Lilia, Lina, Missy, Annchen und Berserkgorilla( Irgendwann möchte ich wissen, wie du zu dem Nick kommst!).
Für das Betalesen sei TheVirginian gedankt!!!
(at) Lilia, von der ich keine Mailadresse habe: Bzgl. des Hintertreppenwolfes setze Dich bitte per Mail mit mir in Verbindung.
Falls die Server es zulassen, gibt es jetzt ein Update. Begleiten wir Remus nach der schrecklichen vorletzten Nacht in einen neuen Morgen. Wird er die Ereignisse der Silberjagd verarbeiten können oder hat ihn diese Nacht gebrochen? Gibt es doch noch etwas (oder jemand), das (der) ihn weitermachen lässt? Lest und seht.
Gute Unterhaltung!
9. Neue Wege
Einer
der Jäger hat Remus gesehen, und nun drückt er ihn
erbarmungslos unter die Oberfläche in dem mit dunklem Wasser
gefüllten Graben, damit seine Gefährtin mit der silbernen
Lanze ihn pfählen kann. Remus kämpft gegen den Druck an,
aber er hat keine Kraft, der Jäger ist viel zu stark. Er kann
sein breit feixendes Gesicht durch die Wasseroberfläche hindurch
sehen, und es ist McNair, wie passend, der Henker, und dann plötzlich
auch Malfoy, die ihn festhalten, bis Bellatrix mit der Lanze
auftaucht.
„Hilf mir ihn festzuhalten", sagt Lucius, und dann
wäscht ein Schatten wie schwarze Tinte über sein weißes
Haar und färbt es dunkel wie Rabenflügel, und plötzlich
ist es Sirius, der Remus die Luft abdrückt, und Remus schreit;
schreit, weil er trotz allem einfach nicht sterben will, dieser Wolf
in ihm, der keine Gnade kennt mit seiner gemarterten Seele, die
einfach keinen weiteren Verlust mehr ertragen kann.
Und dann zieht Sirius ihn plötzlich hoch, und das Wasser ist nur Wasser auf Remus' Gesicht, und es ist nur ein Glas, das ihm jemand an die Lippen hält.
„Mama Mia, Remus, schrei doch nicht so. Psst, psst, es war nur ein Albtraum, hörst du? Nur ein blöder, böser Traum."
Gianni hockte hinter Remus und hielt ihn halb im Arm, mit der freien Rechten umklammerte er ein Wasserglas, und Jimmy hing mit seinen ganzen geschätzten zwanzig Bruttoregistertonnen quer über Remus' Beinen, um ihn ruhig zu halten.
Remus' Augäpfel kamen zur Ruhe, und der Raum verzichtete gnädig darauf, sich weiter zu drehen.
Etwas Nasses, Warmes war an Remus Hand, und dann trampelte Strolch plötzlich auf seinem Bauch herum und trat ihn mit der Hinterpfote an einer empfindlichen Stelle, bevor er ihm wonnig und mit Hingabe das Gesicht ableckte.
Die Sonne strahlte mit Macht aus dem Laden herüber, und der Bambusvorhang warf heitere Schattenspiele an die Wand. Die Glocke bimmelte, und Remus hörte Thalia, die einem unbekannten Kunden etwas über den ‚Tee des Tages' erzählte.
„Willkommen im Leben", knurrte Gianni. „Noch ein Albtraum, und wir bringen dich in die Psychiatrie. Was für eine Nacht!"
Aus dem Laden tönte leises Lachen.
„Bist du noch tot? Um dich herum tobt nämlich seit Stunden das Leben", erklärte Gianni.
„Ich werde tot sein, wenn du nicht runter gehst, Jimmy", keuchte Remus.
„Petridank, wir ham ihn wieder", ächzte Jimmy und schwang sich hoch.
Mühsam kam auch Remus auf die Füße.
„Wohin des Weges, Wanderer?" fragte Gianni und hielt ihn am Oberarm fest.
„Pinkeln", sagte Remus und wankte Richtung Badezimmer. Er fiel mehr auf die Klobrille als dass er sich setzte, aber es ging. Die grinsenden und sehr erleichtert wirkenden Gesichter von Gianni und Jimmy tauchten im Türrahmen auf.
„Schon mal was von Diskretion gehört?" fragte Remus.
„Mach halt die Tür zu", erwiderte Gianni. „Und kannst du nicht stehen wie ein Mann?"
