Ein Strolch zum Verlieben
Fanfiction von Slytherene
Liebe Lesende!
Mit einem Tag Verspätung geht es weiter. Leider wird es dieses Wochenende kein Update geben, da ich unterwegs bin. Irgendwann muss ja auch der Inspirationsspeicher wieder aufgefüllt werden.
Für die Reviews bedanke ich mich sehr herzlich bei Ewjena, Nutellamädchen, Lina, MissMoony,, Moony4ever, Berserkgorilla und Nicole.
Beta gelesen wurde auch dieser Text von TheVirginian, der an dieser Stelle mal wieder herzlich gedankt sei.
Was erwartet uns? Severus denkt über einen Job beim Theater nach, Remus über Elternschaft und Lucius überlegt, wie er Greenpeace unterstützen könnte – so ungefähr jedenfalls.
Noch eine Aussage vorweg: Ich habe nichts gegen die Gegend um Leer und Aurich – echt nich'. Ihr seid nicht rückständig, Leute. Und wenn Ihr merkwürdig seid, dann ausschließlich aus literarischen Gründen. Ehrlich. Ich hoffe, ich darf auch weiterhin in Bensersiel Urlaub machen.
Gute Unterhaltung!
Musicus:
Klaus Lage „Faust auf Faust"
23. Im Ministerium
Die Tage rauschten vorbei. Thalias Zustand besserte sich schnell, nicht zuletzt durch den Stärkungstrank, den Severus ohne Magie – wenn auch unter Verwendung magischer Zutaten, die Dung besorgte – zusammenbraute. Virginia hingegen behauptete mit schalkhaftem Lächeln, es läge an seinen hervorragenden veganen Aufläufen und Quiches, die er für Thalia ins Krankenhaus brachte.
Am Tag ihrer Entlassung hastete Remus eilig vom Paketservice ins Krankenhaus. Ausgerechnet heute musste der Linde eine Panne haben; Remus hatte Stunden gebraucht, um den Fehler zu finden. Seine Arbeit war unterdessen liegen geblieben, und so war es vier Uhr, bevor er gehen konnte. Als er das Zimmer im Krankenhaus leise betrat, sah er, wie Thalia mit großem Staunen ihren Bauch betrachtete. Unter dem rechten Rippenbogen und um den Nabel herum war der grausige Schädel, den ihr Stiefvater ihr eingebrannt und in die Haut geätzt hatte, verschwunden. Konzentrisch wurden die Narben zum Zentrum der Stellen, auf denen Remus den Zauberstab angesetzt hatte, immer feiner, um schließlich weicher, intakter Haut Raum zu geben. Als sie Remus bemerkte, zog sie eilig das Hemd wieder herunter. Er trat zögernd näher, doch dann überwand er den merkwürdigen Moment und küsste sie zart auf den Mund.
„Kannst du es mir erklären…wo sie hin sind?" fragte sie.
„Seit wann weißt du's?", stellte er die Gegenfrage.
„Gestern Abend durfte ich endlich duschen. Ich habe meinen Augen nicht getraut. Wie können diese Narben so spurlos verschwinden?"
Remus zog sich einen Stuhl heran. Er hatte diesen Augenblick herbeigesehnt, ihm entgegen gefiebert, doch jetzt befiel ihn beinahe so etwas wie Lampenfieber. Umständlich zog er seinen Ärmel hoch. Der Abdruck von Thalias Silberring war als feines weißes Blatt in seinen Unterarm gebrannt.
„Auf dem Schiff habe ich dir erklärt, warum ich jeden Monat zu Vollmond einen Rückzugsraum finden muss. Ich nehme an, Severus hat letzte Unklarheiten beseitigt über die…Natur meiner Verwandlung?"
Sie nickte. „Ja, und Gina hat jede Menge Fragen dazu aufgeworfen. Sie widmet sich der Erforschung deines Fluchs mit wissenschaftlicher Hingabe."
„Ja, ich weiß. Sie treibt Severus gezielt in den Wahnsinn. Wenn er noch einmal ihre Theorie über Antikörper und Immunochemie hören muss, hat er gesagt, wird er lieber als Rickman-Double beim Theater arbeiten als noch einmal das Labor betreten."
Remus versuchte ein Lächeln. Es gelang einigermaßen. Seine Lykantrophie gehörte nicht zu den Dingen, die er mit Humor zu nehmen vermochte. Severus' bissige Anmerkungen hierzu ließen ihn manchmal immer noch zusammen zucken. Zu sehr erinnerte er in solchen Augenblicken an den ‚alten' Lehrer für Zaubertränke, der ihn seinen Lebenstraum gekostete hatte – zu unterrichten. Der Schmerz, der jedes Mal beim Gedanken an Hogwarts von ganz tief innen heraus gekrochen kam, würde wohl nie ganz verebben.
„Dass ich ein …dass ich lykantroph bin, muss allein schon ziemlich schwer zu verstehen sein", konzentrierte er sich wieder auf das, was er Thalia sagen wollte. „Ich bin dankbar, dass du meine Gegenwart trotzdem immer noch schätzt."
Sie lachte. „Das tue ich allerdings."
„Leider – oder Merlin sei dank – ist die Lykantrophie nicht das einzige, was mich von anderen Menschen unterschiedet." Er schluckte.
„Das weiß ich doch, Remus. Und es macht mir wirklich nichts aus, dass du bisexuell bist." Sie nahm seine Hand.
Er sah sie ziemlich perplex an. Dann schüttelte er den Kopf. „Das meinte ich gar nicht."
„Oh", sagte sie nur, schwieg und blickte ihm nun ihrerseits erwartungsvoll in die Augen.
Er holte tief Luft. „Die Vergiftung in deinem Körper bedurfte…besonderer Maßnahmen. Neben der medizinischen Hilfe durch Virginia und die Ärzte, neben deiner eigenen Kraft, gab es noch einen dritten Faktor, der dich geheilt hat." Er fixierte seine unruhigen Finger.
„Das klingt jetzt ziemlich ungewöhnlich, aber womit wir dir helfen konnten, das war Magie."
„Magie? Du meinst Reiki?" fragte Thalia.
„Nein. Keine Kraft oder Magie im esoterischen Sinne. Ich meine, richtige Magie. Zauberkraft. Thalia, ich bin ein Zauberer."
Remus beobachtete, wie seine schöne Freundin die Stirn runzelte, zweifelnd eine Augenbraue hob und ihn sehr besorgt ansah.
„Geht es dir gut?" erkundigte sie sich.
Er seufzte. „Ja. Es geht mir gut. Ich bin nicht verrückt. Ich bin einfach anders als die meisten Menschen." Er beugte sich zu ihr hinunter. „Vertraust du mir?"
