Ein Strolch zum Verlieben
Fanfiction von Slytherene
Liebe Lesende!
Hier
kommt das neue Kapitel. Es ist das zwanzigste, und es wird danach
noch zwei oder drei weitere geben. Für die Reviews bedanke ich
mich sehr herzlich bei MissMoony, Lina, Spätzünder, Nuya, Nicole und Pete.
Betaleserin
ist wieder TheVirginian – danke dir. Das letzte Kapitel hatte
übrigens Textehexe co-beta-gelesen (diese Wortschöpfung
bitte ich nicht zum Unwort 2007 zu küren), dafür sei ihr
ebenfalls gedankt.
Giannis
Untreue hat sehr unterschiedliche Reaktionen bei Euch ausgelöst.
Das wirklich Spannende ist ja eigentlich nicht die Tatsache, dass er
fremdgeht, sondern wie Remus mit dieser Situation umgeht. Und hier
zeigt unser Werwolf sich als extrem verunsichert, entwurzelt und
„haltlos". Ich bewundere Jimmys Selbstbeherrschung, denn dass er
Remus zumindest attraktiv findet, geht aus dem Text doch deutlich
hervor.
Ob Thalia sich ebenfalls als derart ‚integer' (oder blöd,
wie man's nimmt) entpuppen wird?
Lüften
wir eigentlich heute Thalias Geheimnis? – Aber ja.
Gute
Unterhaltung!
20. Wendepunkte
„Hast du mich hergebracht, damit ich springe?" fragte Remus, als sie am Übergang zum Steilufer standen. Die Höhe war ihm unheimlich, und die weißen Schaumkronen der Wellen zeichneten ein beängstigendes Muster auf das kalte Grau des Meeres.
„Willst du denn springen?" fragte Thalia, und der Wind ließ ihr Haar flattern wie eine Sturmfahne.
Er
schüttelte den Kopf.
„Nein. Ich war nie der Typ dafür.
Es gab immer irgendetwas…irgendwen, der noch etwas erwartete von
mir. Ich hatte Pflichten."
„Jetzt bist du frei", sagte sie.
‚Ich
habe Severus versprochen, ihm in der Apotheke zu helfen', lag ihm
auf der Zunge. Wie lächerlich – Severus kam gut ohne ihn
zurecht. Ebenso wie Sirius – besonders Sirius. Thalia hatte Leo,
Jimmy…Jimmy würde jemanden finden. Der Orden war zerstört,
Voldemort tot - Remus war tatsächlich frei.
„Ich
weiß nicht, wie es sich anfühlt, wenn man springen will",
sagte er langsam. Er sah Thalia an. „Aber du weißt es genau,
nicht wahr?"
Sie antwortete nicht, aber er verstand auch so. Langsam schob er den weiten Ärmel ihres Mantels hoch, danach den des Pullovers, den sie darunter trug. Sie ließ es geschehen. Es war der rechte Unterarm, den er noch nicht gesehen hatte. Ihr rechter Arm trug die gleichen feinen Narben wie der linke: parallele, weiße Linien, lange verheilt. Sie setzten sich über ihren Ellbogen hinauf fort.
„Ja, ich weiß es", brach sie ihr Schweigen. „Es vergeht. Nach ein paar Wochen oder Monaten bist du froh, dass du nicht gesprungen bist. Springen ist niemals die richtige Wahl."
„Dann bist du nicht gesprungen?" Eigentlich war es eine unsinnige Frage, denn wäre sie jemals diese Klippen, auf denen sie standen, hinunter gestürzt, sie stünde jetzt nicht neben ihm.
„Nein, ich bin nicht gesprungen. Hier habe ich gestanden und gedacht: ‚Es muss einen Grund geben, warum ich trotz allem lebe und atme.' Ich wollte nicht gehen, ohne zu wissen, warum ich gekommen bin. Wenn du wissen willst, wie es sich anfühlt zu springen, musst du Leo fragen."