„Echt, Gianni", warf Jimmy ein, „es ist viel gesünder, sich zu setzen, weil dann der Enddarm öfter entleert wird. Deswegen kriegen Frauen ja auch viel seltener Darmkrebs als Männer, weil die Mädels sich immer setzen, wenn sie…"
„Danke für ein weiteres Stück nutzloser Information, Jimmy!" brüllte Gianni und schob den blonden Hobbyproktologen zurück ins Hinterzimmer. Er war gerade rechtzeitig zurück, um Remus daran zu hindern, mit der Stirn gegen die Wandfliesen zu knallen.
„Klogänge nur alle zwei Stunden und nur in Begleitung", verkündete er nüchtern. „Keine Ausnahmen, keine Vergünstigungen, bis du wieder gerade gehen kannst."
„Ich will mich waschen", verlangte Remus.
„Ich will ein Operntenor sein, aber das hilft mir nicht, weil ich es nicht einmal zum Baritono buffo bringen werde", entgegnete Gianni. „Du gehst ins Bett zurück."
„Aber ich muss mich wenigstens…"
„Hinlegen musst du dich, sonst nix", erklärte Gianni, und Remus war schneller wieder im Bett, als er ‚Zicken machen' konnte, wie Gianni und Jimmy es bezeichneten.
„So", sagte Gianni, als er und Jimmy mit je einem Kaffee am Tisch saßen und Remus mit einer Tasse Kräutertee („Kaffee ist eine Vergünstigung, gibt es erst bei geradem Gang!") auf dem ausgezogenen Sofa, eine Decke über den Beinen. „Jetzt wollen wir wissen, was mit dir los ist. Was sind das für Albträume? Ich habe noch nie in meinem ganzen Leben jemanden so schreien hören."
Remus überlegte. Wenn er die Wahrheit erzählte, würden sie ihm nicht glauben, aber er wollte auch nicht lügen. Jede Lüge kostete so unendlich viel Kraft, sie zog weitere Lügen nach, und irgendwann würde das Eis, auf dem er sich bewegte, so dünn, dass er einbräche. Er entschied sich für eine Wahrheit, die weitere hinter sich verbarg, aber eben doch eine Wahrheit war.
„Ich hatte einen Freund: Sirius. Ich habe ihn sterben sehen."
„Das tut mir Leid", sagte Jimmy sofort. „Ein Unfall?"
Remus schüttelte den Kopf. „Mord."
„Madonna", sagte Gianni. „Ich verstehe. Was ist mit dem Mörder?"
„Der Mörderin", sagte Remus. „Sie war seine Kusine. Sie ist in einer Klinik."
Auch das stimmte. Selbst das Ministerium hatte Bellatrix für zu gefährlich gehalten, um sie frei in der Winkelgasse herum laufen zu lassen. Da man sie nicht nach Askaban schaffen konnte, hatte man ihr eine komfortable, aber verschlossene und gut bewachte ‚Suite' im St. Mungo's eingerichtet.
„Lebst du deshalb auf der Straße?"
„Nein", erklärt Remus. „Ich habe keinen Job und folglich kein Geld, deswegen keine Wohnung, und das macht es nicht leichter, einen Job zu finden."
„Du könntest bei mir in der Firma anfangen", bot Jimmy sofort an. „Wir suchen immer Leute."
„Ich kann nicht Auto fahren", erwiderte Remus.
„Ich besorg' dir was im Lager", meinte Jimmy unverzagt.
„Ich habe keine Adresse", sagte Remus.
„Gib diese hier an oder die von meiner Wohnung im East-End", bot Gianni an.
„Ich habe keine Papiere", gab Remus zu Bedenken.
„Ähem", machte Gianni und sah immerhin schuldbewusst zu Boden. „Du bist aber irgendwo geboren?"
„Natürlich isser das", sagte Jimmy. „Jeder Mensch…"
„Jimmy!" brüllte Gianni. „Das wissen wir. Also, Remus, auf welchem verfluchten Amt liegt deine Geburtsurkunde?"
„Berwick-upon-Tweed", antwortete Remus mechanisch. Seine Mutter, eine Muggelgeborene, die nur über sehr beschränkte magische Fähigkeiten verfügte, hatte ihn in einem Muggelkrankenhaus zur Welt gebracht. Vermutlich gab es Aufzeichnungen darüber. Jetzt, wo er daran dachte, konnte er gar nicht fassen, wie er diese Tatsache vor zwei Wochen, als Gianni seinen Umhang mit den Pergamenten so elegant ‚entsorgt' hatte, übersehen konnte.