„Natürlich vertraue ich dir", antwortete sie. „Ich glaube dir auch. Ich habe deine Augen gesehen, die wie Bernstein leuchteten. Fremder als jedes Raubtier wirkten sie. Trotzdem bist du das irgendwie. Da sollte mich ein bisschen Gläserrücken nicht stören."
Sie lächelte. „Der Mond ist mächtig."
„Das ist er", bestätigte er schaudernd. „Aber Gläserrücken erfasst nicht ganz das, was man mit Magie bewerkstelligen kann." Er zog ‚seinen' Zauberstab aus der Gesäßtasche und setzte ihn auf ihrem Unterarm auf. „Sieh her: Sanitas."
Wieder geschah, was schon in der Nacht des Mordversuchs passiert war: Die Narben hoben und senkten sich, die feinen parallelen Schnitte bildeten einen Strudel zarter weißen Linien und verschwanden. Da Remus den Stab flach angesetzt hatte, die Narben fein gewesen waren und kein verletztes Organ die heilende Kraft des Zaubers absorbierte, dehnte sich die makellose Hautfläche über Thalias gesamten Unterarm aus. Sie schrie auf vor Erstaunen. Mit geweiteten Augen starrte sie auf ihre Haut und die Spitze des Zauberstabes.
Remus spürte, wie sein Mund trocken wurde. Er räusperte sich, da Thalia immer noch sprachlos war. „Ich hätte es schon früher getan, ich meine, dir angeboten, diese Narben verschwinden zu lassen, aber ich habe erst als ich den Zauber anwenden musste, um dich zu retten, festgestellt, dass er sie heilt."
„Mit diesen Fähigkeiten arbeitest du im Paketshop? Damit hast du auf der Straße gelebt?" Typisch Thalia, nach dem ‚Warum' zu fragen, anstatt ihn sofort zu bitten, sie von dem widerwärtigen Schädel auf ihrem Körper zu befreien.
„Ich hatte lange keinen Zauberstab. Sie haben mir meinen weggenommen, weil ich ein Werwolf bin. Dieser hier gehört Severus."
„Severus ist auch…ein Zauberer?" Thalia schien jetzt wirklich völlig verblüfft.
„Er war es. Er hat seine Kräfte verloren. Aber das ist lange Geschichte", erwiderte Remus.
„Ich hatte schon immer das Gefühl, dass er aus einer anderen Welt stammt, aber das…" Sie schüttelte den Kopf. „Wer hat dir deinen Zauberstab weggenommen?"
Remus zog eine Grimasse. „Das Zaubereiministerium. Es gibt Gesetze gegen Werwölfe – aber auch das ist eine lange Geschichte. Doch für den Moment ist mir nur wichtig, dass du mir verzeihst, dass ich nicht schon früher etwas gesagt habe. Es schien mir einfach so viel weniger wichtig als die Lykantrophie. Und ich hatte auch so unendlich viel, mit dem ich erst einmal selber fertig werden musste."
„Ich muss das erst einmal verdauen", sagte Thalia.
„Das verstehe ich gut. Aber ich will, dass du weißt, dass ich dich liebe. Auch wenn ich nicht immer ehrlich zu dir war. Es lag nie in meiner Absicht, dich anzulügen."
Er versuchte, ihre Gefühle in ihrem schönen Gesicht zu lesen.
Sie lächelte. „Du klingst wie Gianni. Ach Remus!" Sie schlang die Arme um ihn. „Mach dir doch nicht immer selbst das Leben so schwer. Mir ist es doch egal, ob du ein Werwolf, ein Zauberer oder ein Waldschrat bist. Mir liegt an dir als Mensch, an deiner Persönlichkeit." Sie strahlte ihn an. „Und wenn du diese Narben wegzaubern kannst…um so besser."
Sie küsste ihn zart und mit Hingabe. Dabei glitten ihre Finger über seine Wange.
„Was ist mit deiner eigenen Wunde hier?"
Er bedeckte den immer noch breiten Riss mit der Hand. „Magie kann weder Fluchnarben heilen noch solche, die man einem Werwolf mit Silber zufügt oder die er sich selbst beibringt." Er legte den Kopf an ihre Schulter. „Deswegen habe ich so viele davon. Der Wolf geht nicht sehr sorgfältig mit mir um, wenn ich ihn im Keller einsperre."
„Dann müssen wir ihn befreien", sagte Thalia energisch und gleichzeitig streichelte sie sachte Remus' Haar.
Es war dieselbe Antwort, die ihm Sirius vor mehr als fünfundzwanzig Jahren gegeben hatte, als Remus gestehen musste, dass er ein Werwolf war.
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Eine Woche später kehrte Thalia in ihren Laden zurück. Sie bat Jimmy, ihr ihren Hausaltar aus der verkohlten Wohnung zu holen, sie selbst betrat sie nicht wieder. Sie ließ den Hausrat entsorgen und schickte Leo über einen Anwalt die Rechnung. Er würde sie nicht bezahlen, aber das schien sie nicht zu interessieren.
Gianni bat seinen Vater, die Wohnung im East-End zu verkaufen und mietete ein kleines Apartment in der Nähe der Apotheke.
Remus absolvierte den Computerkurs, was zunächst einmal keinerlei Auswirkungen auf seine Arbeit hatte, und verbrachte seine Nachmittage bei Thalia im Laden. Zumeist las er und kraulte Strolch den Kopf, der es sich zur Gewohnheit gemacht hatte, auf seinen Füßen zu liegen. Wenn er nicht bei Thalia war, verbrachte er die Zeit mit Severus oder Virginia im Labor. Den Tränkemeister ließ der Gedanke eines modifizierten Wolfbanns nicht mehr los. Er arbeitete mit einer Besessenheit, die Remus beinahe ängstigte. Ihn selbst trieb der Gedanken an den unverbrüchlichen Schwur, den Malfoy geleistet hatte, immer noch um. Es musste doch einen Weg geben, an den Zaubereiminister heranzukommen…
Unruhig stand er eines Abends auf und sagte: „Ich geh' noch einmal mit Strolch vor die Tür."
Thalia nickte und wickelte weiter Schleifen um Pakete mit Kaffee. Er küsste sie und öffnete die Tür, vor der Strolch bereits erwartungsvoll auf- und absprang.
Es war Neumond, aber in Londons Straßen wurde es nie dunkel. Remus' Blick fiel auf ein Kinoplakat.
„Draculas Braut".
Die abgebildete Schauspielerin erschien Virginia wie aus dem Gesicht geschnitten, wie ein dunkler, böser Zwilling.
