Ein Strolch zum Verlieben
Fanfiction von Slytherene
Liebe
Lesende!
Wieder ein längeres Kapitel, zum Wochende.
Für
die Reviews bedanke ich mich sehr herzlich bei Ewjena, Lina,
MissMoony, Pete, Moony4ever, Berserkgorilla und Nicole.
Betaleserin
ist wieder TheVirginian – danke dir. Rosa Gekritzel gab es im
Vorfeld auch von Textehexe. Danke schön!
Das Kapitel heißt
„Leos Rache", und Ihr könnt Euch sicher vorstellen, dass er
Thalias Affäre mit Remus nicht ganz so gelassen sieht, wie sie
es vermutet hat. Glück im Unglück, dass es immer wieder ein
paar Leute gibt, die einen klaren Kopf behalten. Dies ist die Stelle,
an der ich dem Fandom danke, dass aus dem miesepetrigen Knilch in
J-K.s Welt den souveränen Tränkemeister gemacht hat. Aber
auch Virginia und Jimmy dürfen beweisen, dass man in der Not auf
sie zählen kann. Gute Unterhaltung!
Musicus:
Alice Cooper - POISON
22. Leos Rache
Thalia
war da, als Remus erwachte. So froh er war, sie zu sehen und ihre
Hand federleicht in der seinen zu spüren, so egal ihm ihre
Narben waren, so sehr schämte er sich für den Schnitt, der
sein Gesicht so sehr zeichnete.
Sachte
zog sie seine Hand fort, mit der er die Wunde vor ihrem Blick
abzuschirmen trachtete.
„Ich bin schon seit drei Stunden hier,
ich hab's bereits gesehen."
Sie küsste ihn, und ihre weichen
Lippen und warmen Hände brachten ihn auf ganz andere Gedanken.
„Wenigstens passen wir jetzt richtig zueinander", flüsterte
sie ihm mit zärtlichem Spott ins Ohr.
Er war viel zu sehr mit seinen Händen an ihrem Körper beschäftigt, um sich eine angemessene Antwort abzuringen.
„Merlins Bart, Thalia, gibt es einen Weg unter diesen Sari?" murmelte er.
Sie kicherte. „Findest du, es wäre sehr ungehörig, wenn wir uns hier in Ginas Bett liebten?"
„Schrecklich ungehörig", antwortete er atemlos und fand endlich die warme Haut unter ihrem Hemd…
oooOOOooo
Als er eine ganze Weile später wieder zu Atem kam, klopfte es an der Tür.
„Moment,
bitte", rief Thalia und angelte kichernd nach ihrem Büstenhalter.
Kurze
Zeit später huschte sie zur Tür, die Haare nachlässig
zu einem Zopf zusammen gefasst.
„Es
war nicht meine Absicht, zu stören", vernahm Remus Severus'
Stimme.
Er wäre am liebsten im Boden versunken. Warum konnte
es nicht Gina sein, die dort stand?
„Ich dachte, Remus könnte
einen Dolorcalmus
gut gebrauchen, aber wenn ich die Farbe deiner Wangen betrachte,
Thalia, scheinst du schon im Rahmen der…Naturheilkunde tätig
gewesen zu sein."
Der Tränkemeister klang amüsiert.
„Wie Recht du doch hast, Severus", entgegnete sie selbstbewusst. „Es geht doch nichts über ein paar altmodische Endorphine."
Das dunkle Lachen des Slytherin klang noch in Remus' Ohr nach, als dieser längst die Treppe wieder hinunter gestiegen war.
oooOOOooo
Zwei
Tage später war Remus wieder auf den Beinen. Als er nach der
Arbeit im Teeladen vorbei schaute, um Thalia zu sehen und Strolch
abzuholen, stand zu seinem großen Erstaunen und auch
Erschrecken Leo hinter der Kasse.
Strolch
lenkte Remus mit seinem Freudentanz und Gebell so sehr ab, dass er
keine Gelegenheit hatte, das Gesicht des blonden Mannes zu taxieren.
Hatte Thalia bereits mit ihm gesprochen? Falls es so war, ließ
Leo sich nichts anmerken.
„Hallo, Remus. Schöner Tag heute."
„Findest du?" Remus schüttelte den Regen von seiner Jacke. „Wo ist Thalia?"
„Drüben. Sie muss über ein paar Dinge meditieren." Leo lächelte. Irgendwas in dem schmalen Gesicht des Mannes irritierte Remus. Ein kalter Schauer lief ihm über den Rücken, und er spürte, wie sich seine Nackenhaare aufstellten. Der Wolf erwachte.
„Strolch muss bestimmt raus, sie hatte wenig Zeit heute morgen", informierte Leo ihn sachlich.
„Danke,
dass du auf ihn aufgepasst hast", antwortete Remus höflich.
Er
nahm die Leine von der Wand und befestigte sie am Halsband des
Hundes.
„Also dann."
„Einen schönen Tag noch", wünschte ihm Leo.
Remus schloss die Ladentür hinter sich.Wäre er nicht so alarmiert gewesen, der Wolf nicht so aufmerksam, er hätte Leos leise gemurmelte Worte selbst mit seinem feinen Gehör nicht wahrgenommen: „Ein wahrhaft schöner Tag zum Sterben".
Remus stand einen Augenblick still, begriff, und dann begann er zu laufen. Fast wäre er Jimmy vor den Laster gerannt.
„Remus! Was ist los?"
„Thalia – schnell, da stimmt etwas nicht!" Seine Stimme klang gepresst und fremd.
Die
Wohnung lag ruhig, kein Laut zu hören.
