Ein Strolch zum Verlieben

Fanfiction von Slytherene

Liebe Lesende!

Ein Update vom Krankenbett, denn was all das nicht-zertifizierte, nicht-qualitätsgesicherte Essen auf dem wilden Balkan nicht geschafft hat, schaffte der Eiersalat meiner Nachbarin mit Leichtigkeit - ist mir schlecht! Ich kenne jetzt auch die Innenseite meines Magens, sie ist rosa, glänzend und trägt wie erwartet das Dunkle Mal.

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Ich war sehr froh, dass Euch das letzte Kapitel mit dem „singenden Tod" gefallen hat.
Für die Reviews bedanke ich mich sehr herzlich bei Spätzünder, Lina, Nuya, MissMoony, Nicole, Annchen, Pete, byzantne, berserkgorilla, Nutellamädchen und isato.
Betaleserin und Fehlerteufeljägerin Nummer Eins war wieder TheVirginian – danke.
So ist ein Teil des Geheimnisses um Gianni „Gemino" Nero gelöst. Wie wird Remus sich nun entschieden? Wird er Gianni/Sirius die Wahrheit sagen oder ihm das Wissen über sein vergangenes Leben ersparen? Immerhin lieben sie sich, egal, in welcher „Wirklichkeit". Doch ist Giannis Liebe genug für Remus? Und wird er sich weiterhin zu Thalia hingezogen fühlen, jetzt, nachdem er weiß, wer Gianni wirklich ist oder zumindest einmal war?
Spannende Unterhaltung!


Verrat

Remus betrat gemeinsam mit Severus das Büro. Virginia bemerkte die beiden Männer, regulierte die Temperatur unter dem Edelstahlkessel auf 77 Grad Celsius und kam aus dem Labor zu ihnen.
Severus zog die blonde Frau in eine zärtliche Umarmung, seine unverletzte Linke ruhte auf ihrem leicht gerundeten Bauch.

„Du warst nicht an der Formaldehydlösung?"

„Ich riskiere doch nicht, dass du aus purer Rache das Abendessen anbrennen lässt", sagte sie zwinkernd.

Severus seufzte theatralisch. „Weise mir nur meinen Platz, Weib, ich werde mich zu wehren wissen." Er wandte sich zu Remus, während er Virginia widerstrebend losließ und in seinen makellos weißen Kittel schlüpfte. „Wir sehen uns vermutlich morgen? Ich könnte dich um sechs im „Danny's" auf ein Guinness treffen."

Remus versuchte, sich Severus in dem etwas schmuddeligen Muggelpub vorzustellen, das am Ende der Straße lag. Es wollte ihm nicht recht gelingen. Trotzdem nickte er. Es gab noch so viele Details, die ihm fehlten. Warum hatte Severus ihn drei Monate lang nicht kontaktiert? Er musste doch schon länger wissen, dass Virginias Freundin Thalia ihn aufgenommen hatte.
Und Sirius…

Ein böiger Wind wehte Remus kalt ins Gesicht, als er wieder auf die Straße trat, den Dolorcalmus bruchsicher in seinem Mantel verstaut. Welch eine Wendung! Severus lebte. Er war vermutlich viel stärker verändert, als es sein Äußeres preisgab, aber immerhin hatte er seine Erinnerungen, wenn auch nicht seine Fähigkeiten erhalten. Sirius hingegen...
‚Auch Sirius lebt!' schrie die Stimme in Remus' Kopf in plötzlichem Erkennen der Dimension dieser Erkenntnis auf. ‚Er lebt, und er liebt dich. Ihr seid zusammen. Remus Lupin, was willst du noch?'
Genau. Was, bei Merlin, wollte er noch? Er wollte hin zu ihm, bei ihm sein. Gianni – Sirius in den Armen halten und nie wieder los lassen. Und er würde ihm sagen, dass sie schon lange ein Liebespaar waren, in einem anderen Leben, und irgendwann würde Sirius sich erinnern, würde verstehen. Wie viel wusste Sirius über sein altes Leben? Nichts? Hatte er Erinnerungen, die er nicht als solche erkannte? Den Traum vom fliegenden Motorrad, die Bemerkung über das Silberbesteck, sein Bekenntnis, dass er, Remus, ihm gleich vertraut gewesen sei… Gewiß war da noch mehr, man musste nur suchen und finden wollen!
Im Laufschritt hastete Remus zur U-Bahn, er hatte einiges vorzubereiten. Dies würde ein besonderer Abend werden.
Er rief Thalia an und sagte ihr für das Kino ab.

