Ein Strolch zum Verlieben
Fanfiction von Slytherene
Liebe Lesende!
Heute geht es weiter.
Danke schön für die Reviews an Moonlight, Ewjena, Missy, Lina, Berserkgorilla und Nutella mädchen.
Beta gelesen wurde das Kapitel wie stets von TheVirginian, der an dieser Stelle mal wieder herzlich gedankt sei.
Es gibt eine gute Nachricht – und keine schlechte. Das ist doch mal etwas. Dies hier ist doch erst das vorletzte Kapitel, eines und einen Epilog wird es noch geben, und es ist alles schon fast fertig. Ich werde also zügig updaten können.
Was mich echt behindert im Moment, ist meine verlorene Brille, bzw. korrekter die Abwesenheit selbiger. (Bevor jemand fragt, ja, es ist bereits die Ersatzbrille, die ‚Richtige' ist schon länger spurlos in einem Entenstall verschwunden.) Wie gut, dass man Word auf 150 Prozent einstellen kann…
Gute Unterhaltung!
Musicus:
für die Party: "Sweet transvestite" aus der Rocky Horror Picture Show
für das Separe: KISS "Creatures of the Night"
24. Achterbahn
Die Party war phänomenal. Der Büffettisch im Theater bog sich unter der Last der Delikatessen und Leckereien, die Musik war wild, und auf der Tanzfläche drehten sich die fantastisch geschminkten Vampire vor Begeisterung kreischend umeinander. Dass Gianni und seine Freunde vom Theater sich bis zum Exzess amüsieren würden, war für Remus keine Überraschung. Man hatte Severus, der im langen schwarzen Umhang einen exzellenten und sehr eleganten Dracula abgab, und Virginia als seiner Braut ein paar klassische Walzer gestattet, schließlich war dies hier nicht nur eine Sieges- sondern auch ihre nachträgliche Hochzeitsfeier.
Überraschender als all dies war schon eher der fetzige Rock and Roll, den Frankenstein alias Jimmy später mit Virginia aufs Parkett gelegt hatte, und für den sie tatsächlich ihren Reifrock abgelegt hatte, sehr zu Severus' Entsetzen. Man musste Jimmy jedoch zugestehen, dass er in Anbetracht der bestehenden Schwangerschaft auf allzu wüste Hebungen verzichtete.
Die größte Überraschung war jedoch für Remus, dass er selbst nach mehr als einer Stunde entfesselten Derwischdaseins auf der Tanzfläche kaum noch atmen konnte und es genoss. Sein von Gianni sorgfältig aufgetragenes Makeup war längst verlaufen, die weiße Perücke hing schief und war ohnehin zu warm, und der Brokat seines barocken Gehrocks war bereits an mehreren Stellen dunkel vor Schweiß.
Thalia stand mit einem Glas blutigroter Erdbeerbowle neben Severus, auch sie japste sichtlich nach Luft. Sie flüsterte Severus irgendetwas ins Ohr, oder vielleicht schrie sie auch, aber jedenfalls breitete sich ein sehr zufriedenes Grinsen auf dem Gesicht des ehemaligen Tränkelehrers aus.
‚Oh', dachte Remus, bevor Virginias dunkelhaarige Freundin, deren Namen er schon wieder vergessen hatte, ihn in eine weitere Drehung zerrte, ‚dieses Lächeln ist mir eine Portion zu sardonisch. Der plant doch was!'
Und tatsächlich beobachtete Remus mit wachsendem Missbehagen, wie Severus seitlich die Bühne betrat. Als die Musik verklang und nur noch leises Easylistening zu vernehmen war, klopfte der Slytherin an sein Champagnerglas.
„Ladies und Gentlemen! Meine Frau und ich möchten euch danken, dass ihr so zahlreich erschienen seid. Wir bitten nochmals um Vergebung, dass wir heimlich im Ausland geheiratet haben, aber in Anbetracht der Umstände" – er lächelte Virginia zu, die gerade wieder in ihren Reifrock schlüpfte, der ihren Babybauch einigermaßen verbergen würde – „hielt ich es für angemessen, sie eilends zu einer ehrbaren Frau zu machen."
