Ein Strolch zum Verlieben
Fanfiction von Slytherene
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Guten
Abend, liebe Lesende!
Hier
wie versprochen das Update des „Strolchiversums".
Ich
will gar nicht lange Vorreden halten.
Für
die lieben Reviews danke ich Nutellamädchen, Lina, MissMoony,
Annchen, Moons, Moonlight, Ewjena, Berserkgorilla und Spätzünder.
Ihr macht mich happy!!!
Ich
hoffe, wir haben am nächsten Samstag oder Sonntag das Vergnügen,
uns hier wiederzulesen (was bedeuten würde, ich bin nicht vom
Himmel gefallen oder sonst wie verschleppt worden).
17. Geheimnisse
Als Remus am nächsten Morgen zur Arbeit erschien, fing Ed ihn ab. „Du gehst nicht ans Band heute. Komm', dein Gabelstapler wartet auf dich in Halle drei."
In der riesigen Lagerhalle warteten einige hundert Paletten auf ihre Plätze im Hochregal und der gute alte FJ 02. Gegen acht erschien Bruchmueller, wie vorgeschrieben im grauen Kittel mit gelber Sicherheitsweste.
„Ordentlich, das gestern, Lupin, wirklich ordentlich", grunzte er. „Zwanzig Pfund mehr die Woche, und lassen Sie sich von Ed das Prämiensystem erläutern. Wenn Sie hier die Regale ungeschoren lassen, keine Mauern anfahren und die Reparaturkosten in Ihrer Abteilung unter dem Vorjahresmonatsbetrag bleiben, gibt es Zulagen."
„Danke, Sir", sagte Remus. „Für die Chance – und für den Tipp wegen der Wohnung."
Bruchmueller machte eine wegwerfende Geste, sah aber dabei höchst zufrieden aus.
Kurz vor Feierabend traf Remus Jimmy, der gerade den Lieferwagen für seine Tour am Nachmittag bestückte.
„Na, wie war der erste Tag im Lager?" fragte er Remus.
„Scheint, als wüsste es schon die ganze Firma", sagte Remus lachend. „Es ist auf andere Art anstrengend als am Band, aber es ist in Ordnung."
„Du wirst dir jetzt Hanteln besorgen müssen, wenn du deine Figur halten willst", frotzelte Jimmy.
„Ach sag' mal, willst du heute noch in die Klinik?"
„Das hatte ich vor", antwortete Remus.
„Grüß Thalia von mir. Sag' ihr, ich schaue heute Abend noch einmal vorbei, falls ich es schaffe, aber ich kann es nicht versprechen. Ist viel auszuliefern heute."
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In
seiner Wohnung holte Remus Strolch ab – Gianni hatte heute einen
frühen Termin im Theater wegen einer Kostüm- und
Maskenprobe - und sie liefen den Weg zur Klinik. Es war merklich
wärmer geworden, und in den wenigen Beeten steckten die ersten
Frühblüher ihre Köpfchen aus der dunklen Erde.
Beim
Krankenhaus angekommen, band Remus den kleinen Mischling, der nicht
mit hinein durfte, an einem der dafür vorgesehenen Haken fest.
„Sei lieb, ja? Und lass dich nicht anquatschen. Geh' nicht mit Fremden mit. Du weißt nicht, ob du wieder so ein Glück hast wie mit mir."
Strolch wedelte zaghaft und sah Remus mit traurigem Blick hinterher.
Bereits
auf dem Gang konnte Remus ärgerliche Stimmen hören, und als
er Thalia beinahe hysterisch laut schreien hörte, begann er zu
laufen.
In
dem Krankenzimmer bot sich ihm ein wirklich merkwürdiger, aber
auch erschreckender Anblick:
Zwei
Krankenschwestern und zwei Ärzte redeten laut auf Thalia ein,
eine der Schwestern hing förmlich an Thalias Bein. Thalia, in
einem bodenlangen Nachthemd mit kleinen blauen Teddybären
darauf, einen zu dieser Bekleidung passenden Zopf auf dem Rücken,
saß auf der Fensterbank, ein Bein draußen, das andere
noch halb im Raum. An diesem zog die Schwester.
„Thalia, was bei Merlin tust du da?" fragte Remus entsetzt.
Aller Augen flogen zur Tür, in der er stand. Mit einem Schrei ließ sich Thalia blitzartig in den Raum hinein gleiten, riss sich dabei von der Pflegerin los, stieß grob den ihr am nächsten stehenden Arzt zur Seite und warf sich in Remus' Arme. Ihr Gesicht war verschwollen und voller hektischer roter Flecken.
