Ein Strolch zum Verlieben

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Fanfiction von Slytherene

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Liebe Lesende!
So viele Reviews in meinem Postkasten, nachdem ich aus Bosnien zurückkam – vielen Dank!
Für die Reviews bedanke ich mich sehr herzlich bei Ewjena, Selene, Spätzünder, Monny4ever, Rudi, Nicole, Lina, Missy, Lilia und Berserkgorilla (ich möchte immer noch wissen, wie du auf den Nick kommst!). Für das Betalesen sei TheVirginian gedankt!

Ich weiß, es war ein Cliffhänger, aber dafür geht es jetzt spannend weiter. Hat Remus Recht? Ist Severus derjenige, der hinter dem ‚Dolorcalmus' steckt? Und wie kann der Tränkemeister den Sturz hinter den Vorhang überlebt haben?
Lest und seht. Gute Unterhaltung!


Die letzten Sätze des vorigen Kapitels lauteten:

„Sie sind keine Muggel", sagte er. Es war eine Feststellung, keine Frage.

„Aber natürlich bin ich das", erwiderte sie mit einem schmalen Lächeln, während sie sich mit der linken Hand das schmerzende Handgelenk rieb. „Im Gegensatz zu Ihnen, Mr. Lupin."

Sie drehte sich um und holte aus einem verschlossenen Schränkchen eine zerbrechlich wirkenden Phiole. Sie schwenkte sie dreimal rechtsherum, zweieinhalbmal linksherum, wie es jede Tränkemeisterin getan hätte, und begutachtete mit kritischem Blick den blauen Schattenwurf am inneren Rand des Gefäßes.

„Dieser hier ist noch nicht lange genug gereift, aber wir haben letztes Mal die Hälfte des Ansatzes wegschütten müssen. Für dies Mal muss es reichen."

Sie wickelte die Phiole in ein weiches Tuch und schob sie in eine Metalldose.

„Wir", wiederholte Remus und steckte mechanisch die Dose in die Innentasche seines Mantels. „Wo ist er, Virginia? Wo ist Severus?"


18. Der singende Tod

Sie lächelte und wies auf die Tür mit der Aufschrift ‚Labor'.
„Aber erschrecken Sie ihn nicht. Er rechnet ja nicht mit Ihnen, und die Destillation ist kompliziert."

Remus stieß atemlos die Tür auf und fand sich zunächst in einem etwas düsteren Gang wieder, von dem jedoch eine weiße Kunststofftür abging. Er öffnete sie und befand sich mitten in einem sonnendurchfluteten, modern ausgestatteten Büro mit zwei Schreibplätzen und einem Computer, von dem aus eine Glastür in einen weiteren Raum führte. Remus blickte hindurch in ein helles Labor mit großen Fenstern und jeder Menge Muggelgeräten. Vor einem Abzug stand ein Mann in einem langen, weißen Kittel und titrierte vorsichtig eine rosa Flüssigkeit aus einer Standpipette in einen Erlenmeyerkolben. Weiter hinten im Raum simmerte ein kleiner Kessel aus Edelstahl auf einem elektrischen Kocher, dessen Temperatur laut der Digitalanzeige auf exakt 99°C eingestellt war.
Remus' Blick hing jedoch an dem Fremden, dessen schulterlanges schwarzes Haar zu einem Pferdeschwanz gebunden war. Er trug eine dunkel gerahmte Schutzbrille und dünne Handschuhe aus Latex. Konnte dieser Mann der einstige Tränkemeister von Hogwarts sein?
Aber Severus Snape war tot. Remus hatte ihn sterben sehen.
‚Nein', sagte die Stimme in seinem Kopf. ‚Du hast ihn nicht sterben sehen. Du hast nur gesehen, wie er durch den Vorhang gestoßen wurde.'