Das bunte Volk im Saal applaudierte. Virginias Eltern und ein paar Kollegen, die ebenfalls wundervoll kostümiert waren (Gianni hatte sie vor Beginn der Feier angefangen und mit hoch in die Maske genommen) klatschten ebenfalls. Ihre Mutter verdrückte ein paar Tränen der Rührung.
Severus fuhr fort: „Jimmy, auch wenn du uns bekannt gemacht hast, und glaube mir, das ist ein Verdienst, den ich dir hoch anrechne, wäre ich dankbar, wenn du meine Frau für einen Moment los lassen könntest. Vielleicht nimmst du für eine Weile Gianni als Ersatz? – Danke."
Einige im Publikum applaudierten und lachten, als Gianni, seinen Dreispitz mit den weißen Federn darauf schwenkend und sich verbeugend, den Saal durchquerte und Jimmy grinsend von Virginia löste. Thalia nahm sie bei der Hand und führte sie nach vorne zur Bühne. Severus und der Saxophonist zogen sie hinauf. Remus beobachtete mit durchaus gemischtem Gefühl, wie Gianni indes die Arme um Jimmy legte und ihn in eine spielerische Umarmung zog.
„Jetzt fragst du dich, warum ich dich hier hoch geholt habe?" fuhr Severus unterdessen an seine Frau gewandt fort.
Virginia nickte, gleichzeitig strahlte sie über das ganze Gesicht. Wie so oft, schien ihr Lächeln einen ganz besonderen Glanz zu verbreiten. Es war derselbe Glanz, den Remus jetzt nach anfänglichem Erstaunen auf Jimmys Gesicht wiederfand, als Gianni ihm etwas ins Ohr flüsterte und ihn neckend auf den Mundwinkel küsste.
„Genau einhundert Tage ist es her, dass ich dich in St. Maurice gefragt habe, ob du meine Frau werden willst", hörte Remus Severus sagen, und er fuhr herum und starrte auf die Bühne. Sah er wirklich Severus Snape öffentlich vor mehr als einhundert Leuten über seinen Heiratantrag in den Schweizer Bergen sprechen?
„Ich war sehr dankbar, dass du gleich ‚ja' gesagt hast, denn sonst hätte ich dich entführen müssen, bis du deine Meinung änderst – auf eine einsame Insel zum Beispiel."
Die Band spielte ein paar Takte von „Aloha ohé", und der Saal klatschte. Remus sah Jimmys Gesicht; er blickte Gianni sehr zweifelnd an und schien ihn etwas zu fragen.
„Da ich die Flugtickets von Zürich nach Barbados damals nicht gebraucht habe", Severus lächelte, „habe ich sie umgetauscht."
Ein enttäuschtes „Oh" lief durch die Gästeschar.
Plötzlich hatte der Tränkemeister zwei rosafarbene Papierstreifen in der Hand. „Sie gelten jetzt von London-Heathrow."
Ein Schrei der Begeisterung entfuhr Virginia, und sie umarmte Severus stürmisch. Der Bassist angelte hinter dem Schlagzeug ein paar Blumenketten hervor und legte sie Severus und Virginia um den Hals. Applaus brandete auf. Wann hatte man schon einmal die Gelegenheit, den Tränkemeister mit rosa Blumenkette um den Hals zu sehen?
Remus' Blick jedoch schweifte von der Bühne, auf der die Band jetzt einen flotten Calypso anstimmte, zu Gianni und Jimmy, die sich in diesem Augenblick ebenso in den Armen lagen wie die beiden Liebenden vorne. Remus spürte ein seltsam leeres Gefühl im Bauch, und es war ganz sicher nicht sein Magen, der knurrte. In diesem Moment schob sich Thalias Hand warm in die seine. Ihr Blick enthielt Besorgnis. Wie lange hatte sie ihn schon beobachtete, während er hier stand und zwischen zwei Schauplätzen hin- und hergerissen war?