„Bingo" sagte Gianni und zog sein Handy aus der Tasche. „Vermittlung? Das Standesamt von Berwick-upon-Tweed. Ja, meinetwegen auch nur die Stadtverwaltung. –
Hören Sie? Stadtverw…ja gut. Personenstandsbüro. Guten Tag, Miss, sind Sie das Standesamt? Prima, Mein Name ist Remus Lupin und ich bin am… Remus, wann bin geboren?... am 10. März 1960 im Krankenhaus bei Ihnen geboren worden. Leider hat man mir direkt nach meiner Rückkehr aus Indien den Pass geklaut am Flughafen, und … nein, ich weiß nicht, wo der ausgestellt war…was? ja, in London."
Er nannte ihr die Adresse, murmelte noch ein paar ‚Ja' und ‚gerne', und legte dann mit höchst zufriedener Miene auf.
„Sie schicken eine beglaubigte Kopie deiner Geburtsurkunde hier ins Bürgerbüro. Übermorgen gehen wir da hin, bringen ein Passbild mit, und dann erhältst du einen neuen Ausweis."
„Warum tust du das, Gianni?" fragte Remus und fixierte den dunkelhaarigen Mann.
„Ehrlich? Ich weiß es nicht. Du erinnerst mich an jemanden… Gleich als ich dich da auf der Straße bei deinem Hund kauern sah, hatte ich das Gefühl, dich zu kennen. Klingt verrückt, oder?" Er musterte Remus mit seinen lebhaften grünen Augen.
„Was Gianni damit sagen will", erklärte Jimmy ungefragt, „ist, dass du ein netter Kerl bist und er deiner sympathischen Ausstrahlung erlegen ist. Natürlich liebt er nur Armando, aber aus irgendeinem unerfindlichen Grund hat er sich trotzdem in dich verguckt und…"
„Jimmy!" brüllte Gianni zum dritten Mal an diesem Tag und warf ihm einen Apfel an den Kopf.
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Die nächsten Tage lebte Remus in einer Art Zeitblase, er hatte das Gefühl, Lichtjahre von der letzten Vollmondnacht entfernt zu sein, die ihm mehr und mehr wie ein grässlicher, widersinniger Albtraum erschien.
Gianni, Jimmy und Thalia schienen sich verschworen zu haben, ihn nicht eine Sekunde aus den Augen zu lassen. Er war angeschlagen und fand nicht die Kraft, sich alleine aus dem Staub zu machen. Außerdem gab es da noch Thalia, deren dunkles Geheimnis er förmlich riechen konnte, obgleich es unter ihrer warmen Freundlichkeit verborgen lag. Es war offensichtlich, dass weder Gianni noch Jimmy in der Lage waren, hinter die Maske ihrer scheinbar unverbrüchlichen Treue zu Leo zu blicken. Etwas in ihm wisperte immerzu, dass er als einziger die Chance hatte, dieses merkwürdige Rätsel zu lösen. Und Remus Lupin hatte noch nie gekniffen, wenn es schwierig oder hart wurde. Er konnte nichts daran ändern, dass die Zauberergesellschaft zu einem monströsen Strudel Abschaum verkam, er konnte nicht verhindern, dass Werwölfe wie Mandy gnadenlos abgeschlachtet wurden, aber bevor er sich aufgab, konnte er vielleicht einem Menschen helfen, der ihm und Strolch ohne jede Vorleistung, ohne etwas dafür zu erwarten, selbst geholfen hatte.
Doch dafür brauchte er Zeit und Geduld. Dafür brauchte er ein Stück neues Leben. Und dieses Leben verschafften ihm Gianni und Jimmy.
Gianni begleitete ihn zum Fotografen, damit Bilder für den Muggelausweis gemacht werden konnten, und sie schlitterten nur knapp an einem Drama vorbei, weil Remus sich weigerte, sich für die Aufnahmen zuvor von Gianni ein ‚leichtes Tagesmake-up' verpassen zu lassen.
Zwei Stunden später standen sie auf der Treppe des Bürgerbüros, und Remus starrte immer noch verwirrt auf die kleine Plastikkarte mit seinem Bild und seiner Unterschrift, die seine fälschungssichere Eintrittskarte in die Muggelwelt darstellte.
„Du heißt ‚John' mit zweitem Vornamen?' prustete Gianni und hielt sich vor Lachen den Bauch.
„Was willst du, das ist ein ganz normaler englischer Männername", gab Remus leicht verärgert zurück.