Er klingelte.
Jimmy
erreichte die Treppe.
„Sie macht nicht auf", rief er dem Freund zu.
„Der
Schlüssel liegt unter der Fußmatte", sagte Jimmy ruhig.
Doch auch er klang merkwürdig angespannt.
Der Schlüssel
war fort.
Plötzlich
stieg Remus ein merkwürdiger Geruch in die Nase.
„Rauch!" rief er aus.
Jimmy
musste sich nur ein einziges Mal mit seinem gesamten Gewicht gegen
die Tür werfen, die ächzend nachgab.
Feiner
Qualm ringelte sich durch die Türöffnung, verdichtete sich
im Flur und wurde zu beißenden Schwaden im Wohnzimmer.
„Thalia!"
brüllte Jimmy. Seine Stimme hätte Tote geweckt.
Keine
Antwort.
Remus
rannte ohne Rücksicht auf den beißenden Qualm in das stockdunkle Wohnzimmer und stieß mit dem Fuß gegen etwas Weiches, ein Bündel
auf dem Boden.
„Hier", rief er hustend.
„Pack sie und raus!" schrie Jimmy. „Wo ist Strolch?"
„Huff", tönte es vom Flur, als hätte der kleine Mischling verstanden, dass er sich melden musste, um zu signalisieren, dass er in Sicherheit war.
Sie hasteten aus der qualmenden Wohnung auf die Straße, keuchend und mit rußgeschwärzten Gesichtern.
Remus
legte Thalia auf den nassen Steinboden. Sie war bleich wie der Tod.
Jimmy
fühlte ihren Puls, dann legte er seine Pranke auf ihre Brust.
„Sie atmet nicht, Remus. Ruf einen Krankenwagen."
„Mach du das", sagte Remus und bemühte sich verzweifelt, einen kühlen Kopf zu bewahren. Er zog den Stab aus der Tasche seiner Jeans und richtete ihn auf Thalia.
„Ennervate."
Nichts geschah.
„Ennervate!"
Sie lag so still.
Seine Gedanken rasten.
„Odem forticis!"
Ihr Körper bäumte sich auf, sie schnappte nach Luft – einmal. Dann lag sie wieder unbeweglich.
„Lass
mich mal", sagte Jimmy und schob ihn vorsichtig, aber entschieden
zur Seite. Er drückte Thalias Kinn hoch und begann, sie zu
beatmen. Ihr Brustkorb hob und senkte sich im Rhythmus von Jimmy
Atemspenden, er ließ von ihr ab und presste dann seine Hände
auf ihr Herz. Er wechselte äußerlich ruhig zwischen
Beatmung und Herzmassage, bis die Sirenen näher kamen.
Remus
hockte wie paralysiert daneben.
Thalias Haut wurde immer grauer. Das
Leben floh ihren Körper, und er musste tatenlos zusehen. Noch
nie in seinem Leben hatte er sich so hilflos gefühlt.
Als
der Notarzt und die Sanitäter übernahmen, schüttelte
ihn Jimmy grob an der Schulter.
„Ruf Severus an! Der ist genau
so ein Freak wie du. Und sag uns, woher du wusstest, dass etwas nicht
stimmt."
Remus gehorchte mechanisch. Nie war er dankbarer gewesen für das Handy in seiner Tasche. Ohne ein einziges Mal zu unterbrechen, hörten ihm Severus und Jimmy gleichzeitig zu.
„Appariere sofort hierher!" forderte der Tränkemeister. „Sag' Mortensen, er soll Leo festhalten, bis wir kommen." Doch Jimmy war bereits halb über die Straße in Richtung des Teeladens verschwunden.
„Ist sie Ihre Frau? Wollen Sie mitkommen?" fragte einer der Sanitäter, während er die Seitentür des Krankenwagens schloss.
Remus
schüttelte den Kopf.
„In welches Krankenhaus bringen Sie
sie?"
„St. Joseph's", erwiderte der Mann.
„Ich komme mit dem Privatwagen dorthin", sagte Remus und hustete.
Während die Feuerwehr eintraf, lief er in die Garage und disapparierte zu Virginias Haus. Er rannte die Treppe zur Küche hinauf.
„Labor", sagte Virginia kurz, die ihm entgegenkam, und erschrocken, aber gefasst wirkte.
An der Tür traf er mit Severus zusammen.
„In den Laden, schnell", bestimmte der Tränkemeister.
„Aber sie ist St. Jo-…."
„Du weißt nicht, was er mit ihr getan hat", erklärte Severus. „Von so ein bisschen Rauch hat sie keinen Atemstillstand. Wir müssen erst Leo befragen. Das sagt mir zumindest mein Gefühl."
Remus
packte Severus am Arm und konzentrierte sich. Mit einem lauten
Krachen landeten sie unsanft zwischen den Regalen in Thalias Laden. Das erste, was sie sahen, waren Jimmy und Leo.
Der Seemann hielt Leo mit schraubstockartigem Griff gegen die Wand gedrückt.
Er hatte offenbar bereits erfolglos versucht, ihn zum Reden zu
bringen, jedenfalls trug Leos Gesicht deutliche Spuren dieser
Überredungsversuche.
„Er hat sie vergiftet, aber er sagt nicht, womit", presste Jimmy hervor.
„Das haben wir gleich", erwiderte Severus schmallippig und zog einen winzigen Flakon mit einer glasklaren Flüssigkeit aus seiner Jackentasche.
Remus nahm eine Tasse und goss Tee aus der Thermoskanne hinein. Er war noch sehr heiß. Remus streckte Severus die Tasse hin, der zwei Tropfen des Veritaserums darin auflöste.