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„Das kommt überhaupt nicht in Frage!" donnerte Severus und schlug mit der Faust auf den Tisch. Remus konnte sich nicht erinnern, ihn jemals so außer sich gesehen zu haben. Wo, bei Merlins Bart, war der souveräne, beherrschte Slytherin geblieben?
„Remus sagt, sie kommen immer zu zweit", beharrte Virginia. „Leo fällt aus verständlichen Gründen aus, Jimmy ist zu groß und breit, Gianni schafft das mental nicht - außer mir kommt niemand in Frage. Thalia braucht eine Begleitung."
Sie saß sehr ruhig auf ihrem Stuhl, die schlanken Finger vor dem Bauch verschränkt und fixierte ihren Mann, dessen braune Augen Funken sprühten. Doch sie würde nicht nachgeben.
„Du erwartest ein Kind. Bitte, gib diesen Wahnsinn auf", flehte er jetzt eindringlich.
„Unter dem Kleid wird man es nicht sehen", erwiderte sie stur. „Außerdem hast du früher ständig so etwas getan."
„Ich kenne die Regeln, habe die Erfahrungen und die Fähigkeiten dazu. Ich bin ein Zau..." Er stockte.
Remus starrte angelegentlich auf seine Finger, als wolle er sie zählen. Es tat ihm leid, seinen Freund so hilflos zu sehen, und er überlegte angestrengt, ob er es überhaupt verantworten konnte, ihn mitzunehmen. Severus – das musste er erkennen – war nicht mehr der alte. Zu viel von dem ehemaligen Doppelspion war hinter dem Vorhang geblieben. Der neue Severus hatte ein paar Eigenschaften, die ihm in seinem jetzigen Leben Möglichkeiten eröffneten, die es für den Tränkemeister von einst nicht gegeben hatte: Er war offen, herzlich, zeigte seine Gefühle, und er würde einen fantastischen Ehemann und Vater abgeben. In einem Zaubererduell aber war er deplaziert.
Remus fühlte den Stab in seiner Gesäßtasche – Severus' Stab.
Thalia ergriff das Wort: „Entscheide du es, Remus. Du kannst am ehesten beurteilen, was möglich und notwendig ist." Sie sah ihn an, Ermutigung und Zuspruch im Blick.
Er räusperte sich. „Letztlich liegt es bei dir, Gina. Severus hat Recht, es ist sehr gefährlich. Wir können bei weitem nicht jedes Detail voraussehen, das schief gehen könnte. Und falls Malfoy mich besiegt – und das ist nicht so unwahrscheinlich, immerhin war er Voldemorts rechte Hand - wird es sehr eng werden. Wir können immer noch darauf verzichten, es zu versuchen."
„Man muss die Tyrannen töten, bevor sie übermächtig werden", sagte Thalia. Ihre Augen glitzerten enthusiastisch.
„Du hast zuviel Che Guevara gelesen und weißt zu wenig über den Tod", mahnte Severus. „Niemand wird sterben. Das hier ist ein völlig surreales Gespräch. Wir sitzen in unserer Küche und nicht in Grimmauldplatz Zwölf. Dies hier ist nicht der Orden des Phönix, sondern wir sind ein Haufen Muggel - eine Kauffrau, eine Pharmazeutin und ein Chemiker. Der einzige Zauberer hier am Tisch ist Remus." Er fixierte ihn mit seinem dunklen Blick. „Du hast – hoffe ich – genug Tote in deinem Leben gesehen."
Als er sah, dass der Werwolf noch nicht gänzlich überzeugt war, packte er ihn bei den Schultern. Remus konnte die Angst, die im Blick des Slytherin lag, nicht übersehen.
„Hast du denn nicht genug geopfert für diesen Kampf, Remus? Hast du noch nicht genug verloren? Die beiden Potters und Lily, die Weasleys, Albus, Hagrid, Minerva." Er hätte die Liste beliebig fortsetzen können. „Sie waren alle deine Freunde. Und Sirius. Reicht das denn nicht für mehr als ein Leben?"
Remus schluckte hart. Jeder einzelne Name tat weh, riss mehr oder minder verheilte Wunden auf.
„Sieh es ein, alter Wolf. Der Kampf ist vorbei."
Vielleicht hatte Severus Recht. Wenn er darauf verzichtete, Malfoy zu duellieren und ihn zu zwingen, den unverbrüchlichen Eid einzulösen, lag die Zukunft einer beschaulichen, friedlichen und zurückgezogenen Existenz hell und frisch wie ein Septembermorgen vor ihnen. Sie hatten Frühling und Sommer verloren, aber sie konnten vor dem Winter noch einen milden Herbst erleben. Severus und Virginia würden ihr Baby bekommen, und Remus könnte Pate werden. Und er selbst und Thalia... Sie hatten noch nicht darüber gesprochen, aber es gab keinen Grund, warum sie nicht auch Kinder bekommen sollten. Thalia war noch jung, er selbst nicht einmal vierzig.
Doch wie zerbrechlich waren diese Träume?
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Wie eine Königin hielt sie Hof, der goldene Brunnen plätscherte im Hintergrund.
Der kleine Wachzauberer wand sich unter ihrem herrischen Blick.
„Versteht doch, werte Dame von Krolok, Euer ehrenwerter Rat hat Euch nicht angekündigt. Der Minister ist noch in einer Besprechung und wünscht keine Störungen."
Angstvoll und mit Schweiß bedeckter Stirn starrte er auf die Abgesandte des Hohen Rats der Ungarischen Vampire, deren Diadem funkelnd die Farbe ihres blutroten Haarschopfs versprühte. Die große, blasse Frau trug ein kunstvoll verziertes nachtblaues Samtgewand aus dem neunzehnten Jahrhundert, dessen Rüschen und Schleppen bis auf den Boden reichten. Ihre roten Augen glitzerten, und zornig schob sie die Fangzähne über die dunkelroten Lippen. Sie musste gerade erst getrunken haben.
„Ich bin es nicht gewohnt zu warten", zischte sie. „Ich mag satt sein, aber die Komtess Maridschak könnte sich ihres Dursts erinnern."
Die erwähnte Adlige näherte sich dem völlig verzweifelten Mann, in dessen Gesicht jetzt pures Entsetzen stand. Die hellblonde Vampirin mit der gefährlichen Ausstrahlung einer Veela, deren silbergrauer Seidenmantel sie umfloss wie der Nebel der Karpaten, setzte ein beinahe elfenhaft schönes Lächeln auf, doch über ihre blassen Lippen schoben sich dabei zwei blendend weiße, spitze Eckzähne.
Der zweite Wachmann, ein großer, schlanker Zauberer, der sich bis jetzt im Hintergrund gehalten hatte, hob seinen Stab und sprach einen Nosferatu-Distalis.
