Ein Strolch zum Verlieben
Fanfiction von Slytherene
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Hallo, meine lieben Lesenden!
‚Tag der Arbeit' – natürlich bin ich dabei. Zwar nicht auf der Demo, aber ich habe heute Morgen gearbeitet, und sitze jetzt an meinem Rechner und schreibe ein bisschen was für meine (und hoffentlich Eure) Erbauung.
Für die lieben Reviews zu Kapitel 13 bedanke ich mich bei Lina, MissMoony, Moony4ever, Berserkgorilla und BineBlack, deren Account ich immer noch nicht finde.
Gründliche Beta-Leserin war wie immer TheVirginian – danke! Fehler, die Ihr dennoch entdeckt, gehen zu meinen Lasten und sind meiner Unaufmerksamkeit oder Sturheit anzukreiden.
Letzter Absatz des vorherigen Kapitels:
Noch ein anderer Gedanke raubte Remus den Schlaf: Thalia. – Sie hatte ihn und Gianni gesehen, und in welch einer Pose. Er fühlte immer noch, wie seine Wangen brannten, wenn er nur daran dachte. Den Ausdruck in ihrem schönen Gesicht hatte er nicht deuten können. War sie angeekelt oder verletzt gewesen? Es hatte nicht danach ausgesehen. Doch was immer es war…er würde vermutlich kaum den Mut aufbringen, sie danach zu fragen.
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14. Leben
Was
Remus ihr jedoch sagte, als er sie am nächsten Mittag traf, war,
dass er noch am selben Tag ausziehen würde. Er erzählte ihr
von seiner neuen Wohnung, und sie schien sich ehrlich mit ihm zu
freuen, bot ihre Hilfe beim Streichen an,
und nichts ließ darauf schließen, dass sie ihm
irgendetwas verübelte. Den Vorfall des Vorabends erwähnte
sie mit keinem Wort.
Gianni
war nach anfänglichem Schmollen, weil Remus partout nicht bei
ihm einziehen wollte, sehr schnell Feuer und Flamme für all die
Dekorations- und Gestaltungsmöglichkeiten, die sich in der
kleinen Wohnung boten. Mit
leuchtenden Augen stand er in der relativ winzigen Wohnküche.
„Warme Farben, Terrakotta und Karamell, ein paar afrikanische
Impressionen, und du wirst glauben, du wärst im Urlaub",
versprach er.
„Bitte
keine Safariatmosphäre", bat Remus. „Großwildjagd ist
überhaupt nicht mein Thema."
„Na,
gut, dann Toscana: weißer Rauputz, Pinienregale mit Tonkrügen
und getrocknete Kräuter an der Decke." Gianni strahlte.
„Ich
brauche einen Rückzugsraum, Gianni. Ruhige Atmosphäre.
Mach' was in warmen Erdtönen und Weiß, wenn du dich
austoben musst."
Gianni
schloss mit drei Schritten zu ihm auf und legte seine Arme und Remus'
Hals. Er roch nach einer Mischung aus Sandelholz und Patchouli, und
seine Hände waren sanft in Remus' Haar.
„Du willst eine
Schlammgrube? Na schön, wenn es dich nur glücklich macht.
Ich gestalte dir die edelste Schlammhöhle des West-Ends. Aber
lass es eine toskanische Schlammgrube sein, ja?"
Remus
lachte,
und Gianni küsste ihm das Lachen von den Lippen. Sein
Blick war intensiv und sehr grün, und Remus spürte nur zu
deutlich die Wärme, die von ihm ausging. Gianni war pure
Geborgenheit, er tat ihm so unendlich gut, dass Remus ihn einfach
gewähren ließ, als er ihm neckend, aber zielstrebig das
Hemd aufknöpfte. Strolchs Pfoten an seiner Hose erinnerten ihn
daran, dass sie nicht ganz allein waren.
Gianni
beugte sich zu dem kleinen Mischling herunter und hob ihn auf den
Arm. Einmal auf Augenhöhe leckte er Remus begeistert über
das Gesicht.
„Du
gehörst dazu, kleiner Streuner", sagte Gianni sanft. „Biste
unsere Bambino, eh?" Er gab dem Hund einen Schmatzer auf die Nase,
setzte ihn wieder herunter und wandte sich Remus erneut zu. „Also,
wo waren wir, Amore mio?"