„Halt ihm die Nase zu", bat er Jimmy.
Gemeinsam flößten sie dem Mann rücksichtslos das heiße Gebräu ein.
"Ich
habe nicht mal Mitleid mit dir", sagte Remus zu dem abwechselnd wie
irre kichernden
und
schreienden Leo.
„Du hättest sie verbrennen lassen, du...du
Wahnsinniger."
„Wahnsinnig, du sagst es", sprudelte es über Leos aufgeschlagene Lippen. „Ein paar Jahre in einer geschlossenen Anstalt, warm, mit ausreichenden Mahlzeiten und endlos viel Notenpapier. Es wird mir so gut gehen. Und irgendwann gibt es ein Gutachten, und ich bin frei. Aber du wirst sie NIE besitzen!" Er begann ein irres Gelächter auszustoßen.
„Warziger Schlammtroll", grollte Severus, „ich vergesse mich gleich und schneide ihm sonst was ab. Womit hast du sie vergiftet?"
Leo schien es nicht sagen zu wollen, er würgte und kämpfte, doch das Serum bezwang ihn schließlich. „Hübsches Frauengift, dunkel wie die Nacht, schön und sehr wirksam. Tollkirsche und Stechapfel, mit einem Hauch von Engelstrompete, gewürzt mit Fingerhut."
„Oh Merlin", stöhnte Remus.
„Schön", sagte Severus bitter. Er zog sein Handy aus der Tasche. „Ich habe die entscheidenden Sätze mitgeschnitten, Jimmy. Wir rufen die Polizei an, du hältst ihn hier fest. Nur festhalten, der ist es nicht wert, dass du seinetwegen Ärger bekommst."
„Weiß ich", knurrte Jimmy. „Haut ab und kümmert euch um Thalia. Heiliger Klabautermann, lasst sie nicht sterben."
„Kannst du leise apparieren?" fragte Severus.
„Sei dankbar, wenn ich uns überhaupt heil dorthin bringe, ich habe nämlich keine Ahnung, wo es ist", erwiderte Remus.
oooOOOooo
Kurze Zeit später fanden sie sich auf einem langen, sterilen Flur wieder, dessen weiß gekachelte Wände den Charme eines pathologischen Instituts versprühten. Doch es war die Abteilung für „Innere Medizin", und ihnen gegenüber stand ein junger Arzt, dessen übermüdetes, besorgtes Gesicht Remus wenig Hoffnung einflößte.
„Der Zustand Ihrer Frau ist sehr kritisch", sagte er ernst. „Die Rauchvergiftung alleine ist schon gefährlich, aber sie muss weitere toxische Substanzen in ihrem Körper haben. Wir konnten noch nicht klären, was man ihr gegeben hat, aber ich muss Ihnen auch eine unangenehme Frage stellen: Nimmt Ihre Frau irgendwelche Drogen?"
„Thalia rührt nichts an, was irgendwie unnatürlich wäre", sagte Remus leise. „Aber sie nimmt gelegentlich Schmerzmittel wegen ihrer Narben."
„Ich verstehe", sagte der Mediziner. „Zu diesen wenn auch bereits verheilten Narben würde ich Ihnen sehr gerne auch noch einige Fragen stellen."
„Ich werde Ihnen alle Fragen gerne beantworten, aber jetzt möchte ich Thalia sehen", verlangte Remus.
„Also, ich weiß nicht", erwiderte der Arzt. „Sie ist ohne Bewusstsein, und es ist kein besonders schöner Anblick. Vielleicht.."
„Bitte", flehte Remus.
„In
Ordnung, aber nur einen Moment", gab der Doktor nach. Er führte
Remus und Severus über eine Zwischentür in einen Seitengang
und öffnete eine Tür auf der linken Seite.
„Fünf
Minuten", sagte er.
Remus hörte es kaum. Er stürzte auf Thalia zu, die wie tot unter den weißen Laken ruhte. Ihre Haut war grau, die Wangen eingesunken. Ein Beatmungsgerät verhinderte, dass sie erstickte, ihr Brustkorb hob und senkte sich im Rhythmus, den die Maschine vorgab. Über einen Schlauch, der in ihre Vene führte, lief eine Infusion. Tropfen für Tropfen des Kreislaufmittels rann durch den durchsichtigen Kunststoff. Remus neigte sich über sie und küsste vorsichtig ihre trockenen Lippen. Sie waren kalt wie Eis.
„Remus." Severus' Stimme durchschnitt die Stille, die nur vom Fauchen der Maschine gebrochen wurde. „Dafür ist jetzt keine Zeit. Sieh' doch, sie stirbt. Öffne ihren Mund."
„Was hast du vor?"
Severus
griff in seine Tasche und holte drei kleine, runde Steine daraus
hervor.
Remus' Augen weiteten sich in Erstaunen. „Bezoare?"
„Was denn sonst? Ich habe keine Antidota gegen jedes der verwendeten Gifte. Schnell jetzt."
Vorsichtig öffneten sie ihren Mund, wobei sie der Tubus stark behinderte.
„Wenn wir ihn herausziehen, erstickt sie", befürchtete Remus.
„Streck ihren Kopf nach hinten. Ach verdammt, wofür bist du ein Zauberer?"
Remus zog den Stab.
„Incorporare", empfahl Severus leise.
„Incorporare" wiederholte Remus, tippte auf den ersten der versteinerten Fellknäule und dann auf die Region über Thalias Magen. Der Bezoar verschwand aus Severus' Hand. Er wiederholte den Zauber noch zweimal.