„Hol' mich hier raus", beschwor sie ihn. „Sofort, sofort, nachhause."
„Meine Güte, jetzt stellen Sie sich doch nicht so an!" sagte der ältere der beiden Ärzte. „Es ist doch nur eine klinische Demonstration vor ein paar Studenten, ein seltener Einzelfall wie Sie..."
„Ich
bin kein Fall!" schrie sie den verdutzten Mann im weißen
Kittel an. „Ich bin ein Mensch, und ich will kein Vorzeigekaninchen
sein.
Bring mich hier weg, Remus."
Sie stand offenbar kurz vor
einem Nervenzusammenbruch.
Der
andere Arzt mischte sich ein.
„Jemand wie Sie hat nachgeradezu die
moralische Verpflichtung, für Ausbildungszwecke zu Verfügung..."
„Jetzt reicht es aber!" sagte Remus entschieden. „Sie haben doch gehört, was Miss Silenda gesagt hat. Sie steht für eine klinische Demonstration nicht zur Verfügung."
„Aber verstehen Sie doch!" rief der Arzt. „Ein solch beeindruckender Fall von..."
„Nein, nein, nein!" flüsterte Thalia hastig an Remus' Ohr. „Bitte, bitte, Remus, tu doch was!"
„Einen Moment, bitte", sagte Remus kühl und unterbrach den Redefluss der Ärzte, die begonnen hatten, gleichzeitig auf ihn und Thalia einzureden. Er zog sie ein Stück zur Tür.
„Was ist hier los? Was wollen die von dir?" fragte er sie leise.
„Die wollen mich vor Hunderten von Leuten bloßstellen. Ich will nicht."
„Das habe ich ja verstanden, dass du nicht willst." Er wischte ihr mit seinem Schal ein paar Tränen vom Gesicht. „Du willst nachhause? Wo steckt denn Leo?"
„N-nicht da", weinte sie. Sie schluchzte immer heftiger. „Will nicht, die zerstören mich. Ich bin ein Mensch, kein Monster."
Der letzte Satz ließ ihm das Blut in den Adern gefrieren. Er hatte ihn oft genug selbst gedacht, gesagt, herausgeschrien, angezweifelt, verworfen und ihn sich wieder zu Eigen gemacht. Die Entscheidung war leicht.
„Bist du gesund genug, um nachhause zu gehen?"
Sie nickte.
„Dann komm."
Er
legte ihr seinen Mantel über die Schultern und schloss die Tür
des Krankenzimmers, die verblüfften Ärzte und Schwestern
ohne ein weiteres Wort zurücklassend.
An
der Pforte unten band er Strolch los, der sie beide mit frenetischem
Gebell begrüßte, sich jedoch sofort beruhigte, als Remus
ihm leise befahl, still zu sein. Er hob Thalia, die nicht einmal
Socken trug, auf seine Arme und trug sie zum nächsten Taxi. Sie
stiegen in den Fond, und Strolch setzte sich brav vor den Rücksitz
in den Fußraum. Remus nannte dem Fahrer die Adresse, und er
hielt Thalia fest, bis sie unter den Arkaden hielten.
Strolch sprang auf den Weg, und Remus bezahlte das Taxi, dann hob er Thalia aus dem Wagen.
„Hast du einen Schlüssel?" fragte er.
„Unter der Fußmatte", antwortete sie.
Remus öffnete die Wohnung und trug sie über die Schwelle. Drinnen setzte er Thalia ab und sah sich interessiert um. Er war noch nie in ihrer Wohnung gewesen. Sie war genau so, wie er es sich vorgestellt hatte: Die Wände waren in satten, warmen Rot- und Orangetönen gestrichen, dicke, helle Wollteppiche und Regale voller Bücher über alternative Medizin, Esoterik, Buddhismus und Politik. Böse Satiren neben existentialistischer Philosophie, Bücher über klassische Musik und Kochbücher, ein Querschnitt alternativen Lebens der Achtziger und frühen Neunziger. Sowohl Thalias als auch Leos Handschrift waren überdeutlich erkennbar. Remus hätte bei jedem der mehreren hundert Bücher genau sagen können, wem von den Beiden es gehörte. Und doch bildeten sie eine Einheit, ein verstricktes Netz. Sie waren so gegensätzlich wie der schwarze Flügel, der unter Notenblättern zu ertrinken drohte und der kleine Hausaltar mit der bunten Meditationsmatte davor und dennoch symbiotisch verbunden.