„Was ist denn los?" fragte sie. Du bist ja ganz aufgeregt."

„Ich will Gianni überraschen. Heute ist ein ganz besonderer Abend, aber das kann ich dir jetzt nicht erklären."

„Passt schon", versicherte sie, wenn auch leicht irritiert. „Viel Vergnügen, ihr zwei."

Remus machte auf dem Weg zu Giannis Wohnung Halt bei einem der vielen indischen Lebensmittelgeschäfte, kaufte Zutaten für ein sehr scharfes Chicken Masala und machte sich in beinahe euphorischer Stimmung mit Strolch auf den weiteren Heimweg.
Schließlich angekommen, suchte er eine Weile nach dem Schlüssel, den er tief in der Einkaufstüte vergraben hatte, fand ihn endlich und stieg dann die Holztreppen hinauf.

„Du glaubst gar nicht, wie aufgeregt ich bin", sagte er zu dem Mischling, der interessiert den Kopf schief legte. „Sirius zu sehen und zu wissen, dass er es wirklich ist…"

Schon auf halben Weg durchs Treppenhaus tönte ihnen laute Musik entgegen. Ihr Nachbar war ein Heavymetal-Liebhaber und verlor gelegentlich jedes Maß.
Eine halbe Treppe höher wurde Remus klar, dass es sich bei dem Trommelfell zerfetzenden Lärm keinesfalls um Hardrock, sondern um Bizets ‚Carmen' handelte, und die Musik quoll zudem eindeutig nicht unter der Tür des Nachbarn, sondern unter ihrer eigenen hervor. Offenbar war die überraschend angesetzte Gewerkschaftsversammlung im Theater doch ausgefallen. Nervös vor lauter Vorfreude schloss Remus die Tür auf und trug seine Tüten in die Küche.
Carmen besang die Liebe, und Remus machte sich auf die Suche nach dem geliebten Klassikterroristen.
Der Duft von Patchouli und eine Spur achtlos auf den Boden geworfener, feuchter Handtücher wiesen ihm den Weg zum Schafzimmer. Remus lächelte. Sirius war schon immer ein Chaot gewesen, auch in seinem neuen Lebensentwurf gehörte Ordnung nicht zu den Prioritäten. Im Vorbeigehen hob Remus die Handtücher auf, um sie in den Wäschekorb zu werfen.
Er stieß die Tür zum Schlafzimmer mit dem Fuß auf – und erstarrte.

Sirius kniete vor dem Bett, Remus den Rücken zugewandt. Er war unbekleidet, und seine langen schwarzen Haare fielen ihm wie blau schimmernder Obsidian über die Schultern. Um Sirius' Hüften verschlungen waren die Beine eines Mannes, der rittlings auf der Bettdecke lag und die Augen unter schweren Lidern geschlossen hatte, den Mund zu einem lustvollen Schrei oder Keuchen geöffnet, das von den Akkorden der Arie der schönen Zigeunerin geschluckt wurde. Remus musste die Ballettschuhe auf dem Teppich neben dem Schrank nicht sehen, um ihn zu identifizieren.

Leise schloss er die Tür. Keiner der beiden Männer hatte ihn bemerkt. Er trug die Handtücher, da er sie nun schon einmal auf dem Arm hatte, ins Badezimmer und warf sie in die Badewanne. Dann ging er in die Küche und räumte das Hähnchenfleisch und einen Teil des Gemüses und die gekühlte Kokosmilch in den Kühlschrank. Er hasste Unordnung, wenn sie ein gewisses Maß überstieg. Im untersten Fach stand ein halb aufgegessener Joghurt. Der glänzende Löffel stak noch darin. Remus nahm ihn heraus und presste das kalte Silber auf die Innenseite seines Unterarms. Er hatte Angst, dass er andernfalls nie wieder etwas würde fühlen können.