„Ja, stimmt, aber du musst zugeben, wenn jemand ‚Remus' mit erstem Vornamen heißt, dann erwartet man danach etwas anderes als ‚John'." Gianni grinste breit.
„Was erwartet ‚man' denn?" fragte Remus gereizt.
„Och…etwas hübsches Lateinisches, wie… keine Ahnung, vielleicht Augustus."
„Pah!"
„Oder Caligula", schlug Gianni vor.
„Klar, hast du noch andere Kaisernamen im Angebot?" spottete Remus.
„Severus", konterte Gianni.
Remus erstarrte. „Was?"
„Severus. Nach Severus Alexander, dem letzten Kaiser aus dem Haus der Severer. 235 ermordet, 238 zum Gottkaiser erklärt nach dem Tode des Maximus. Hast du denn nie Geschichte studiert, so als Lehrer?" Gianni wartete auf eine Reaktion, aber da Remus sich nicht rührte, klopfte er ihm freundschaftlich auf die Schulter und sagte: „Ist ja auch egal. Immerhin könnten dich deine Eltern ja auch nach John Lennon benannt haben, und der war zwar ein Beatle und kein Rolling Stone, aber immer noch der coolste von ihnen."
oooOOOooo
Am nächsten Tag fand sich Remus im Vorzimmer eines gewissen Captain Bruchmueller, seines Zeichens Ex-Soldat in Ihrer Majestät Königlicher Luftwaffe und Jimmys Chef. Remus drehte nervös seinen Ausweis zwischen den Fingern und fragte sich, ob die Paketzustellungsfirma wohl ein Auffangbecken für gescheiterte Soldaten war. Es stellte sich jedoch heraus, dass Captain Bruchmueller ein hochdekorierter Falkland-Veteran war, den Seine Hoheit der Prinz von Wales persönlich ehrenvoll verabschiedet hatte, nachdem ihm ein Versorgungsfahrzeug seiner eigenen Einheit das halbe Bein abgefahren hatte.
Der um Königin und Volk verdiente Veteran thronte hemdsärmelig hinter seinem Schreibtisch aus massiver Eiche, vor einer mit Orden und den Union Jack dekorierten Wand und musterte Remus kritisch.
„Und Sie haben keine Referenzen?"
„Ich habe alles verbrannt, als ich vor ein paar Jahren nach Tibet gegangen bin", wiederholte Remus, was Jimmy ihm eingetrichtert hatte.
„Wo haben Sie dort gearbeitet?"
„In jedem Kloster, in dem sie mich brauchen konnten."
„Und Sie sind wirklich über Indien zurück gekehrt?"
Remus nickte. Bruchmueller bohrte seine kalten Schweinsäuglein in Remus Augen. Seine schlaffen Wangen zitterten, ebenso wie der graue Schnurrbart.
„Ehrlich gesagt sitzen Sie nur hier, weil ich Jimmy über die Maßen schätze."
„Das ist mir bewusst, Sir", entgegnete Remus.
„Was können Sie, Mr…." Er warf einen Blick auf das Blatt vor ihm; es war fast leer. „Mr. Lupin."
„Ich mache jede Arbeit", sagte Remus schlicht. „Ich kann Pakete sortieren, aufräumen, das Lager organisieren oder die Halle fegen."
„Können Sie mit einem Computer umgehen?"
„Ich kann es lernen", erwiderte Remus.
Bruchmueller seufzte und hob seine massige Gestalt.
„Sie können, um es rundheraus zu sagen, fast nichts. Aber ich sehe, dass Sie arbeiten wollen, und das gefällt mir. Sie fangen morgen früh um halb vier an. Hundertzwanzig Pfund die Woche, wenn Sie fleißig sind, kann es mehr werden. Auf Wiedersehen, Mr. Lupin."
Damit war er entlassen. Vor dem Büro wartete Jimmy und sah Remus erwartungsvoll an, als er heraus trat.
„Und? Hast du den Job?"
Remus grinste. „Ja. Und das verdanke ich einzig und allein deiner Empfehlung. Danke."
„Gern geschehen", sagte Jimmy und knuffte ihn freundschaftlich in die Seite. Remus stöhnte. Ein blauer Fleck, der mindestens drei Tage ekelhaft wehtun würde, war ihm sicher.
„Wann fängst du an?"
„Morgen früh um halb vier", antwortete Remus.