„Amore
mio?" wiederholte Remus, den Anflug einen spöttischen Lächelns
auf den Lippen.
„Si!"
versicherte Gianni. „Du weckst den Italiener in mir, bello." Er
sah Remus tief in die Augen, was seinen lockeren Sprüchen etwas
merkwürdig Ernsthaftes verlieh.
„Und
jetzt lass' uns deine
Wohnung einrichten. Wo willst du die Luftmatratze hinhaben?"
Sie
wählten einen provisorischen Schlafplatz, holten den Karton und
die Tasche, die Remus' Habseligkeiten beinhalteten aus Giannis Auto
und verteilten die Decken, die Thalia Remus mitgegeben hatte,
auf dem Schlafsack.
Doch
natürlich war die Wohnung auch danach noch karg und leer, und
die vergilbte Tapete trug nicht gerade zu einer beschaulichen
Atmosphäre bei. Doch Gianni schaffte Holz herauf, das er bereits
besorgt hatte, entzündete ein Feuer im Ofen, das bald darauf
lustig prasselte und das kleine Zimmer schnell in ein goldenes Licht
und angenehme Wärme tauchte.
Sie
saßen auf der Matratze und sahen durch die kleine Glasscheibe
den Flammen zu, die zuckend über das Holz leckten und Schatten
über die Wände huschen ließen. Nicht nur im Ofen
hatte Gianni beschlossen, Feuer zu entfachen.
„Es
wird hier zu warm für Pullover und Hemd, meinst du nicht?"
fragte er grinsend und zerrte sich den Kaschmir- Rolli über den
Kopf.
„Gianni,
ich weiß nicht…", versuchte Remus seinen feurigen Italiener
zu bremsen, aber der Anblick von Giannis nackter, samtiger Haut und
der sich weich vom Nabel zu seinem Gürtel kräuselnden
dunklen Haare verfehlte seine Wirkung ebenso wenig, wie die süßen
Koseworte, die er in Remus' Ohr hauchte.
Und
so weihten sie die neue Wohnung mit einer Liebesnacht ein, die Remus
in einen goldschimmernden Kokon aus Wärme und flüchtigem
Glück hüllte und die erst endete, als der kleine Wecker um
Viertel vor drei am Morgen die Dämmerung des neuen Tages vorweg
nahm.
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Als
Remus seine Schicht an nächsten Tag um eins beendete, begegnete
er Jimmy im Hof, der gerade die letzten Pakete mittels der
eingebauten Hebebühne auf seinen Lieferwagen lud.
„Hallo
Jimmy", grüßte Remus gut gelaunt und reichte dem Hünen
die Hand.
Jimmys Faust traf ihn ansatzlos und brutal mitten ins Gesicht.
Kalt
lief das Wasser über sein Gesicht und in seinen Kragen. Jack,
einer der Vorarbeiter, stellte den Eimer zur Seite.
„Na los, auf
die Füße, Lupin!" brüllte er.
Mühsam
rappelte sich Remus hoch. Raues Lachen erklang um ihn herum. Etwa ein
halbes Duzend seiner Kollegen stand im Kreis um ihn, grinsend und
feixend. Remus schmeckte etwas Metallisches auf der Zunge und
bemerkte erst dann den Schmerz in seiner Lippe, die offenbar
aufgerissen war, und sein sekündlich weiter zuschwellendes Auge.
„Was
für ein herrliches Veilchen", verkündete Jack lachend.
„Was hast du gemacht, seinen Lieblingsrugby-Verein beleidigt oder
sein Mädchen angefasst?"
In
diesem Augenblick begriff Remus zwei Dinge. Zum einen lebte Jimmy
nicht offen schwul. Keiner der Männer schien etwas über
seine Neigung zu wissen oder auch nur zu ahnen. Wie viel Vertrauen
hatte Jimmy ihm entgegen gebracht, indem er Remus trotz seines
Wissens darüber die Arbeit in seiner Firma besorgt hatte. Zum
anderen fügten sich Jimmys hastiger Aufbruch vorgestern, das
nicht aufgegessene Stück Kuchen und die gerade Linke, mit der er
Remus gerade bedacht hatte, eben zu einem Bild zusammen.