Das also verband Thalia und Leo. Eine suizidale Verflechtung auf psychischer Ebene. Remus konnte sich nicht vorstellen, was den zynischen Leo und die sensible Thalia sonst aneinander binden mochte, aber ihm war klar, wie eng ein solches Band sein konnte, wie zwingend, wenn es zwei Jugendliche schmiedeten. Thalia und Leo waren ‚schon ewig' zusammen – er hatte Jimmys Stimme noch im Ohr. Doch Menschen entwickelten sich weiter. Doch konnte das wirklich alles sein? War dies das ganze Geheimnis? Es musste mehr geben, er spürte es. Remus bemühte sich, einen Sinn in Leos Worten zu finden, in Thalias Andeutungen. Solange er sich mit ihrem Rätsel beschäftigte, musste er nicht an Sirius denken. Sirius…
„Warum sind wir hier?" fragte er schließlich.
„Dies ist ein Ort des Schauens, der Erkenntnis und der Entscheidung. Ein Wendepunkt. Ich habe hier bereits einmal meinen Weg gefunden, und ich wünsche dir, dass du deinen findest."
„Ich
habe keine großen Wahlmöglichkeiten, wenn ich nicht dort
unten die Fische füttern will", erwiderte Remus sarkastisch.
„Vielleicht solltest du Sirius...Gianni herbringen, damit er seiner
Promiskuität abschwört."
Jedes einzelne Wort tat weh.
Die Bilder hinter den Worten schnitten Remus wie Fesseln ins Fleisch.
Thalia lächelte vage, antwortete jedoch nicht. Sie ging zum Auto
zurück, holte eine dicke Wolldecke aus dem Kofferraum und
breitete sie direkt an der Kante der Klippen aus. Remus näherte
sich zögernd. Die Höhe ließ ihn schaudern. Doch dort
vorne saß Thalia, ließ sich das Haar vom Wind zerzausen
und sah unbeirrt auf die graue See hinaus. Sie war das einzig
Vertraute in einem kalten Ozean, und wenn er ihre Nähe wollte,
soviel verstand er, musste er ein paar Schritte am Abgrund wagen. Ein
Schwindelgefühl und aufkommende Übelkeit unterdrückend,
lief er über den rauen Stein. Endlich war die Decke erreicht,
und er ließ sich auf dem weichen Stoff nieder. Sie öffnete
die Arme. „Komm, ich halte dich."
Dort fand er sich, den Rücken an ihre Brust gelehnt, umarmt, gehalten, und der Schmerz floh mit den Tränen, die der Wind ihm vom Gesicht riss, erst stechend und brennend heiß, dann dumpf und nichts als Kälte und Leere hinterlassend.
Am Ende der Welt, losgelöst von allem, nur ein paar Felsen und eine Wolldecke zwischen sich und der kalten Ewigkeit, den dunkel rollenden Wogen des Nordmeeres, blieb Raum und Zeit für Trauer.
Sie mochten Stunden hier gesessen haben, als der Schrei einer Möwe die Stille durchbrach, in die das Meeresrauschen sich verwandelt hatte. Als erwache die Welt plötzlich aus ihrem Dornröschenschlaf, drang das Dröhnen von Motoren an Remus' Ohr, Stimmen flogen durch den Wind, und Schritte kamen über die Felsen. Der blaue Himmel und die Sonne begannen, Touristen herzulocken. Menschen warfen mit wohligem Gruseln einen Blick über die tiefen Klippen, erzählten sich Klatsch und Neuigkeiten von ihren Verwandten und Freunden, diskutierten mit ihren Kinder die Windstärke und räumten Thermoskannen und Keksdosen auf die Felsen. Von dem Pärchen ganz vorn am Rand der Klippe jedoch hielten sie Abstand.
„Meine Füße sind eingeschlafen", sagte Thalia irgendwann leise in Remus' Ohr und bewegte sich vorsichtig. Der letzte Bann brach.
„Müssen wir..." Remus hatte ‚nachhause' sagen wollen, aber er korrigierte sich. „Müssen wir zurück?"
„Nein. Wir haben ein paar Tage frei. Jimmy hat sich darum gekümmert." Sie lächelte in Remus' Haare, während ihre Hände sanft seinen Nacken massierten. Er konnte fühlen, wie gut es seinen verkrampften Muskeln tat, aber war zu erschöpft, um der Wärme ihrer Hände nachzuspüren.
„Wir können nicht eine Woche lang hier oben sitzen, auch wenn ich mir gerade genau das wünsche."