Die Gräfin von Krolok warf den Kopf in den Nacken und lachte hell und grausam. Der Zauber prallte wirkungslos an ihr ab. Dann zog sie ihren Stab, einen zierlichen, leicht gebogenen Blutahorn, wie aus der feinroten Maserung leicht zu erkennen und richtete ihn auf den Wachmann.
„Expelliarmus!"
Der Zauber war so stark, dass der Mann nicht nur den Stab verlor, sondern auch mit großer Wucht gegen die Wand der Pförtnerloge geschleudert wurde. Er blieb bewusstlos liegen.
Sein Stab flog im hohen Boden durch die Luft und landete in der schlanken Hand der Komtess, die ihn grazil auffing.
„Wir sind mächtiger als du es dir in deinen kühnsten Träumen vorstellen kannst, Mensch", sagte sie mit eisiger Stimme zu dem ersten Wachmann. „Du wirst die Baronin und mich jetzt sofort zum Minister bringen oder du verantwortest die grässlichen Dinge, die andernfalls hier geschehen werden. Unsere Geduld ist erschöpft."
Der ängstliche Mann nickte ergeben. Remus konnte ein Grinsen nicht unterdrücken. Gianni hatte ganze Arbeit geleistet und sich selbst übertroffen. Thalia und Virginia strahlten eine Macht, Kälte und unterschwellige Grausamkeit aus, die niemanden, der ihnen auf den Gängen begegnete, daran zweifeln ließen, dass Malfoy eine Delegation hochrangiger Vampire erwartete.
Selbst Auroren wichen ihnen aus und schlossen leise die Türen ihrer Dienstzimmer. Dennoch war Remus froh, dass es nach dem Ende der Bedrohung durch Voldemort offenbar üblich geworden war, im Ministerium pünktlich Feierabend zu machen. So waren die meisten Büros an diesem späten Abend verwaist, und sie erreichten problemlos das oberste Stockwerk, in dem Lucius Malfoy, Minister für Zauberei, seit seiner vorgezogenen Wahl im letzten Monat residierte.
Der Wachmann erklärte den Auroren, die das Stockwerk bewachten, die Lage: Der Minister erwarte die beiden Damen vom Hohen Rat der Untoten, aufgrund eines Kommunikationsproblems seien sie bereits sehr ungehalten.
„Eine von ihnen ist zusätzlich eine Hexe", flüsterte der Wachmann den Auroren zu.
Der jüngere von ihnen trat an Thalia heran.
„In diesem Fall müssen wir Euch bitten, Euren Stab abzulegen. Selbstverständlich werdet Ihr ihn zurück erhalten, sobald Eure Unterredung mit dem Minister beendet ist."
„Ich kenne die diplomatischen Regeln. Belehre mich nicht!" erwiderte Thalia kalt und händigte ihm den Blutahornstab aus. Die roten Gefäße im Holz schienen sich pulsierend zusammenzuziehen und wieder zu dehnen, als sie ihn mit ihren Lederhandschuhen berührte. (Severus hatte die mit LEDs verzierten Dekohölzer in einem Gartenmarkt entdeckt, aber davon ahnte der Auror verständlicherweise nichts.)
Der andere Auror klopfte an die mit Schlangenschnitzereien und Messingbeschlägen in Drachkopfform versehene Türe, die Malfoy gleich nach seinem Dienstantritt hatte einbauen lassen.
Als keine Antwort ertönte, klopfte er noch einmal, dann schob er langsam die Türe auf.
„Verflucht, Barnes, ich hatte gesagt, keine Störungen!" schnarrte Malfoys Stimme. Er zog ärgerlich seine Robe zurecht, während eine zierliche brünette Hexe mit wirrer Frisur, rot glühenden Wangen und unordentlicher Robe wortlos durch die Tür huschte.
„Was gibt es denn so wichtiges?" schnarrte Malfoy verärgert.
„Sir, Sie haben einen Termin mit..."
„Mit mir!" Thalia rauschte durch die Tür, Virginia folgte ihr auf dem Fuße und bedeutete dem zweiten Auror mit einem unmissverständlichen Handzeichen, draußen zu bleiben. Die Gräfin von Krolok füllte das opulent ausgestattete Büro augenblicklich mit ihrer Präsenz. „Der Minister und ich hatten bereits das Vergnügen einer Begegnung", sagte sie charmant lächelnd und ließ ihre weißen Zähne blitzen. „Sie erinnern sich natürlich an mich", wandte sie sich Malfoy zu.
Dieser gewann schnell einen Überblick über die Situation, und er sah auch, dass sein einzig im Raum verbliebener Auror bereits seinen Stab gezückt hatte.
„Sparen Sie sich das Zauberstabgefuchtel, Barnes. Die Damen sind Muggel."
„Wirklich?" sagte Virginia und wies mit der Hand, an der ihre schwarzen Nägel krallengleich glänzten, auf ein Gefäß mit einem Wassertarpan, das hinter Malfoy im Regal stand. Der weißglühende Strahl aus ihrer Hand traf das Glas und ließ es in tausend Stücke zersplittern.
‚Soviel zu deiner Muggeltheorie', dachte Remus grimmig, und ließ seinen Stab sinken.
Malfoy erbleichte indes, sprang auf und verbeugte sich.
„Ich entschuldige mich für die Beleidigung. Sie geschah unbeabsichtigt und in Unkenntnis der wahren Lage. Bitte." Er wies auf eine Sitzgruppe vor dem Kamin.
„Du darfst dich entfernen", sagte Thalia zu dem Auror.
Dieser blickte unsicher zu seinem Vorgesetzten.
„Sie haben gehört, was die ehrenwerte Dame gesagt hat. Code 113. Nun machen Sie schon."
Thalia nickte Virginia zu. Die Zeit lief ab jetzt.
„Ich muss noch einmal um Verzeihung bitten, dass man Euch nicht Eurem Status entsprechend empfangen hat", sagte Malfoy ölig. „Weiterhin entschuldige ich nochmals meine Unhöflichkeit anlässlich Ihrer Jagd letztes Jahr, Madame", wandte er sich Thalia zu. „Es lag nicht in meiner Absicht, zwischen Euch und Eure gewählte Beute zu kommen. Ich habe die Situation falsch eingeschätzt."
„So wie eben?" lächelte Virginia kalt.
Malfoy fröstelte und zog seine Robe am Hals enger. Er war unsicher. Natürlich hatte er mittlerweile vermutet, dass er damals einem Muggelstreich aufgesessen war, aber jetzt zweifelte er sichtlich. Immerhin hatte er gesehen, wie die blonde Vampirin das Gefäß mit der seltenen Wassernatter darin zerschmettert hatte, und zwar stablos.