Wie
blind hatten sie alle sein können? Jimmy hatte Gianni mehr oder
weniger offen den Hof gemacht, jetzt erinnerte sich Remus lebhaft an
die Szene in der Maske nach dem Theaterstück.
Was
er und vermutlich auch Gianni für Klamauk und Spaß unter
Freunden gehalten hatten, war wirkliches Interesse gewesen. Und
jetzt, nachdem Armando endlich von der Bühne verschwunden war,
hatte Remus seinem Freund alle Chancen bei Gianni zerstört.
Jimmy hatte doppelt verloren, und es tat Remus unendlich Leid.
Er
lief zu Thalias Laden, denn er vermutete, dass Jimmy Strolch
vielleicht nicht abgeholt hatte, und so war es. Der Hund tobte
begeistert um seine Füße.Thalia
war entsetzt, als sie Remus sah, und noch viel entsetzter, als er ihr
erzählte, wer ihn so zugerichtet hatte. Sie hielt inne, das
Pflaster, das sie ihm gerade über die Nase kleben wollte in den
zarten Fingern.
„Jimmy
hat das getan?"
„Mit
einem einzigen Schlag", erwiderte er.
„Wegen
Gianni," sagte sie.
„Woher
weißt du…Ich meine, hat er dir davon erzählt?"
„Nein,
dazu ist Jimmy viel zu diskret. Er mag manchmal etwas rau wirken,
aber er ist immer ein Gentleman." Sie lächelte.
„Sehr
gentleman-like war das vorhin nicht", murrte Remus.
„Es
muss ihn sehr verletzt haben", sagte sie und überhörte
Remus' Einwurf. „Er verliert dich als Freund, und ich weiß,
wie viel ihm an dir liegt, und er verliert jede Option, Gianni für
sich zu gewinnen. Ich glaube, er war vom ersten Augenblick an in ihm
verliebt."
„Aber
warum hat er denn nie etwas gesagt!" rief Remus.
„Das
hat er doch. Man musste nur Augen haben, um zu sehen, und Ohren, um
zu hören. Jimmy ist sehr leise, wenn es um seine eigenen
Bedürfnisse geht." Sie seufzte. „Aber gib' dir nicht die
Schuld, Remus. Liebe kommt und geht, man kann sie nicht zwingen und
auch nicht gegen ihren Willen halten."
Remus
nickte. Natürlich hatte Thalia Recht.
„Weiß
Gianni denn von Jimmys Gefühlen?" Vielleicht hatte er ja mit
Thalia darüber gesprochen.
„Das
denke ich schon", sagte sie vorsichtig. „Gianni ist egozentrisch,
aber er ist auch sensibel, wenn man es nicht erwartet." Sie
lächelte. „Nun ja, manchmal ist er auch wie ein Elefant im
Porzellanladen. Ich weiß, dass er sich durchaus schon einmal
für Jimmy interessiert hat, damals, bevor Armando auftauchte.
Aber er sagte immer, er wolle sich nicht festlegen. Mir schien es
immer, als warte er auf irgendetwas oder irgendjemand. Jimmy war klug
genug, die Finger von einer flüchtigen Affäre zu lassen.
Festzustellen, dass er dem Menschen, den er liebt, nicht genug ist,
würde ihn zerstören."
„Wie
gut ich ihn verstehe", seufzte Remus. „Jimmy ist nicht der
robuste Kerl, für den er sich ausgibt", fügte er hinzu.
„Und
Gianni nicht der Draufgänger, für den man ihn auf den
ersten Blick halten könnte. Schön, dass du dir darüber
im Klaren bist, was du da in Händen hältst, Remus." Sie
sah ihn ernst an.
Er
schluckte. „Ich werde versuchen, es in Ordnung zu bringen."
Sie
wirkte erstaunt. „Es wird wenig nutzen, wenn du Gianni verlässt.
Er wird sich trotzdem nicht für Jimmy entscheiden."
„Ich
kann nicht von Gianni lassen", sprach Remus eine weitere seiner
Wahrheiten aus. „Aber ich werde versuchen, meine Freundschaft zu
Jimmy zu retten."
Thalia
umarmte Remus kurz und fest.