„Was tun wir jetzt?" fragte er den Slytherin verzweifelt.
„Bete,
wenn du kannst", sagte der Tränkemeister und wandte sich ab.
Remus folgte ihm mit den Augen. Vor der Tür verwickelte er den
jungen Arzt in ein Gespräch, Remus hörte ihre Stimmen und
eine Weile später Schritte, die sich entfernten.
Erschöpft
ließ er den Kopf auf Thalias Bauch sinken. Ihre Hände
waren so kalt wie ihre Lippen. Er nahm sie in seine und begann, die
schlanken Finger einzeln zu reiben, damit das Blut in Bewegung blieb.
Auf dem Gang klapperten Schuhe. Eine Frauenstimme erkundigte sich: „Wer liegt denn da im Sterbezimmer?"
„Eine junge Frau, die vergiftet und angezündet worden ist. Wirklich fürchterlich", antwortete eine zweite weibliche Stimme. „Willst du sie sehen?"
„Nein, lieber nicht", erwiderte die erste Frau.
Ihre Schritte entfernten sich wieder.
Man hatte Thalia also bereits aufgegeben. Remus' Augen brannten, aber er hatte keine Tränen.
„Du
kannst mich jetzt nicht verlassen", flüsterte er und strich
ihr eine rote Strähne aus dem fahlen Gesicht.
„Verflucht,
Thalia!" Seine rastlosen Finger glitten über das glatte Holz
des Stabes und schlossen sich darum. Womit hatte Tonks ihn
gelegentlich zusammen geflickt? Ein Nothilfezauber.
„Sanitas", murmelte er. Er fühlte, wie die Kraft aus seinem Stabarm sickerte. Dort, wo der Stab Thalias Haut am Unterarm berührte, begann sie schwach zu leuchten, als absorbiere sie die Energie. Die Narben in dem kleinen Bereich zogen sich zusammen, bildeten eine Art Wirbel und sanken dann in die Haut ein oder hoben sich, als würde die Oberfläche brodelnd kochen. Dann verschwanden die Blasen und ließen nichts als helle, unversehrte Haut zurück.
Remus starrte auf die fast kreisrunde Stelle, dort wo er den Zauber gewirkt hatte. Er wiederholte den Spruch etwas höher mit dem gleichen Resultat. Die feinen Narben verschwanden spurlos. Vorsichtig deckte er Thalia auf und setzte den Stab über ihrem Nabel auf. Er konzentrierte sich, sammelte jedes Quentchen arkaner Energie, das er abrufen konnte.
"Sanitas!!!"
Er schrie den Zauber heraus.
Die Tür öffnete sich mit weitem Schwung, und Severus trat herein. Den Arzt hatte er abgeschüttelt. Über Thalia hatte sich ein Strudel weißen Lichts gebildet, der jetzt an Remus' Stab entlang in ihren Leib sickerte. Das Licht verteilte sich auf ihrem Bauch und verschwand. Für einen Augenblick geschah nichts, und Remus fürchtete schon, einen fatalen Fehler begangen zu haben, aber dann begann Thalias Haut zu glühen. Die Narben und Wülste um ihren Nabel bewegten sich wie Schlangen hin und her, sie schlugen Blasen und verschwanden ebenso wie die an ihrem Arm.
„Merlins Bart!" rief Severus aus.
Es dauerte einen Moment, bis Remus begriff, dass der Ausruf nicht dem etwa handtellergroßen Areal galt, auf dem nichts als makellose Haut zurück geblieben war, und auch nicht dem Ring, der es umgab, und in dem statt grober Wülste und Krater nur mehr feine weiße Linien zu sehen waren. Der Ausruf hatte dem Blut gegolten, das in die Wangen der Kranken geströmt war und sie beinahe frisch aussehen ließ. Severus ließ eine Hand über Thalias Stirn gleiten.
„Sie ist heiß. Du bist auf dem richtigen Weg, aber ich glaube, sie braucht eine Pause", sagte er bedächtig. „Kannst du dieses Wasser in ihren Magen befördern? Es würde die Auflösung der Bezoare beschleunigen." Er zog eine Flasche gewöhnlichen Mineralwassers aus der Jacke.
„Ich kann meinen Arm nicht mehr bewegen", erwiderte Remus verzweifelt. „Ich befürchte, ich habe den arkanen Bahnen zuviel zugemutet. Und ich bin aus der Übung."
„Dann brauchen wir einen weiteren Zauberer. Sie wird wieder blasser."
Es stimmte. Das Rot in Thalias Wangen verflüchtigte sich so schnell, wie es aufgewallt war. „Ich suche Fletcher", verkündete Severus.
„Nein", widersprach Remus. „Besorg mir so etwas wie eine arkane Batterie."
Severus
kniff die Augen zusammen, als versuche er sich an etwas zu erinnern.
„Entschuldige, arithmantische Energielehre ist gelöscht
bei mir. Was genau brauchst du?"
„Ein Kristall wäre ideal. Aber zur Not geht es auch mit einer magischen Pflanze oder einem Tier."
Der
Tränkemeister zog eine goldene Uhr aus einer der vielen Taschen
seiner Jacke.
„Ich beeile mich", versprach er. „Aber ich muss
die U-Bahn nehmen."
„Musst du nicht", ertönte eine bekannte Stimme von der Tür her.
Remus blickte auf.
„Mein Motorrad steht unten. Komm, ich
fahre dich." Gianni überwand die Distanz zu Thalias Bett mit
drei langen Schritten und strich ihr zärtlich über die
jetzt wieder fahlgrauen Wangen.