„Wir schlafen bei Brandon, einem Freund von Jimmy. Gegen sechs holen wir ihn vom Bahnhof ab, er bringt auch Strolch mit und ein paar Kleider für dich." Sie drückte ihre Nase in die weiche Vertiefung zwischen seinem Hals und seiner Schulter. „Saubere Klamotten hast du dringend nötig."
„Du schleppst mich in meiner Verfassung an eine hundert Meter hohe Klippe, lässt mich stundenlang in meinem Gram brüten und erklärst mir dann, ich würde fürchterlich stinken. Gib's zu - du willst, dass ich springe." Remus sagte es mit todernstem Gesicht, aber als Thalia leise lachte, drängte sich etwas in seine Gesichtmuskeln und verzerrte seine Mimik zu einem Anflug eines bitteren Lächelns. Den Mundwinkel zu heben tat so weh, als widersetze sich dieser mit aller Macht.
„Du machst ja schon wieder bösartige Bemerkungen."
„Das ist nur Galgenhumor", erwiderte er ehrlich.
oooOOOooo
Auf
dem Bahnsteig sahen sie Jimmy schon vom Weitem, was kein Kunststück
war, da er die meisten Reisenden um gut einen Kopf überragte.
Thalia
winkte, rief nach Strolch, und der kleine Hund legte sich mächtig
ins Zeug, um mit Jimmy im Schlepptau möglichst schnell zu seinem
„Rudel" zu kommen. Während
er Remus überschwänglich begrüßte, gab Jimmy
Thalia einen Kuss auf die Nasenspitze.
„Du
hast ja direkt Farbe bekommen, kleiner Klippschliefer", neckte er
sie. „Du wirst eine Menge lustiger Sommersprossen bekommen auf
deiner Alabasterhaut, dann flechte ich dir Zöpfe,
und wir machen Straßentheater. Du bist Pippi Langstrumpf, ich
Kleiner Onkel, und Remus hier kann uns den Affen machen."
Er
blickte den Werwolf besorgt an. „Bist du okay?"
„Dem Patienten geht es den Umständen entsprechend", antwortete Thalia an Remus' Stelle. „Lasst uns gehen, Herr Nielsson und ich verhungern."
Sie gingen zum Auto, und Remus bemerkte, dass Jimmy ziemlich beladen war. Er hatte einen vollen Seesack auf den Rücken geschnallt und schleppte zusätzlich eine große Sporttasche. Beides verstauten sie im Kofferraum des französischen Wagens, neben der ebenfalls beachtlichen Tasche von Thalia.
„Sagt mal, wie lange haben wir Urlaub?" fragte Remus erstaunt.
„Nur ein paar Tage", erwiderte Jimmy. Thalia ließ den Motor an, und sie fuhren in Richtung der Docks.
„Wohnt Brandon am Hafen?" fragte Remus nach einer Weile.
„So in etwa", antwortete Jimmy. „Deswegen auch die ganzen Klamotten. Man braucht schon ein bisschen Gepäck, wenn man an Bord geht."
„An Bord?" rief Remus aus. „Ohne mich. Ich kann nicht schwimmen."
„Zu spät", sagte Thalia knapp, als sie vor dem Bootsanleger parkte. Vor ihnen an der Mole lag eine Art Kutter, ein Segelboot mit einem kurzen Mast, einem dicken Motor und jeder Menge Tauen und Netzen.
„Voila! Darf ich vorstellen: Die ‚Westwind', klein, aber hochseetüchtig. Käpt'n Mortensen bittet an Bord. Thalia, du hast schon Segelerfahrung, du bist mein erster Offizier. Remus, wirklich deine erste Seefahrt?"
Der Werwolf nickte. Er war sich nicht sicher, ob er wirklich auf den schwankenden Kahn klettern würde.
„Willkommen an Bord, Matrose Lupin." Jimmy strahlte mit der Abendsonne um die Wette und warf Remus die Sporttasche zu.
Thalia war bereits mit ihrem Gepäck unter Deck verschwunden.
„Du willst nicht wirklich bei Nacht und Nebel raus aufs Meer fahren?" fragte Remus. „Ich meine, wir bleiben doch sicher bis morgen früh hier im Hafen. Ich…muss mich an das Wasser gewöhnen."
Jimmy lachte. „Hopp, Matrose, über die Planke, und dann gibt es einen nautischen Crashkurs für dich. Kannst du wirklich nicht schwimmen?" schob er ernsthaft hinterher.