„Du bist ein toller Mann, Remus Lupin.
Ich hoffe, Gianni sagt dir das oft genug." Damit küsste sie
ihn auf die Wange und wandte sich rasch ab.
Remus stand wie vom Donner gerührt. Sein Blick heftete sich an die kupfernen Lichter, die in ihrem Haar tanzten und wanderte dann wie von einem unsichtbaren Band gezogen an ihrer sanft geschwungenen Gestalt hinunter. Es mochte einen Menschen geben und nur einen, für den er vielleicht von Gianni würde lassen können. Doch dieser Mensch, diese Frau, gehörte nicht ihm, und sie würde es vermutlich niemals tun.
Er nahm seinen Mantel und Strolchs Leine und verließ mit dem kleinen Mischling den Teeladen.
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Einige Stunden später war der Alkoholpegel im Blut des Werwolfs hoch genug, um sich in die Höhle des Löwen zu wagen, oder präziser: davor.
Von draußen hatte er Licht in Jimmys Fenstern gesehen, aber der Seemann ignorierte sein Klingeln und Klopfen. Die Tür einer Nachbarwohnung öffnete sich, und ein bärtiger Mann mit Bierbauch und verdrecktem Unterhemd beschwerte sich lautstark über die nächtliche Ruhestörung im Flur. Remus drohte ihm Prügel an, und der Bärtige verschwand wieder hinter seiner Tür.
„Hau ab, Remus!" rief Jimmy schließlich durch die Tür.
Remus klopfte daraufhin nicht mehr, sondern schlug mit der Faust gegen die Tür.
„Mach' endlich auf, du Feigling", knurrte er laut.
Wieder öffnete sich die falsche Tür. „Wenn du nicht sofort aus dem Flur hier verschwindest, du armer Irrer, rufe ich die Bullen!" kreischte eine Frau, deren Lockenwickler auf ihrem Kopf hin und herhüpften, während sie keifend wieder in ihrer Wohnung verschwand.
Remus trollte sich widerwillig. Einen Konflikt mit der Polizei wollte er nicht riskieren. Aber er musste Jimmy sprechen, unbedingt.
Fünf Minuten später traf der erste Stein Jimmys Fenster, und Remus begann, ein äußerst unflätiges Lied zu singen, während er weitere Kiesel gegen Rahmen und Glas warf. Er war nicht mehr nüchtern genug, um immer das richtige Fenster zu treffen, doch seine Quote war akzeptabel, befand er.
Mehrere Fenster, hinter denen nur das blaue Licht der Fernsehapparate geflackert hatte, wurden jetzt hell und die Leute schauten heraus, um festzustellen, wer da einen solchen Radau machte und ob es sich vielleicht lohnte, zuzuschauen.
„Sei endlich still, du Spinner, sonst komm' ich dir runter!" rief der Bärtige, nun großmäulig auf die sichere Entfernung.
Endlich öffnete Jimmy das Küchenfenster. „Hör endlich auf, Remus. Verpiss dich. Wenn du nicht in fünf Sekunden weg bist, komme ich runter und mache dir Beine. Und ich schwöre dir, dann wirst du nicht so glimpflich davon kommen wie heute morgen."
„Dann komm doch endlich!" brüllte Remus zurück. Das Licht hinter Jimmys Fenster erlosch.
Dafür wurde es im Treppenhaus hell, und alle Instinkte in Remus' Körper rieten ihm, zu rennen.
Doch er wartete.
Jimmys
breite Gestalt erschien in der Tür. Mit schnellen Schritten lief
er auf Remus zu. Sein Gesicht war blass und verschwollen.
‚Er
muss sich die Augen ausgeheult haben', traf Remus die Erkenntnis
wie ein Keulenschlag.
„Welcher gottverdammte Teufel reitet dich?" waren Jimmys erste Worte. „Muss ich dir wirklich Verstand in deinen Leib hinein prügeln?"
„Du kannst mich schlagen, aber das wird nicht ändern, was geschehen ist und es für keinen von uns leichter machen", erwiderte Remus, wich jedoch ein paar Schritte zurück.
„Irrtum! Es wird mich enorm erleichtern", entgegnete Jimmy und zog drohend die Ärmel seines geringelten T-Shirts hoch.