Severus schob Virginia mit seinen langen Fingern eine ihrer seidig schimmernden Strähnen hinters Ohr. „Ich kann einfach nicht umhin, dir noch einmal hier vor all unseren Freunden und deiner Familie zu sagen, wie sehr ich dich liebe", strahlte er und küsste sie zärtlich. Remus lief es heiß und kalt den Rücken hinunter. Dies war Severus? Es war surreal.
In diesem Moment fühlte er Thalias Lippen sacht auf den seinen. Er lehnte sich in den Kuss und drehte sie unmerklich, um über ihre Schulter nach seinen beiden Freunden im Publikum spähen zu können. Als Jimmys Hand sich in Giannis Tintenhaar verflocht, explodierte ein warmes Gefühl in seinem Bauch: Eine verwirrende Mischung aus Freude, Erregung und Eifersucht, die ihn selbst völlig überraschte.
„Hast du gehört? Ein Tanz für alle Liebenden", flüsterte Thalia an seinem Ohr, und wie auf ihr Kommando wechselte die Musik zu einem wogenden, langsamen Walzer, in dem die sanften Töne der Saxophons zerflossen. Thalias Hände waren in seinem Nacken und glitten langsam an seinen Rückenmuskeln hinunter. Sie drängte sich an ihn, und er fühlte ihre Wärme durch den dünnen Stoff ihres Kleides hindurch. Jasmin und Mandelblütenduft umschmeichelten lockend seine Sinne, und schließlich vergaß er das Bild von Giannis Lippen auf Jimmys Mund. Remus schloss die Augen. Sie drehten sich langsam im Takt der Musik, die leiser und leiser wurde, je weiter sie auf den Gang hinaus tanzten.
Er hörte Thalia leise lachen.
„Lass uns nachhause gehen", bat er.
Sie schnurrte wie eine Katze. „Du musst schon verzeihen, wenn ich dein verlockendes Angebot ablehne, aber ich kann doch die Hochzeitsfeier meiner besten Freundin nicht mit dir auf dem Lotterbett verbringen, genauso wenig wie du deinen Triumph über diesen fiesen blonden Macho."
Er wusste, dass sie Recht hatte. Aber eine innere Stimme warnte ihn, dass der Abend noch nicht alle Überraschungen preisgegeben hatte, die er für ihn in petto hatte.
Das, was Thalia mit ‚Triumph über einen blonden Macho' scherzhaft umschrieb, war tatsächlich weit mehr als die Begleichung einer alten Rechnung. Drei Tage nach dem Auftritt im Ministerium waren zwei Beamte der „Abteilung zur Aufsicht und Führung Magischer Geschöpfe" bei Remus aufgetaucht, und hatten ihm ganz offiziell ein neues Personenstandsdokument und seinen alten Zauberstab wieder ausgehändigt. Auf seine Lykantrophie enthielt das Papier keinen Hinweis mehr. Malfoy persönlich hatte es unterschrieben. Wenn man einem entsprechenden Artikel im Tagespropheten glauben konnte, der weder groß aufgemacht noch auf der letzten Seite versteckt gewesen war, war er nicht der einzige Werwolf, dem es so ging.
Thalias Hände unter seinem Hemd holten ihn sehr wirkungsvoll in die Wirklichkeit zurück. „Nicht jetzt gleich nachhause zu gehen bedeutet nicht, dass wir nicht eine Weile …mhmm…in eine der gemütlicheren Künstlergarderoben verschwinden könnten. Bei Rickman soll eine rote Couch stehen." Sie schlug gespielt verschämt die Augen nieder.
„Du treibst mich in den Wahnsinn, und das weißt du auch, Weib", knurrte er, während er sie gegen die samtbespannte Wand drängte. Er nahm ihre Hand und zog sie eilig mit sich in Richtung der Treppe zum Obergeschoß.
„Thalia?"
Virginias dunkelhaarige Freundin war aus dem Saal getreten. „Kannst du uns helfen? Wir wollen mit ein paar Kollegen die Braut entführen. Aber ehrlich gesagt, kennen wir uns im Theaterviertel nicht besonders gut aus. Du hattest doch am Telefon angeboten, mitzumachen. Und vielleicht könnte dein Mann den Bräutigam ablenken?" Sie trippelte unsicher von einem Fuß auf den anderen. „Ich seh' schon, dass es gerade nicht besonders gut passt, aber nachher haben Ginas Eltern noch irgendwas vorbereitet, und sonst wird es zu spät."