„Mein
Schlafzimmer ist dort hinten", sagte Thalia und ging langsam
voraus. Remus folgte ihr zögernd in einen kleinen, stillen Raum.
Alles darin war dunkelrot: die Wände, der Diwan auf dem
Boden, die vielen Decken und Kissen und der aus Tüchern
gewickelte, mit orientalischen Ornamenten verzierte Betthimmel. Nur der helle
Teppich sorgte dafür, dass man nicht das Gefühl hatte, in
einem Meer aus Blut und Kupfer zu ertrinken.Der
Raum duftete schwach nach Sandelholz und Jasmin, nach Zimt und
Hibiskus. Nur nach einem nicht: Nach Leo.
Remus, dessen feine Nase
sich nicht betrügen ließ, hatte den Geruch des Mannes im
Wohnzimmer gut wahrnehmen können. Hier im Schlafzimmer gab
jedoch nur Thalias Duft. Der Werwolf hätte schwören können,
dass Leo dieses Zimmer so gut wie niemals betrat. Ganz sicher schlief
er nicht hier. Remus erschrak über die Erleichterung, die er
empfand. Verdammt, es ging ihn absolut nichts an.
Thalia ließ Remus' Mantel von den Schultern gleiten und schlüpfte unter die Decken.
„Brauchst du irgendetwas?" fragte Remus.
„Ein Glas Wasser, bitte." Sie zog die Decke bis zum Hals hoch.
Remus nickte, fand die Küche und kehrte mit dem Gewünschten zurück. Er stellte das Glas auf einem runden Tablett aus getriebenem marokkanischem Messing ab, das auf einem dreibeinigen, niedrigen Ständer neben dem Bett ruhte.
„Es tut mir so Leid wegen gestern", begann Remus. Wann sollte er sich entschuldigen, wenn nicht jetzt? „Ich weiß, mein Verhalten ist unverzeihlich."
Sie schwieg. Ihre dunkelblauen Augen musterten ihn skeptisch. Er konnte ihrem Blick kaum Stand halten.
„Mir sind sämtliche Sicherungen durchgebrannt. Ich weiß nicht, was ich sagen soll."
„Vielleicht solltest du dich bei jemand anderem entschuldigen als bei mir", sagte Thalia. „Ich dachte, du liebst Gianni. Er hätte es verdient."
„Das hat er", erwiderte Remus. „Ich…ich liebe ihn auch, irgendwie." Er geriet ins Stocken. ‚Wenn es nur nicht verdammt kompliziert wäre!' fluchte er innerlich.
„Irgendwie? Ich weiß nicht, ob er das gerne hören würde", sagte Thalia und lächelte schmal.
„Bestimmt nicht. Die Wahrheit ist… Oh, Merlin." Er vergrub das Gesicht in den Händen. „Er ähnelt so sehr Sirius, dass ich manchmal nicht weiß, wen ich im Arm halte. Ich bin mir bewusst, wie unfair das Gianni gegenüber ist, gleichzeitig macht er mich wirklich…glücklich. Zeitweise, wenigstens."
Thalia
setzte sich auf und legte ihre Hand auf Remus' Unterarm.
„Du
hast etwas durchgemacht, das man wirklich niemandem wünscht. Ich
kann mir vorstellen, wie schwer es ist, nach einem solchen Verlust in
ein neues Leben hinein zu finden, und du machst deine Sache sehr gut.
- Vielleicht ist es besser, wenn Gianni nicht erfährt, was
letzte Nacht passiert ist." Sie ließ ihn los.
„Danke", sagte er knapp.
„Verlass
dich nicht darauf, dass ich immer stark genug bin, um ‚nein' zu
sagen. Ich mag dich sehr, Remus. Der Grat, auf dem wir gehen, wenn
wir Freunde bleiben wollen, ist schmal."
Er schluckte. Mit
dieser Warnung bestätigte sie, was er bereits ahnte – dass sie
sich ihrer Selbstbeherrschung ebenso wenig sicher war wie er selbst.