Erst der Geruch verbrannten Fleisches in seiner Nase machte ihm bewusst, wie kindisch er sich benahm. Er würde sich selbst keine Verletzung beibringen können, die tiefer ging als das, was ihm eben geschehen war.
Er schlüpfte in seinen Mantel, nahm den verblüfften Strolch an die Leine und zog leise die Wohnungstür hinter sich zu. Den Schlüssel warf er unten in den Briefkasten. Er atmete tief durch und wartete auf den Wolf. Doch die Bestie schlief tief und fest. Er war mehr als dankbar, dass er so nur Hühnchen im Kühlschrank und kein Blutbad hinterließ.

Ohne einen Gedanken an das Ziel seines Weges zu verschwenden, ließ er sich von den Menschenmassen der Großstadt treiben.

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Drei Stunden später, es dämmerte bereits, stand er vor dem grauen Mietshaus. Der Stein, den er warf, traf mit einem harten Klirren gegen das Fenster. Jemand öffnete die Haustür, und Remus glitt hinein ohne zu klingeln. Er hastete - Strolch auf dem Arm - die alte hölzerne Treppe hinauf, der Weg bis in den dritten Stock erschien ihm plötzlich viel zu lang.

„Mach auf!" Er erkannte seine eigene Stimme kaum, während er seine barsche Aufforderung durch zwei wütende Fausthiebe unterstrich. Schritte kamen eilig näher und die Tür wurde einen Spalt geöffnet. Remus warf sich hart dagegen und drängte in den Flur. Er packte den völlig konsternierten Mann bei den Oberarmen und schob ihn mit aller Kraft gegen die Wand. Rücksichtslos presste er seine Lippen auf die des Anderen, seine Zunge fuhr über harte Zähne, und Härte begegnete ihm zwischen den Lenden seines Gegenübers, als er seine Hüfte gegen ihn drückte.
Für einen Moment gab der andere Remus' unmissverständlicher Forderung nach, erwiderte den so unerwarteten Kuss und lehnte sich beinahe nachgiebig in die Umarmung, aber im nächsten Augenblick fand sich der Werwolf mit unbändiger Kraft selbst gegen die Wand hinter ihm gedrückt, eine Hand hielt ihn mit eisenhartem Griff am Handgelenk und mit kontinuierlich steigender Gewalt zwang ihn der andere, ihm in die stahlblauen Augen zu sehen.

„Nein, du wirst mich nicht benutzen, Remus. Du bist ja nicht bei Verstand! Bei dir sind ja wohl alle Sicherungen durchgebrannt."

Ein wölfisches Grinsen huschte über das Gesicht des Werwolfs. Das Tier war jetzt ganz nah. Er hatte es mit seinem rastlosen Lauf wach gerüttelt und zum ersten Mal seit Jahren geradezu beschworen. Welche Rolle spielte es schon, wenn ihn die Auroren finden und töten würden? Wenn sie endlich diesem Elend ein Ende machten und ihn in einem Hagel aus Silber verbrannten?

Der andere spürte die Veränderung, denn obwohl physisch überlegen, lockerte er seinen Griff.

„Was in aller Welt ist mit dir geschehen?" Mitgefühl stand in den blauen Augen, die die Weite des Meeres in sich trugen.

Der Wolf fand keinen Gegner; enttäuscht zog er sich zurück. Dies hier waren Menschendinge, sie interessierten ihn nicht.

„Schlaf mit mir, Jimmy", sagte Remus rau.

Der blonde Seemann schüttelte den Kopf. „Dafür bin ich mir zu schade. Ich bin nicht der Blitzableiter für deine Aggressionen oder sexuellen Übersprunghandlungen. Du meinst mich doch gar nicht."

Das saß. Es entsprach der Wahrheit. Remus spürte, wie die Spannung schlagartig aus seinem Körper wich und einer abgrundtiefen Erschöpfung und Verzweiflung Raum gab.

„Schick mich nicht fort", bat er. Er schlug eine Hand vor das Gesicht. Seine Augen brannten beinahe wie nach einer Verwandlung.