Thalia sah Remus bedauernd an. „Sieht so aus, als kämen wir aus der Nummer nicht raus."
„Sieht aus, als kämen wir nicht zu der Nummer", kommentierte Remus sarkastisch und stahl sich noch einen wirklich unzüchtigen Kuss, bevor er die beiden Frauen stehen ließ, um Severus in ein Gespräch über Zaubertränke zu verwickeln.
Das Leben war grausam.
Doch Thalia lief ihm nach, holte ihn ein und hauchte ein „um halb zwölf in Rickmans Garderobe" in sein Ohr. Das Kitzeln ihres Atems an seiner Ohrmuschel machte ihm eine angenehme Gänsehaut und ließ seine Knie auf willkommene Art weich werden. Er würde pünktlich sein!
oooOOOooo
„Was willst du wirklich, Lupin?" schnarrte Severus, der nicht eine Sekunde auf Remus' Frage nach dem arkanen Stufensystem, in das die für Trankzutaten verwendeten Elemente eingeordnet wurden, einging.
„Dich ablenken. Sie entführen die Braut, ein harmloser Muggelbrauch. Virginias Kollegen haben sich das ausgedacht. Du solltest ihnen ein paar Minuten Vorsprung geben, dann musst du sie suchen gehen. Sie ziehen durch die Kneipen, du übernimmst die Rechnungen und erfährst dafür vom Wirt oder Barkeeper den Namen des nächsten Lokals, in das sie wollen."
Severus' Gesicht spiegelte auf köstliche Weise seine widerstrebenden Gefühle: Einerseits hasste er offenbar den Gedanken, dass man Virginia ‚entführte' – zu bitter der Beigeschmack des Worts nach Jahren des Kampfes gegen Voldemort und seine Terrororganisation. Andererseits wollte er den Freunden seiner Frau den Spaß nicht verderben.
„Je schneller ich sie einhole, desto niedriger fallen diese Rechnungen aus", kalkulierte der Tränkemeister trocken. „Ich habe nicht mein Verlies bei Gringotts geleert, um einer Horde Pharmazeuten einen gewaltigen Kater zu finanzieren."
„Genau genommen war es rechtlich gesehen nicht mehr dein Verlies, sondern das deiner…Witwe", konstatierte Remus schmunzelnd.
Severus schoss ihm einen bösen Blick aus dunklen Augen, dann lachte er.
„Na gut, dann geh' du was mit mir trinken, solange ich anstandshalber warten muss, bevor ich losgehe, um sie zu suchen und meinen Nachlass zu retten."
Remus begleitete den Slytherin an die Bar.
„Was übrigens das arkane Stufensystem betrifft…" begann dieser.
„Verschone mich, Severus. Bitte! Du weißt, wie wenig Sinn Tränkekundeunterricht bei mir hat", bat Remus flehend.
Ein paar Whiskys, Giannis Karaoke-Version von „Sweet transvestite", die einen wahren Sängerwettstreit auslöste, sowie den Abgang des Tränkemeisters zur Brautrettungsmission später machte sich Remus auf, um unbefugt in die Garderobe des Stars der Shakespeare-Inszenierung des „Mittsommernachtstraums" einzudringen. Seine Taschenuhr zeigte viertel nach elf.
Er schritt die langgestreckte, gewundene Treppe nach oben und ließ seine Perücke auf dem Knauf des Geländers zurück. Der Boden schwankte, wenn auch nur ein wenig. Severus konnte offenbar deutlich mehr vertragen als er. Der Stoffwechsel eines Werwolfs war nicht gerade für Trinkwettbewerbe geschaffen.
Er fand die Garderobe unverschlossen vor, trat ein und sah sich neugierig um. Tatsächlich, an der hinteren Wand befand sich eine Chaiselongue, die mit rotem Samt bespannt war. Darüber hinaus gab es nichts Spektakuläres in dem Raum: eine Flasche Champagner mit zwei Gläsern auf einem Silbertablett, Kostüme und vor dem Spiegel ein Kunstledersessel auf Rollen und eine Ablage, die mit Tiegeln, Töpfchen, Pinseln und Make-up vollgestellt war. Aus dem Ballsaal unten tröpfelte zäh, aber unaufhaltsam ein leidenschaftlicher, treibender Blues durch den Türspalt, den er offen gelassen hatte.
