Ein Strolch zum Verlieben
Fanfiction von Slytherene
Liebe Lesende!
Ja,
guckt Ihr hier, es geht schon weiter. Da ich nächste Woche nicht
da bin, muss ich eben diese fleißig updaten. Morgen spielt
Werder, da kann ich nicht schreiben, da muss ich Fußball gucken
gehen im Weserstadion und ganz laut um ein Wunder brüllen. Ein
0:3 aus dem Hinspiel muss ausgeglichen werden…
Aber
das interessiert Euch sicher alle weniger, wobei die, die alles von
mir gelesen haben ja wissen, dass ich ein Fußball-Freak bin.
Dank auch heute an TheVirginian, für gründliches Korrekturlesen und moralische Unterstützung.
Das folgende Kapitel widme ich all denen, die gerade mal hier reingeguckt haben, weil sie die Bücher, aus denen sie für die nächste Prüfung lernen müssen, schon nicht mehr sehen können, völlig platt sind und trotzdem noch zwanzig Seiten irgendwie bewältigen müssen. Remus und ich wissen, wie Ihr Euch fühlt!
Und jetzt wünsche ich Euch gute Unterhaltung.
Musik: Trash as trash can!
Sweetest Poison von Nu Pagadi
15. Prüfung
„Da bist du ja endlich!" rief Harvey und schob schmollend die Unterlippe vor. „Ich habe dich schon vermisst!" Er sah sich vorsichtig um, bevor er hinter dem Grabstein und dem darüber wachenden Steinengel hervorschwebte.
„Ich
wüsste nicht, dass wir verabredet waren", erwiderte Remus
leise. „Aber ich wollte wissen, wie es gelaufen ist, nachdem ich
fort war."
„Ich kann nicht klagen", antwortete der dicke
Geist. „Ein paar Tage und Nächte war ständig Trubel
draußen auf dem Friedhof, aber dann ist wieder Ruhe eingekehrt.
Jetzt patrouillieren hier zwar regelmäßig Auroren, und sie
sind immer zu zweit, und die Vampire schicken jede Nacht jemanden zur
Kontrolle, aber weder sie noch das Ministerium waren in der Brauerei.
Deine Gedächtniszauber waren wohl doch nicht so schlecht."
Remus
grinste. „Eigentlich sind sie das, und dann noch dazu so nah am
Mond. Aber ich hatte eine Weile nicht mehr gezaubert, und jede Menge
arkane Energien frei."
„Kommst du morgen?" wollte Harvey
wissen.
„Nein, zu gefährlich", erwiderte der Zauberer
seufzend. „Morgen werde ich wohl einen Wald-Mond haben, irgendwo im
Süden."
„Da jagen sie solche wie dich wie nichts Gutes", berichtete der trinkfreudige Geist. „Aber ich habe einen Cousin zweites Grades, der die alte Abtei in Middle-of-Nowhere bewohnt. Er hat dort die Klosterbrauerei geleitet vor seinem Tod 1875, und er wollte sie wohl auch nicht verlassen, als er starb."
„Warum wundert mich das jetzt nicht?" fragte Remus ironisch.
„Also jedenfalls ist die Abtei verfallen", fuhr Harvey fort, „und sie hat eine kleine Gruft, in der nichts ist außer verstaubten Äbten und Mönchen. Vampire meiden den Ort, weil er für sie viel zu vollgestopft ist mit christlicher Symbolik. Was sie dann auf Friedhöfen tun, habe ich nie begriffen." „Du meinst, dein Cousin könnte mich für eine Nacht beherbergen?" Remus schöpfte Hoffnung. Das war viel besser als im Wald den Zusammenstoß mit einem weiteren Silberjagdtrupp zu riskieren.
„Für ein gutes Fass altes Bier wird er dir jedes Kellerloch zeigen", versicherte Harvey. „Sag' ihm, ich hätte dich geschickt. Ach ja, und bezahl' ihn erst am Morgen. Er ist nämlich ein hinterlistiger Schurke."