Sein Herz schlug bis zum Hals, und er hatte feuchte Hände, als er an die Glastür klopfte. Der Mann mit der Brille drehte den Kopf, sah Remus und nickte.
Remus musste noch einmal hinsehen: Die gebräunte Haut und die dicke Brille schienen seine Vermutungen Lügen zu strafen. Doch dann drehte der Fremde den Drei-Wege-Hahn zu, schloss den Abzug und legte die Brille zur Seite.
Es war Severus Snape, daran bestand kein Zweifel. Er öffnete die Glastür und sah Remus an. Im nächsten Moment geschah etwas, das Remus dann doch noch sekundenlang an der Identität des Tränkemeisters zweifeln ließ. Snape lächelte. Und es war nicht der dünne, spöttische Anflug eines Lächelns, der früher gelegentlich die Lippen des Slytherins umspielt hatte, sondern ein breites, ehrliches Lächeln, das auch seine warmen braunen Augen erreichte.

„Remus. Endlich!" Er zog mit der linken Hand den Handschuh von der Rechten und mit den Zähnen von der linken. Dann reichte er ihm die linke Hand. Anstelle der rechten trug er eine ziemlich technisch anmutende Prothese.

„Du musst mit dieser Hand vorlieb nehmen, du weißt ja, dass die andere vermutlich auf Bellas Teller gelandet ist."

Remus sah nur für eine halbe Sekunde auf die Prothese, dann starrte er wieder in das Gesicht des ehemaligen Lehrers für Zaubertränke, das seltsam vertraut und fremd zugleich wirkte.

„Ich dachte, du wärest tot", sagte Remus tonlos. „So wie Sirius."

„Der Vorhang ist keine Guillotine, er ist ein Tor", erwiderte der Tränkemeister. Er drehte sich um, warf einen Blick auf seine Liebigkühler und Rundkolben, sah dann auf seine Armbanduhr. Im selben Augenblick kam Virginia zur Tür herein, und Remus beobachtete völlig perplex, wie ein Aufleuchten in die Augen von Severus Snape trat. Und jetzt erst begriff der Werwolf: Der Dolorcalmus, die schwangere Frau, ein völlig veränderter Tränkemeister. Irgendwie war der Tränkemeister aus der Welt hinter dem Vorhang in die Muggelwelt gekommen, und wo sollte ein Tränkemeister ohne Magie besser aufgehoben sein, als in einer Apotheke? Was war näher an der Tätigkeit eines Tränkebrauers als ein Pharmazeut? Was anderes sollte auch ein Zauberer wie Severus ohne Magie tun? Aber wie konnte er dann Heiltränke brauen?

„Soll ich dir die Destillation für eine halbe Stunde abnehmen, Severus?" fragte Virginia, und ihre Glockenstimme riss Remus aus seinen Gedanken. „Oben steht Tee. Ihr hab euch sicher viel zu erzählen."

„Zu viel für eine halbe Stunde, aber diese wird reichen, um Remus' dringendste Fragen zu beantworten." Severus lächelte, steifte seinen Kittel ab und küsste Virginia zärtlich auf die Wange. Die Frau glitt ins Labor hinein und setzte die Schutzbrille auf.
„Die Fraktionierung für die CLA läuft noch zwölf Minuten", sagte er zu ihr. „Ich löse dich in zweiunddreißig Minuten wieder ab, und du gehst bitte nicht an das Formalin, falls sie früher durchgelaufen sein sollte, was jedoch nicht anzunehmen ist."

„Danke, Severus. Ich werde mich wohl noch in meinem Labor zurecht finden. Das heißt, wenn du es nicht wieder alles reorganisiert hast." Sie schenkte ihm ein Elfenlächeln, und er nahm die Kritik mit einem Augenzwinkern hin.

„Was haben Sie mit dem echten Severus gemacht?" fragte Remus, jetzt zutiefst verunsichert.

„Sie hat mich bezaubert", antwortete der Tränkemeister anstelle der Blondine und führte Remus am Arm aus dem Büro und eine knarrende Treppe hoch.

„Das merkt man", erwiderte der Gryffindor. „Du bist out of character."