„Ich kann mich oben halten – für eine Weile zumindest", bekannte Remus. „Aber ich bin nicht seefest, glaube ich."
„Das lernst du", versicherte Jimmy und sprang über die Kaimauer direkt auf den alten Kahn, der bedenklich zu schaukeln begann, jedenfalls nach Remus' unmaßgeblicher Meinung.
„An Bord!" rief Thalia, die jetzt an Deck kam, in eine dicke Jacke gehüllt. „Der America's Cup wartet auf uns. Komm, Remus. Lass das Land und alle Traurigkeit hinter dir. Strolch?"
Der
bis dato ebenfalls zögerliche Hund ließ ein helles Gebell
erschallen und war mit einem einzigen Satz an Bord. Er landete weich
auf Thalias Arm.
„Guter, mutiger Seehund", lobte sie.
Ihre blauen Augen strahlten so sehr wie Jimmys, und ihr Blick bestätigte Remus und gab ihm neuen Mut.
„Also schön", seufzte er und balancierte unsicher über die Planke.
Jimmy,
der am Heck des Schiffs beschäftigt gewesen war, und einen laut
dröhnenden Dieselmotor gestartet hatte, sprang an Land, löste
das dicke Tau von der Poller im Hafen, warf es Thalia zu und war mit
einem Riesensatz wieder an Bord. Er holte die Planke ein, und das
Boot hatte sich schon nach kurzer Zeit so weit vom Ufer entfernt,
dass ein Rückzieher unmöglich war.
Die
nächsten zwei Stunden hatten sie alle Hände voll damit zu
tun, das Boot ‚klar zu machen', Vorbereitungen für die Nacht
zu treffen und ihr Gepäck zu verstauen. Trinkwasser und Vorräte
waren bereits an Bord gebracht worden.
Jimmy
lobte die Organisation seines
Kumpels Brandon, dem der alte Seelenverkäufer gehörte und
machte Remus mit den wichtigsten Grundlagen des Segelns vertraut.
Als
es dunkel wurde, gingen sie unter Deck. Nach dem Duschen gab es
vegetarische Ravioli, alkoholfreies Bier und ein Kartenspiel. Jimmy
und Thalia machten allerlei Späße, spielten ernsthaft um
Pennys,
und Jimmy erklärte zwischendrin immer neue nautische Ausdrücke
oder Verhaltensregeln.
Remus
war dankbar für den Trubel und die Anforderungen; er kam nicht
zum Nachdenken, und das war jetzt auch gut.
Als Thalia gegen elf überdeutlich gähnte, bündelte Jimmy die Karten. „Okay, ihr beiden – ab in die Kojen. Ich nehme die erste Wache. Remus, ich wecke dich um Viertel vor drei." Er grinste. „Das ist ohnehin deine Zeit."
„Was muss ich tun, wenn ich ‚auf Wache bin'?" erkundigte sich Remus bei Thalia, als Jimmy an Deck gegangen war.
„Halt nach Eisbergen Ausschau", antwortete Thalia und zwinkerte ihm zu. „Es gibt hier nur zwei Kojen an Bord, also müssen wir abwechselnd schlafen. Außerdem sind die Sterne bestimmt wunderschön heute Nacht, und Jimmy wird ein bisschen von seinem Mr. Right träumen."
„Sterne…" wiederholte Remus leise.
„Himmelssilber", lächelte Thalia und zog ihren dicken Pullover aus.
‚Welch ein schönes Wort', dachte Remus. Sein Stern war ebenso schmerzhaft wie Silber gewesen, aber das hatte sie sicher nicht gemeint. Er ließ sich auf die schmale Pritsche sinken und krümmte sich vor Schmerz, der ihn jetzt brutal überflutete. Thalia, die eben die Sturmleuchte gelöscht hatte, konnte es nicht sehen. Remus versuchte die Bilder zu verdrängen, die in der Dunkelheit um ihn herum aufflammten, und er war beinahe dankbar, dass das Rascheln von Stoff ihn ablenkte. Er lauschte auf Thalia, die sich im Raum hin und her bewegte, als wäre es immer noch hell. Dabei war es so dunkel, dass selbst Remus die Hand nicht mehr vor Augen erkennen konnte. Er spürte eine Berührung, federleicht, und dann war sie plötzlich bei ihm.