Remus ließ sich auf den Drehstuhl sinken und schloss für einen Moment die Augen.
„Champagner?" Giannis Stimme war leise und weich, als sein Gesicht plötzlich vor Remus im Spiegel auftauchte. Er reichte Remus einen gefüllten Kelch, ohne seine Antwort abzuwarten. Dann stieß er sein eigenes Glas sachte dagegen. Der zarte Klang schien den Raum für einen Augenblick auszufüllen.
„Du bist derangiert", stellte er dann fest. „Darf ich?"
Wieder ohne Remus' Zustimmung abzuwarten, begann er, das verlaufene Make-up abzunehmen und neu aufzutragen. Mit geschickten Pinselstrichen verlieh er Remus wieder etwas von der geheimnisvollen Düsternis, die er ihm schon einmal viel früher an diesem Abend ins Gesicht gezaubert hatte.
„Du ergibst einen wahrhaft dämonischen Liebhaber", sagte er lächelnd.
„Du musst es ja wissen", erwiderte Remus, betrachtete aber doch mit Erstaunen die Veränderung, die dieser Hauch frischer Farbe in seinem Gesicht bewirkte.
„Ich weiß es noch sehr genau", bestätigte Gianni und umschloss Remus' Schultern mit seinen langen Armen. Er roch nach Patchouli und Sandelholz, die dunklen Haare auf seinen schlanken Unterarmen kitzelten Remus an der Wange.
Aus dem Blues war inzwischen ein langsamer Rumba geworden. Obwohl die Situation ihm spürbar zu entgleiten drohte, obwohl sie direkt in einen Abgrund führte, den Remus sehr wohl auf sich zukommen sah, war er doch erstaunt, als er plötzlich Giannis Lippen an seinem Nacken spürte. Mit hartem Griff packte Remus das Handgelenk seines Freundes, zog dessen Hände jedoch nicht von sich fort.
Gequält schloss er die Augen. Er durfte das nicht wollen, durfte den Dingen nicht diesen Lauf lassen, durfte nicht,…
„Gianni, nein, bitte."
Der andere lächelte. Im gedämpften Licht des Raums wirkten seine grünen Augen fast blau.
„Dein ‚Nein' klang auch schon mal weniger nach einem ‚Ja'", flüsterte Gianni, und er hörte sich dabei so sehr nach Sirius an, dass es Remus ins Herz schnitt. „Aber da du ja solch ein Ausbund an Treue bist, mein süßer Wolf, werde ich dich nicht zu Dingen verführen, die du dir nicht verzeihen könntest."
Lange Finger fuhren in magnetisierenden Kreisbewegungen über Remus' Haut, nur scheinbar noch Farbe verteilend und Schattierungen modellierend. „Aber ein Rumba, ein unschuldiger, sinnlicher Tanz auf dem Vulkan, wird dich sicher nicht moralisch überfordern."
Giannis Lippen fuhren sachte über Remus' Hals. Der Spott in seinen samtweichen Worten provozierte Remus, machte ihn zornig und zugleich ließ Giannis Nähe und lockendes Spiel mit dem Feuer sein Herz aus unerfindlichen Gründen schneller schlagen.
„Darf ich bitten?" schnurrte Gianni, und er zog Remus auf die Füße und schloss ihn mit einer Drehung in eine spielerische Umarmung.
Die Musik zog sie in einen Rhythmus, dem sie folgten, Remus widerstrebend, zögernd, Gianni fließend, hingebungsvoll. Ihre Blicke verschlangen sich ineinander, bis Remus sich auf den Sternenhimmel in Sirius' Augen fokussiert hatte, der ihm so lange Ziel und Sehnsucht gewesen war, dass er ihm schon aus Gewohnheit und um der alten Zeiten Willen nichts entgegen zu setzen hatte.