„Pakete sortieren", schlussfolgerte Jimmy, der mit den Gepflogenheiten seines Chefs offenbar vertraut war. „Das ist ein Knochenjob. Aber wenn du durchhältst, kannst du später im Lager arbeiten. Das ist der harte Weg. Aber du schaffst das schon."
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Am übernächsten Morgen glaubte Remus, dass er niemals würde aufstehen können. Seine Arme, Schultern und sein Rücken schmerzten so sehr, dass er kaum gerade stehen konnte, geschweige denn arbeiten und schwere Kisten und Pakete heben. Er wickelte sich mühsam aus dem Schlafsack, den Jimmy ihm geliehen hatte. Strolch, der neben Gianni auf der Couch lag, vergrub die Schnauze unter der Decke. Viel zu früh zum Rausgehen, schien er sagen zu wollen.
Remus streichelte dem Hund flüchtig über den Kopf und zog sich im Dunklen an. Er packte ein paar Bananen und Äpfel in einen Stoffbeutel, nahm den Mantel vom Haken und steckte den Schlüssel ein, den Thalia ihm gegeben hatte.
Er hatte sie wenig gesehen seit dem Abend nach Vollmond und nicht ein einziges Mal allein mit ihr sprechen können. Wenn Gianni und Jimmy nicht da waren, hing Leo missgelaunt im Laden herum. Er sprach nur das Nötigste mit Remus, und dieser versuchte, höfliche Distanz zu wahren. Thalia hingegen verhielt sich, als habe es den Vorfall zwischen ihr und Remus nie gegeben: Sie war freundlich, scherzte mit Gianni und den Kunden, verwöhnte Strolch mit selbstgebackenen veganen Hundekuchen und kochte im Hinterzimmer für die Männer, nicht ahnend, dass Jimmy abends, wenn sie gegangen war und er von seiner späteren Tour zurückkehrte, ihre vegetarischen Aufläufe und Ratatouilles mit Würstchen und Burgern ‚verfeinerte'.
Remus schloss die Tür des Ladens hinter sich ab. Er hatte keine Ahnung, wie er den Arbeitstag bewältigen sollte, seine Muskeln ächzten bei der kleinsten Bewegung, aber er hatte keine Wahl: Wenn er nicht am Ende auf die Straße zurück wollte, brauchte er diesen Job. Er konnte es sich nicht leisten, zu versagen, weil er dann die Erwartungen derer enttäuschen würde, die sich für ihn eingesetzt hatten. Und Erwartungen nicht zu erfüllen, hatte noch nie in seinem Wesen gelegen. Er hatte alles für den Orden gegeben, selbst den Mann, den er geliebt hatte. Wie viel leichter war es jetzt, nur die lächerlichen Bedürfnisse seines Körpers zu ignorieren, der nach Ruhe schrie?
Diese war Arbeit der Schlüssel, um sich dauerhaft in den Kreis um Thalia und Gianni zu integrieren. Er würde ihn nicht fortwerfen, sondern festhalten.
Es war halb sechs, als er glaubte, nicht weiter machen zu können. Um acht war er sicher, dass seine Arme abfallen würden, wenn er nur noch eine einzige Kiste heben musste. Als um halb elf die letzte Pause anstand, spürte er seine Muskeln schon nicht mehr. Keuchend lehnte er sich gegen das Förderband. Plötzlich kam Bewegung in die Gesichter der Männer um ihn herum, vierschrötige Typen mit Bergen von Muskeln an den Armen und Rücken, mit Nacken wie Stiere. Bewegung, oder vielmehr: Sie nahmen Haltung an. Auf der Treppe erschien Bruchmueller, gefolgt von einem der Vorarbeiter.
„Achtung, Jungs!" rief Bruchmueller über das Geratter der alten Gabelstapler hinweg. „Eben ist eine Sonderlieferung von einer Druckerei gekommen. Für irgendein Buch liegen ein paar tausend Vorbestellungen vor, der Druck war verzögert, und jetzt muss das Zeug ganz schnell raus. Ich brauche zehn Leute für eine Doppelschicht. Freiwillige vor!"
„Shit!" fluchte der Kerl neben Remus. „Ich muss meine Kinder von der Schule abholen, ich kann nicht."
Bruchmueller zählte, acht Männer hatten sich gemeldet.
„Was ist mit dir, Myers?"
„Muss zum Zahnarzt, Boss, gleich nach Schichtende. Ich kann aber danach wieder kommen."
Der Captain nickte. Ganz offenbar war er es nicht gewohnt, eine Absage zu kassieren.