„Werd' ich nicht. Ich bin dein Freund, das weißt du auch."

Jimmy umarmte Remus, küsste ihn sacht auf die Wange und steuerte ihn dann unverwandt zu dem alten Schlafsofa in der Raumecke.

„Hau dich da hin, ich komm' gleich", sagte er und verschwand für einen Moment, um mit zwei Dosen Bier und einer Schüssel Wasser für Strolch zurück zu kehren.
Er schob Remus die Dose mit der weißen Banderole hin.

„Alkoholfrei ist wohl angesagt bei jemandem mit deinem triebhaften Verhalten. Prost." Er ließ den Verschluss knacken und trank. Remus zögerte zunächst, doch er war durstig, nachdem er den halben Weg wie in Trance und im Laufschritt zurückgelegt hatte.

„Danke", sagte er leise, während das schlabbernde Geräusch von Strolchs rosa Zunge, die immer wieder in den Napf eintauchte, das einzige im Zimmer blieb. Auch der kleine Hund hatten rennen müssen, den ganzen Weg.

„Keine Ursache. Wenn es dir hilft, knall' ich dich auch noch einmal gegen die Wand. Willst du mir erzählen, warum du dich eben wie ein wildes Tier gebärdet hast?" forderte Jimmy ihn auf.

„Sirius", sagte Remus.

„Wer?"

Gianni", korrigierte er sich. „Gianni und Armando."

„Nein!" rief Jimmy und sprang halb auf. „Wie kommst du denn nur auf diese Idee?"

„Ich habe sie gesehen", entgegnete Remus bitter.

„Vielleicht haben sie sich nur so getroffen? Einen Kaffee zusammen getrunken? Das muss noch nichts bedeuten", mutmaßte Jimmy.

„Sie haben sich ganz exakt in Giannis Schlafzimmer getroffen." Remus versuchte mühsam, das Zittern aus seiner Stimme zu verbannen.

Eine Bierdose flog durchs Zimmer und landete mit dumpfem Knacken an der Wand, von wo sie zerbeult zu Boden fiel.

„Scheiße, verdammte", rief Jimmy. „Dieser verfluchte Tänzer."

„Dazu gehören immer zwei", erwiderte Remus mit hohler Stimme.

„Ich will's nicht hören", sagte Jimmy. „Gianni ist der beste Freund, den man haben kann, er ist dead sexy, aber er ist unheilbar nymphoman."

„Ich weiß", seufzte Remus. „War er schon immer."

Jimmy lachte, aber es klang nicht freudig. „Hat er das freimütig bekannt?"

„Nein,…würde er sicher", rettete sich Remus. Er hatte fast vergessen, dass Jimmy ja nicht ahnen konnte, dass er und Gianni sich aus einem anderen Leben kannten.

Jimmy kletterte über den Tisch, ließ sich neben Remus in die Kissen gleiten und legte einen Arm um seine Schulter. „Dann sitzen wir jetzt hier und bemitleiden uns wegen des gleichen Typen, hm?"

Remus lehnte den Kopf an Jimmys Schulter. In dieser Situation aufgefangen zu werden, war eine neue Erfahrung für ihn. Wann immer Sirius ihn früher betrog, hatte er mit seiner Trauer alleine zu Recht kommen müssen. Dieses Mal hatte er Jimmy, der ihn festhielt, während ein Song der Corrs aus der Stereoanlage erklang: „Everybody hurts, sometimes".

Als die CD zu Ende gelaufen war, sagte Jimmy leise: „Lass uns schlafen. Du musst früh raus. Vielleicht sieht die Welt morgen schon anders aus."

Die Nacht war für sie beide nicht sonderlich erholsam. Remus konnte sich nicht von dem Bild vor seinen Augen lösen: Sirius, auf Knien vor dem Bett, mit Armandos Beinen um seine nackten Hüften. Er sehnte sich verzweifelt nach Nähe, und Jimmys warmer Körper hinter ihm, seine leisen Trostworte und sein sanftes Streicheln waren einfach nicht genug, um den Schmerz zu lindern.
Der Hüne tolerierte ein paar flüchtige Küsse, aber als Remus ihn berühren wollte, schob er dessen Hand zurück. Remus fühlte Jimmys Erektion hart an seinem Oberschenkel. Er strich mit den Fingerkuppen sanft über Jimmys Gesicht.