Weiche Lippen auf seinem Mund, der Geschmack nach Champagner und Vertrautheit auf der warmen Zunge des anderen Mannes, sein Körper an den betörenden, sehnigen Gliedern, und leichter Schwindel in seinem Kopf. Merlin, er hatte nicht gewusst, wie sehr er den dunklen Zwilling vermisst hatte! Fahrig und zitternd, seine Hände in den tintenschwarzen Locken verkrallt, und Sirius' Hände an seinem Körper, entschieden, zielstrebig.
Die Musik schien in seinen Adern lebendig zu werden, der Rhythmus trieb ihn vorwärts.
Schrankenlos, uferlos.
Rotes Feuer, das ihr blasses Gesicht umfloss, blaue Augen geweitet vor Erstaunen.
Schrankenlos, uferlos.
Eine Spur schwarzen Kajals auf den Wangen, salzige Linie.
Verflogener Rhythmus, Totenstille.
Scham.
Schrankenlos, uferlos.
„Thalia." Ihr Name gerät nur zu einem Flüstern auf Remus' Lippen, die noch warm und gerötet sind vom Küssen. Von Giannis Küssen. Keine Spur mehr von Sirius und alten Zeiten im Raum.
Die Uhr in der Halle unten schlägt halb zwölf.
Die neueZeit wird eine Eiszeit sein. Ihre Kälte greift mit frostigen Fingern nach dem Werwolf und kriecht wie todbringender flüssiger Stickstoff an seinen Beinen hinauf, rankt wie eine Schlingpflanze aus beißenden Kristallen um seinen Leib, der viel zu nah an Giannis ist.
„Was tut ihr hier?" Ihre Stimme klingt fremd.
Sie scheint so maßlos erstaunt zu sein, dass der Schmerz sie noch nicht erreicht hat.
Von allen Menschen auf der Welt ist sie die Letzte, die Remus jemals verletzen wollte. Er würde ihr das gar zu gerne sagen, aber die Worte finden ihren Weg nicht über seine Lippen. Angesichts des Offensichtlichen haben Worte der Entschuldigung jeden Wert verloren.
Es fällt ihm schon unendlich schwer, ihrem Blick überhaupt Stand zu halten.
Gianni - auch das ist keine Überraschung - scheinen Remus' Skrupel fremd zu sein. Vielleicht ist er auch nur mutiger als der feige Wolf. Er zwingt ein Lächeln auf sein schönes Gesicht und streicht sich eine seiner langen Strähnen aus der erhitzten Stirn.
„Wir haben auf dich gewartet."
Seine zitternden Finger hinter Remus' Rücken und das Flackern in seinen grünen Augen strafen sein unschuldiges, ruhiges Lächeln Lügen.
„Halb nackt?" Thalia zieht eine Braue zu einem fragenden Bogen, der dem Tränkemeister in seinen besten Zeiten alle Ehre gemacht hätte.
Gianni zuckt die Achseln. „Es war ziemlich…heiß hier drin. Möchtest du auch ein Glas Champagner?"
Remus schlägt die Hand gegen die Stirn. Er weiß, dass seine Welt in der nächsten Sekunde untergehen wird, unwiederbringlich. Manche Fehler sind nicht wieder gutzumachen. Sein Blick wandert unruhig von Thalias unbewegtem Gesicht zu Giannis angespannter Miene.
„Er ist eisgekühlt", setzt Gianni etwas hilflos hinzu. Remus kann die Tränen sehen, die in den Augen des anderen stehen. Sie ist auch seine beste Freundin. War, korrigiert das analytische Gehirn des Gryffindor die Zeitform.
„Tatsächlich?" Thalia geht langsam auf die beiden zu. Eigentlich geht sie nicht, sie schreitet. Hat sie sich jemals graziler bewegt? Eleganter? Paralysiert folgt Remus' Blick dem Schwung ihrer Hüften. Der dunkelrote Samt liegt eng an ihrem Körper, den Remus von seinem Narbenkorsett befreit hat. Er weiß, das spielt keine Rolle mehr. Makellos, wie sie jetzt ist, wird sie sich vielleicht irgendwann von diesem Schlag erholen und jemanden finden, der sie genug liebt, um sie nicht bei der allerersten Gelegenheit zu betrügen.