Severus lachte und öffnete die Tür zu einer großzügigen Wohnküche. Kupferpfannen an den weiß verputzten Wänden, Kräuterbündel unter der Decke, Schränke aus honigfarbener Pinie auf dunklem Eichenparkett. Die Märzsonne strahlte durch die hohen Fenster und warf tanzende Schatten auf den Boden.

„Mein wahres Reich", bekannte Severus. „Im Labor bin ich nur geduldet. Setz' dich doch."

Er schob Remus auf die Eckbank und stellte eine Tasse vor ihn hin. Dann hob er den Deckel der Kanne und schnupperte.
„Ceylon. Möchtest du lieber einen Darjeeling?"

Die Frage war so normal wie surreal im selben Moment. Remus konnte kaum fassen, dass dort, direkt vor ihm, Severus Snape stand, lebendig und weitgehend unversehrt, wenn man von der fehlenden Hand absah, wenn auch vollständig verändert. Ein Fremder, aber einer, der ihn kannte, ihn mit seinem alten Leben verband und vor allem: Einer, der offenbar viel mehr wusste als er selbst.
„Bitte, Severus. Der Tee ist mir völlig egal. Mehr als alles andere möchte ich ein paar Erklärungen."

„Gryffindors. Immer so ungeduldig", seufzte der Tränkemeister. Aber er setzte sich Remus gegenüber auf einen Stuhl und schenkte sich ebenfalls eine Tasse Tee ein.
„Was willst du wissen?"

„Keine Ahnung. Fang irgendwo an. Du denkst sowieso strukturierter als ich."

„Sagt der Arithmantiker…" Severus schmunzelte.

„Was ist hinter dem Vorhang?" fragte Remus.

„Der Tod", antwortete der Tränkemeister. „Der Tod in Gestalt eines zähen, grauen Nebels. Es gibt dort nichts, kein oben oder unten, keine Zeit, keine Orientierung – dafür jedoch Stimmen. Eine Kakophonie schauerlichsten Erinnyengesangs. Jedes Lied tötet einen Teil von dir, jede Strophe nimmt dir etwas fort, ein Stück Wissen, eine Erinnerung, eine Eigenschaft, bis am Ende nichts mehr bleibt."

Remus schluckte. Er dachte an Sirius, den diese Stimmen hinter dem Vorhang zu einem Nichts reduziert haben mussten. Erst hatte Askaban ihm jede gute Erinnerung genommen, und dann musste er sich in einem akustischen Giftnebel auflösen, der ihm auch noch Wissen und Persönlichkeit raubte.
Es war nicht fair.

„Dieser Tod scheint gnädig", unterbrach Severus die Gedanken des Werwolfs. „Du kannst wählen, was du zuerst preisgibst. Ich habe mit ihm gehandelt. Eine Minute Ruhe für einen kleinen Zauber, eine Stunde für ein Tränkerezept, einen Tag für eine Eigenschaft oder ein Gefühl."

Remus sah unwillkürlich ein Bild vor sich: Der dunkel gewandete, einhändige Tränkemeister im taktischen Dialog mit einem in eine schwarze Kutte gehüllten Sensenmann, der zunehmend verzweifelte.

„Du hast Tauschgeschäfte mit dem Tod gemacht, ist es das, was du mir sagst?"
Es war nicht vorstellbar.

„Es hat eine Weile gedauert, bis ich verstand, wie es funktionierte. Ich habe zuerst Wissen abgegeben, ein paar Eigenschaften, aber dann merkte ich, dass er an Gefühlen wirklich lange zu kauen hatte."

„Wie ein Dementor", flüsterte Remus.

„Ganz anders. Er nahm auch die schlechten. Ich habe ihn tagelang mit meinem Hass genährt, ich hatte wahrlich genug davon. Nach dem Hass habe ich meine Schwächen verkauft."

„Welche Schwächen?" fragte Remus.