Remus kehrte am übernächsten Mittag erschöpft, aber wohlbehalten, nach London zurück. Er holte Strolch ab, verkroch sich in seiner Wohnung und versorgte die Wunden, die der Wolf ihm im Verließ unterhalb der alten Abtei beigebracht hatte. Bruder Joseph hatte sich als ausgesprochen zugänglicher, freundlicher Geist entpuppt, er war belesen und gebildet und freute sich über die unverhoffte Gesellschaft. Ohne Bedingungen hatte er Remus die Gruft überlassen und sich am Morgen sehr über das Bier gefreut. Außerdem bezeichnete er seinen Cousin Harvey ausgiebig als Schlitzohr und Tunichtgut und lud Remus ein, gerne weitere Vollmonde und auch andere Nächte in Middle-of-Nowhere Abbey zu verbringen.
oooOOOOooo
Am nächsten Morgen piepste der Wecker wie üblich um Viertel vor drei und Remus brachte Strolch rüber zu Jimmy. Nachdem sie sich ausgesprochen hatten und der erste Schock überstanden war, erwies sich der Hüne als durchaus fähig, souverän mit der Situation umzugehen. Er hatte Remus sogar einen Schlüssel zu seiner Wohnung gegeben, damit dieser Strolch ohne zu klingeln einfach hinein lassen konnte, bevor er zur Arbeit ging.
Als Remus beim Paketservice ankam, passte ihn Jack, der Vorarbeiter ab.
„Hey Lupin, du sollst um halb acht in der Pause zum Chef kommen."
Remus
nickte und stieg zur bezeichneten Zeit die eiserne Treppe zu dem Büro
hinauf, in welchem Captain Bruchmueller residierte. Was konnte der
Alte nur von ihm wollen? Remus hatte sich zum Vollmond ordnungsgemäß
abgemeldet, er würde dafür wie üblich Sonntags
arbeiten. Es gab eigentlich keinen Grund, sich Sorgen zu machen,
beruhigte er sich.
Er
klopfte an die Tür, mit einem flauen Gefühl im Magen. Die
irrationale Angst, dass jemand entdecken würde, was er war,
beschleunigte seinen Herzschlag.
„Herein", sagte eine schroffe Stimme.
Bruchmueller thronte hinter seinem breiten Eichenschreibtisch.
„Guten Morgen, Sir", sagte Remus. „Sie wollten mich sprechen?"
„Allerdings", entgegnete der Falkland-Veteran, und sein buschiger Schnurrbart zuckte. „Sie haben sich als fleißig erwiesen, Lupin. Morgen Nachmittag kommt ein Prüfer, der die praktische und die theoretische Prüfung für den Gabelstaplerführerschein abnimmt. Lassen Sie sich heute nach Ihrer Schicht von Ed zeigen, wie man mit so einem Ding fährt und es bedient. Ich nehme an, Sie können lesen?"
„Ja, Sir", sagte Remus etwas irritiert.
„Gut!" Bruchmueller riss eine Schublade auf und knallte ein Buch auf seinen Schreibtisch. „Hier steht der ganze Theoriequatsch drin. Lernen Sie das bis morgen. Melden Sie sich jetzt gleich bei meiner Sekretärin für die Prüfung an."
Remus nickte stumm.
„Rühren", schnarrte der Ex-Soldat und wandte sich seiner Morgenzeitung zu.
Remus
war noch nicht ganz an der Tür, als Bruchmueller ihn ermahnte:
„Vermasseln Sie's nicht, Lupin. Sie bekommen nur diese eine
Chance."
Er
stierte ihn finster unter seinen buschigen grauschwarzen Augenbrauen
hervor an.
„Ja, Sir", erwiderte Remus. „Danke."
Er
zog die Tür hinter sich zu und betrat dann das Büro von
Bruchmuellers Sekretärin, einer ältlichen Frau, die ihn mit
ihren zu einem strengen Knoten gefassten Haaren und der quadratischen
Brille immer ein bisschen an Minerva MacGonagall erinnerte.
Sie
blickte von ihrem Bildschirm auf, runzelte die Stirn und sagte dann:
„Gabelstapler, Sie?"