Sie streckte sich nach dem Wasserglas. Der Ärmel ihres Nachthemdes rutschte hoch und gab den Blick auf ihren Unterarm frei. Remus bemerkte sofort die feinen, weißen Narben, die sich über ihren Arm zogen, eine neben der anderen, vom Handgelenk bis zum Saum ihres Ärmels. Sein Blick entging ihr nicht, und sie zog den Stoff wieder hinunter. Hatten die Ärzte den Studenten das zeigen wollen? Zeugnisse von absichtlichen Selbstverletzungen, viele Jahre alt? Remus konnte frische Narben sehr gut von uralten unterscheiden.
„Du musst deine Arme nicht verstecken, weißt du?" Er krempelte den Ärmel seines Pullovers hoch. Seine Arme waren ebenfalls übersät von alten und einigen frischeren Narben: Bisse und Kratzer, die ihm der Wolf zugefügt hatte. Thalias Augen weiteren sich vor Staunen, ungläubig strich sie über seinen Unterarm.
„Ich habe früher auch immer lange Ärmel getragen, selbst im Hochsommer", sagte er sanft. „Es hat sich heraus gestellt, dass die Menschen, die zählen, dir immer in die Augen und nie auf deine Arme sehen werden. Oder macht es einen Unterschied für dich, ob ich diese Narben trage oder nicht?"
Sie schüttelte stumm den Kopf.
„Gianni interessiert es auch nicht. Und ich habe mehr als diese auf dem Arm. Ich nehme an, dass es auch für Leo keine Rolle spielt."
Thalia
antwortete nicht. Remus nahm ihren Arm und küsste die vernarbte
Unterseite.
Es war ein keuscher Kuss, ein Zeichen, kein
Annäherungsversuch.
„Du solltest dich ausruhen. Ich setzte mich ins Wohnzimmer, bis Leo kommt. Ich hoffe, er kann damit leben, dass Strolch hier drin ist."
„Lass ihn in meinem Zimmer", schlug sie vor, und Strolch, der ohnehin schon neben ihrem Diwan lag, ließ sich jetzt auf die Seite fallen und grunzte zufrieden.
„Manchmal
denke ich, er versteht alles, was wir sagen", meinte Remus lächelnd
und löschte das Licht, als er Thalias Zimmer verließ.
Der
Hund folgte ihm nicht.
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Leo staunte nicht schlecht, als er gegen Mitternacht Remus, ein Buch auf den Knien, im Wohnzimmer vorfand. Er hatte einen Termin bei einem Musikverleger gehabt.
„Was in aller Welt tust du hier?" fragte er argwöhnisch.
„Ich habe Thalia nachhause gebracht." Remus berichtete, was im Krankenhaus vorgefallen war.
„Verdammtes Medizinerpack!" fluchte Leo. „Halten sie für ein gottverdammtes Tier."
„Wegen ein paar Narben?" fragte Remus.
Leo sah ihn überrascht an. „Sie hat es dir gesagt?"
Remus zuckte die Schultern. „Ich hab's gesehen.
Leos Miene drückte zu Remus' grenzenlosem Erstaunen das pure Entsetzen aus. Dann jedoch glättete sich sein Gesicht wieder. Fast konnte man zu dem Eindruck gelangen, dass er sich entspannte.
„Das Vertrauen, welches sie dir entgegen bringt, ist wirklich außergewöhnlich. Ich hoffe, du verdienst es." Er sah auf seine Armbanduhr. „Es ist schon spät."
„Ich habe verstanden", sagte Remus und stand auf. „Der Hund ist bei ihr. Sie wollte es partout. Du wirst morgen früh mit ihm rausgehen müssen."
Leo verzog angewidert das Gesicht, nickte aber. „Wird erledigt."
Als Remus die Tür erreicht hatte, sagte Leo: „Danke, das du dich um sie gekümmert hast."
Remus bedeutete ihm mit einem knappen Nicken, dass er ihn gehört hatte. „Gute Nacht, Leo."
Er entschied, nicht mehr nachhause zu gehen, sondern im Laden zu schlafen. Der Umbau war erst für den nächsten Monat geplant, also stand das Sofa noch da, und er hatte schließlich den Schlüssel. Der Weg zum Paketzentrum war kürzer von hier, und so würde er wenigstens noch ein paar Stunden Schlaf bekommen.
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Am nächsten Mittag war er höchst erstaunt, Thalia im Laden anzutreffen.
„Hallo. Solltest du nicht zuhause sein und dich ausruhen" fragte er.