„Rutsch'
ein Stückchen, hm?" Er folgte ihrer Aufforderung, völlig
überrascht. Sie schmiegte sich an seinen Rücken, schlang
die Arme um ihn,
und der Jasminduft ihrer Haut überflutete seine Sinne.
Er
wagte nicht, sich zu bewegen, steif und verkrampft lag er still.
Wieder
drückte sie ihr Gesicht in die weiche Haut seiner Halsbeuge. Sie
fuhr mit den Fingern sanft durch seine noch feuchten Haare. „Du
kannst schlafen. Ich pass auf und jage alle schlechten Träume
fort."
Während
ihre Wärme langsam auf seinen Körper abstrahlte, durchdrang
ihn die Müdigkeit schwer und dunkel. Natürlich war sie
nicht gekommen, um mit ihm zu schlafen, wurde ihm klar. Sie war nicht
weniger integer als Jimmy. Remus entspannte sich. Es gab keine
Erwartungen, die er erfüllen musste. Er war tatsächlich
frei. Mit diesem Gedanken glitt er in einen tiefen, traumlosen
Schlaf.
oooOOooo
Er
erwachte, weil lautes Schnarchen durch die Kabine drang. Er dauert
einen Moment, bis er sich orientiert hatte. Thalia war fort, und
Jimmy schlief in der Koje an der gegenüberliegenden Wand. Remus
schlüpfte in seine Jeans, zog die Jacke über, die Jimmy aus
Brandons Beständen für ihn requiriert hatte und stieg die
schmale Treppe zum Deck hoch.
Er
fand Thalia achtern, wo sie die verblassenden Sterne betrachtete.
„Himmelssilber", sagte er leise zu ihr.
„Wunderschön und stetig. Diese Sterne sind immer da." Sie lächelte. „Wo immer du auch hingehst, was immer geschieht, sie sind da und warten darauf, für dich zu leuchten."
„Kaltes
Feuer, das um seiner selbst Willen strahlt." Remus konnte den
bitteren Unterton nicht aus seiner Stimme verdrängen. Weicher
setzte er hinzu: „Danke, dass du da warst, vorhin."
Er
starrte auf seine Hände, wusste nicht, wohin mit ihnen. Er war
zerrissen zwischen seiner Verletztheit und Trauer um Sirius und
seinem Verlangen, Thalia zu berühren. Thalia, die mit Leo
zusammen war, die ihn zurück gewiesen hatte, um Giannis Willen.
Aber
spielte ihre Freundschaft zu Gianni für sie noch eine Rolle?
Vielleicht nicht, nach dem, was geschehen war, doch ihre Liebe zu Leo
sicher. Wusste er, dass sie hier mit ihm auf dem Schiff war? Der
Gedanke musste ihn krank machen, eifersüchtig, wie er über
sie wachte. Sicher, Jimmy war bei ihnen…
Er
streckte die Hand nach ihr aus, zog sie jedoch wieder zurück. Er
würde nicht den gleichen Fehler zweimal machen. Was, wenn in
ihren Augen wieder Abwehr stünde? Sie hatte seine Entschuldigung
einmal akzeptiert, aber würde sie es wieder tun? Der Gedanke an
Leo ließ ihm keine Ruhe, und schließlich brach er das
Schweigen.
„Thalia?"
„Ja?"
„Weiß Leo, dass du hier bist? Ich meine, hier, auf dem Boot."
„Natürlich. Warum fragst du?"
„Weil…" Er suchte nach den richtigen Worten. „Wenn du meine Frau wärest, und ich wüsste, dass du mit zwei anderen Männern auf einem Schiff mit nur zwei Kojen über die Nordsee segelst, ich würde vermutlich …nervös sein."
Sie lachte hell auf. „Ach Remus! Manchmal frage ich mich, wo du eigentlich die letzten zwanzig Jahre gelebt hast…auf welchem Planeten. Monogamie ist nicht für jeden das Maß aller Dinge."
„Wie bitte?" Er stutzte.