„Und du, Spencer?"
Der Mann neben Remus, der seine Vaterpflichten nicht vernachlässigen, wollte, schüttelte nur stumm den Kopf.
„Was?!" brüllte Bruchmueller.
„Sir, nein, Sir!" rief der Kerl neben Remus. „Kinderdienst, Sir."
Der alte Veteran knurrte, dann fiel sein Blick auf Remus.
„Was ist mit dir, Lupin?"
Remus schluckte trocken. Er war am Ende, aber dies war der Moment der Wahrheit. Er musste dadurch, den Kelch bis zur Neige leeren, auch wenn seine Hände kaum noch etwas festhalten konnten.
„Ja, Sir. Kein Problem."
Bruchmueller nickte zufrieden.
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Als die erste Schicht um zwölf beendet war, hockte Remus völlig ausgepumpt in einer Ecke auf der Bank im kalten Sozialraum. Er holte den letzten Apfel aus seiner Tasche und begann zu essen. Die anderen Männer, die wie er eine weitere Schicht vor sich hatten, saßen am Tisch zusammen und spielten Karten, lästerten über ihre Frauen oder bissen in ihre Sandwiches. Remus gehörte nicht dazu, aber man musterte ihn nicht feindselig, sondern eher neugierig und beiläufig. Um halb eins kamen die LKW mit den Büchern, und Remus hätte niemals geglaubt, dass der Anblick einiger tausend Bücher ihm einmal Magenschmerzen verursachen würde.
Zu seinem Erstaunen war der letzte Laster bereits um halb drei abgeladen. Jeder der Männer hatte einen Haufen Pakete auf Paletten hinter sich stehen und sortierte diese nun nach Postleitzahlen und Straßen, damit sie für die richtigen Touren der Auslieferer kommissioniert werden konnten. Die Paletten der meisten Arbeiter waren bereits zu gut dreiviertel geleert, da hatte Remus nicht einmal die Hälfe ‚seiner' Bücher zugeordnet.
Er packte ein besonders dickes Paket und versuchte, es auf das Laufband zu hieven. Seine Arme zitterten, und er spürte, dass er es nicht schaffen würde. Bei Merlin, er musste! Plötzlich schwebte das Paket gleichsam nach oben, und auf der anderen Seite der braunen Verpackung tauchte Jimmys breites Grinsen auf.
„Habe von der Extralieferung gehört und dachte, ich greif' dir mal unter die Arme. Hab' mir schon gedacht, dass der Alte dich für die Doppelschicht einteilt."
„Jimmy, dich schickt der Himmel", keuchte Remus.
„Hey, Jim". Der Vorarbeiter tauchte plötzlich hinter ihnen auf. Sein Blick wanderte von der noch halbvollen Palette über Remus' schweißnasses Gesicht zu Jimmys breitem Grinsen, und dann erwiderte er letzteres und klopfte Jimmy auf die Schulter. „Hat sich wacker geschlagen, dein Freund."
Jimmy strahlte über das ganze gutmütige Gesicht.
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Remus taumelte mehr aus dem braunen Lieferwagen als er kletterte. Jimmy hatte ihn direkt vor dem Dritte-Welt-Laden abgesetzt, bevor er seine Tour startete. Thalia und Gianni tranken Tee im Hinterzimmer, als Remus den Bambusvorhang zur Seite schob.
Strolch begrüßte ihn überschwänglich mit Gebell und heftigem Schwanzwedeln.
„Wo hast du denn gesteckt?" fragte Gianni.
„Überstunden", erwiderte Remus, und so kaputt er auch war, ein breites Lächeln zwang sich auf sein Gesicht.
„Sehr cool", erwiderte Gianni. „Kannst du noch eine Teetasse halten?"
„Ich hoffe", erwiderte Remus. „Aber ich muss duschen, unbedingt. Hast du noch was zum Anziehen für mich?"
„Ich hab' dir doch schon dreimal gesagt, dass du dir einfach etwas nehmen sollst."
„Pack die schmutzigen Sachen auf den Haufen im Flur. Ich nehme sie nachher mit und wasche sie drüben in der Maschine", bot Thalia an.
„Ihr seid beide Engel, wisst ihr das eigentlich?" fragte Remus, löste seine Hände aus Strolchs Fell, griff sich wahllos ein paar Kleidungsstücke aus dem Schrank und verschwand in dem kleinen, kalten Badezimmer.