„Das tut mir wirklich äußerst Leid", erwiderte Malfoy und verbeugte sich noch einmal. „Aber ich bitte Euch zu bedenken, Madame, dass ich Euch einen Werwolf ausgeliefert habe. Sogar ein Mitglied des Phönixordens."
„Das wissen wir schon lange", sagte die Gräfin wegwerfend und leckte sich über die Lippen. Remus wurde heiß, als er es sah. „Über Werwölfe wie diesen möchten wir gerne mit euch verhandeln."
„Verhandeln?" fragte Malfoy erstaunt.
„Wir wollen sie alle – für uns." Die blonde Vampirin lehnte sich über seinen Schreibtisch. „Unser Durst ist übergroß, ebenso wie unser Wunsch nach Rache."
Malfoy starrte Virginia an. Ihre eisige Art war fast noch befremdlicher und beängstigender als die herrische der rothaarigen Vampirin, außerdem war es offensichtlich, dass sie noch nicht getrunken hatte. Ihre Lippen waren bleich und fast farblos, ihr ebenmäßiges Gesicht so kalt wie das eines Todesengels auf einem Friedhof.
Ein Lächeln erschien jetzt dennoch auf Lucius' Gesicht. Das Angebot des Rates war verlockend. Und die Zeit war reif, es anzunehmen. Die magische Gesellschaft würde den Werwölfen keine Träne nachweinen.
„Sie wünschen also, dass ich die formale Immunität der Zauberer gegen Eure Art aufhebe, was den lykantrophen Teil der Bevölkerung angeht? Das ist nicht mehr als eine Legalisierung des Geduldeten." Er sah die Vampire erwartungsvoll an.
„Ihr Siegel und das meine, Mr. Malfoy", sagte Thalia samtweich, „wird zukünftig diplomatische Verwicklungen zwischen unseren Spezies auf ein Minimum beschränken und eröffnet vielleicht den Weg zu einer fruchtbaren Zusammenarbeit." Die beiden Frauen lächelten kalt und berechnend.
Malfoys Zweifel erstarben sichtbar und machten einem nicht geringen Triumphgefühl Platz. Er würde der Zaubereiminister sein, der in die Geschichte einging und die alten Verträge erneuerte, zum wirtschaftlichen Vorteil der Zaubererschaft.
„Ihr bekommt sie", sagte er zu. Dann sprach er in eine kleine Kristallkugel, die auf seinem Schreibtisch in einem Kupferhalter ruhte. „Code 113 abbrechen. Keine Gefahr."
„Beginnen wir eine neue Ära des Vertrauen und der Zusammenarbeit", verkündete er gewichtig.
Er nahm einen kleinen goldenen Schlüssel von seinem Schlüsselbund und öffnete seinen Schreibtisch. „Setzen wir einen Vorvertrag auf. Ich schätze verbindliche Vereinbarungen."
Aus einer mit Edelsteinen verzierten Schatulle entnahm er ein altes, wertvolles Siegel aus massivem, grünlich schimmerndem Stein.
„Das Jadesiegel", sagte die Komtess beeindruckt.
„Ihr seid gut informiert", lobte Malfoy. „Natürlich werden wir eine geringe Jagdsteuer erheben müssen, eine Art Kopfprämie." Er lächelte böse.
Virginia winkte ab. „Unsere Sippe ist reich. Es spielt keine Rolle, was es kostet."
„Es ist nur eine Formalie", sagte Malfoy großzügig und zog ein paar Bogen edel wirkenden, dicken Pergaments aus seiner Schublade. „Wir wollen den Wert der Lykantrophen nicht überschätzen. Eine Prämie von einem Silberstück, grob geprägt, erscheint mir angemessen und mehr als ausreichend."
Er lachte. Die Vampire stimmten nicht mit ein.
„So. Scheint Ihnen das angemessen, Malfoy?" knurrte Remus direkt hinter dem Minister und zog endlich den Tarnumhang von den Schultern.
Malfoy erstarrte, dann begriff er. Sie hatten ihn so gründlich zum Narren gehalten! Er langte nach seiner Kristallkugel, aber Remus schlug sie ihm aus der Hand.
„Wie dumm von Ihnen, auf den gleichen Trick zweimal hereinzufallen", zischte er kalt.
„Lupin!" rief Malfoy aus. „Du kannst mich töten, aber solche wie du werden immer als Hunde und Bettler auf der Straße enden."
„Denken Sie? Lassen Sie mal sehen: Magisiertes Pergament, alles, was Sie schreiben, wird Gesetz, sobald Sie es abzeichnen und siegeln. Dann will ich es Ihnen mal diktieren, das neue Gesetz zum Schutz magischer Geschöpfe."
„Das werde ich nicht..."
„Oh, doch, Sie werden. Ich werde sonst jeden einzelnen verbotenen Fluch an Ihnen ausprobieren, der mir einfällt, und seien Sie gewiss, ich beherrsche mehr als drei!"
Remus diktierte ihm, was er mit Severus vorbereitet hatte. Das neue Gesetz würde der Diskriminierung und Willkür schnell und effizient den Gar ausmachen.
„Unterschreiben Sie!" befahl er Malfoy, nachdem dieser die wenigen Paragraphen niedergeschrieben hatte..
„Nein", weigerte sich dieser.
„Cru..."
Hastig unterzeichnete der Minister das Pergament.
„Dieses Gesetz wird nicht länger als einen Tag Bestand haben, Lupin, das müsste dir klar sein! Ich werde es morgen widerrufen, und dann jage ich dich und diese merkwürdigen Weiber, Vampire, Hexen oder was immer ihr auch seid!"
„Das glaube ich nicht, Malfoy." Remus stand nah hinter ihm, so nah, dass Malfoy seinen Atem auf seinem Hals fühlen musste. „Sie haben da ein kleines, aber wichtiges Detail übersehen: Einen unverbrüchlichen Schwur."
„Wenn du mich zwingst, abzudanken, wird wer auch immer mein Nachfolger wird, diesen Wahnsinn ebenfalls widerrufen." Malfoy grinste triumphierend.
„Aber Sie werden nicht abdanken", flüsterte Remus. „Das ist nicht mein Ziel. Sie, Minister, werden sich mit aller Kraft und Ihrem ganzen steinharten Herzen dafür einsetzen, dass alle magischen Geschöpfe mit sämtlichen magischen Grundrechten versehen, respektiert und sorgsam geschützt werden. Das ist der Wunsch, den Sie mir schulden."
„Niemals", erwiderte Malfoy, und seine Lippen bebten vor Zorn.