„Pass auf sie auf, Moony",
sagte er leise und zog dann den Tränkemeister am Arm hinter sich
aus dem Raum.
Remus
blieb alleine zurück mit der Frau, die er liebte, und die man
ins ‚Sterbezimmer' abgeschoben hatte. An der Wand hing ein
schlichtes Holzkreuz, das einen merkwürdig verzerrten Schatten
warf. In einer Schublade fand er eine Bibel. Seines Wissens kamen
Werwölfe in diesem Buch nicht vor, wenigstens ganz sicher nicht
als Teil der Himmlischen Heerscharen. Er schloss das Schubfach
wieder. Langsam kehrte das Gefühl in seine Finger zurück.
Er
schob sich den harten Stuhl näher an Bett heran, zog die Knie an
und hielt Thalias Hand in der seinen. Es gab nichts anderes, das er
jetzt für sie tun konnte.
Wie
Virginia ins Zimmer gekommen war, hätte er später nicht
sagen können. Sie stellte eine dunkle, voluminöse
Ledertasche am Fußende des Bettes ab. Über dem Arm hatte
sie einen weißen Kittel, der ein Namensschild trug, auf dem
„Dr. Sparks" geschrieben stand. Sie musste ihn irgendwo in einem
der Ärztezimmer ‚requiriert' haben, um nicht aufzufallen.
Sie zog ihn an und begann dann, Medikamente aus Flaschen auf
Injektionsspritzen zu ziehen. Sie las die Beschriftung der Infusion,
warf einen genauen Blick auf die Medikamentenkarte am Bett, und eine
steile Falte erschien auf ihrer Stirn.
„Viel zu schwach
dosiert", sagte sie mehr zu sich selbst als zu Remus und drehte die
Infusion schneller.
Dann
reichte sie Remus einen in Seide eingewickelten Gegenstand.
„Severus
sagte am Telefon, du brauchst eine Art Katalysator."
Remus
wickelte den schweren Stein aus. Es war ein Bergkristall. Er legte
die Hand darauf.
„Er wird blind werden."
„Das ist mir so egal", antwortete die Apothekerin und begann, Thalia die mitgebrachten Medikamente zu injizieren. Remus wusste, dass sie keine Ärztin war, aber er hatte sie arbeiten sehen. Er bezweifelte nicht eine Sekunde, dass sie wusste, was sie tat. Er schloss die Augen und konzentrierte sich auf die Kraft, die in dem Kristall steckte. Am Ende des Prozesses tat sein Stabarm immer noch weh, aber er würde wieder zaubern können.
Virginia
warf einen Blick auf Thalias Bauch.
„Wie hast du das gemacht?"
fragte sie und strich mit der Hand vorsichtig über die weiche
Haut.
„Eine Nebenwirkung des Heilzaubers", sagte Remus müde.
„Ich
verstehe. In Ordnung, den Magen hast du. Mach mit der Lunge
weiter…oder nein, die Beatmung versorgt sie mit ausreichend
Sauerstoff, wie es scheint." Virginia hatte einen Blick auf den
Monitor mit den grünlich flimmernden Anzeigen geworfen, die
Remus nicht zu deuten wusste.
„Die
Leber. Sie braucht deren Funktion zur Entgiftung. Hier." Sie legte
ihre schmale Hand unter Thalias rechten Rippenbogen.
„Was hast du ihr gegeben?" fragte Remus.
„Antidota gegen die Pflanzentoxine. Digitalisantitoxin vom Schaf, Colestyramin, Engelwurzel gegen die Tollkirsche, Physostigmin, ebenfalls dagegen und auch gegen das Gift der Engelstrompete. Wir dürfen ihren Kreislauf nicht zusammenbrechen lassen. Tu deine Arbeit, Remus. Ich kann dich nur unterstützen. Ohne ein Wunder wird sie nicht überleben."
Remus stand mühsam auf, setzte den Stab auf die von Virginia bezeichnete Stelle und sammelte sich.
„Sanitas!"
Wieder floss das helle Leuchten von seinem Stab in Thalias Körper, wurde davon förmlich aufgesogen und brachte ihre Haut zum Glühen. Remus hielt den Zauber, solange er konnte. Das Areal, in dem die Narben sich glätteten, war diesmal nur handtellergroß, aber nach kurzer Zeit lief ein Zittern durch Thalias Körper.
„Bemerkenswert", konstatierte Virginia. „Sieh' mal, wie ihre Körpertemperatur steigt." Remus folgte dem Fingerzeig. 35, 3….35, 5….bei 37,2 pendelte sich der Wert ein.
„Gott sei Dank hat Leo keine Ahnung von Giftpflanzen. Die Wirkungen der Gifte neutralisieren sich zum Teil. Leider erfuhren wir nicht, wie viel er verwendet hat, weil er es selbst nicht mehr weiß. Das größte Problem ist die Engelstrompete. Das Halluzinogen ist so stark, dass es eine Drogenpsychose auslösen kann." Sie sah Remus an. „Entschuldige, ich plappere. Ich bin furchtbar aufgeregt. Ich habe schreckliche Angst um meine Freundin."
Remus
nickte. Er war völlig ausgepumpt von den fordernden
Zaubern.
„Drogenpsychose?" fragte er dennoch.
„Ein Trip, von dem du nicht mehr runterkommst. Ein nie endender Albtraum. Aber ich gebe ihr noch Chlorpromazin." Virginia presste die Lippen aufeinander. „Sie haben Leo mitgenommen", fuhr sie dann zögernd fort. „Und Jimmy auch."