„Es würde uns beiden gut tun, denkst du nicht?" flüsterte er.

Er spürt das Lächeln im Gesicht des anderen. „Aber es wäre falsch, und das weißt du."

Remus seufzte. Wer auch immer einmal Jimmy für sich gewinnen würde, war ein glücklicher Mann.

„Ich kann spüren, dass du…" begann Remus wieder flüsternd.

Jimmy gab ein leises Knurren von sich. „Was du auch spürst, vergiss es. Du machst es mir nicht leicht, Remus. Ich bin auch nur ein Mann. Schlaf jetzt. Und halt die Finger bei dir, sonst pennst du auf dem Boden!" Jimmy drehte sich zur Wand, Remus schmiegte sich an den großen, warmen Körper und atmete den Duft des herben Aftershaves, das nach Zeder und irgendwie nach Sonne roch.

Der Grad zwischen Freundschaft und erotischer Anziehung, auf dem sie balancierten, war schmal genug, um zu fallen. Doch dies war nicht die richtige Nacht, um abzustürzen.

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Am nächsten Morgen erwachte Remus erst, als er heftig geschüttelt wurde. Nein, er wollte die Augen nicht öffnen. Hatte er nicht gerade alles bekommen, was er sich je gewünscht hatte, nur um es zu verlieren, bevor er es festhalten konnte? Wer wollte schon einen Tag beginnen, an dem das Herz blutete und jede vergossene Träne wie Feuer brannte.

Sirius – Sirius, wie konntest du mir das nur antun? Warum schon wieder?'

„Du hast noch genau eine Viertelstunde, um pünktlich auf deinem FJ zu sitzen", sagte Jimmy neben ihm und rieb sich verschlafen die Augen.

„Scheiße", fluchte Remus, schoss in die Senkrechte, taumelte aus dem Bett und sprang in seine Jeans. „Kannst du Strolch versorgen?"

„Klar. Hau ab und beeil dich." Jimmy klopfte neben sich auf das Sofa, und Strolch ließ sich nicht zweimal bitten. Die Gelegenheit, mit im Bett zu schlafen, hatte er nicht jede Nacht. Seitdem Gianni ihm das Körbchen gekauft hatte, war ein gewisses Maß an Konsequenz hinsichtlich seines Schlafplatzes eingezogen.

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Remus rannte die Strecke zur Firma, und er verspätete sich nur um ein paar Minuten. Keuchend zog er sich auf den Stapler und begann seine Arbeit. Nach zwei Stunden hatte er dreimal dasselbe Regal angefahren, eine Palette mit Katalogsendungen umgekippt und einen Mauervorsprung mitgenommen. Immer wieder sah er Sirius vor sich, Sirius, verschlungen mit Armando. Remus hatte beinahe vergessen, wie weh es tat. Beinahe…

Fast wären sie glücklich geworden, viel hatte gestern Abend nicht mehr gefehlt. ‚Eigentlich hat nichts gefehlt! dachte Remus bitter. ‚Es war lediglich etwas – oder jemand - zu viel.'

‚Ich liebe dich', hatte Sirius gesagt. War das wirklich erst drei Tage her? Nicht Jahre…oder ein ganzes Leben?

Er bemerkte das kratzende Geräusch erst, als jemand ihn grob am Arm schüttelte.

„Verdammt, Lupin! Willst du hier alles in Schutt und Asche legen?" fluchte Ed und zog den Hubarm des Staplers zurück. Das hilflose Jaulen der Hydraulik erstarb. Remus blinzelte durch das Salzwasser auf seinem Gesicht auf das Loch in der Wand, das die Spitzen seines Staplerbaums in den Ytong gefräst hatten.

„Uh", entfuhr es ihm tonlos.

„Das kannst du mit Zigaretten gar nicht gutmachen", verkündete Ed grimmig.

„Das kriegen wir irgendwie hin", vernahm Remus eine bekannte Stimme von unten, und dann tauchte Jacks breites Gesicht vor ihm auf, der ebenfalls auf das Trittbrett geklettert war.