„Es
tut mir so Leid", sagte Remus.
„Das hättest du dir
überlegen sollen, bevor du mit Gianni…mit Gianni…ach,
verdammt!"
Remus sah, wie dem Hünen Tränen über das Gesicht liefen. Jimmy war bei weitem nicht der harte Mann, den man bei oberflächlicher Betrachtung wahrnahm. Jetzt lief auch noch Strolch zu ihm hin und streckte sich nach der vertrauten, streichelnden Hand. Jimmy kniete bei dem kleinen Mischling nieder und kraulte ihm liebevoll den Rücken.
„Ich habe es nicht gewusst, das schwöre ich dir", flüsterte Remus. Er ging neben Strolch in die Hocke.
Jimmy sah ihn unglücklich an. „Hätte es etwas geändert?" fragte er.
Remus zuckte die Achseln. „Vielleicht, wenn ich es von Anfang an gewusst hätte. Samstagabend sicher nicht mehr."
„Immerhin brichst du mein Herz auf ehrliche Weise", meinte Jimmy trocken. „Liebst du ihn wenigstens?"
Remus schluckte. Was sollte er sagen? Dass er eigentlich Sirius liebte und Gianni ihm nur so verdammt ähnlich war? Es stimmte nicht einmal. Er hatte Gefühle für Gianni, die wirklich nur dieser bei ihm ausgelöst hatte, die nichts mit der Sehnsucht nach seinem toten Gefährten zu tun hatten.
„Es ist noch sehr früh, um das zu sagen", antwortete er schließlich ausweichend. „Ich weiß es wirklich nicht. Aber ich weiß, dass ich dich nicht verlieren möchte, Jimmy."
„Sonst tickst du aber noch sauber?" fragte der Matrose ungläubig.
„Ich hab mich in den Mann verliebt, den du liebst, Jimmy. Das kann ich nicht ändern. Aber ich habe weder dein Vertrauen missbraucht noch dir absichtlich wehgetan. Falls es möglich ist, will ich gerne dein Freund bleiben." Remus fixierte Jimmy mit seinen braunen Augen.
„Du bist ja wahnsinnig", erwiderte Jimmy, doch er wirkte nachdenklich. Nach einer Weile sagte er: „Ich weiß nicht, ob ich das packe. Wenn ich dich deine Träume gekostet hätte, könntest du es?"
„Es gibt keinen Traum, den ich nicht verloren habe", antwortete Remus. Dann erinnerte er sich: ein fahles Gesicht mit schwarzen Augen wie bodenlose Tunnel, zynische Lippen, nichts als Boshaftigkeit und Gift in den Worten. Remus' Leben, der letzte Versuch, in der magischen Gesellschaft Fuß zu fassen und eine mit Bedacht ‚versehentlich' gefallene Äußerung, die alles zerstörte. Und doch waren sie am Ende Freunde geworden, er und der finstere Tränkemeister. Am bitteren Ende.
„Ja. Ich weiß, dass ich es kann. Jimmy, es gibt keine Hölle, durch die ich nicht gegangen wäre in den letzten Jahren. Mein Leben ist ein einziger Misserfolg, und ich bin oft genug nicht einmal unschuldig daran gewesen. Ihr – Thalia, Gianni und du – seid alles, was ich habe. Ich kann es mir nicht leisten, deine Freundschaft zu verlieren."
Jimmy schüttelte müde den Kopf. „Du gehst immer den direkten Weg, Remus. Ich hasse dich für das, was du getan hast, weil ich Gianni nicht hassen kann. Obwohl ich weiß, dass er die treibende Kraft ist. Es gibt nichts, das ich ihm nicht verzeihen würde. Aber ich glaube dir."
„Das ist doch ein Anfang", stellte Remus sachlich fest.
„Versprich dir nicht zuviel davon". Jimmy zog seine Hand aus Strolchs Fell und stand auf. Er wollte zum Haus zurückgehen, dessen Fenster nun mehrheitlich wieder blau flimmerten oder dunkel waren. An etwas anderem als einer handfesten Schlägerei waren Jimmys Nachbarn offenbar nicht interessiert.
„Gianni ist übrigens nicht der Typ für eine Segelschule", rief ihm Remus nach.