Zehn Minuten unter heißem Wasser später kehrte er zurück, und er hatte tatsächlich Mühe, seine Tasse festzuhalten.
„Woher wusstest du das?" fragte er Gianni.
„Ich hab' auch schon mal da gejobbt", erwiderte Gianni. „Es war gräßlich, und ich habe Höllenqualen gelitten, aber nach zwei Wochen hört der Schmerz auf, und dann wirst du jeden Tag kräftiger, bis du aussiehst wie Jimmy. Na ja, ich habe vorher aufgehört, schließlich bin ich ein Künstler und kein Arbeitssklave. Aber du wirst dich morgen nicht mehr bewegen können und eines grausamen Todes sterben, wenn du nicht etwas für deine Muskulatur tust."
„Woran dachtest du, Gianni, an Hanteltraining?" fragte Remus sarkastisch.
„Nein." Gianni grinste. „Hast du noch diesen Muskelbalsam aus Virginias Apotheke?" fragte er Thalia.
Sie überlegte. „Irgendwo, falls er nicht alle ist. Aber wenn du einen Moment den Laden hütest, sehe ich nach."
„Ich werde immer dein treuester Ladenhüter sein", entgegnete Gianni lachend.
Thalia war kaum weg, als die Glocke im Verkaufsraum ertönte und Gianni sich ans Ladenhüten machte. Remus hörte fasziniert zu, wie er zwei junge Mädchen bezirzte, die eigentlich nur Tee hatten kaufen wollen und dann mit Tee und farbigen Schals und tierversuchsfreier Kosmetik wieder gingen.
„Du hast sie ausgeplündert", sagte Remus vorwurfsvoll.
„Die Farben der Tücher und der Lidschatten haben jede von den beiden zu einer Prinzessin gemacht", widersprach Gianni. „Ah, ich sehe, du hast mein Buch gekapert."
Tatsächlich hatte Remus den Roman in die Hand genommen, den Gianni auf dem Tisch hatte liegen lassen. „Cantors Dilemma" von Chales Djerassi. Remus kannte das Buch nicht, aber der Anfang klang viel versprechend.
„Ich hab' noch was anderes zu lesen", sagte Gianni. „Wenn du willst, lass ich's dir hier. Ich muss sowieso viermal auf die Bühne heute Abend und kann deshalb ohnehin nicht in Ruhe lesen während der Vorstellung.
Kurze Zeit später kehrte Thalia zurück.
„Es war nichts mehr da, ich habe aber Neues geholt aus der Apotheke."
Gianni nahm ihr den Tiegel ab und grinste Remus an. „Einmal freimachen, bitte."
„Wie bitte?" Remus sah ihn mit großen braunen Augen an.
„Das ist nicht zum In-den-Tee- Rühren, sondern zum Einreiben, also mach dich nackig", befahl Gianni.
Remus zögerte sichtlich.
„Jetzt komm schon, ich werde dich wohl kaum in Thalias Gegenwart verführen, es ist harmlos. Oder reichst du selbst an deinen Rücken?"
Seufzend gab Remus nach. Seine Muskeln fühlten sich hart und verspannt an, und er konnte die daraus resultierenden Kopfschmerzen bereits heraufziehen spüren. Er schaffte es kaum, die Arme in Schulterhöhe zu heben, als er sich das Hemd auszog. Sein T-Shirt über den Kopf zu ziehen, erschien ihm eine Mammutaufgabe.
Geschickt und sorgfältig begann Gianni, die Salbe in Remus' geplagte Muskeln hinein zu massieren. Eine angenehme Kühle breitete sich über seinen Rücken aus, und er grunzte wohlig. Er konnte sich kaum daran erinnert, wann ihn das letzte Mal jemand so berührt hatte, und er überließ sich völlig dem angenehmen Streicheln, Kneten und Drücken von Giannis Händen. Doch dann kam das Feuer. Erst war es ein fast noch angenehmes Prickeln, das sich von den Schultern die Wirbelsäule entlang bis in die Lendenregion zog, aber dann ging das Gefühl in ein leichtes Brennen über, das sich schließlich zu einem sehr schmerzhaften Höllenfeuer steigerte und immer tiefer in seine Muskulatur hinein zu sinken schien.
„Oh Merlin, was hast du mit mir gemacht", stöhnte Remus, als Gianni sich lachend die Hände wusch.
„Das, was wehtut, ist das, was wirkt", sagte Thalia mit entschuldigendem Lächeln.