Er packte Remus am Arm und hievte ihn aus der Führerkabine.

„Ed, sag' Redd Bescheid, er soll das Loch mit Spachtelmasse zuschmieren, und dann soll Toby die Regale ausbeulen. Schaff den Mist hier beiseite, den Lupin umgekippt hat und mach' seine Arbeit fertig, Ed. Gott sei Dank ist der Captain heute auf einem Veteranentreffen. Komm, Lupin."

Er zerrte Remus durch die Halle und in den Waschraum. Vor einem der weißen, angeschlagenen Becken ließ er ihn stehen. „Wasch dich. Verdammt, du bist verheult wie ein Mädchen, das gibt es doch gar nicht."

Jack fingerte sein Handy aus der Tasche und telefonierte. Remus hörte nur Wortfetzen, aber sein Verstand weigerte sich, irgendetwas davon zu sinnvollen Sätzen zusammen zu fügen. Kalt lief das Wasser über sein Gesicht, seinen Kopf, seine Handgelenke. Jack drehte es ab und reichte ihm ein nicht mehr sehr frisches Handtuch.

„Jimmy ist auf der frühen Tour, der kann nicht weg, aber er organisiert jemanden, der dich hier einsammelt. Du bist ab sofort krank. Setz dich und rühr jetzt bloß nichts mehr an! Obwohl ich glaube, du bist nur mit dem Stapler gefährlich."

Gleich darauf reichte er Remus eine Flasche mit einer klaren Flüssigkeit. „Trink."

Remus öffnete den Drehverschluss und verzog angewidert das Gesicht. Dann setzte er die Flasche an. Er nahm drei große Schlucke, bekam das scharfe Getränk in die Luftröhre und hustete. Wieder traten ihm Tränen in die Augen.

„Siehste, so darf ein Kerl weinen. Scharfer Whisky, da kommt das vor." Jack hatte ihm elegant ein Alibi für seine Tränen verschafft. Er legte ihm eine Pranke auf die Schulter. „Is' nich' so einfach, mit den Frauen. Ich kenn' das, war ja auch mal so jung wie du."

Remus blieb das Lachen im Hals stecken. Er war keine siebzehn mehr.

Sie warteten eine Weile, er wusste nicht genau worauf, aber sie schwiegen. Er verbannte den Gedanken an Sirius mit Gewalt aus seinen Gedanken und versuchte, sich stattdessen an den Namen eines jeden vermaledeiten Werkzeugs und jeder verdammten Schraube zu erinnern. 18er Schraubenmuttern, FPT 475 X. Es war nicht einmal mehr schwierig. Schließlich ertönte ein Ruf und lautes Gejohle.

„Geh' jetzt ruhig", verkündete Jack. „Draußen ist jemand, um dich abzuholen." Er schlurfte zum Fenster und stieß dann einen anerkennenden Pfiff aus.
„Wow, ist das der Grund für deinen Ausraster? Heißes Teil. Da kann man sich schon mal die Finger verbrennen."

Remus griff wortlos nach seiner Jacke, die im Spind hing. In der Tür drehte er sich noch einmal um.
„Danke, Jack. Das vergess' ich dir nicht und den anderen auch nicht."

Schon wieder halb blind lief er den Gang entlang und auf den Hof hinaus. Eine schlanke Gestalt, bleich und in einen schwarzen Mantel gehüllt, erwartete ihn. Sie hatte sich an die Mauer gelehnt, doch als sie seiner gewahr wurde, stieß sie sich ab und lief ihm entgegen. Die langen Haare offen, das Gesicht tränennass.

„Remus, es tut mir so Leid."
Nur ein Flüstern.
Er vergrub die Finger in der tizianroten Flut, als ihre Lippen die seinen trafen. Es war ihm egal, ob sie ihn nun aus Mitleid oder einem anderen Grund küsste, solange er nur ihre Wärme spüren konnte und den weichen, zarten Körper unter den Schichten aus Stoff und Lack.