„So wurde es mir gesagt", erwiderte Remus.
„Füllen
Sie die Formulare da hinten aus, Mr. Lupin", sagte sie und wies auf
ein paar gelbe Blätter, die zusammen mit einem Kugelschreiber
auf einem Katzentisch lagen. Remus erledigte die Formalitäten,
machte nur dort falsche Angaben, wo es unumgänglich war – er
konnte schließlich als Schule nicht „Hogwarts" angeben.
Er
reichte Miss Murray die ausgefüllten Formblätter, und sie
überflog sie kurz. Dann sah sie ihn über ihre kantige
Brille hinweg an.
„Verschenken
Sie diese Chance nicht, Mr. Lupin. Es wird Ihre einzige sein."
„Ich weiß", erwiderte Remus.
„Nichts wissen Sie", entgegnete die Sekretärin steif. „Ich habe hier in dieser Schublade eine Anmeldung zu einem Basiskurs im PC-Bereich. Der Staplerführerschein ist die Eintrittskarte dazu, die Sie nur lösen werden, wenn Sie die Theorie fehlerfrei bestehen. Also bemühen Sie sich redlich."
ooo
Remus
bemühte sich. Nach seiner Arbeit bat er Ed, einen wortkargen,
mürrischen Gesellen, um Hilfe mit dem Gabelstapler. Ed
verweigerte seine Unterstützung nicht gerade, aber er gab sich
auch keine besondere Mühe, Remus mit der für ihn fremden
Technik vertraut zu machen.
Nach
einer halben Stunde sagte Remus entnervt:
„In Ordnung, Ed. Wie
viele Päckchen Zigaretten, damit du mir klar machst, wie es
geht?"
Plötzlich
kam Leben in das unrasierte Gesicht des Mannes.
„Fünf
Stangen" sagte er grinsend, wobei er seine gelblichen Zahnstummel
zeigte und die Finger einer Hand ausstreckte, wie um Remus die Zahl
zu verdeutlichen. Remus rechnete kurz. Das war ein Haufen Geld für
eine Stunde Arbeit. „Drei", bot er an. Eds Grinsen erstarb
schneller, als es entstanden war.
„Fünf,
und nicht eine Kippe weniger, sonst wird dein Stapler morgen Mittag
nicht das tun, was er soll, egal wie gut du ihn beherrschst."
Remus
forschte einen Moment in dem Gesicht des Mannes, doch es blieb
ausdruckslos. Handeln war sinnlos, und Ed konnte ihm wirklich alles
ruinieren.
„Also gut", seufzte Remus und schlug in die
dargebotene schmutzige Hand ein. „Fünf Stangen, und nicht eine
Zigarette mehr."
Eine Stunde später kam Remus mit dem Gerät klar. Ed bewies erstaunliches didaktisches Talent, wenn er nur wollte. Er ließ Remus noch zwei Stunden üben, wobei dieser Eds komplette Arbeit erledigen musste, während Ed selbst es sich auf ein paar Kisten bequem machte. Nach Ablauf dieser Zeit machte er Remus ein Zeichen, aufzuhören.
„Kannst genug, denke ich", grummelte er. „Geh nachhause den Schreibkram lernen."
oooOOOooo
Es war bereits vier, als Remus bei Thalia im Laden ankam und Strolch ihn frenetisch begrüßte.
„Tut mir leid, mein Kleiner", entschuldigte er sich bei dem Hund.
„Wo warst du denn so lange?" fragte Thalia. „Gianni war hier, aber er musste schon los ins Theater, heute ist Schülervorstellung um sechs.
„Das hab' ich ganz vergessen", sagte Remus und erzählte ihr die Neuigkeiten von seiner Arbeit.
„Das ist ja toll!" strahlte sie ihn an. „Zeig' das Buch mal her."
Sie überflog die Seiten. „Wie viel von der Technik musst du können?" fragte sie ihn mit gerunzelten Brauen.