„Bei Gott, wir haben doch alle welche", erwiderte Severus großzügig. „Er hat alles genommen. Emotionale Kälte, Arroganz, Neid – und Schmerz. Was immer das für ein Wesen ist, das hinter diesem Vorhang existiert, es hat einen merkwürdigen Sinn für Humor. Es nimmt das Schlechte zuerst, damit es dir dann umso mehr Qualen zufügen kann, wenn du irgendwann feststellst, dass du nun das abgeben musst, woran du hängst."
Severus nahm einen Schluck aus seiner Tasse. Er wirkte ruhig und gefasst, während Remus nicht wusste, ob er seinem namenlosen Entsetzen irgendeinen Ausdruck würde verleihen können. Alles, was Severus geschehen war, musste auch mit Sirius passiert sein. Sirius, der nach Askaban einem solchen Wesen wie dem vom Tränkemeister beschriebenen nichts entgegenzusetzen gehabt haben konnte.
Severus sprach unbeirrt weiter. Er klang wie jemand, der die Geschichte eines anderen erzählt.

„Er begann, mir zu nehmen, was ich nicht geben wollte. Ein paar gute Erinnerungen, die seltene Gabe, fast angstfrei zu sein. Irgendwann musste ich mich zwischen Legilimantik und Tränkerezepten entscheiden. Zu wählen wurde zur Folter. Aber dann ließ er plötzlich von mir ab." Severus rührte zwei Löffel Zucker in seinen Tee, und Remus registrierte es mit Befremden.
„Er hatte etwas anderes gefunden. Etwas Größeres als ein bisschen Gedankenleserei. Ich war neugierig und bin ihm gefolgt, schließlich hatte ich nichts zu verlieren. Ich fand deinen Freund Sirius. Ich habe zugesehen, wie er sich von seinem inneren Hund trennen mußte. Es war scheußlich. Er hat darum gebettelt, ein Animagus bleiben zu dürfen. Aber der Andere kennt keine Gnade. Ich hatte erwartet, dass ich den Anblick von Sirius' Leiden genießen würde. Ich wusste, dass ich ihn all die Jahre gehasst hatte. Aber da war nichts mehr außer …Bedauern. Als der Andere nach seiner Fähigkeit zu lieben verlangte, habe ich Sirius gesagt, er soll ihm Askaban geben."

„Ihr habt dieses…dieses Wesen mit Sirius' Ängsten beschwichtigt?"

„Dein Freund war ein fast unerschöpflicher Quell dunkler Emotionen. Mit allen Ängsten und mit allen Erinnerungen daran haben wir ihn vollgestopft. Damit war es so beschäftigt, dass der Nebel dünner wurde, der Gesang, der ihn offenbar produzierte, erstarb für mehrere Tage. In dieser Zeit fanden wir das Tor."

„Es gibt einen Ausgang?"

„Es gibt doch auch einen Eingang, nicht wahr? Wir haben natürlich versucht, das Tor zu öffnen. Dadurch wurde der Andere wieder aufmerksam auf uns. Es wollte seine sicher geglaubte Beute nicht preisgeben. Gipfel der Ironie war, dass ein Schlüssel in dem Schloss steckte. Wir konnten ihn drehen, aber für jedes Stückchen ließ er uns bezahlen. Den Stoff eines Semesters Tränkekunde, ein paar Millimeter drehte sich der Schlüssel. Jede Erinnerung an Lily, wieder ein paar Millimeter." Severus schenkte noch eine Tasse Tee nach. Ein Schatten huschte über sein Gesicht.
„Ich weiß nur noch ihren Namen. Ich habe keine Erinnerung mehr an ihr Gesicht."
Er reichte Remus die Kanne. „Meine Legilimantik, eine Vierteldrehung. Irgendwann sagte Sirius: ‚Wir müssen ihn ganz drehen, und zwar schnell.' Ich habe ihn gefragt, wie er darauf kommt, und er fragte: ‚Kannst du das Schild nicht lesen, Severus?' Ich konnte es nicht. Altgriechisch gehörte wohl nicht mehr zu dem, was mir an Wissen geblieben war. Wir hatten beide keine Zauberkräfte mehr, ich war nicht einmal mehr in der Lage, das Rezept für Polyjuice aufzusagen, und Sirius hatte jede Erinnerung an seine Kindheit verloren."