„Wie sage ich dir das jetzt am besten? Ich sehe, wie sehr du darunter leidest, dass Gianni dir nicht treu ist. Wenn es das war, was ihr vereinbart habt, dann ist deine Enttäuschung nachvollziehbar, weil er dein Vertrauen missbraucht hat. Außerdem hat er dich angelogen, was diese Gewerkschaftsversammlung angeht. Andererseits, versuche es einmal so zu sehen: Was geht dir verloren, wenn dein Freund auch andere Menschen liebt? Glaubst du, dass Gianni dich weniger liebt, nur weil er mit Armando schläft? Dass er mit dir weniger zärtlich oder sorgfältig umgehen würde, nur deswegen?"
Remus starrte sie an. „Es geht nicht darum, ob er weniger…anders zu mir wäre. Es ist eine Frage des Respekts."
Sie sah ihn an. Ihre Finger spielten mit ihrem silbernen Ring. „Respekt? Kannst du dir vorstellen, dass ich Leo auch nur einen Deut weniger respektiere, weil ich Gianni küsse? Oder…" Sie stellte sich auf die Zehenspitzen und küsste ihn sacht auf den Mundwinkel. „…dich?"
Remus atmete zitternd durch. „Ich bin mir fast sicher, er würde das nicht besonders schätzen", sagte er. „Was Gianni betrifft, kann er zumindest sicher sein, dass es nicht mehr als ein paar Küsse sind."
„Du verkennst die Natur unserer Beziehung, Remus", sagte sie und lächelte, aber es sah nicht glücklich aus.
„Dann erkläre es mir", forderte er.
„Es ist Leo egal, ob ich einen anderen küsse oder in wessen Bett ich liege, weil ich das seine ohnehin nicht teile."
Remus sah sie erstaunt an. Ihre Beziehung zu Leo war platonisch? Jetzt plötzlich erinnerte er sich an den fehlenden Geruch Leos in ihrem Schlafzimmer.
„Aber er ist wirklich eifersüchtig, Thalia. Er bewacht dich", wandte er ein.
„Aber doch nicht, weil er fürchtet, dass ich ihn betrüge. Das wäre ihm herzlich egal, außerdem würde niemand mich auch nur ansehen wollen. Das einzige, wovor Leo Angst hat, ist, dass ich ihn verlassen könnte."
Remus versuchte, die Bedeutung ihrer Worte zu erfassen. Leo ging davon aus, dass Thalia ihn niemals betrügen würde, weil sie es nicht konnte – weil er sicher war, dass niemand sie wirklich begehren würde. Oder weil er sicher war, dass zumindest Thalia dies glaubte. Er sah sie an, wie sie an der Reling lehnte, eine schlanke Gestalt in einem flatternden Gewand, der Wind riss lange Strähnen aus ihrem geflochtenen Zopf, ihr Gesicht hob sich hell gegen den dunklen Himmel ab. Es bestand kein Zweifel daran, sie war schön. Welche Psychose hatte Leo ihr eingeredet? „Niemand kann dich ansehen, außer mir", „Ich bin ein Mensch, kein Monster" – Leos und Thalias Worte klangen ihm im Ohr. Verflucht, er würde diesem Irrsinn ein Ende machen, jetzt und hier.
„Was an dir sollte so schrecklich sein, dass niemand dich ansehen wollte? Ich bin doch nicht blind – du bist schön."
Sie
lachte leise. Es klang wehmütig und traurig.
Er zog sie
vorsichtig zu sich heran. „Du weinst doch nicht?"
Nein, er hatte
sich nicht getäuscht. Mit den Fingerspitzen wischte er ein paar
stille Tränen von ihrem Gesicht.
„Du hast Recht, Remus. Ich bin schön. Solange ich das Monster sorgfältig verhülle und nur das, was menschlich ist, ans Licht lasse", flüsterte sie.
Er küsste die Worte vorsichtig von ihren Lippen. „Ich habe keine Angst vor verhüllten Monstern." Es waren mehr Berührungen als Küsse.
„Weil
du nicht weißt, was dich erwartet."
Sie erwiderte seinen
Kuss. Zart wie Schmetterlingsflügel, ihre Lippen auf den seinen.
Sie hinterließen eine brennende Spur, gerade passend zu dem
Tanz auf dem Vulkan, den sie hier tanzten.