„Keine Ahnung", antwortete er. „Ich habe noch gar nicht hinein geschaut." Er sah ihr über die Schulter, und sein Blick blieb an den bunten Blumen hängen, die ihren leuchtend gelben Sari schmückten, unter dem sie wie immer ein langärmliges Hemd trug. Ihr Duft stieg ihm in die Nase, die noch immer sehr empfindlich war, so kurz nach dem Mond. Sie duftete nach Jasminseife und Zimt; vielleicht hatte sie drüben gebacken, denn ihre Hände und Arme bedeckte ein Hauch von Kardamom und Nelken.
„Oh", sagte er leise und zwang seine Finger, sie nicht zu berühren. Leo musste jeden Moment hereinplatzen, und Remus wollte Thalia nicht wieder in Verlegenheit bringen. Verdammt, er hatte doch Gianni, warum nur reizte sie ihn immer noch so sehr? Remus konnte sich nicht über mangelnde Zuwendung, Zärtlichkeit oder gar zu wenig Sex beschweren. Gianni, so egozentrisch er auch war, räumte ihrer Beziehung absolute Priorität vor allen anderen Dingen ein, und er erwies sich als sehr zuverlässiger, sorgfältiger Partner. Im Vergleich zu Sirius trug Gianni Remus auf Händen, und dieser wusste das sehr wohl zu schätzen.
„Ja ‚oh' trifft es ziemlich gut", sagte Thalia. „Das sieht ganz schön schwierig aus. Grundlagen, Technik, Hydraulik, rechtliche Vorschriften, Sicherheitsregularien, und dann hier – der Fragenkatalog. Zweihundert Fragen, meine Güte, fast wie beim richtigen Führerschein."
Remus kehrte in die Realität zurück. Und er begriff, dass die Prüfung schwerer sein würde, als er vermutet hatte. Beim ersten Durchgang beantwortete er über die Hälfte der Fragen falsch. Während Thalia den abendlichen Kundenansturm bewältigte, quälte sich Remus durch das Buch. Die Materie war nicht wirklich schwierig, aber er hatte einen langen Tag hinter sich und schon eine ganze Weile nicht mehr so intensiv mit dem Kopf arbeiten müssen.
„Thalia", sagte er, als es gegen halb acht etwas ruhiger wurde. „Ich glaube, ich schaffe es nicht."
„Was?" Sie steckte den Kopf durch den Vorhang. „Natürlich kannst du das, Remus. Du bist doch klug."
„Danke. Aber ich bin müde und kaputt, der Kopf schwirrt mir schon von Sicherheitsvorschriften und Spezialausdrücken für Schrauben und Werkzeuge." Er raufte sich die Haare.
Thalia goss ihm eine frische Tasse Tee ein. Seiner war bereits kalt geworden, so konzentriert hatte er gearbeitet.
„Weißt du was? Du nimmst ein Aspirin und ich gehe eben rüber und hole mir einen wärmeren Pullover. Ich friere schon den ganzen Nachmittag. Und vorher gehe ich eben mit Strolch raus, er war noch gar nicht draußen seit heute Mittag."
Strolch bellte zustimmend, was vermutlich darin begründet lag, dass sie seine Leine vom Haken genommen hatte. Wild mit dem ganzen Hinterkörper wedelnd wuselte er um sie herum und sprang an ihr hoch. „Wenn ich wieder komme, frage dich ab. Diese zweihundert Multiple Choices müssen doch zu schaffen sein."
„Leo wird bestimmt nicht erbaut sein", gab Remus zu bedenken.
„Leo ist heute Mittag nach Birmingham gefahren wegen einer Besprechung mit einem Musikagenten. Er wird es einfach nicht erfahren."
Mit diesen Worten war sie zur Tür hinaus. Sie ahnte vermutlich nicht, in welch einen Konflikt sie Remus damit stürzte. Einerseits brauchte er ihre Hilfe bei der Beantwortung der Prüfungsfragen, andererseits... Leo würde nicht nachhause kommen heute Nacht. Das bedeutete – er wollte sich lieber nicht detailliert vorstellen, was es bedeuten könnte für ihn und Thalia.