„Jimmy? Warum?"
„Leo hat ihn der Körperverletzung bezichtigt, und ehrlich gesagt, danach sah es auch aus. Es war so offensichtlich, dass den Polizisten keine Wahl blieb."
„Er braucht einen Anwalt", hörte Remus Severus sagen, der plötzlich hinter ihm stand.
Auch Gianni befand sich bei ihnen im Raum. Remus bemerkte ihn ebenfalls erst jetzt. Er hatte sich einen weiteren Stuhl organisiert und lehnte an der Wand, die Motorradstiefel hatte er ausgezogen und neben sich gestellt.
„Morgen kümmere ich mich darum", sagte er. „Heute geht da ohnehin nichts mehr. Jimmy ist ein großer Junge. Der wird sich die andern großen Jungs schon vom Leib halten."
„Wo kommt ihr denn alle auf einmal her?" fragte Remus. „Ich habe euch nicht kommen hören."
„Du warst vorübergehend nicht erreichbar", sagte Virginia mit einem warmen Lächeln.
Er starrte mit leeren Augen auf Thalia. Ihre Gesichtsfarbe hatte sich verändert. Sie war nun nicht mehr grau, sondern grünlich.
"Die gute Nachricht ist, sie merkt nicht einmal, wie übel ihr ist", verkündete Gianni.
„Und die schlechte?" erkundigte sich Remus besorgt. Bei Merlin, wie hatte er nur einschlafen können?„Wir haben dein Tier nicht bekommen. Auch keine Pflanze. In dieser komischen Straße, in der wir danach gesucht haben, wimmelte es plötzlich von Uniformierten…"
„Auroren", ergänzte Severus.
„...jedenfalls mussten wir schleunigst verschwinden", führte Gianni seinen Satz zu Ende.
„Wir
haben eine Nachricht für Fletcher bei Tom im Tropfenden Kessel
hinterlassen", informierte der Tränkemeister. „Bis er die
hat,
musst
du hiermit auskommen." Er reichte Remus eine schwere, kleine Kiste.
Sie enthielt einen unscheinbaren, graubraunen Stein. Doch Remus
spürte die Energien, die den Gesteinsbrocken umkreisten. Er
schloss die Augen.
„Pechblende", sagte er leise.
„Ihr seid ja wahnsinnig!" entfuhr es Virginia. „Da ist Polonium drin, das ist radioaktiv."
Schützend hielt sie die Hände von ihren Bauch. „Nimm das sofort von Thalia weg, Remus!"
„Keine Angst", sagte er zu ihr. „Das ist vorwiegend ein Alphastrahler. Die gehen alle in meinen Körper. Werwölfe wandeln Alphastrahlen in arkane Energien, eine kleine physiologische Besonderheit." Er steckte den Stein zurück in die Bleikiste.
„Leer", verkündete er.
„Wen
habt ihr überfallen, den KGB?" fragte Virginia, immer noch
völlig konsterniert.
All das war vermutlich selbst für die
patente Apothekerin etwas viel auf einmal.
Gianni
setzte sich auf und zog seine Stiefel wieder an.
„Lass uns 'nen
Kaffee trinken gehen, Gina. Die Jungs schaffen das hier schon."
Er setzte sein charmantestes Lächeln auf, und tatsächlich gab Tolkiens Elfe nach.
Severus stützte die Stirn in seine Hand. „Ich werde nie begreifen, wie er das macht. Die einzige Frau, die ihm je widerstehen konnte, war Minerva."
„Und Molly", setzte Remus hinzu. „Aber ich glaube nicht, dass du dich fürchten musst."
„Ich fürchte mich nicht. Sie würde ihn nach drei Tagen davon jagen. Solange kann ich mich zur Not im Pub betrinken."
Remus musste lachen. Es tat weh und gut zugleich.
„Geht doch", grinste Severus, um gleich wieder ernst zu werden. „Lass uns zaubern, du nuklearer Werwolf."
oooOOOooo
Als
Dr. Grady am nächsten Morgen um sechs in Zimmer 243 kam, mit
beklommenem Gefühl und dem unausgefüllten Totenschein in
der Kitteltasche, denn er hatte den Vorbericht des in der Nacht
diensthabenden Kollegen gelesen, staunte er nicht schlecht. Zum einen
war der von den Schwester und Ärzten heimlich als ‚Sterbezimmer'
bezeichnete Raum voller Menschen. An der hinteren Wand lehnte auf
einem Stuhl einer dieser langhaarigen Kerle, mit denen seine älteste
Tochter sehr zu seinem Verdruß stets auszugehen pflegte. Der
Typ hatte seinen Ledermantel über einen weiteren Stuhl geworfen
und die Stiefel ausgezogen. Er trug zur Irritation des Arztes
Strümpfe von Gianni Versace.
Weiteres
Ungemach bedeuteten die beiden Pharmakologen, die den armen Arzt
bestürmten, ein merkwürdiger dunkelhaariger Typ und eine
ätherische Blondine, die ihm mit grimmigem Ausdruck eine
Liste mit Rezepturen in die Hand drückte.
Wieso
die beiden den Inhalt des Polizeiberichts kannten, der erst einige
Minuten zuvor aus dem Polizeipräsidium gefaxt worden war, und in
dem die Gifte aufgezählt waren, mit denen der mutmaßliche
Mörder die Patientin vergiftet haben wollte, war und blieb ihm
schleierhaft.
Neben
dem Bett der jungen Frau kauerte ein müde und erschöpft
wirkender Mann mit grauen Schläfen, dem die durchwachte Nacht
ins Gesicht geschrieben war.