„Kein besonderer Verlust", sagte Remus trocken.

„Sie beinhaltete die Erinnerungen an Hogwarts, Remus. Was bleibt von Sirius Black, wenn du ihm Hogwarts und Askaban nimmst?"

„Ein paar Jahre in einem düsteren Haus, eingesperrt mit einem Werwolf", sagte Remus heiser. Gab es etwas, das mit dieser Hölle hinter dem Vorhang auch nur ansatzweise konkurrieren konnte? Kein Kerker konnte dunkler, schrecklicher sein. Und doch wirkte Severus…es gab kein anderes Wort dafür…heil.

„Wir brauchten noch eine halbe Drehung, und einer von uns beiden musste seinen Verstand bewahren", sagte Severus leise.

„Lass mich raten, wer das war", sagte Remus tonlos.

„Sirius war schon so viel länger in dieser Hölle als ich. Viel war ihm nicht geblieben. Er hat grenzenlosen Mut bewiesen – er hat mir vertraut. Als das Tor aufging, schenkte der Tod hinter dem Vorhang jedem von uns einen Wunsch. Eine Frage der Ehre, gab es uns zu Verstehen. Wir durften etwas zurückbekommen, und wir konnten es uns aussuchen. Ich erhielt mein Wissen zurück, aber Sirius konnte nicht mehr wählen. Ich erinnerte mich, dass er mich einmal nach einer Ordenssitzung angeschrieen hat, das Scheißleben hätte ihm alle verdammten Träume genommen. Ich habe dem Anderen also gesagt, dass er seine Träume zurückbekommen soll."

„Und weiter?"

„Nichts weiter. Der Tod hielt Wort. Du siehst ja, was Sirius daraus gemacht hat. Es wundert mich nicht, dass aus Sirius Black ein Künstler mit einem Hang zu alten Motorrädern und einem etwas lieblosen Elternhaus geworden ist. Er ist vielleicht nicht immer glücklich, aber er lebt seine Träume."

Remus verstand langsam. Die Bruchstücke fügten sich zu einem Bild. Severus hatte eine weise und faire Wahl getroffen.
„Gianni - Gemino, Zwilling, das war deine Idee, nicht wahr? – Gianni Nero ist Sirius Black. Ein Sternenname für einen Sternennamen, eine andere Sprache…und wie hast du das mit den Augen gemacht, und mit seinem Alter? Er ist jünger."

„Das Sommerhimmelblau hat er selbst verkauft, dort im Labyrinth. Äußerlich ist er der, der er wäre ohne die ehrenwerte Familie Black und Askaban, deswegen wirkt er so jung. Den Namen habe ich wegen Lucius geändert, ich dachte, es wäre sicherer, er kann sich ja kaum wehren. Trotzdem wollte ich, dass du ihn erkennst. Und das hast du ja."

Remus lachte bitter. Er verfluchte seine Blindheit. Er hätte es doch erkennen, fühlen müssen!
„Nein, Severus. Deine Tarnung war zu gut. Ich habe schon an meinem Verstand gezweifelt. Er hat einen Muggelvater, er hat eine tote Mutter mit Grab, er hat Erinnerungen an die Visagistenschule, an Jahre bei Theater und Film. Er hat Freunde."

„Ich sage nicht, dass es einfach war, gleich für zwei Menschen eine neue Identität zu kreieren und ein neues Leben aufzubauen. Du weiß selbst, wie schwer es ist ohne Magie. Aber Sirius kann alleine laufen, wenn man ihn auf die Füße stellt. Immerhin war er ein Black."