Als sie eine halbe Stunde später zurückkehrte, einen dicken schwarzen Wollpullover über ihrem Sari, und sich mit einer Tasse Tee über Eck an den Tisch setzte und ihm ein Glas mit einer Aspirin hinüber schob, hatte er sich wenigstens so weit in der Gewalt, dass er zumindest nicht den ersten Schritt machen würde. Vielleicht bereute sie ja den Kuss vor mehr als acht Wochen mittlerweile.
Strolch lenkte Remus ab, er beschnüffelte seine Jeans und leckte ihm genüsslich über die Hände. ‚Ich hätte duschen sollen', dachte Remus. ‚Merlin, vor lauter Schrauben und Hydraulikgesetzen und Sicherheitsbestimmungen habe ich das ganz vergessen.'
Thalia nahm ihm jetzt das Buch aus den Händen und blätterte bis nach hinten, wo die Fragen standen.
„Wollen wir starten?"
Remus nickte.
„Technik oder Sicherheit?"
„Sicherheit", wählte er.
„Gut. Also: ‚Welche Farbe der Schutzweste ist für die Arbeit in Lagerhallen für das Personal, das NICHT den Stapler bedient, vorgeschrieben?' Wenn du es auswendig weißt, sag es vorweg, ansonsten lese ich dir die möglichen Antworten vor."
Eine Dreiviertelstunde später hatten sie das Kapitel ‚Sicherheit' abgeschlossen. Remus war zum Teil unsicher gewesen, hatte jedoch nur drei Aufgaben falsch beantwortet.
„Ich habe sie mir angestrichen, die frage ich dich am Ende noch mal", verkündete Thalia.
Der Bereich ‚Technik' erwies sich als relativ leicht, Remus hatte lange genug an Motorrädern geschraubt in den vergangenen Jahren, um sich einigermaßen auszukennen, nur die Benennung der Werkzeuge und der Spezialteile fiel ihm schwer.
„Warum kann eine achtzehner Schraubenmutter nicht einfach 18er Schraubenmutter heißen?" fragte er frustriert, als er dieselbe Frage zweimal im Abstand von zehn Minuten falsch beantwortet hatte. „Warum muss sie FPT 475 X heißen? Wer soll sich das merken?"
„Du, bedauerlicherweise. Und wenn du nicht aufhörst zu jammern, wirst du es nicht bis morgen Mittag in dein Hirn bekommen. Wann ist eigentlich die Prüfung?"
„Um halb drei" antwortete Remus.
„Dann verschiebst du besser einen Teil der Fragen auf morgen früh", schlug Thalia vor.
„Morgen früh muss ich arbeiten, um halb vier, wie immer", knurrte Remus.
„Was?" staunte sie. „Sie haben dir nicht für das Lernen frei gegeben?"
„Leider nicht." Er seufzte. „Komm, jetzt machen wir „rechtliche Grundlagen".
Es war bereits zehn, als sie mit dem Bereich Recht fertig waren und Remus alle Fragen fehlerfrei beantworten konnte.
„Ich kann nicht mehr", sagte er müde. „Hast du noch ein Aspirin?"
Hinter seinen Schläfen hämmerte stumpfer Schmerz, und vor seinen Augen flackerte es leicht. Auch Thalia sah jetzt müde aus und rieb sich die Augen. Sie stand auf, nahm ein Röhrchen mit Tabletten aus ihrer Handtasche und löste eine davon in einem Wasserglas auf. Während Remus zusah, wie die Tablette langsam zerfiel, ging Thalia kurz in den Laden und kehrte mit einer Tafel dunkler Schokolade zurück. Sie riss die Verpackung auf, brach ein Stück ab und schob Remus den Rest hin.
„Hier, 85 Kakao, das macht glücklich und bringt dich wieder ein bisschen hoch."
Remus zögerte nicht, zwei Stücke auf einmal in den Mund zu schieben und ließ die dunkle Masse langsam auf der Zunge zergehen. Natürlich schmeckte diese Schokolade völlig anders als die Tafeln aus dem Supermarkt, die er sich zu besorgen begonnen hatte, sobald er wieder eigenes Geld in den Händen gehabt hatte.