Das Johlen, welches er zuvor schon gehört hatte, schwoll an. Einige seiner Kollegen hingen halb aus dem geöffneten Fenster des Frühstücksraums, applaudierten und pfiffen.

„Es ist nicht despektierlich", sagte Remus mit heiserer Stimme. „Sie meinen es nicht so."

„Lass uns verschwinden", antwortete Thalia und schob ihn ein Stück von sich weg. „Was hast du getrunken, Whisky?"

Sie erwartete offenbar nicht wirklich eine Antwort, denn sie nahm seine Hand und dirigierte ihn zu einem roten Citroën vor dem Werkstor, der vor dreißig Jahren modern gewesen sein mochte.

„Du hast ein Auto?" fragte Remus völlig perplex.

„Geliehen. Es gehört Ginas Freund Severus und ich hoffe, es bleibt nicht wieder liegen." Sie öffnete die Tür des 2 CV 6.

Remus ließ sich auf den Beifahrersitz sinken. Er fragte nicht, wohin sie fahren würde, es war ihm auch völlig egal. Erst als Thalia die Autobahn ansteuerte, wurde ihm klar, dass sie ihn nicht einfach nachhause oder zum Laden brachte.

Stunden später, Thalia hatte auch auf mehrfache Nachfrage das Ziel ihrer Fahrt nicht preis gegeben, erwachte Remus aus einem unruhigen Halbschlaf. Im Zustand zwischen Schlafen und Wachen hatte er die Gedanken an Sirius nicht unterdrücken können. Immer wieder dieselben Bilder:

Sirius, der nach einer durchtanzten Nacht ihre gemeinsame Bude in Zaubererlondon mit breitem Lächeln gegen Morgen betrat und Remus, der schmallippig auf dem Sofa saß und gewartet hatte, mit einem jovialen Schulterklopfen begrüßte und strahlend von den tollen Muggelstudentinnen erzählte. Damals schliefen sie nicht zusammen, aber Remus fühlte trotzdem die Eifersucht wie bittere Galle in sich hochsteigen.

Sirius, im Garten, in ein Gespräch mit James vertieft. Lilys Stimme: „Hat er wieder keine Eule geschickt, um dir Bescheid zu geben? Was hattet ihr diesmal vor, lernen? Zusammen kochen? Er unterhält sich seit Stunden mit James über Quidditch."

Dreizehn Jahre später: Sirius stieg aus dem Kamin, eine blaue Ausgehrobe ließ ihn wie einen Fürsten aussehen. An seinem Arm eine zierliche blonde Hexe, Schottin. Dumbledore hatte sie mitgebracht, sie arbeitete in Glasgow für den Orden. Spät in der Nacht hörte Remus das Stöhnen aus Sirius' Schlafzimmer. ‚Merlin, Sirius, in unserem Haus!' War ihm Remus wirklich so egal?
Sirius und Liannah, Sirius und Gisele, Sirius und…Remus hatte die Namen vergessen.

Der aktuelle Name war Armando, und Remus wurde das Bild seines in Lust verzückten Gesichts nicht mehr los, das sich für ihn zu einer Fratze des Verrats verzerrte.

„Er hat es in unserem Schlafzimmer getan", sagte Remus und suchte hilflos nach Thalias Hand.

„Ich weiß. Jimmy hat es mir erzählt", erwiderte sie. Sie hielt auf einem leeren Parkplatz und zog die Handbremse an.

Vor ihnen ragte ein rotweißer Leuchtturm in den blauen Frühlingshimmel, und unter ihnen rollte das Meer grau, schwer und mit schäumender Gischt gegen die Klippen.

TBC


Für die ganz junge Generation: Severus' Auto ist ein Citroën 2 CV 6, zu gut deutsch, eine Ente. Und ich kann mir sehr gut vorstellen, wie so ein kleines Autochen irgendwo hält, jeder, der es sieht, erwartet eine Studentin in Hippieklamotten, und dann steigt ein dunkel gewandeter, schwarzhaariger Mann in langem Mantel aus… Ach, da fällt mir ein, für den 2 CV 6 gab es auch einen Dach-Gepäckträger für Skier, und den braucht unser braungebrannter Ooc-Schweizurlauber ja gelegentlich… ;-))