Dr.
Grady trat an das Bett. Die Patientin lebte. Es war nicht logisch und
auch sehr unwahrscheinlich, aber in dreißig Jahren als Arzt
hatte er schon manches Wunder gesehen: Krebs im Endstadium, der sich
spontan zurückbildete, ohne dass es eine Erklärung dafür
gegeben hätte, kleine Infektionen an nichtigen Wunden, die
Männer so stark wie Ochsen fällten. Miss Silenda war ein
solches Wunder. Sie war blass und ihr Herzschlag tachycard, aber ihr
Puls war stabil und die Sauerstoffsättigung des Blutes fast am
normalen Bereich.
Er
untersuchte sie sorgfältig. Das merkwürdige Volk um sie
herum reagierte nicht auf seine Aufforderung, den Raum währenddessen
zu verlassen.
Dr.
Grady war ein erfahrender Arzt und ein alter Mann. Es lohnte nicht
die Mühe, mit diesen Leuten zu streiten.
Er
rief eine Schwester, die ihm bei der Entfernung des Tubus assistierte
und der Patientin einen Schlauch mit Sauerstoff in die Nase legte.
Der Anblick des Totenschädels auf dem Oberkörper der jungen
Frau, dem jedoch ein Auge und der halbe Unterkiefer fehlten,
verfolgte den armen Dr. Grady noch Wochen später in seinen
Träumen, als Miss Silenda längst entlassen war.
oooOOOooo
„Du musst arbeiten gehen, Remus". Jimmy drehte nervös den Schlüssel der ‚Dnepr' in der Hand.
„Aber wenn sie aufwacht?" Remus hatte sich die letzten achtundvierzig Stunden nur von Thalias Seite fortbewegt, um zur Toilette zu gehen.
„Dann wird eine Schwester da sein, und um acht kommt Virginia und sieht nach ihr. Vermutlich nachdem sie die Stationsärzte terrorisiert hat. Wie man hört, hat der Chefarzt den Krankenhauspharmakologen von der Visite ausgeschlossen."
„Ich kann nicht fort", erwiderte Remus trotzig. „Ich will nicht."
„Sie
wird keinen arbeitslosen Stadtstreicher wollen, also komm endlich.
Außerdem könntest du dringend eine Dusche gebrauchen. So
wie du jetzt bist, wird sie dich nicht mal mit spitzen Fingern
anfassen."
Jimmy blieb beharrlich. Endlich hatte er Remus
überzeugt.
„Du
kannst heute Nachmittag um eins wieder hier sein. Aber jetzt müssen
wir wirklich los."
„Ich kann nicht glauben, dass Gianni dir das Motorrad geliehen hat", sagte Remus.
„Ich kann nicht glauben, dass ich mein Leben auf diesem Feuerstuhl zweifelhafter kommunistischer Herkunft riskiere. Immerhin sind in dieser Stadt Pakettransporter unterwegs, und ich weiß, wie die fahren."
oooOOOooo
„Mr. Lupin", sagte Bruchmuellers Sekretärin freundlich. „Mr. Mortensen hat mir das mit Ihrer Freundin erzählt, das ist ja so furchtbar. Geht es ihr denn schon besser?"
Remus räusperte sich. Auf diese Art der Anteilnahme war er nicht gefasst gewesen. „Sie wird durchkommen. Die Ärzte sagen, sie habe großes Glück gehabt."
„Was für eine dramatische Geschichte!" sagte die Sekretärin bewundernd. „Nun ja, dann trage ich Sie jetzt als wieder anwesend ein. Ach, da fällt mir ein, Ed ist krank. Hexenschuss. Sie müssen heute seine Arbeiten mit verrichten. Ich hoffe, das ist kein Problem?" Sie sah ihn über den Rand ihrer quadratischen Brillengläser hinweg an.
Remus
seufzte und nickte dann. „Geht klar."
Jimmy hatte Recht, Thalia
war versorgt, und er war auf diesen Job angewiesen.
„Keine Sorge, Sie werden schon halbwegs pünktlich hier heraus kommen. Ihnen steht selbstverständlich der Linde-Stapler zur Verfügung." Sie lächelte, und das Telefon klingelte. Die Unterredung war beendet.
Als er an diesem Nachmittag ging, fand Remus an seinem Spind einen verschlossenen Umschlag. Er enthielt eine Anmeldung zu einem Datenverarbeitungskurs.
oooOOOooo
Thalia wachte auch an diesem Nachmittag nicht auf. Abends um zehn überredete Severus den völlig erschöpften Remus, endlich nachhause zu fahren. Als Remus am nächsten Tag nach der Arbeit ins Krankenhaus kam, hörte er Gianni schon vom Gang aus lachen. Und er hörte Thalia. „Nur ein bisschen auf Wangen und Lippen, Gianni. Ich will ein bisschen hübsch sein für Remus. Und wehe, ich sehe hinterher aus wie Rickman."
Remus fühlte, wie sich sein Herzschlag beschleunigte. Endlich!
Gianni stand neben dem Bett, eine ganze Palette Pinsel, Tiegel und Döschen über der Decke ausgebreitet.
Im
Bett saß – eine ganze Batterie Kissen im Rücken –
Thalia. Gianni hantierte mit einem Schwämmchen in ihrem Gesicht.
„Voila, Aschenputtel. Noch nicht am Ballabend, aber wir müssen
dankbar sein, dass du überhaupt lebst."
„Ich denke Dornröschen trifft es eher. Und wie ich leider sehen muss, ist mir schon ein anderer Prinz zuvorgekommen." Remus betrat den Raum. Thalia und Gianni strahlten um die Wette.