Er schloss für einen Moment die Augen. Thalia stieß ihn sanft an der Schulter an.
„Remus?"
„Hm?" Mühsam öffnete er die Augen wieder.
„Entschuldige, aber eine halbe Stunde muss reichen. Wir haben noch die ganze Hydrauliksektion vor uns."
„Halbe Stunde?" fragte er verwirrt.
„Ja. Du hast tief und fest geschlafen. Es ist kurz nach halb elf." Sie sah ihn mitleidig an.
Aber tatsächlich hatte ihn der kurze Schlaf erfrischt und auch das Kopfschmerzmittel wirkte nun.
Eine Stunde später waren sie mit dem ersten Durchgang fertig, und Thalia begann, die Fragen zu wiederholen, bei denen Remus unsicher gewesen war oder falsch gelegen hatte. Es war halb eins, als sie das Buch schloss.
„Du kannst es. Konzentrier dich morgen, dann wird es schon gehen. Wiederhole die Fragen, die ich mit zwei Bleistiftstrichen markiert habe, noch mal morgen in der Mittagspause."
Sie schob ihren Stuhl zurück und strich sich eine Strähne aus der Stirn, die sich aus ihrem Zopf gelöst hatte.
„Du schaffst das, Remus. Du hast gut gelernt, und du musst es nur bis morgen Abend im Kopf behalten." Sie legte für einen Augenblick ihre Hand auf die seine. Was eine ermutigende Geste hatte sein sollen, sandte einen Strahl erregender Hitze durch seine Haut.
Hastig entzog er ihr seine Hand. Keine Sekunde länger, oder er würde vergessen, dass er jetzt besser allein schlief und an etwas sehr Langweiliges dachte.
„Danke", sagte er knapp.
Sie blickte noch einen Moment auf ihre Hände, dann nahm sie ihre Stola vom Haken und begann, sich darin einzuwickeln. Er stand steifbeinig vom Tisch auf. Sein Rücken schmerzte, und er griff nach Strolchs Leine. Sofort war der kleine Mischling auf den Beinen und munter, nachdem er bis eben leise schnarchend auf dem Teppich unter dem Tisch geschlafen hatte.
„Wir bringen dich noch nachhause und gehen dann eine Runde bis zum Friedhof und zurück", sagte Remus.
„Oh, ich würde gerne noch mitgehen, und ihr bringt mich danach heim? Die frische Luft draußen wird mir gut tun." Wie selbstverständlich hakte sie sich draußen bei Remus ein, und sie gingen langsam die verlassene Straße entlang. Der Mond hing blass und immer noch ziemlich rund am Firmament, die meisten Sterne waren jedoch von Wolken bedeckt und nicht zu sehen.
„Es hat mit dem Mond zu tun, nicht wahr?" fragte sie in die Stille hinein, die nur von Strolchs Hecheln und Schnüffeln unterbrochen wurde.
Remus wurde eiskalt, und er konnte nicht verhindern, dass sie spürte, wie sich sein ganzer Körper versteifte.
„Was hat mit dem Mond zu tun?" presste er hart hervor.
Sie blieb stehen und sah ihn ins Gesicht. „Das, weshalb du verschwindest, vorgestern zum dritten Mal."
Er starrte sie an. Wie viel wusste Thalia? Auf ihrem Gesicht standen weder Abscheu noch Furcht geschrieben - sie konnte es nicht wissen.
„Wie kommst du darauf?" fragte er, um Zeit zu gewinnen. Er fühlte, wie sich sein Herzschlag beschleunigte, und er hätte schwören können, dass sie es bemerkte. Doch ihre Antwort verblüffte ihn.
„Ich lebe auch nach dem Mondkalender, Remus. Schon seit Jahren. Ich schneide jeden Monat bei Vollmond meine Haare und die Fingernägel, sie wachsen dann besser und dichter beziehungsweise fester. Ich wähle meine Speisen und Gewürze nach dem Mond. Hast du das nicht bemerkt?"
Er schüttelte stumm den Kopf.