„Er erinnert sich aber nicht mehr daran", rief Remus. Ihm war bewußt geworden, dass Sirius sich auch nicht mehr an ihn, nicht mehr an ihre gemeinsame Zeit erinnern würde. Und nicht mehr an ihre Liebe. Er war plötzlich aufgebracht. Er ärgerte sich über sich selbst – und über Severus. Der Tränkemeister hatte Schicksal gespielt, alle Fäden in der Hand, so wie immer!
Hatte er mit einer der üblichen kühl-sarkastischen Erwiderungen des Slytherins gerechnet, wurde Remus jetzt eines anderen belehrt: Severus sprang auf. Seine Wangen waren gerötet und seine Augen leuchteten in offener Wut und Enttäuschung.
„Dann geh du und sag es ihm. Geh und sag ihm, dass er nach einer lieblosen Kindheit zwölf Jahre im schrecklichsten Gefängnis der Welt gesessen hat, weil der eine Freund ihn verriet und der andere ihm misstraute. Vielleicht erinnert er sich wieder daran. Bestimmt macht ihn das sehr glücklich!" Nichts Sarkastisches lag in seiner Stimme, keine glatte Maske kühler Beherrschung auf seinem Gesicht. Nicht nur Sirius hatte sich verändert. Severus mochte sein Wissen bewahrt haben, aber er hatte dafür fast alles geopfert, was ihn ausmachte. Seine Kaltblütigkeit gehörte offenbar auch dazu.

„Entschuldige", sagte Remus. „Mag sein, ich bin ungerecht."

Severus ließ sich wieder auf den Stuhl sinken.

„Für dich ist es nicht eben leicht, das verstehe ich", räumte er ein. „Nachdem wir beide – Gianni und ich - wieder halbwegs Fuß gefasst hatten, habe ich dich fast sechs Monate lang gesucht, aber du warst wie vom Erdboden verschluckt. Anfangs fühlte ich mich ohne Magie völlig hilflos."

„Aber um Sirius ein neues Gedächtnis zu geben, musstest du doch Legilimantik einsetzen. Du musst Erinnerungen verändern, Zeugnisse besorgen,…"

„Merlin sei dank ist ein funktionstüchtiges Hirn immer noch der Schlüssel zu Erfolg", erwiderte Severus. „Denken kann ich noch ganz gut. Und ich hatte noch einen letzten Kontakt."

„Wer?" fragte Remus atemlos.

Severus zögerte. „Das wirst du vermutlich nicht gerne hören."

„Wer?!" rief der Werwolf und packte Severus an den Schultern.

„Lass los, du Wahnsinniger!" fauchte Severus. „Jemand aus dem Orden."

„Die sind alle tot oder verrückt oder weit weg."

„Die, deren Licht stets so hell strahlte, dass man sie nicht übersehen konnte und ausgeschaltet hat, ja, die sind tatsächlich alle tot oder fort", stimmte der Tränkemeister zu. „Aber die Schattengewächse, die, nach denen sich keiner zweimal umdreht…"

„Nein!" unterbrach ihn Remus. „Sag, dass das nicht dein Ernst ist."

„Ich hatte keine Wahl", erklärte Severus.

„Keine Wahl? Keine Wahl? Merlin, du hast wirklich ihn in Sirius' Kopf herum pfuschen lassen?"

„Er hat einen guten Job gemacht. Bei Gianni, bei Dr. Jenkins und bei den anderen auch."

Remus ließ den Kopf auf seine verschränkten Unterarme sinken. Er konnte es nicht fassen, dass Severus ausgerechnet Mundungus in Sirius' Gedanken hatte herum pfuschen lassen – und ebenso in Thalias, Jimmys und Leos, und bei wer weiß noch wie viel anderen Muggeln.

„Wie seid ihr hierher gekommen, ins West-End?" Jetzt wollte Remus die ganze Geschichte.

„Gianni…"

„Er heißt Sirius!" knurrte Remus.

„Nein, Remus. Er war Sirius Black, in einem anderen und deutlich schlechteren Leben. Er ist Gianni Nero, und soweit ich das beurteilen kann, macht ihn das im Großen und Ganzen glücklich, von einem etwas wilden, unsortierten Liebesleben einmal abgesehen. – Gianni hat bei dem Paketservice angefangen, dort hat er Jimmy Mortensen kennen gelernt. Als er ans Theater wechselte, hielt er die Freundschaft zu Jimmy und zu seinen Freunden aufrecht."