„Sie haben die Formel gesprochen, Malfoy. Widersetzen Sie sich meinem Wunsch, den zu gewähren Sie geschworen haben, aber ertragen Sie die Konsequenzen."
Sie wussten beide, wann ein Kampf entschieden war.
Malfoy nahm das Siegel und schlug es wütend in den grünen Lack, den der Werwolf auf das Pergament tropfen ließ.
Remus nickte den beiden Frauen zu, hielt mit seinem Stab Malfoy in Schach, dessen Gehstock er bereits konfisziert hatte, und trat neben den mächtigen Kamin. Aus einer silbernen Urne hieß er Thalia eine Portion Floopulver nehmen und ins Feuer werfen. Sofort färbten sich die Flammen grün und erkalteten. Virginia stieg in die Flammen, rief deutlich ‚Snape Manor' und verschwand. Thalia folgte ihr, doch in der Drehbewegung stolperte sie über ihre mehr als bodenlange Schleppe. Remus fing sie ab, doch dieser kurze Moment der Ablenkung genügte Malfoy. Er hechtete nach seinem Stab, entriss ihm Remus und richtete ihn auf Thalia.
„Wirf den Zauberstab weg, oder sie ist tot, Lupin." Seine kalten grauen Augen waren zu Schlitzen verengt. Er meinte es ernst.
Remus hätte jedes Duell mit Malfoy gewagt, aber er fürchtete um Thalias Leben. Natürlich konnte er versuchen, sie ins Feuer zu stoßen, aber würde er schnell genug sein?
Er ließ schließlich den Stabarm sinken, verzweifelte Wut im Bauch. Wenn die Auroren kamen, würden sie Thalias Gedächtnis löschen, aber sie würde leben. ‚Severus hatte Recht, wir haben zu viel riskiert', dachte er.
Malfoys höhnisches Gelächter riss ihn aus seinen Gedanken.
„Wusste ich's doch. Einmal Verlierer, immer Verlierer. Weg mit dem Stab, Lupin!"
Remus ließ los, und sein Stab kullerte klappernd auf die Erde.
„Und jetzt", geiferte Malfoy, „sieh ihr beim Sterben zu! Avada..."
Panisch schob Remus Thalia hinter sich, er war sich bewusst, dass es in diesem Fall nur ein Aufschub war, denn wenn Malfoy sie töten wollte, musste er nur ihn zuerst umbringen. Ihre Hand schob sich warm in seine.
„Das wagst du nicht, Lucius", sagte eine samtweiche Stimme neben Malfoys Ohr, und ein Zauberstab bohrte sich kalt in den Nacken des Ministers. Die Augen des blonden Mannes weiteten sich in namenlosem Entsetzen. Diese Stimme hatte er sofort erkannt.
„Aber d-du bist tot. Sie hat dich hinter den Vorhang gestoßen. Du solltest tot sein. Severus."
Er flüsterte den Namen des Tränkemeisters und drehte ganz langsam den Kopf.
Severus Snape hatte seinen Ebenholzstab direkt auf Lucius' Herz gerichtet. Sein Gesicht war so bleich wie eh und je, und die schwarze, in weichen Falten fallende Robe bauschte sich um seine Beine. Der Tarnumhang lag zu seinen Füßen.
„Ich kann die Frau oder Lupin immer noch töten", sagte Malfoy, doch seine Stimme zitterte.
„Was schert's mich?" entgegnete der dunkelhaarige Slytherin kalt. „Ein Vampir und ein Werwolf, wen kümmert das schon? Aber du und ich, wir haben noch eine Rechnung zu begleichen."
Malfoy verstand die Drohung und wirbelte herum, seinen Zauberstab jetzt auf die dunkle Gestalt des Tränkemeisters gerichtet. Im selben Moment handelte Remus. Er stieß Thalia ins Feuer, rief ‚Snape Manor!' und bückte sich nach seinem Stab.
„Wir könnten zusammen arbeiten, Snape", sagte Malfoy mit einschmeichelnder Stimme. „Ich kann dich rehabilitieren. An meiner Seite ist Reichtum und Macht. Was willst du von dem schäbigen Werwolf?" Er wies auf Remus.
„Dieser schäbige Werwolf ist mein Freund, Lucius. Ein Begriff, dessen Bedeutung du vermutlich vergessen hast." Severus sah Lucius an, und etwas wie Trauer lag in seinem Blick. Sie waren nicht immer Feinde gewesen.
„Dann willst du mich jetzt töten?" Malfoy hatte die Angst mittlerweile hinter sich gelassen. Remus hatte ihm den Stab abgenommen, hier gab es nicht mehr viel zu verlieren.
„Aber nein", sagte Severus sanft. „Ich habe mir das Töten abgewöhnt. Zu viele Tote auf meiner Seele bis hierher schon, du verstehst. Nein, du wirst von nun an dein Leben dem Schutz der Magischen Geschöpfe widmen, und ich werde dir dabei zusehen und im "Propheten" deinen Erfolg bewundern. Denn du wirst Erfolg haben, Lucius. Er klebt an Dir und deiner Familie wie Pech an den Füßen."
„Ich werde euch jagen", zischte Malfoy.
„Uns wirst du vergessen haben, ehe wir die Tür hinter uns schließen, Lucius.
Remus?"
„Aber gerne doch." Ein wölfisches Grinsen spielte um Remus' Lippen.
„Legilimens!"
Malfoys Gedanken schossen in verwirrenden, düsteren Bildern an Remus vorbei. Er kniete vor einer hohen, dunkel gewandeten Gestalt mit schlitzförmigen Nasenlöchern, und Remus konnte seine Angst, jedoch auch Ehrfurcht spüren. Er stand auf dem Balkon eines prachtvollen Schlosses, die umgebenden Ländereien lagen im Mondlicht. ‚Alles gehört mir, soweit das Auge reicht.' Triumph durchströmte ihn. Eine brünette Frau mit angstgeweiteten Augen stellte sich vor einen etwa dreijährigen Jungen. Eine kräftige Hand stieß sie zur Seite und entriss ihr das Kind. Malfoy legte den Stab auf den Kleinen an.
‚Mama!'
‚Avada….'
Szene um Szene schoss an Remus vorbei. Schließlich war er am Ziel: Lucius, vor sich das Gesicht der jungen Hexe, die vorhin aus dem Büro gelaufen war, als Thalia und Virginia ihn überrascht hatten mit ihrem ‚Besuch'. Remus löschte sorgfältig jede einzelne Erinnerung an den gesamten Vorfall. Seine Amnesia-Zauber waren fein gesetzt, er implementierte den Besuch zweier männlicher Vampire. Was auch immer die Auroren behaupten würden, Malfoy würde ihnen nicht glauben.