„Aber wenn du kein Moony bist, wieso treibt es dich dann jedes Mal fort, wenn Vollmond ist? Du gehst in den Wald, sagt Gianni. Er riecht es an dir. Ich habe ihm gesagt, dass du dort wahrscheinlich betest. Er war so durcheinander, die letzten beiden Male, weißt du."
„Ich kann es dir nicht sagen", flüsterte er und nahm ihre Hand. „Ich bitte dich inständig, versuch nicht, es heraus zu finden. Es hat nichts mit Gianni zu tun, und ich bin auch kein Perverser, der auf irgendwelchen dunklen Messen Katzen schlachtet."
Thalias helles Lachen klang durch die Nacht. „Das hätte ich auch niemals angenommen, Remus. Du bist doch keiner, der wehrlose Tiere ermordet."
Wie
sehr sie sich irrte! Remus hätte ihr die Wahrheit am liebsten in
das schöne, helle Gesicht geschrieen.
‚Doch, genau das bin
ich. Ein Raubtier, das Rehe und Hasen zerreißt, um ihr warmes
Fleisch zu fressen, und das sogar dich töten würde, völlig
grundlos, wenn du mir nur in der falschen Nacht begegnetest.'
Merlin, wie sehr sie ihn hassen und verabscheuen würde, wenn sie
es jemals erführe. Sie war schon entsetzlich nah dran, wäre
sie keine Muggel, sie würde es bereits jetzt wissen. Der
Gedanke, dass sich auf Thalias Gesicht der Ekel und die Furcht
abzeichnen könnten, die er auf den Gesichtern anderer Menschen
gesehen hatte, von denen er gehofft, nein erwartet hatte, sie würden
ihn nicht verachten, nachdem sie die Wahrheit erfuhren - dieser
Gedanke stürzte ihn in tiefe Verzweiflung und ließ das
filigrane emotionale Gleichgewicht kippen, das er sich so mühsam
erarbeitet hatte.
Er packte sie und zerrte sie zu sich heran, plötzlich waren seine Hände an ihrem Gesicht und seine Lippen auf den ihren. Der Strudel aus Wut, Angst und Lust, der durch seine Venen tobte, ließ ihn viel zu spät bemerken, dass sie sich wehrte.
Als er in ihre geweiteten Augen blickte, lag nicht Verlangen darin, sondern Abwehr.
„Remus, nein! Du bist mit Gianni zusammen, und er ist mein Freund." Ihr Atem ging schwer. „Wir dürfen das nicht tun, hörst du? Das kannst du doch nicht wirklich wollen."
War das eine Frage oder eine Feststellung?
„Doch", sagte er leise. „Genau das will ich. Ich weiß, dass es falsch ist, aber ich will dich. Ich will dich an meiner Seite haben, dich nachts neben mir spüren, will dich aus diesen verdammten Klamotten schälen, in denen du deine Schönheit verhüllst und diesen Zopf lösen, der das rote Gold auf deinem Kopf bändigt und zahm und brav macht. Ich will deine Haare zwischen meinen Fingern spüren, sehen wie sie dir um die nackten Schultern fallen. Ich will sehen, wie du wirklich bist."
Ihr anfänglich erstaunter Blick war mit jedem Satz entsetzter geworden. Jetzt erst entzog sie ihm ihre Hand.
„Nein, Remus, vor allem das letzte willst du ganz sicher nicht."
Sie drehte sich um und lief die leere Straße entlang, floh von ihm fort, ohne sich auch nur ein einziges Mal umzudrehen.
Remus sank in die Hocke und vergrub das Gesicht in Strolchs weichem Fell. „Ich bin so ein Idiot, so ein Dummkopf, weißt du das?" sagte er zu dem kleinen Hund, und Strolch widersprach ihm nicht.
TBC
Danke
schön für Eure Reviews, ich grüße hier die
üblichen Verdächtigen: Lina, MissMoony, Annchen,
Berserkgorilla und Nutellamädchen.
Was
ist eigentlich mit Euch anderen? Keine Lust zu reviewen? Ich würde
mich aber freuen.
LG
Eure
Slytherene