Remus spürt, wie die Wände des Zimmers beginnen, sich um ihn zu drehen. Er greift haltsuchend nach Gianni, doch der ist völlig auf Thalia fixiert.
Sie steht so nahe neben ihnen, dass er ihr Haar riechen kann. Jasmin und Mandelblüten. Ihre Wangen sind gerötet und ihre Augen funkeln so fremdartig, dass Remus nicht entscheiden will, ob es ihm Angst macht oder ihn nur maßlos beschämt.
Sie nimmt den schmalen Kelch aus Giannis Fingern und setzt das Glas an seine Lippen. Gianni trinkt folgsam, er entzieht Remus seine Hand, die nun über Thalias Rücken gleitet, nach den Muskeln unter dem feuchten, warmen Stoff tastet, der an ihrer Haut klebt. Sie muss gerannt sein, um rechtzeitig hier hinauf zu kommen.
Ihr Mund trifft Giannis, ihre Lippen teilen sich, und sie trinkt die perlende kalte Flüssigkeit, von der nur wenige Tropfen sich einen Weg über ihr Kinn und ihren Hals bis zum Ansatz ihrer Brüste bahnen.
Gebannt folgen Remus' Augen der schimmernden Champagnerspur, bis Thalias silbrig lackierte Nägel in Giannis Rabenfederhaar seine Aufmerksamkeit beanspruchen. Sie küsst Gianni so, als wäre Remus nicht anwesend. Und auch der Schwarzhaarige scheint ihn völlig vergessen zu haben. Seine schlanken Finger gleiten am Saum des roten Kleides entlang, finden einen Weg darunter, und schließlich zieht Gianni den Stoff mit geschickten Bewegungen herunter, so dass er raschelnd um Thalias Füße herum zu Boden gleitet. Nicht für eine Sekunde haben die beiden ihren Kuss unterbrochen. Atemlos beobachtet Remus, wie Giannis Finger den Verschluss der Haarspange finden, es klickt, und eine Kaskade roter Lichter über Thalias weiße Schultern fließt.
„Das reicht", hört Remus sich selbst heiser hervor pressen. Ein Schritt, und er steht so nah vor ihr, dass sein Atem ihre Locken bewegt. Geschmeidig dreht sie sich in Giannis Armen herum, presst ihr Gesäß gegen seine Mitte, und dämpft das Stöhnen, das dem Dunkelhaarigen entfährt, mit einem zärtlichen Kuss.
„Wirklich?" fragt Thalia. „Wie fühlt es sich an, Remus?" Ein merkwürdiger Glanz liegt in ihren Augen. „Sag' mir, ob es wehtut."
Er schließt die Augen und sucht nach dem nagenden Gefühl, der Eifersucht, der Wut, dem Hass. Als er sie wieder ansieht, ist es erstaunlich leicht, ihrem Blick stand zu halten, der seltsam weich ist.
„Es sollte wohl wehtun, nicht wahr?" Remus kann nicht verhindern, dass seine Stimme fremd und gepresst klingt. „Das ist es zumindest, was man erwarten würde. Ich hätte es beschworen, glaub mir, aber…aber ich kann mich nicht davon frei machen, dass ich euch beide liebe. Neben all meinen Gefühlen, meinem Begehren, meiner Bewunderung für euren Mut, eure innere Freiheit, die Tiefe eurer Freundschaft, neben all dieser Liebe finde ich einfach keinen Platz für Wut oder Verletztheit."
„Dann sag' mir, Remus", flüstert sie mit dunkelblauem Blick, „wenn du es so empfindest, warum in aller Welt glaubst du, dass ich etwas anderes fühle, wenn ich euch beide zusammen sehe?"
Er starrt sie an. Remus Lupin ist nicht langsam, wenn es um das Denken an sich geht, aber die Bedeutung ihrer Worte sinkt nur zögerlich in sein Bewusstsein ein. Thalia hat nicht das Gefühl einen Verlust zu erleiden, nur weil er Sirius…Gianni immer noch will. Sie kann es ihm nachfühlen.