Wie in Zeitlupe drehte sich Jimmy um.
„Dein Traum hatte zwei Teile. Der eine war Gianni, der andere die Schule. Denk darüber nach, ob sie unabhängig sind voneinander." Remus staunte über sich selbst. Wieso sprach er das jetzt an?
„Es ist müßig, darüber nachzudenken", erklärte Jimmy. „Ich kann nur segeln und Boote reparieren. Gianni ist derjenige, der Pläne machen, sich Werbung ausdenken und so was durchrechnen kann. Ohne ihn wird es die Schule niemals geben."
Damit ließ er Remus stehen. Strolch bellte einmal kurz, aber Jimmy drehte sich nicht mehr um, als er ins Haus zurückging.
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Zeit heilt. Sie heilt nicht alle Wunden, aber sie arbeitet gegen den Schmerz. Remus sprach mit Gianni, und Gianni sprach mit Jimmy. Es waren lange Abende, in denen Remus allein zuhause saß, wohl wissend, dass sein Liebhaber und der Freund, den er halten wollten, nur ein paar Straßen weiter ihre Gefühle und Missverständnisse sortierten.
Es
gab jedoch auch andere Abende:
Remus
kam einen Tag nach dem Gespräch mit Jimmy nachhause, und er
staunte nicht schlecht, als er eine vollständig renovierte
Wohnung betrat. Thalia – mit Kopftuch und einem alten knöchellangen
Kaftan voller Farbe vom Streichen – hatte die Küche in ein
satt orangefarbenes, warmes Wohlfühlparadies verwandelt, mit
Regalen voller Kaffee, Tee und Schokolade. Nicht einmal eine kleine
Ausgabe des fetten Buddhas fehlte.
„Das beste kommt noch", verkündeten sie und Gianni stolz. Sie führten Remus mit zugehaltenen Augen ins Schlafzimmer: Gianni hatte mediterranes Flair mit einfachen Mittel gezaubert, in schlichten Tontöpfen strahlten kleine Orangen- und Zitronenbäumchen um die Wette, ein heller Wollteppich vermittelte Wärme. An der in sonnigzartem Gelb gestrichenen Wand hing ein Bild eines südlichen Marktes, zwei Stände liefen fast über vor reifen, bunten Früchten und frischem Gemüse aller Arten, und die Marktfrauen waren sonnengebräunt und lachten in die Kamera. Die alte Luftmatratze war hinter einem dunkelroten, mit orientalischen Ornamenten verzierten Tuch verborgen, das Gianni nun mit lautem ‚Tatata' zur Seite zog. Völlig perplex starrte Remus auf das schwere, schmiedeeiserne Bett, dem Gianni mit bunten Bezügen und Kissen in Rot und Gold die Strenge genommen hatte.
Remus war so gerührt, dass er tatsächlich kämpfen musste, um ein paar Tränen zurück zu halten. Immer wieder stammelte er seinen Dank, bis Gianni und Thalia in schallendes Gelächter ausbrachen.
„Meinst du nicht, wir werden die Luftmatratze vermissen?" fragte Remus leise, als Thalia später - nach einem wunderbaren französischen Ratatouille – kurz im Bad war.
„Nicht, nachdem wir dieses Kleinod gebührend eingeweiht haben", antwortete Gianni augenzwinkernd. „Du weißt doch, dass jede Nacht nur immer besser wird." Sie lagen bereits küssend und einander kosend auf dem Bett, als Thalia zurückkehrte, die sich daraufhin lachend und sehr eilig verabschiedete.
Remus verbrachte manchen Abend im Theater, tolerierte entspannt Giannis Flirten mit dem schönen Geschlecht, das dem attraktiven Mann zu Füßen lag und hatte Gelegenheit, ein viel zu kurz gekommenes Bedürfnis nach Kultur bis zur Neige zu befriedigen . Er sah „Heinrich V", den „Sommernachtstraum", „Geschlossene Gesellschaft" und „Frühlings Erwachen". Er konnte sich nicht erinnern, jemals nach Verlassen der Schule so unbeschwert gelebt zu haben. Manchmal vermisste er seinen Stab, wenn irgendjemand gemeint hatte, zwanzig Bücher in einem Paket oder ein Familienset Hanteln verschicken zu müssen oder wenn er mühsam mit Nadel und Faden seine immer noch abgetragenen Hosen flickte, aber eigentlich war es kein Verlust, der magischen Gesellschaft nicht mehr anzugehören. Manchmal, wenn er an sein altes Leben zurück dachte, hatte er das Gefühl, einem Albtraum entronnen zu sein.