„Remus!"
„Sieht sie nicht prima lebendig aus?" fragte Gianni grinsend. "Du hättest sie vor dem Make-up sehen sollen – Frankensteins Braut."
Thalia versuchte, ein Kissen nach Gianni zu werfen, aber er wich gekonnt aus.
„Wenn hier jemand Frankensteins Braut sein sollte, bist du das, Gianni", sagte sie spöttisch.
Remus schloss Thalia in die Arme, darauf bedacht, nicht zu fest zuzudrücken, um ihr nicht wehzutun und küsste sie vorsichtig auf den Mund.
„Sie ist weder zerbrechlich noch Poison Ivy, weißt du", bemerkte Gianni lächelnd, und der Schatten, der eine halbe Sekunde zuvor noch über sein Gesicht gehuscht war, war verdrängt.
„Spiel draußen mit deinen Farben", sagte Severus von der Tür her. „Und du, Wolf, küß bloß die Prinzessin gesund, damit dein Hund aus meiner Küche verschwindet."
„Wo ist Strolch?" fragte Thalia und blickte in die Runde.
Gianni grinste. „Er ist zu Severus' kleinem Satelliten avanciert." Dann imitierte er gekonnt Virginias Stimme: „Ich kann keine Apotheke führen mit einem Hund zwischen den Füßen, Severus. Sei so gut und nimm ihn mit nach oben." Du kannst von Glück sagen, dass sie nicht ‚nimm ihn mit in die Küche' gesagt hat."
„Ich hätte dich hinter dem Torbogen lassen sollen, als ich es konnte", schnarrte der Tränkemeister, und für einen Augenblick lag ein beängstigender schwarzer Glanz in seinen Augen.
„Wann kann ich nachhause?" fragte Thalia, bevor die Situation eskalierte.
Die drei Männer sahen sich an.
„Hast du…?" fragte Remus, an Gianni gerichtet.
„Nein, dazu bin ich nicht gekommen", beeilte dieser sich zu sagen. „Und ich muss jetzt auch dringend noch etwas…erledigen."
„Wärest du wohl so liebenswürdig, mich mitzunehmen?" fragte Severus. Auch er schien es plötzlich eilig zu haben, denn er fügte hinzu: „Ich muss noch etwas für Gina…besorgen."
Sie wünschten Thalia ‚Gute Besserung' und verschwanden im Eiltempo.
„Grüß Gina!" rief Thalia Gianni hinterher. Dann war das Lächeln auf ihrem Gesicht auf einmal wie weggewischt.
„Warum kann ich nicht nachhause?" verlangte sie zu wissen.
Remus konnte sie kaum ansehen, aber ihm war klar, dass sie es irgendwann ohnehin erfahren musste.
„Du weißt, warum du hier bist?"
„Lebensmittelvergiftung, hat Gianni gesagt", erwiderte sie.
Remus
knirschte mit den Zähnen. Das war nicht einmal gelogen, im
weitesten Sinne.
„Du hattest Streit mit Leo. Ich vermute
meinetwegen", begann er.
„Ja",
bestätigte sie erstaunt. „Er war wirklich wütend auf
mich, völlig außer sich. Er hat ein paar…nicht besonders
feine Dinge zu mir gesagt." Sie wischte sich verstohlen eine Träne
aus dem Augenwinkel. „Ich konnte das gar nicht einordnen, er war so
tolerant, als ich und Gianni…na, jedenfalls hat er sich ziemlich
schnell wieder im Griff gehabt. Ich bin dann rüber in den Laden
und habe über Mittag geschlossen, um Yoga zu machen. Danach kam
er mit einem Glas Obstsaft und meinte, es täte ihm leid, dass er
so ausfallend geworden sei, und wir sollten uns doch wieder
vertragen. Danach…ich weiß nicht, mir wurde schwindlig…oh."
Pures Entsetzen zeichnete sich plötzlich auf ihrem Gesicht
ab.
„In dem Saft war Stechapfel", sagte Remus leise und streichelte ihre Hand. „Und Tollkirsche und Fingerhut. Leo hat versucht, dich zu töten. Es war pures Glück, dass wir dich rechtzeitig gefunden haben, bevor…". Er brach ab.
„Das glaube ich nicht", sagte Thalia. „Er würde niemals…"
„Er hat es getan!" Remus war plötzlich wütend, weil sie ihm nicht sofort glaubte. „Er hat gewartet, bis du ohnmächtig warst, und dann hat er eure Wohnung angezündet! Mit dir darin! Und das ist der Grund", sagte er wieder ruhiger und holte tief Luft, „warum du nicht nachhause kannst, abgesehen davon, dass du noch viel zu krank bist."
„Wo ist er jetzt?" flüsterte sie.
„In einem psychiatrischen Krankenhaus."
Sie schwiegen.
Irgendwann räusperte sich Remus. „Das muss ein großer Schock für dich sein. Du hast gesagt, er habe…anders reagiert, als du und Gianni…als ihr zusammen gekommen seid."
„Damals", erwiderte Thalia, „habe ich ihm auch nicht gesagt, dass ich gehen würde."
TBC
So, Ihr Lieben! Noch zwei Kapitel, dann habt Ihr es geschafft. Mit dem letzten liege ich allerdings noch im Clinch. Ich denke, wir bekommen Mittwoch das Update und am nächsten Wochenende das Finale.
Ich geh' dann man DFB-Pokal gucken und den Clubberern die Daumen drücken.
Liebe Grüße
Eure Slytherene