„Ich bin soweit, Severus", sagte Remus schließlich.
„Gut. Jetzt lässt du den Amnesius langsam fallen und baust den Fixatus gleichzeitig auf." Er sprach ihm leise die Formel vor.
„Non-Recurrens", beendete Remus die Formel. Jetzt würde niemand mehr Lucius' wahre Erinnerungen hervorbringen können. Beinahe vorsichtig bettete er den ohnmächtigen Zaubereiminister auf das Sofa in der Ecke seines Büros.
„Zeit, zu verschwinden", sagte er zu Severus, und nahm die Urne vom Kamin. Sie war leer.
Er legte seinen Arm auf den des Tränkemeisters. „Wir müssen apparieren. Entspann dich."
„Ich weiß, wie eine Bei-Apparition funktioniert", schnarrte Severus und angelte nach seinem Tarnumhang.
„Ich weiß, dass du es weißt. Aber es ist weit diesmal. Entspann dich trotzdem, sonst wird dir schlecht."
Remus konzentrierte sich, und mit einem leisen Geräusch verließen sie das Büro des Ministers.
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„Warte mal", bat Severus und krallte sich gleichzeitig an Remus' Unterarm fest. Das Gesicht des Slytherin war sehr blass, um nicht zu sagen leicht grünlich, und er kämpfte sichtlich um Haltung.
„Dir ist ja übel", stellte Remus fest und konnte ein Grinsen kaum unterdrücken, zumal jetzt die Anspannung von ihm abfiel. Er hatte Virginias Wagen bereits entdeckt, der in der Auffahrt parkte. Die beiden Frauen kamen aus Richtung der Herrenhausruine, wohin sie der Kamin gebracht hatte, und liefen auf die Zauberer zu.
„Himmel, Severus, du bist ja bleich!" rief Virginia aus, als sie näher kamen.
„Apparitionskrankheit, ist gleich vorbei." Remus grinste breit. „Das haben manche Muggel, wenn die Strecke etwas weiter ist."
„Oh, schweig stille, böser Wolf", tadelte ihn die Blondine. Dann wandte sie sich wieder ihrem Mann zu. „Thalia hat mir erzählt, was du getan hast. Es war sehr mutig, diesen Malfoy mit einer Zauberstabattrappe anzugreifen. Und er hat dir den Zauberer voll abgenommen, Kompliment."
Severus brachte ein, wenn auch sehr dünnes, Lächeln zustande.
„Das wäre auch noch schöner gewesen, wenn er darauf nicht reingefallen wäre in der Aufregung", relativierte Remus die ‚Heldentat.'
Thalia küsste ihn auf die Wange. Sie wirkte deutlich mitgenommener als ihre Freundin. „Tut mir leid, dass ich gestolpert bin. Das ist ganz schön eng gewesen."
„Was muss Gianni auch die Schleppe drei Meter lang schneidern", gab Severus ihrem Maskenbildner die Schuld.
„Jetzt schieb es nicht ihm in die Schuhe", nahm Thalia Gianni in Schutz. „Ich hätte selbst dran denken sollen. Dafür, dass du ihn gerettet hast, nörgelst du ganz schön viel an ihm herum", setzte sie hinzu.
„Harmlos", beschwichtigte Remus. „Du hättest die beiden mal früher erleben sollen – wie Hund und Katze. Im Vergleich dazu sind sie jetzt ein Herz und eine Seele."
„Eigentlich sind sie das ja auch", beendete Virginia die Diskussion. „Jetzt lasst uns hier verschwinden, wir haben schließlich noch etwas vor heute."
Sie ließen das heruntergekommene Herrenhaus hinter sich und fuhren ins Dorf. Im dortigen Pub wartete Gianni bereits, und es kostete sie einiges an Nerven, ihren aufgeregten Freund zu beruhigen. Sie waren spät dran.
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„Zeter nicht rum, arbeite lieber", kommandierte Severus.
Gianni ließ den Schwamm sinken und warf eine Puderquaste nach dem Tränkemeister, der sich jedoch geistesgegenwärtig duckte.
„Halt doch um Himmels Willen die Klappe, du alte Muggel-Fledermaus. Du machst mich ganz irre. Das Weiß muss runter."
„Vor allem muss es schnell gehen", warf Remus ein und blickte nervös auf die Uhr des kleinen Gästezimmers über der Schankstube, das sie angemietet hatten, um sich in Ruhe und unbeobachtet auf die nächste Aktion vorbereiten zu können.
„Sie darf nicht aussehen wie ein Vampir, wenn es klappen soll", mahnte Gianni und entfernte die letzten Make-up-Reste aus Virginias Gesicht. „Nimm mal diese roten Kontaktlinsen raus, meine Waldnymphe."
Gina nickte, und Severus grummelte. Ein paar Striche Rouge, und sie sah wieder wie ein Mensch aus. Das lange Seidenkleid hatte sie bereits abgelegt und gegen eine schlichte schwarze Robe vertauscht. Gianni nestelte an Remus' roter Perücke herum. „Du siehst aus wie jemand, an den ich mich erinnere, aber ich komme nicht auf den Namen", sagte er.
„Bill Weasley, nur steinalt", half Severus freundlich aus.
„Vielen Dank", erwiderte Remus sarkastisch und schlüpfte unter den dunkelgrünen Umhang. Dann setzte er die goldgeränderte Brille auf, die Gianni ihm reichte.
„Bis in die Schalterhalle von Gringott's bringt dich das allemal. Sobald ihr raus seid, disappariert ihr nach Middle-of-Nowhere. Bruder Joseph verwischt magisch alle Spuren, und wir treffen uns in London bei Thalia", wiederholte Severus die Anweisungen.
„Ich habe den Plan mit entwickelt, schon vergessen?" knurrte Remus und küsste Thalia zum Abschied.
„Komm heil zurück, sonst hole ich dich", drohte sie scherzhaft. Remus konnte die unterdrückte Sorge in ihrem Blick lesen.
„Bring Gina heil nachhause, sonst komme ich dich holen, und das wäre weitaus unerfreulicher", grollte der Tränkemeister. Es gefiel ihm nicht, zur Untätigkeit verbannt zu sein, aber bei dieser Mission war er nicht nur überflüssig, sondern würde den Erfolg gefährden.
Remus wandte sich der Apothekerin zu. „Bereit?"
„Klar. Ich steh' auf Abenteuer", erwiderte sie. Remus nahm ihre Hand, und sie disapparierten.
oooOOOooo
„Sie wünschen?" fragte der Kobold und seine flinken Äuglein wanderten von Remus' unrasiertem Gesicht zu Virginias schöner Gestalt. Offenbar erachtete er die beiden als sehr ungleiches Paar.