„Hallo
Remus." Sie drückte ihm einen Kuss auf die unrasierte Wange
und lächelte. „Mir war sehr langweilig, und ob ich hier oder
drüben sitze, macht doch wenig Unterschied. Leo hat heute Morgen
alle Regale aufgefüllt, und er war gleich um sieben mit Strolch
spazieren. Er hat angekündigt, zu kochen, ich muss also nicht
einmal mit Töpfen und Pfannen hantieren. Ich habe einen
Luxus-Tag mit ein paar Kunden und einem spannenden Buch, und
kassieren kann ich auch mit einer Hand."
Sie
blickte auf ihre eingegipste Hand, die in einer weißen Schlinge
lag und einen merkwürdigen Kontrast zu ihrem dunkelroten Sari
bildete, unter dem sie auch heute ein langärmliges schwarzes
Oberteil trug, das jedoch so eng war, das man die Form ihres Körpers
darunter erahnen musste.
„Gianni war auch schon hier. Er sagt, du sollst ihn anrufen. Er kommt heute Abend nicht zu dir, weil irgendwas im Theater länger dauert und er im East-End bleibt."
„Ich rufe ihn gleich an", meinte Remus.
„Ach ja, morgen haben wir uns fürs Kino verabredet. Kommst du mit? Ich weiß, es wird ein bisschen spät für dich, weil du früh raus musst, aber der Film soll sehr schön sein."
Remus überlegte einen Moment. Er konnte heute früh schlafen gehen, da Gianni ohnehin nicht kommen würde, und die Vorstellung morgen würde gegen halb elf vorbei sein.
„Ich denke, das passt schon", sagte er.
„Prima, dann hab' ich ja zwei starke Jungs, die auf mich aufpassen", lachte Thalia.
„Zwei? Wo ist denn Leo?"
„In Birmingham. Du erinnerst dich an den Musikverleger dort? Er will tatsächlich einige seiner Stücke verlegen. Im Gegenzug muss Leo aber ein paar klassische Konzerte auf irgendwelchen privaten Salonabenden geben. Morgen ist das erste."
„Das ist doch toll."
„Nicht für ihn. Er hasst es, anderer Leute Musik nachzuspielen. Er möchte viel lieber seine eigenen Kompositionen aufführen."
Thalias
Handy spielte Mozart.
„Hallo, Gianni", grüsste sie. Ihr
Display hatte seine Nummer bereits angezeigt. Sie hörte ihm eine
Weile zu. „Das ist sehr schade", meinte sie schließlich.
„Warte, ich gebe dir Remus."
„Hey, zauberhafter Held der Arbeit, wie geht's?" klang Giannis Stimme aus dem Telefon.
„Müde, aber ich stehe noch", antwortete Remus.
„Ich kann leider nicht heute Abend, wir haben eine extra Kostümprobe angesetzt wegen der Premiere nächste Woche."
„So etwas Ähnliches hat Thalia schon erzählt", sagte Remus. „Aber gräm' dich nicht, ich bin wirklich geschafft nach den letzten Tagen. Strolch und ich gehen gleich nachhause, aber den Handzeichen nach bekommen wir hier vorher noch Pasta."
Thalia gestikulierte wild und simulierte den Genuss virtueller Nudeln mit viel Soße.
„Jaaaaa", sagte Gianni und zog den Vokal, um anzuzeigen, dass er noch nicht fertig war. „Und morgen, mit dem Kino, das wird auch nichts."
„Noch mehr Kostümproben?" fragte Remus erstaunt.
„Nein, eine öde Personalversammlung. Hat die Gewerkschaft organisiert. Das wird vermutlich spät, weil es immer welche gibt, die die Notwendigkeit von Einwegpapierhandtüchern auf den Toiletten oder von dreilagigem Klopapier in Recyclingqualität ebenda diskutieren müssen."
„Kannst du dich nicht früher loseisen?" fragte Remus. „Du fehlst mir."
„Du wirst mit Thalia im Kino sein, also beschwer' dich nicht. Ich wäre lieber dabei als auf der öden Versammlung. Wir sehen uns übermorgen, hm?"
„Also schön", lenkte Remus ein. Dann würde er Gianni eben übermorgen von seinem neuen Job im Lager erzählen. „Lass dich nicht von irgendwelchen Verehrerinnen abschleppen", scherzte er gut gelaunt.
„Und du lass die Finger von meiner besten Freundin", konterte Gianni. „Nicht, dass ich rote Haare auf deinem Revers finde."
„Nur
vom Popcornteilen", versicherte Remus. Aber so gelassen er auch
klingen mochte – ein Kinoabend allein mit Thalia würde einer
gewissen Anspannung nicht entbehren. Er musste immer noch an
vorgestern Abend auf dem Weg zum Friedhof denken.