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Eines Mittags, Remus saß im Pausenraum bei den anderen Arbeitern, tauchte Jimmy auf und legte ihm eine schwere Pranke auf die Schulter.
„Hallo Remus. Wie geht's?"
„Danke. Und selbst?"
Jimmy nickte, und dann packte er sein Mittagessen aus. Von diesem Tag an holte Jimmy Strolch wieder zum Spazieren gehen ab, und der Hund freute sich beinahe ein Loch in den Bauch, wann immer er den blonden Seemann nur von weitem sah. Jimmy tauchte auch wieder bei den gemeinsamen Teerunden im Laden auf, und Gianni ließ während dieser Treffen die Finger von Remus. Leo gab es auf, Thalia zu bewachen wie ein Deutscher Schäferhund seinen Lieblingsknochen. Remus jedoch war so beschäftigt damit, sein neues Leben zu ordnen und mit Gianni eine Partnerschaft aufzubauen, die diesen Namen verdiente, dass er kaum noch bei ihr im Laden war, und wenn doch, besuchte er sie zumeist zusammen mit Gianni.
An einem Donnerstagnachmittag, Remus saß ausnahmsweise mit einem Buch im Hinterzimmer und wartete auf Gianni, der sich schon fast eine halbe Stunde verspätet hatte, kam Jimmy mit einem ganzen Stapel Unterlagen vorbei.
„Kannst du mir helfen, Remus? Ich habe ein Angebot für die Pacht eines Strandabschnitts in der Nähe von Brighton. Hier ist ein Kostenvoranschlag für die Anschaffung von sechs Booten. Ich renne seit zwei Tagen schon damit rum, aber ich blicke einfach nicht durch die Zahlen."
Remus legte das Buch zur Seite, unterdrückte ein Lächeln bei dem Gedanken an das Huhn des Protagonisten und nahm sich der Dokumente an.
„Hol mal bitte ein leeres Blatt Papier und einen Bleistift von vorne", sagte er und begann, eine Kostenaufstellung vorzunehmen.
Drei Stunden lang hing er mit Jimmy über den Zahlenreihen. Sie hatten diskutiert, was man für eine Segelstunde nehmen musste, ob dieser Preis durchsetzungsfähig war, was der Unterhalt der Boote kosten würde und ob es günstiger war, Räume für die Theorieschulungen anzumieten oder etwas zu kaufen, ein Bootshaus mit Anbau zum Beispiel. Nachdem sie die Kosten durchkalkuliert hatten, rechneten sie das Startkapital dagegen. Jimmy hatte offenbar jahrelang jeden Penny zur Seite gelegt, den er erübrigen konnte, aber die Summe war dennoch nicht überwältigend. „Du verdienst einfach zu wenig, um eine ordentliche Sparquote zu erzielen", sagte Remus. „Die Kalkulation geht zwar auf, wenn du einen Kredit aufnimmst, aber du hast keine Reserven, um das erste Jahr zu überstehen."
„Ich brauch' nur wenig", sagte Jimmy.
„Du musst essen, du brauchst eine Krankenversicherung, und was ist mit den Wintermonaten, in denen du keinen Unterricht geben kannst?"
„Oh", sagte Jimmy und ließ enttäuscht den Kopf hängen. „Das Angebot war das Beste, das ich bisher gesehen habe. Eigentlich müsste ich zugreifen. Es ist eine einmalige Chance."
„Ich könnte dir was leihen, Jimmy", sagte Thalia.
„Du?" fragte er ungläubig. „Du hast doch selbst nichts."
„Ich hab' den Laden. Er gehört mir. Ich könnte eine Hypothek aufnehmen."
„Nein." Jimmy schüttelte den Kopf. „Auf gar keinen Fall. Wenn das schief geht, ist dein Leben kaputt. Ich weiß doch, wie sehr du an dem Geschäft hängst."