„Morgen früh wirst du mir vor Dankbarkeit die Füße küssen", prophezeite Gianni.
„Niemals", erwiderte der Werwolf und begann mühsam, sich wieder anzuziehen.
Thalia hantierte indes am Herd und schob schließlich ein Backblech voller Teig in den Ofen. „In einer halben Stunde können wir essen", sagte sie.
„Was gibt es denn?" fragte Gianni.
„Elsässer Flammkuchen mit Soja Creme fraiche und Tofu", sagte sie, und Remus konzentrierte sich auf den weichen Klang ihrer Stimme. Er war hier geblieben, um das Mysterium zu lösen, das sie umgab, aber er konnte nicht umhin zuzugeben, dass seine Motivation nicht unbeeinflusst war von dem Gefühl, das ihre Umarmung am Abend nach dem Vollmond bei ihm ausgelöst hatte. Sie trug heute ein langärmliges T-Shirt unter einem grünen Sari, und sie hatte ihr rotes Haar zu einem dicken Zopf geflochten. Wenn er sie ansah, musste er sich immerzu vorstellen, wie es sich anfühlen würde, das gesponnene Kupferblut zu entflechten, die Haut in ihrem Nacken zu berühren, sie zu küssen…
Die Ladenglocke ging, und Leo betrat das Zimmer. Sein missgelauntes, längliches Affengesicht war für Remus Grund genug, von den unziemlichen Tagträumen zu lassen. ‚Sie ist die Frau eines anderen; solange es so ist, werde ich es respektieren', wiederholte er wie ein stummes Mantra.
„Ich habe Hunger", sagte Leo anstelle einer Begrüßung.
„Ich bringe dir das Essen rüber, sobald es fertig ist", sagte sie und küsste ihn sachte auf die Wange. Mit einer besitzergreifenden Geste und dem Blick in Remus' Richtung legte Leo eine Hand auf ihre Hüfte.
„Warum bist du so spät dran?" fragte er kalt.
„Ich musste noch zur Apotheke", erwiderte sie.
Ein böser Seitenblick von Leo auf Remus, aber Gianni reagierte schnell. „Sie hat mir Aspirin geholt. Ich glaube, ich krieg ne Erkältung und wollte mit dem dicken Kopf nicht ins Kalte."
Leo nickte unwillig. „Bring das Essen sofort rüber, wenn's fertig ist", sagte er noch zu Thalia, dann trollte er sich.
„Wann wirst du ihn endlich zum Teufel jagen?" fragte Gianni und packte Thalia unsanft am Handgelenk, nachdem die Tür hinter Leo ins Schloss gefallen war.
„Lass mich los, Gianni", sagte Thalia bittend, und seufzend gab Gianni ihren Arm frei. Thalia wandte sich um und verschwand im Verkaufsraum. Remus konnte sie dort rumoren hören.
Gegen sechs machte sich Gianni auf den Weg zum Theater, und Leo erschien wieder, wie um Thalia nicht mit Remus allein lassen zu müssen, bis sie den Laden schließen würde. Remus konnte die Spannung nur schlecht ertragen, und so nahm er Strolch und ging mit ihm über den Friedhof, der still und dunkel am Ende der Straße lag, eine Oase der Ruhe in der jetzt nach Feierabend in den Büros hektischen kleinen Geschäftsstraße. Als er um acht zurückkehrte, hatte Thalia bereits abgeschlossen, der Laden war leer und ebenso still wie der Friedhof.
Remus packte sich mit dem Schlafsack auf den Teppich wie er es jede Nacht getan hatte, seit er zurück war von der Mondnacht, die er mit Gewalt aus seinem Kopf zu verdrängen versuchte.
Er war so unendlich müde, und der kleine elektronische Wecker würde morgen früh um viertel vor drei piepsen, ohne jede Gnade.
TBC
„Das,
was wehtut, ist das, was wirkt." Hier
zitiert Thalia ohne es zu ahnen die bezaubernde Emilia aus Textehexes
„Oktobermond". Der Satz, den Emilia dort zu Remus über den
Wolfsbanntrank sagt, heißt im Original:
„Das,
was stinkt, ist das, was wirkt."
Ich
klaue nur bei der Besten! ;o))
"Cantors Dilemma" von Charles Djerassi ist ein Wissenschaftskrimi, spannend geschrieben, der in einen sehr bösen und kompetenten Blick hinter die Kulissen der 'Scientific society' gibt. Sehr empfehlenswert, wenn es mal etwas Außergewöhnliches sein darf.