Es wird keine Eiszeit geben.
Dennoch: Remus weiß sehr genau, dass er Thalia hintergangen hat.
Er verspricht Wahrhaftigkeit.
Gianni indes verspricht, eine neue Flasche Champagner zu besorgen.
„Ich habe ihn übrigens nicht betrunken gemacht", zwinkert er Thalia zu. Die Erleichterung über ihre Reaktion ist auch ihm immer noch anzumerken.
„Das war Severus."
oooOOOooo
Die folgende Nacht war eine besondere. Thalia zu umarmen und Gianni hinter sich zu spüren, weiche Haut neben sehnigen Muskeln, umwoben von Patchouli und Jasmin, die sich zu einem neuen Duft mischten, der, da war sich Remus sicher, ihn den Rest seines Lebens begleiten würde – neue Wege zu gehen erwies sich als ausgesprochen beglückend. Es erforderte allerdings eine gehörige Portion Mut, oder in Remus' Fall präziser, eine beachtliche Menge Champagner.
„Es gibt keinen Grund, so aufgeregt zu sein", murmelte Gianni beiläufig, während er Remus neckend in den Nacken biss und gleichzeitig Thalia streichelte. „Immerhin haben wir alle schon mit jedem hier geschlafen."
„Jede fremde Person würde mich auch maßlos überfordern", erwiderte Remus trocken und keuchte auf, als Thalia, die bis eben seinen Bauch mit schmetterlingszarten Küssen bedeckt hatte, tiefer glitt.
Gianni küsste ihm das Seufzen von den Lippen. „Sie macht das gut, nicht wahr?"
Dieser jedoch antwortete nicht. Er benötigte seine gesamte Konzentration anderweitig…
Als er irgendwann gegen Morgen in Giannis Armen und eng an Thalia geschmiegt einschlief, war er so glücklich und erschöpft wie selten in seinem Leben.
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Alan Rickman, der am nächsten Abend gegen fünf Uhr seine Garderobe betrat, nahm erstaunt eine seltsame Mischung aus Patchouli, Sandelholz, Jasmin und Mandelblüten wahr. Er öffnete das Fenster, um etwas von der regnerischen Londoner Stadtluft einzulassen. Diese orientalischen Aromen waren nicht nach seinem Geschmack, er selbst bevorzugte herbere Gerüche wie Bergamotte und Limone, mit einem Hauch von Kräutern.
Fünf Minuten später klopfte es und der Visagist betrat den Raum, als Rickman gerade vor der Minibar kniete.
„Nanu", sagte Gianni, hängte das frisch gebügelte Kostüm auf die Stange und breitete weitere Schälchen und eine ganze Armada von Quasten und Pinseln vor dem Spiegel aus. Rickman wurde auch nicht jünger.
„Probleme, Alan?" fragte er mit einem Lächeln aus etwas müden Augen.
„Wie man's nimmt. Irgendwer hat schon wieder den Champagner geklaut", beschwerte sich Rickman. „Ich bekomme nachher noch Besuch: Eine neue Romanautorin, in deren Buchverfilmung ich einen Truchsess auf einer mittelalterlichen Burg spielen soll. Ich würde ihr gerne ein Glas anbieten. Verdammt, das war Moët et Chandon."
„Ich besorge Ihnen eine Flasche Spumante aus der Kantine", bot Gianni großzügig an und grinste, weil er daran denken musste, wo er in der Nacht zuvor überall Rickmans edlen Tropfen prickelnd gespürt und weggeküßt hatte.
„Also gut", seufzte Rickman. „Asti tut es definitiv nicht für die junge Dame. Hier sind fünfzig Pfund, Gianni. Sind Sie so freundlich und besorgen gleich eine neue Flasche aus dem französischen Delikatessengeschäft in der nächsten Straße? Schließlich sollte man für die wirklich besonderen Gelegenheiten Champagner vorhalten."
„Ein wahres Wort", stimmte Gianni lächelnd zu und begann, fröhlich vor sich hin summend, die Grundierung auf Mr. Rickmans Gesicht aufzutragen.
TBC very soon