Remus
spürte, wie sein ganzer Körper in Aufruhr geriet. Die
mühsam erkämpfte Beherrschung bröckelte, und er sah in
Thalias Augen, dass es ihr nicht anders erging. Ihr Atem hatte sich
beschleunigt, er spürte ihre Hände in seinem Nacken. Sein
nächster Kuss war fordernder, sie wehrte sich nicht, als er sie
gegen die Reling drängte. Mit einer fließenden Bewegung
zog er das Band aus ihrem Haar und steckte es in die Jackentasche.
Der Wind verwandelte einige der Strähnen in tanzende Schlangen,
als Remus das Flechtwerk löste. Er ließ seine Zunge über
die zarte Haut ihres Halses gleiten und atmete tief ihren Duft nach
Jasmin und Mandelblüten. Er witterte ihre Erregung, und der
Geruch jagte ihm ein Zittern durch den Körper. Heute würde
es kein Zurück mehr geben. Eine andere Nuance drängte sich
jedoch unterschwellig in seine feine Nase, während seine Hand
unter ihre Jacke glitt und seine Finger die feine Linie ihrer
Wirbelsäule bis hinunter zu den Lendenwirbeln durch den dünnen,
weichen Stoff ihrer Unterwäsche hindurch ertasteten. Sie hatte
Angst, und es war nicht jene flüchtige Aufregung, die eine erste
Nacht stets begleitete. Dies hier war existentiell und bedrohlich und
es wurde stärker, je unumkehrbarer sie sich einander näherten.
Remus zog seine Hand unter ihrer Jacke hervor und nahm behutsam ihr
Gesicht zwischen die Hände.
„Wovor fürchtest du dich nur so sehr? Ich würde dir niemals wehtun."
„Ich fürchte das Entsetzen in deinem Blick", antwortete sie heiser. „Entsetzen, Abscheu und danach Mitleid. Ich kann es nicht ertragen."
Remus erstarrte. Wie gut er diese Angst kannte!
Er nahm ihre Hand, die rechte mit dem Silberring, und presste sie auf die Unterseite seines Handgelenks, bis er die Hitze fühlte, mehr und mehr, bis der Schmerz unerträglich wurde, bis der Geruch verbrannter Haut seinem Wort sichtbar Wahrheit geben würde.
Mit großen Augen starrte sie auf die noch dampfende Brandwunde.
„Sieh her. Silber zerstört mich. Ich fliehe euch bei Vollmond. Ich trage einen Fluch, der meine wahre Natur Lügen straft, jeden verdammten Monat wieder. Ich habe panische Angst vor dem Entsetzen in deinem Blick. Und jetzt zeig mir, was du bist."
Aus Thalias blassem Gesicht spiegelten sich nicht etwa Abscheu und Widerwillen, sondern zu Remus' grenzenloser Erleichterung zunächst nur Staunen und danach Verstehen.
Sie warf ihre Jacke auf die Planken zu ihren Füßen und ließ die dünnen Träger ihres Hemdes, das sie darunter trug, nach unten gleiten. Der Stoff rutschte über ihre Brüste nach unten, und jetzt endlich begriff Remus, wovon Leo gesprochen hatte. Thalias Haut, zart und hell an Händen, Hals und Gesicht, war an ihrem Oberkörper überzogen von roten, tiefen Narben und Kratern, ledrigen Schrunden und wulstigen Erhebungen, die seltsam bizarre Muster formten. Jemand hatte sie mit Absicht so verletzt, dass die Narben das Bild eines Totenschädels formten.
„Oh Merlin!" rief Remus aus und wich unwillkürlich ein paar Schritte zurück. Er wusste, er würde das Entsetzen nicht aus seinem Blick verbannen können, und er sah den Schmerz, mit dem sie ihm diese Regung widerspiegelte. Sie tat ihm unendlich Leid, aber mehr als das verspürte er glühenden Hass auf denjenigen, der ihr das angetan hatte.
Thalia bückte sich nach ihrer Jacke und zog sie über. „Entsetzen und Mitleid. Davor habe ich mich gefürchtet, Remus. Du weichst zurück. Scheint, als hätte ich den Monsterwettbewerb gewonnen."
Sie
löste sich von der Reling und lief in Richtung Kajüte.
Remus packte sie am Handgelenk und hielt sie fest.