„Mrs. Snape hier wünscht das Konto ihres verstorbenen Mannes aufzulösen. Ich bin sein Generalbevollmächtigter und muss den Vorgang per Unterschrift bestätigen."
„Ihre Papiere", verlangte der Kobold geschäftsmäßig. Falls der Name ‚Snape' bei ihm irgendwelche Assoziationen auslöste, zeigte er es nicht.
Virginia reichte ihm ihren Personalausweis und eine beglaubigte Kopie der Heiratsurkunde, Remus gab ihm seine biometrische Chipkarte, die das Bürgerbüro ausgestellt hatte.
„Sie sind beide Muggel?" fragte der Kobold.
„Mrs. Snape ja, ich selbst bin magisch, führe jedoch keinen Stab mehr", erwiderte Remus.
„Ich muss die Echtheit der Dokumente prüfen", sagte der Kobold und verschwand mit den Unterlagen in einem Hinterraum.
Virginia pustete sich eine blonde Strähne aus der Stirn. Obgleich sie beherrscht war wie stets, merkte Remus ihr die Nervosität doch an.
„Wird er nicht merken, dass Severus offiziell über ein Jahr vor unserer Hochzeit verstorben ist?"
„Davon gehe ich aus. Aber Papiere zu fälschen hätte keinen Sinn gehabt. Das würden die Kobolde hier sofort merken."
Nach etwas fünf Minuten kehrte der Kobold zurück. „Ihre Papiere sind korrekt, Mrs. Snape. Laut meinen Unterlagen ist ihr Mann jedoch seit mehr als einem Jahr tot. Die Hochzeit fand jedoch erst vor kurzem statt."
„Mein Mann ist ein Geist", erwiderte Virginia absprachegemäß.
Der Kobold blickte auf. „Als Muggel können Sie ihn doch gar nicht sehen, soweit ich weiß."
„Meine Familie stammt aus Ostfriesland. Wir sind Spökenkieker", antwortete sie. Es war eine faustdicke Lüge, aber Virginia lächelte ihr schönstes Elfenlächeln dazu. Die Farbe ihrer Wangen blieb makellos. „Wie Sie sicher wissen, sehen alle Muggel einer Volksgruppe Geister, wenn mehr als die Hälfte der Bevölkerung daran glaubt. Ostfriesland in eine sehr eigenwillige Gegend auf dem Kontinent. Die Leute dort sind Seefahrer und Bauern und mehrheitlich sehr abergläubisch. Man lebt dort von Kindesbeinen an mit dem Klabautermann und dem Blanken Hans."
Remus konnte sehen, dass der Kobold sehr beeindruckt war, vermutlich auch, weil er von einem ‚Blanken Hans' noch niemals etwas gehört hatte.
Doch überzeugt war er nicht.
„Wie konnten Sie denn heiraten? Der Standesbeamte als Muggel kann doch den Ehemann gar nicht sehen?" fragte er nach.
„Wir haben in der Schweiz geheiratet. Mr. Lupin hat die Stelle meines Mannes eingenommen für die Dauer der Zeremonie. Der Beamte sah ihn. Unterzeichnet hat Severus selbstverständlich eigenhändig, während ich den Beamten abgelenkt habe." Sie lächelte kryptisch.
Der Kobold schien ratlos. Ihre Geschichte war in sich logisch, wenn auch sehr außergewöhnlich. Offensichtlich wollte der Schalterkobold jedoch nicht zu seinem Vorgesetzten gehen. Er beugte sich zu seinem Kollegen hinüber, der am Nachbarschalter Goldstücke zählte.
„Dax, hast du schon einmal etwas von einem Klabautermann gehört?"
Dax schüttelte seinen kahlen Kopf. "Nein, Nemax." Er holte eine Schwarte aus einem der in die Wand eingelassenen Schränke. Seine langen Finger mit den spitzen Nägeln glitten über Spalten mit abertausenden von Namen. Schließlich nickte er. „Ein seefahrendes Gespenst. Kann von manchen Muggeln gesehen werden. Selten, aber gefährlich. Versenkt Schiffe."
Der erste Kobold nickte. Er war inhaltlich nicht wirklich schlauer als vorher, aber die Informationen schienen ausreichend zu sein.
„Ihre Vollmacht liegt hier in Kopie vor, Mr. Lupin", sagte er zu Remus. „Sie müssten dann bitte hier, hier, und auf der gestrichelten Linie zeichnen und siegeln. Ich muss Sie jedoch darauf hinweisen, dass Mrs. Snape nach Auflösung des Verlieses kein neues Guthaben mehr hier anlegen kann, weil dies nur vollwertigen Zauberern gestattet ist."
Remus zögerte keine Sekunde und unterschrieb.
„Für Mrs. Snape ist ein Konto bei ihrer Muggelhausbank einfach praktischer, auch wenn diese Banken natürlich nur einen Bruchteil des Sicherheitsstatus von Gringott's haben", sagte er verbindlich.
„Ein winziger Bruchteil", ergänzte der Kobold. „Wie möchten Sie das Gold, Mrs. Snape?"
„Als Barscheck in britischen Pfund", antwortete sie.
„Da werden erhebliche Bearbeitungsgebühren fällig, darauf muss ich Sie hinweisen", sagte der Kobold mit breitem Lächeln, das seine spitzen Zähne offenbarte.
„Ja, aber das ist unvermeidlich", sagte Virginia. „Galleonen sind in meiner Welt schrecklich unpraktisch."
Der Kobold nickte verstehend, ließ dann die Finger über einen dreidimensionalen Abakus gleiten, entnahm einer Schublade ein Formular für einen Barscheck und stellte ihn auf die Summe von fünfundsechzigtausend Pfund aus.
„Hogwarts hat ihn lausig bezahlt", seufzte Virginia.
„Was erwartest du von einem Lehrergehalt?" fragte Remus.
„Dieser Scheck trägt jetzt noch die Zeichen von Gringott's. Sobald Sie die Winkelgasse verlassen, wird er sich in einen Scheck der Bank von England verwandeln", erläuterte der Kobold.
„Das ist aber sehr kundenfreundlich", freute sich Virginia. Der Kobold strahlte, katzbuckelte und geleitete sie zum Ausgang.
Als sie vor dem prächtigen Portal standen, rauschte eine ganze Horde dunkelbrauner Ministeriums-Uhus durch den Einflugschlitz in die Bank.
„Nichts wie weg", sagte Remus, nahm Virginia bei Hand, und mit einem lauten „Plopp" verschwanden sie.
TBC