„Dann frag' Gianni", schlug sie vor. „Er ist nie knapp bei Kasse. Und er hängt nicht an seinem Geld."
„Das kann ich nicht", antwortete Jimmy entschieden.
„Ich kann es", warf Remus ein. „Aber ich werde ihm nicht verschweigen, dass er ein ziemliches Risiko dabei eingeht."
„Das hätte ich ihm schon selbst gesagt", meinte Jimmy.
„Das weiß ich doch. Hast du darüber nachgedacht, dass auch du wirklich alles verlierst, falls es doch nicht gleich läuft, Jimmy? Ein schlechter Sommer, und davon gibt es oft welche in England, und ohne Rücklagen ist alles weg, wofür du jahrelang gearbeitet hast", gab Remus zu bedenken. „Ich weiß, dass du das jetzt nicht gerne hören wirst: Du reduzierst das Risiko, wenn du noch ein paar Jahre sparst. Dann kannst du eine Durststrecke überbrücken."
„Was für eine Durststrecke?" fragte Gianni, der kalte Abendluft und den Geruch von Motoröl von draußen mitbrachte und liebevoll Strolch begrüßte, der wie ein Gummiball um ihn herumhüpfte.
„Es geht um die Segelschule", erklärte Jimmy. „Ich habe das Angebot aus Brighton bekommen. Es ist gut, aber ich kann es mir einfach nicht leisten. Wie reich bist du?"
Gianni lachte.
„Leider nicht reich genug, um mir ein Motorradgespann zu leisten, das nicht alle fünfhundert Kilometer in Streik tritt. So wie vorhin, mitten auf der Nordumgehung. Deswegen bin ich auch so spät."
„Du hast ein Handy", knurrte Remus, der sich mittlerweile Sorgen gemacht hatte.
„Ja. Zuhause vergessen", bekannte Gianni freimütig. „Tut mir leid", sagte er und küsste Remus flüchtig auf die Wange. Jimmy folgte ihm mit einem sehnsüchtigen Blick, sagte jedoch nichts.
„Ich verdiene nicht schlecht, aber mein Dispo ist ausgereizt, und das Filmgeld ist auch weg. Auf meinem Konto steht eine schwarze Null, aber auch nur am jeweils Monatsersten. Und bevor jemand fragt, die Hütte im East-End gehört Vater."
„Tja, sieht so aus, als müsste ich noch eine Weile Pakete ausliefern", sagte Jimmy betrübt und versteckte seine Enttäuschung hinter einem Lächeln. „Danke, dass dir die Arbeit gemacht hast, Remus. Und danke für dein Angebot, Thalia, aber ich kann das unmöglich annehmen.
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Zu den Theaterstücken:
„Frühlings Erwachen", welches Remus im Theater sieht, ist natürlich nicht die Bühnenadaptation meiner noch unvollendeten Romanze auf dem Ponyhof, sondern ein gesellschaftskritisches Drama von Frank Wedekind, geschrieben 1891.
„Geschlossene Gesellschaft" ist von Jean-Paul Sartre, und es geht darin um eine unglückliche Dreiecksbeziehung, die echt die Hölle ist. ;-) Fand ich sehr passend.
„Heinrich V" und „Mittsommernachtstraum" sind natürlich von Shakespeare, das kennt Ihr alle sowieso, weshalb ich mir Erläuterungen spare ;-)
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Zu Jimmy: Ich bin gefragt worden, ob Jimmy 'schön' sei, ich hätte ihn kaum beschrieben. Eigentlich überlasse ich diese Dinge gerne der Fantasie meiner Leser, aber in meinem Kopf ist Jimmy groß, hat hellblonde, kurze Haare, hat hellblaue Augen, ein eher markantes Gesicht und er ist sehr muskulös. Aber auch wenn er ein Seebär ist, hat er keinen Bart, weder Voll noch Schnurr. Ob vor Euren geistigen Augen jetzt eher Hans Albers oder Dolph Lundgren entstehen, überlasse ich Euch ;-)
Aber unter uns: Dolph Lundgren, auch wenn er meist bescheuerte Rollen hatte, war vor 20 Jahren dead sexy. Für den hätte ich Johnny Depp und Brad Pitt und George Clooney versetzt.