Als
er sich fünf Minuten später von Gianni verabschiedet hatte,
der eben noch die neueste Rickman-Story loswerden musste, fragte er
Thalia ganz direkt: „Bist du sicher, dass du immer noch mit mir in
Kino gehen willst, jetzt, wo Gianni nicht mitkommt?"
Sie lachte fröhlich. „Es ist nur Kino, Remus, nichts weiter. Da werden ein paar hundert andere Leute sein und unsere schwächliche Moral bewachen. Wir werden Händchen halten an den spannenden Stellen und eine große Tüte Popcorn teilen. Selbst Leo könnte damit leben, und Gianni stört es allemal nicht."
„Ja", sagte Remus. „Vermutlich nicht." ‚Er weiß ja auch nicht, was ich dir vorgestern gesagt habe.' Vielleicht würde Gianni sogar darüber lachen – aber dessen war sich Remus sehr ungewiss.
„Thalia?"
„Hm?"
„Nochmal: Es tut mir Leid, wegen vorgestern Nacht. Ich weiß nicht, was da über mich gekommen ist."
Sie räumte weiter einhändig im Regal und antwortete nicht.
„Ich schäme mich wirklich", setzte Remus hinzu. „Außerdem mache ich mir ziemliche Vorwürfe, weil du am nächsten Morgen so müde warst, dass du von der Leiter gerutscht bist. Ich wollte das wirklich nicht."
„Jetzt hör' aber mal auf zu spinnen", sagte sie knapp. „Das hätte an jedem anderen Tag genau so geschehen können. Ich bin so oft lange auf und lese, da wird es auch spät."
„Ich habe trotzdem ein schlechtes Gewissen", beharrte er. „Und ich habe mich noch nicht einmal für deine Hilfe bedankt. Ohne dich hätte ich diese Prüfung niemals bestanden."
Sie ließ die Teepäckchen sinken und drehte sich langsam um. „Du hast mir wunderschöne Blumen mit ins Krankenhaus gebracht. Widersprich bitte nicht, ich weiß genau, was ich von Gianni und Jimmy erwarten kann und was nicht. Lade mich morgen ins Kino ein, und wir sind quitt."
Remus atmete tief durch. „Danke für deine Hilfe."
„Danke für die Frühlingsblumen. Ich hatte schon sehr lange keine mehr." Ihre blauen Augen strahlten.
Remus
rang sich ein Lächeln ab, packte dann seinen Mantel und Strolch
und verschwand eilends mit einem hastig gemurmelten „bis morgen"
nach draußen. Nicht, dass sie ihn wieder auf die Wange küsste
und er dann ein weiteres Mal die Beherrschung verlieren würde.
Bei Merlin, er wusste, die Luft brannte zwischen ihnen beiden, und
Kino ohne Gianni war eine sehr schlechte Idee.
Thalia
mochte in der Lage sein, souverän mit dem Feuer zu spielen, ohne
sich zu verbrennen, sie kannte ihre Grenzen. Obwohl sie gestern
gesagt hatte, der Grat, auf dem sie wandelten, sei schmal. Doch
vermutlich würde Thalia eher ihre Freundschaft beenden, als
Gianni oder Leo zu hintergehen. Remus jedoch würde die Hand
nicht für sich selbst ins Feuer legen, wenn es um Thalia ging.
So sehr er sich selbst dafür hasste, aber er besaß
ungefähr das Widerstandvermögen eines Nifflers, der ein
glitzerndes Goldstück sah, was sie betraf. Mit Gianni an seiner
Seite war Thalia eine gute Freundin. Doch ohne ihn… Wäre
Gianni Sirius, würde Remus einen kühlen Kopf bewahren. Zu
viele Jahre hatten das Band zwischen ihnen enger geknüpft, als
der Ruf von Thalias Zauber je lösen konnte. Aber Sirius war tot,
und Gianni fehlte die Aura der unabdingbaren Verwobenheit, die Remus
und Sirius stets umgeben hatte. Sirius war für ihn zum Animagus
geworden. Sie wären füreinander gestorben. Gianni ahnte
nicht einmal, was in Remus steckte. Er hatte den „Wolf innendrin"
als Metapher genommen und für den Sommer Ferien in Schottland
ins Auge gefasst , wegen der dort noch lebenden letzten freien Rudel
echter Wölfe – es war ein Scherz gewesen.