„Und wie kommst du hierher?"

„Ich hatte einfach großes Glück. Gianni war bei Thalias Geburtstagsfeier eingeladen und hat mich mitgeschleppt. Ich saß in der Küche, und Virginia kam herein und ist über Giannis Füße gestolpert, direkt in meine Arme. Es war, als würde man nach tausend Jahren Nacht in einem dunklen Keller eines Morgens die Dämmerung über einer Frühlinswiese sehen, riechen und fühlen."

„Dämmerung kannst du nicht fühlen", widersprach Remus, der mit diesem Tränkemeister so gar nicht vertraut war.

„Den Tau schon" erwiderte Severus und lächelte versonnen. „Jedenfalls brauchte sie Hilfe in der Apotheke, ich habe meinen Job als Chemiker bei Alchem Industries geschmissen, und sie hat mich nach der Probezeit behalten."

„Du hast einen Job hingeschmissen?" fragte Remus. Er konnte sich viel vorstellen, aber Severus, der eine vermutlich anständig bezahlte Stellung in der Industrie quittierte, um auf Probe bei einer Frau einzuziehen, die er kaum kannte und dann auch noch für sie zu arbeiten – niemals.

Doch der schwarzhaarige Mann nickte lächelnd. Er schien seine Entscheidung nicht im Geringsten zu bereuen.

„Ich hätte jetzt furchtbar gern einen Feuerwhisky", sagte Remus schließlich. „Das alles muss ich erst einmal verdauen. Mein Kopf platzt gleich."

„Ich kann dir einen Grappa anbieten", erwiderte Severus. „Und dann muss ich wieder ins Labor."

Remus nahm den Tresterbrand im Stehen.
„Ich habe noch eine Menge Fragen", sagte er.

„Die müssen wohl bis morgen warten. Ich habe sechs Versuche laufen unten. Außerdem kann ich mir vorstellen, dass du jetzt erstmal Gianni sehen willst. Überlege dir bitte gut, wie viel du ihm sagen möchtest ", mahnte Severus. Dann grinste er: „Wir teilen den gleichen Freundeskreis, Remus. Ich gehe davon aus, dass wir uns jetzt öfter sehen werden. Wenn du gelegentlich vorbei kommen und mich bei ein paar Tränken mit Magie unterstützen könntest, wäre das sehr freundlich", sagte Severus, während sie die Treppen hinunter stiegen. „Manche wie den Dolorcalmus kann man auch ohne Magie herstellen, mit erheblichen Abstrichen natürlich. Aber wenn du ihn magisierst, kann ich ihn stark genug machen, dass man ihn bei Krebspatienten einsetzen kann."

„Ich habe keinen Stab", wandte Remus ein.

„Das weiß ich doch", erwiderte der Tränkemeister. „Ich werde dir meinen geben. Snape'scher Familienbesitz, hat meinem Großvater gehört. Selbstverständlich unregistriert. Ich kann ja selbst nichts mehr damit anfangen", sagte er mit einem leichten Bedauern in der Stimme. Doch im nächsten Moment blitzte etwas in seinen Augen auf. „Ich habe ihn eigentlich sogar für dich aufgehoben, nachdem Mundungus ihn aus Snape Manor besorgt hat. Ich war stets überzeugt, dass du eines Tages auftauchen würdest."

„Du weißt, dass es verboten ist, Zaubertränke für Muggel herzustellen", gab Remus zu bedenken. „Auroren sind die Letzten, deren Aufmerksamkeit wir brauchen können."

„Keine Angst, mein Tun ist völlig legal. Das Gesetz gilt logischerweise nur für Zauberer", erwiderte Severus, und ein seltsam vertrautes Lächeln umspielte jetzt seine Lippen.


TBC