„Nein, das
hast du nicht." Er sah ihr ins Gesicht. „Nicht du bist das
Monster, sondern der, der dich so gezeichnet hat. Verzeih mir, wenn
mein Entsetzen über diese Grausamkeit dich verletzt hat." Er
zog sie in seine Arme. „Diese Narben liegen nur auf der Oberfläche,
und du weißt das." Er küsste sie und ignorierte ihre
Passivität. „Sie ändern nicht das Geringste an deiner
wahren Schönheit. Nichts daran, wie sehr ich dich begehre." Er
küsste sie wieder, und tatsächlich lag ein gieriger Hunger
in dieser Zärtlichkeit, der ihn selbst überraschte. Sie war
wahrhaft entstellt. Doch hätte er in diesem Augenblick die Wahl
gehabt zwischen dieser entstellten Gestalt und Sirius' fast
makelloser Schönheit, die Entscheidung wäre einfach
gewesen. Mit zitternden Händen streifte er ihr die Jacke wieder
von den Schultern. Seine Finger glitten über die zerfurchte,
raue Haut ihrer Brüste und an ihrem flachen Bauch hinab.
„Diese Narben ändern nichts daran, wie sehr ich dich liebe." Bei Merlin, er liebte sie wirklich, und es war ebenso falsch wie sinnlos, sich dagegen zu sträuben.
Es war nicht ganz einfach, zwischen feuchten Schiffstauen und der heruntergelassenen Takelage einen Platz auf den Planken zu finden, der ihnen etwas Schutz vor dem kalten Wind bot, zumal sie beide nicht eine Sekunde voneinander lassen konnten. Remus wollte ihre weichen Lippen nicht mehr preisgeben, die er eben erst in Besitz genommen hatte, wollte die Finger nicht mehr aus ihren offenen Haaren lösen, und wenn doch, dann nur um Zentimeter für Zentimeter ihre warme Haut zu erkunden.
Thalias Körper fühlte sich warm, biegsam und weich unter seinem an, sie folgte seinen Bewegungen, geschmeidig wie ein Katze, und ihre Finger, die sanft über seinen Rücken strichen, schienen seinen Blutfluss nach Belieben leiten und locken zu können.
Vergessen
die seidige Haut an Giannis schönem Körper – die ihre war
weicher.
Verloschen die Glut seiner Leidenschaft für den
schwarzen Stern – ihr Feuer brannte heller.
Versiegt die Erinnerung
an Patchouli und Sandelholz – ertrunken im Duft von Jasmin auf
Thalias Haut.
Sein
Denken setzte aus.
Sie
hob sich ihm entgegen, und als er in sie eindrang, schien die Welt um
ihn herum zu versinken. Keuchend presste er sie gegen das Holz des
schwankenden Schiffes.
Sie
verschloss seine Lippen, während das Zittern durch seinen Körper
raste und ihm den letzten Atem nahm. Wie eine Welle wusch der
Orgasmus über ihn hinweg, als er sich keuchend in ihr
verströmte.
Er
bedeckte ihr Gesicht mit kleinen Küssen, folgte mit seiner Zunge
der feinen salzigen Spur auf ihrer schweißbedeckten Haut, über
ihre Brüste und ihren Nabel, entlang an den Demarkationslinien
des Schlachtfeldes auf ihrem Körper, über ihre Narben, den
Minengräben einer perversen Fantasie, bis er das warme Dreieck
zwischen ihren Schenkeln erreicht hatte. Jede seiner zarten
Berührungen ließ sie erschauern, fand eine Antwort in
ihrem Körper, die er zunächst nur an den kleinen Bewegungen
erkannte, mit denen sie sich ihm entgegen drängte, dann an den
Konvulsionen, die durch ihre Muskeln liefen. Thalias Erregung hatte
die Wirkung eines ansteckenden Fiebers auf ihn. Sie flüsterte
seinen Namen,
und er begann zu glühen. Als er diesmal in sie eindrang, nahm er
sie den ganzen Weg mit.
Sie
fanden ihren Rhythmus, der mit den Wellen des Meeres synchron lief,
sie einte und mit dem umgebenden Kosmos verschmelzen ließ.
Der
aufkommende Wind riss Thalia die Schreie von den Lippen, und Remus
wusste, dass er ihre Augen, in denen er gemeinsam mit dem Licht der
aufgehenden Sonne einen Sturm von Farben entfachte, niemals vergessen
würde.
TBC