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Als Remus am nächsten Tag seine Arbeit beendet hatte, traf er Jimmy auf dem Weg nachhause, der Strolch am Wickel hatte. Der Hund tobte begeistert um Remus' Beine und bellte laut. Remus kraulte ihn hinter den Ohren und begrüßte Jimmy.
„Wie gut, dass wir uns treffen", verkündete dieser. „Ich wollte ihn gerade zu Thalia bringen, und mir brennt die Zeit unter den Nägeln. Kannst du mir einen Gefallen tun?"
„Gern", erwiderte Remus.
„Dann warte mal". Jimmy nestelte an seiner Jeans und zog einen kleinen, ungefähr hundertmal gefalteten und entsprechend zerknitterten Zettel daraus hervor. „Den hat Thalia mir gestern gegeben. Das ist irgendein Hömotopathiekrams, der ihr ausgegangen ist. Virginia stellt den her für Thalia, die hat das Zeug auch immer da, und ich sollte es ihr heute mitbringen und habe es irgendwie verschwitzt."
„Kein Problem, ich gehe gleich bei der Apotheke vorbei", sagte Remus und steckte den Zettel ein. Er verabschiedete sich von Jimmy und machte sich mit Strolch auf den Weg.
„Sonnen-Apotheke" stand auf dem schlichten Schild, „Virginia Biritez". Remus wunderte sich über den spanisch klingenden Nachnamen von Thalias Freundin.
Er stieg die wenigen Stufen hinauf und stand dann staunend in der offenbar altehrwürdigen Apotheke in einem hohen Raum. Hinter einem Tresen aus dunklem Holz, auf dem außer einem Korb mit Fruchtgummibärchen und einer antiken Kasse mit Klappzahlen und Kurbel nichts stand oder lag – keine Werbeheftchen, keine Packungen mit Pfefferminzen, Traubenzucker oder Nagelpflegesets - erhoben sich dunkle, enge Regale vom mit niederländischen blauen Fliesen ausgelegten Boden bis hoch an die noch im Jugendstildekor bemalte Decke. Die Regale waren voll gestellt mit braunen und weißen Glasflaschen mit ausladenden, ebenfalls gläsernen Stöpseln, mit Waagen und Porzellangefäßen, Keramikkruken und Tiegeln. In bauchigen, durchsichtigen Kolben schimmerten transparente, farbige und opake Flüssigkeiten, und in verschlossenen Standzylindern befanden sich Elemente, Chemikalien und allerlei Mineralien. Jedes einzelne Gefäß oder Glas war sorgsam beschriftet. Für einen Moment fühlte sich Remus an das Magazin für Trankzutaten in Hogwarts erinnert, aber hier schwammen keine ekligen Wesen in trüber Brühe, und es raschelte und summte auch nicht aus Gläsern oder Kisten.
Zum Boden hin gingen einige der Regale in holzvertäfelte Schubladenschränke über, in denen Medikamente offenbar alphabetisch geordnet aufbewahrt wurden.
„Allopathie" stand auf einem breiten Schild über diesen Schränken. Eine mit Messingbeschlägen verzierte Tür führte offenbar in weitere Räumlichkeiten, sie trug den Schriftzug „Labor", auf einer anderen stand „privat".
Die Eingangstür fiel hinter Remus ins Schloss, woraufhin eine melodiöse Glocke ertönte.
„Komme gleich", hörte er Virginias Stimme, und dann öffnete sich die Tür des Labors.
Virginia, in einen strengen weißen Kittel gehüllt und die Haare zu einem Knoten aufgesteckt, erkannte Remus und schenkte ihm ihr Elfenlächeln.
„Was für eine Überraschung!" rief sie. „Guten Tag, Mr. Lupin." Sie reichte ihm die Hand.
Er erwiderte ihre Begrüßung und erzählte ihr sodann, was ihn herführte. Als er Thalias Unfall erwähnte, merkte sie auf.
„Ach herrje, ich wusste gar nicht, dass sie einen Unfall hatte", sagte die Apothekerin mit besorgter Miene. „Leo hat nicht angerufen. Aber ich werde auf jeden Fall heute Abend noch vorbeikommen; im Moment kann ich nicht weg. Hinten läuft eine Destillation und ein paar andere Arbeiten, dafür brauchen wir vier Hände." Sie zuckte entschuldigend die Achseln.
Die Tür öffnete sich, eine alte Dame kam herein und legte schnaufend ein Rezept auf den Tresen.
„Haben Sie noch eine Minute, Mr. Lupin?" fragte Virginia, und als er nickte, wandte sie sich der Kundin zu.
Freundlich und ruhig bediente sie die alte Frau, erklärte ihr geduldig die Anweisungen des Arztes, wie oft und wann die Tabletten einzunehmen wären. Sie hatte sie mit einer Leiter von einem der oberen Regale geholt, was Remus ausgiebig Gelegenheit gab, ihre Anmut zu bewundern. Virginia war tatsächlich eine klassische Schönheit, und der sich sanft wölbende Babybauch nahmen ihr zusammen mit den leicht geröteten Wangen etwas von ihrer kühlen Strenge. Mehr jedoch als ihre Schönheit beeindruckte ihn das pure Glück, das die blonde Frau ausstrahlte. Sie schien von innen her zu leuchten und erinnerte ihn damit ein wenig an Lilly in ihrer Verlobungszeit mit James oder auch danach, wenn sie mit den Freunden und dem kleinen Harry auf den Knien im Garten in Godric's Hollow gesessen hatte.
Als die Rentnerin die Apotheke verlassen hatte, wandte sie sich wieder Remus zu.
„Wann bekommen Sie es denn, das Baby?" fragte er.
„Oh, das dauert noch", antwortete sie lachend. „Ende des Sommers ist es soweit."
„Wünschen Sie sich ein Mädchen oder einen Jungen?" erkundigte sich Remus höflich.
Virginia
antwortete nicht, es sei ihr egal, solange das Kind nur gesund wäre.
„Ein Mädchen natürlich. Mein Freund bekommst sonst
noch irgendwann Oberwasser, ich brauche dringend Unterstützung."
„Sie werden bestimmt eine bezaubernde blonde Tochter bekommen", entgegnete Remus. Er konnte sich das nur zu gut vorstellen. Ein Elfenkind mit Sonnenhaaren und Schneehaut.
„Darauf würde ich nicht wetten", sagte sie zwinkernd. „Ich muss wieder nach hinten. Richten Sie doch Thalia bitte aus, dass ich sie heute Abend besuche."
„Das tue ich gerne. Zuvor muss ich jedoch noch etwas für sie holen oder bestellen, je nachdem, ob Sie es da haben. Warten Sie, Thalia hat Jimmy einen Zettel gegeben…wo hab' ich ihn nur?" Remus durchsuchte seine Taschen. Schließlich fand er die Notiz in seinem Portemonnaie. Er reichte sie Virginia hinüber und las dabei flüchtig über den Namen des Medikaments – und erstarrte. Mit einer blitzschnellen Bewegung hielt er Virginias Hand fest und entwand ihr den Zettel. Blaue Lettern auf einem herausgerissenen Stück Zeitung. Die Buchstaben verschwammen vor seinen Augen.
'Dolorcalmus.'
„Bitte", presste Virginia zwischen bleichen Lippen hervor. „Sie tun mir weh, Remus."
Er ließ sie sofort los; auf der hellen Haut ihres Handgelenks zeichneten sich blaurote Flecken ab.
„Entschuldigung",
sagte er automatisch, ohne es zu meinen. Er fixierte ihr fast
perfektes Gesicht, die blaugrauen Augen hinter der filigranen Brille.
„Sie sind keine Muggel", sagte er. Es war eine Feststellung,
keine Frage.
„Aber natürlich bin ich das", erwiderte sie mit einem schmalen Lächeln, während sie sich mit der linken Hand das schmerzende Handgelenk rieb. „Im Gegensatz zu Ihnen, Mr. Lupin."
Sie drehte sich um und holte aus einem verschlossenen Schränkchen eine zerbrechlich wirkenden Phiole. Sie schwenkte sie dreimal rechtsherum, zweieinhalbmal linksherum, wie es jede Tränkemeisterin getan hätte, und begutachtete mit kritischem Blick den blauen Schattenwurf am inneren Rand des Gefäßes.
„Dieser hier ist noch nicht lange genug gereift, aber wir haben letztes Mal die Hälfte des Ansatzes wegschütten müssen. Für dies Mal muss es reichen."
Sie wickelte die Phiole in ein weiches Tuch und schob sie in eine Metalldose.
„Wir", wiederholte Remus und steckte mechanisch die Dose in die Innentasche seines Mantels. „Wo ist er, Virginia? Wo ist Severus?"
TBC
